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Guggolz Verlag
240 Seiten
Tarjei Vesaas
Frühlingsnacht
Der am Ende seiner Kindheit stehende 14-jährige Hallstein bleibt mit seiner älteren Schwester Sissel über Nacht allein zu Hause. Diese Nacht verläuft allerdings anders als die beiden es sich gedacht haben, denn eine fremde Familie mit einer hochschwangeren Frau kurz vor der Entbindung hat eine Autopanne und begehrt Einlass. Der Roman erzählt nun die daraus entstehenden menschlichen Verwicklungen und mysteriösen Geschehnisse aus der Sicht des jungen Hallstein.
Eindeutig ist der Roman einerseits ein Initiationsroman, denn der junge Protagonist wird in diesen wenigen Stunden verdichtet mit der Erwachsenenwelt, die da in seinen geschützten Raum der Kindheit und Jugend hereinbricht, konfrontiert. Andererseits bricht mit Geburt und Tod das Leben mit seinen elementaren Grenzsituationen und existenziellen Fragen mit eruptiver Kraft in das Leben ein. Der Roman erzählt somit von der vollständige Umwälzung einer kindlich-jugendlichen Welt, gegen die sich Hallstein gar nicht wehren kann. Es gibt keinen Imperativ, der da sagt: „du musst dein Leben ändern“, sondern die Feststellung: das Leben wird sich ändern, ob du willst oder nicht. In wenigen Stunden wird Hallstein in eine rätselhafte neue Welt der Erwachsenen hineingezogen. Nichts ist mehr am nächsten Morgen, wie es einmal war. Vesaas zeigt sich einmal mehr als ein Meister der atmosphärisch-dichten Erzählkunst, der Andeutungen und Anspielungen, in denen auf leichte Weise Grundfragen menschlicher Existenz ausgetragen werden.
In Frühlingsnacht sind die Menschen allein und kreisen auffallend um sich selbst, aber zugleich suchen sie auch die Nähe zu anderen Menschen und sind mehr oder weniger offen für einander. Wo eine Zuwendung zum anderen geschieht, besteht die Möglichkeit, dass Menschen einander erreichen, sich verändern, sich verwandeln und frei werden für neue Möglichkeiten. Da sind jene Erwachsene aus dem Auto, die einander hemmen und binden und sich vor einander verschließen, und trotzdem zueinander gehören. Hallstein lässt sich besonders auf die Frau Gudrun aus dem Auto ein. Das Beziehungsgeflecht findet nicht so sehr in Worten als atmosphärisch statt, Bewusstsein und Unbewusstes fließen ineinander, alles ist irgendwie uneindeutig, im Fluss und veränderlich.
Hallstein lernt zu begreifen, dass seine eigene Welt von den anderen nicht geteilt wird. Das, was er für etwas Gemeinsames gehalten hat, ist nur seine eigene Welt allein. Er lernt die Verletzlichkeiten kennen – bei sich und den anderen – Verletzlichkeiten, die durch menschliche Bindungen unausweichlich entstehen. Und Hallstein lernt, dass die Welt keine naive kindliche ist, sondern voller Fallstricke und Hintergründigkeiten.
So lässt er sich naiv von der schweigsamen Frau im Auto, Kristine, gegen die anderen instrumentalisieren. Ja, er ist sogar bereit, sie zu verteidigen und sich mit anderen für sie zu schlagen. Von denen bekommt er denn auch zu hören, dass er nur ein fremdes Bürschen ist und er sich nicht in fremde Angelegenheiten einzumischen habe. Niemand durchschaut Kristine, niemand durchschaut je auch nur einen einzigen Menschen. Das unter anderem lernt Hallstein an diesem Abend.
Kristine ist eine Figur in dem Roman, in dem sich das Dunkle, verschwiegene und Mysteriöse verdichtet. In ihr zeigt Vesaas die ganze Ambivalenz des Lebens. Nichts ist fest und eindeutig, es kann alles auch ganz anders sein. Hallstein glaubt zu wissen, wie es um die Beziehung Kristines zu den anderen Menschen im Auto steht. Diese erzählen aber eine ganz andere Geschichte ihrer Beziehung zu dieser Frau. Wer hat recht, was ist wahr?
Vesaas lässt es bei diesen Fragen und versucht diese Ambivalenz nicht zugunsten einer falschen Sicherheit aufzulösen: was ist, ist und eine Stimmung, eine Wahrnehmung, ist immer nur ein Teil des Ganzen und trotzdem wahr und richtig, weil sie gelebt und durchlitten wird.
Wie in den anderen Werken des Autors spielt das Geheimnisvolle mit der Schönheit zusammen. Es gibt bei ihm einen sanften, weichen Zugang zum Leben, der nur möglich ist, weil etwas mit Liebe gesehen wird. In der Schönheit liegt etwas zärtliches, sanftes und behutsames und verletzliches.
Das Thema der Schönheit kommt besonders in der Figur der Gudrun zum Vorschein, denn sie trägt denselben Namen wie Hallsteins imaginäre innere Gestalt. Schönheit wird von Vesaas als ein Ineinanderfallen von innerem Bild und äußerer Begegnung verstanden. Schönheit und Verletzlichkeit gehören wie zwei Seiten einer Medaille zusammen, denn Schönheit ist nur als Wirklichkeit erfahrbar, wenn man sich dem Anderen öffnet, Zuwendung macht immer auch verletzlich. Wie die Erfahrung mit der wirklichen Gudrun zeigt, ist Schönheit immer auch fluide.
Für mich gehört Vesaas zu einem der ganz Großen unter den Schriftstellern des 20.Jahrhunderts, weil er in der Verdichtung und im Schweigen ungemein bedeutsames andeuten kann.
Juli 2026