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C.H. Beck Verlag
272 Seiten
Ein Sommer mit Goethe – Gustav Seibt
Der Autor gibt uns in diesem feinen, stilistisch ausgereiften und gut lesbaren Buch souverän in 50 kurzen Kapiteln einen Überblick über das Werk und Leben Goethes. Beides wird elegant und harmonisch miteinander verknüpft. Da Goethe selbst ausführlich zu Worte kommt mit seinen Texten, kann man sagen, dass es kein Buch über Goethe ist, sondern eher Selbstzeugnis Goethes mit einordnenden Anmerkungen und Kontextualisierungen des Autors.
Seien wir ehrlich: für die meisten von uns liegt die letzte Goethe Lektüre bereits Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Insofern ist dieses schöne Buch ein guter Anlass, sich mit diesem Klassiker wieder zu beschäftigen. Wie der Autor zurecht meint: es kommt darauf an, Goethe zu lesen, immer wieder, nicht ihn gelesen zu haben.
An Goethe ist dessen Freisinnigkeit und Toleranz zu bewundern, denn bei der Lektüre seiner Texte geht einem das Herz auf und die Gedanken werden weit. Tolerant ging er auch mit sich selbst um, denn er hatte kein Problem damit, sich selbst zuweilen zu widersprechen. Geistloser Purismus und Pedanterie waren ihm ein Greuel. Eine besondere Fähigkeit Goethes ist die bewundernswerte Kürze, federnde Straffheit, treffsichere Knappheit und wundervolle Ökonomie seiner Sprache. Hier ist nichts zufällig, hier gibt es immer zu Denken und Neues zu finden.
Dabei muss man bedenken, dass Goethe, der Anarchie und Revolution verabscheute, in einer Zeit der Gewalt und Kriege lebte. Auch am Krieg zeigte er Interesse, nicht aber an den Gewaltorgien, sondern an Fragen der Selbsterprobung, Selbstbeherrschung, Souveränität in Gefahr und sinnlicher Überwältigung. Im West-östlichen Divan inszeniert er wiederum einen betörenden Eskapismus. Er flieht hier aus der kriegerischen Gegenwart und nimmt sich die Freiheit sich mit einem Dichter des 14. Jahrhunderts zu identifizieren. Für seine Leser ist dies ein Angebot, Abstand zu nehmen, eine andere, freiere und großartige Luft zu atmen als die der Gegenwart.
Seibt beschreibt Goethe als einen Menschen des Anschauens und des bildhaften Aufnehmens von Eindrücken. Bilder wirken auf Sinn und Gefühl und sie erwecken Eindrücke: das ist vielleicht die wichtigste Maxime für Goethe als Beschreiber und Kritiker von bildender Kunst.
Auch das Problematische an Goethes Charakter wird von Seibt nicht verschwiegen. Er war zuweilen auch ein sehr schweigsamer Dichter, lakonisch und zuweilen abweisend, indem er bewusst eine Autorität ausstrahlte, die durchaus bei manchem Besucher einschüchternd wirkte. Das übliche Bild, er sei ein Höfling und Fürstenknecht gewesen, wird jedoch zurecht gerückt, denn er wusste sich durchaus gegen den Großherzog in Weimar zu behaupten. Auch erfahren wir, dass Goethe eine große Sorgfalt auf seine Kleidung und seine Frisur legte – Lässlichkeit in äußeren Formen war seine Sache nicht.
Als Goethe seine geliebte Christiane 1806 heiratete, war ihr gemeinsamer Sohn August schon 16 Jahre alt. Goethe habe eine ausgesprochene bindungsscheu gehabt, wie manche Psychologen meinen. Sicher ist, dass Goethes Werk eine fast heilige Scheu vor der Institution der Ehe zeigt, man lese nur die Wahlverwandtschaften. Keine Scheu zeigte er dagegen im Umgang mit seinen Mitmenschen. Denn für ihn galt die Maxime: erkenne was du bist, indem du die Welt und andere Menschen kennst. Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur das Leben lehrt jedem, was er ist.
Einen relativ großen Raum in dem Buch nimmt die Stellung Goethes zum Christentum ein. Der erwachsene Goethe war sicher kein Christ mehr, aber er ließ das Christentum als Weisheitslehre und moralische Instanz sowie als Reservoir von Symbolen gelten, für ein gelingendes, geheiligtes Leben. Doch den christlichen Gottesbegriff und das wichtigste Symbol des Christentums, das Kreuz verabscheute er. Denn hier wird seiner Ansicht nach Transzendenz über die Immanenz gestellt. Christsein ist für ihn kein Dogma, sondern eine Möglichkeit symbolisch gesteigerten Menschenseins. Goethe war in dieser Frage ohne Eifer und ließ das Christentum gelten, solange es dem Leben dient.
Die großartige Humanität Goethes wird auch deutlich in dem Gedanken, dass es im Leben aufs Leben ankommt und nicht auf ein Resultat desselben. Kein Mensch verdient es daher verächtlich behandelt zu werden, auch dem Geringsten muss mit Achtung begegnet werden. Gleichwohl hatte er natürlich eine Vorstellung vom menschlichen Glück: Ausbildung aller Fähigkeiten, kraftvolles Wirken im Diesseits, Beheimatung in einem geordneten Kosmos, Behagen in einer sinnlich schönen, nährenden Welt, körperliche Gesundheit und Einklang mit dem eigenen Lebenslauf. Kurzum: freue dich deines Daseins.
Wurde er selbst solcher Glückserfahrung teilhaftig? Seibt zieht das betrübliche Fazit: eher nein, vielleicht in Italien, später nicht mehr. Er stützt sich dabei auf das Selbstbekenntnis Goethes: im Grunde ist mein Leben nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen das ich in meinen 75 Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt, es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte. Goethe, der das Alter als neue Lebensaufgabe annahm, war bis in sein letztes Lebensalter manisch fleißig, ein Dichter als Sisyphos.
Das Buch nach der Lektüre wegzulegen, fällt schwer, weil man versucht ist, immer wieder in einzelne Kapitel hineinzulesen. Aber schließlich muss es doch ins Bücherregal, um nun endlich ein Buch Goethes zur Hand zu nehmen.
September 2026