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Guggolz Verlag
240 Seiten
Tarjei Vesaas
Der Keim – ein existenzieller Roman
Der 1940 erschienene Roman spielt auf einer Insel, deren Namen wir nicht erfahren. Dort leben die Menschen mit ihren täglichen Nöten und Freuden friedlich zusammen und jeder geht, so gut er es vermag, seinem Tagewerk nach. Diese beschauliche kleine Welt wird an einem einzigen Tag völlig erschüttert – durch einen fremden Mann mit dem Namen Andreas Vest. Wie sich herausstellt, ist dieser Mann wahnsinnig. In einer Kurzschlusshandlung erschlägt er die 17-jährige Inga. Eine irre Hetzjagd der Dorfgemeinschaft auf den flüchtigen Mann nimmt nun seinen Lauf. An deren Ende stürzt sich die Meute auf ihn und tötet ihn in wilder Raserei. Alle erstarren danach und sind entsetzt von ihrer eigenen, bisher unbekannten blutdürstigen Wildheit.
Der Roman arbeitet stark mit Antithesen. In einer Szene sind plötzlich zwei Muttersäue gegeneinander entflammt und schießen rasend vor Wur aufeinander los, jede will die andere vernichten. Der Grund für diesen Kampf ist dem Bewusstsein der Säue längst entschwunden als sie kämpfend beide in einen Brunnen fallen und sich das Genick brechen. Die Unvernunft und Raserei der Tiere wird sich später in der scheinbar so vernünftigen Menschenwelt wiederholen. Dann wird erzählt wie eine andere Sau sich ihre eigenen Ferkel schnappt und verschluckt. Die Mutter frisst ihre Kinder. Dieser Anblick der sinnlosen Natur gilt später auch den Menschen: eine sinnlose Raserei, die alle ins Verderben stürzt.
Und dann ist da noch eine gewisse Kari Ne, die ihre ganze Familie auf See verloren hat. Auch sie scheint nicht klar bei Verstand zu sein. In den Stunden der menschlichen Tollwut verwandelt aber ausgerechnet sie, die nicht an der wilden Verfolgungsjagd auf Andreas Vest teilnimmt, wieder in eine schöne kraftvolle Frau, „die Macht über andere hat“, weil sie sich diesem allgemeinen Wahnsinn entzogen hat. Es stellt sich dem Leser die Frage, wer ist eigentlich wahnsinnig? Denn die „normalen“ Menschen erweisen sich als die eigentlich wahnsinnigen und die vielleicht wahnsinnige Kari Ne bleibt als einzige bei klarem Verstand.
Und ein letztes Beispiel für diese Antithesen im Roman: Andreas Vest wird als junger, schöner Mann beschrieben. Dieser Mann ist aber zu einem Mord fähig, er zeigt sein hässliches Antlitz in der bösen Tat. In dem wahnsinnigen Mörder leuchten seine Augen und von ihm geht eine Faszination aus, der die ermordete Inga erliegt. Möglicherweise hat der Autor hier die Faszination des Bösen im Faschismus seiner Zeit im Blick, denn Norwegen war seit dem Frühjahr 1940 von den deutschen Nazis besetzt. Die antithetischen Gegenüberstellungen wirken freilich auf den Leser wie der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl.
Besonders drastisch wird die Hetzjagd auf Andreas Vest beschrieben. Erschreckend wie leicht sich Menschen entzünden lassen und losrennen ohne nachzudenken. Und in ihrer kopflosen Wut, den Totschlag im Sinn, sich selbst erniedrigen. Wie schnell die Trauer zur Raserei wird, zu einem tödlichen Blitz, der alles Zivilisatorische und Humane überblendet. Jeder lernt sein eigenes tief verborgenes hässliche Meer kennen, seinen eigenen Unrat dort unten, Schlamm und Dunkelheit. „Ich habe nicht gewusst, dass ich so bin“, stellt der ein oder andere danach fest. Die vorher so friedvollen Menschen begegnen ihrer Barbarei und Brutalität.
Nach der Ermordung des Verfolgten wachen plötzlich alle auf und spüren: sowas ist nicht erlaubt, unter Menschen. Vorher war die Tobsucht von Mann zu Mann übergesprungen, jetzt wandern Reuegefühl und das Entsetzen über die eigene Tat von einem zum anderen. Jeder ist existenziell mit seinen eigenen Schuldgefühlen konfrontiert, deshalb versammeln sie sich in einer Scheune, um dieses Alleinsein irgendwie auszuhalten.
Der Hauptschuldige Rolv, Bruder der Ermordeten, wird als empfindlich und jähzornig beschrieben. Es werden zwar Stimmen laut, die mit Verweis auf ihn, ihre eigene Schuld klein reden, aber insgesamt herrscht doch eine ambivalente Haltung vor, denn fast alle ringen in erster Linie mit ihrer eigenen Schuld und erst nachrangig mit dem Vorwurf an Rolv: du hast uns alle mitgerissen in den Wahnsinn. Die Schuldfrage ist nicht eindeutig zu klären, auch wenn Rolv scheinbar der Haupttäter der tödlichen Hetzjagd auf Andreas ist. Wer ist am Ende schuld? Alle?
Wie mit der eigenen Schuld und der Schuld des anderen, wie mit dem kollektiven Desaster umgehen? Vor diese existenzielle Frage ist auch Karl, der Vater von Rolv, gestellt. Als er vom schrecklichen Tod seiner Tochter erfährt, durchläuft ihn, wie es heißt, ein Schauder und er muss allererst einen Raum in sich dafür suchen, die Trauer entgegenzunehmen, um die Nachricht tief drinnen einziehen zu lassen. Das ist eine jener Stellen, für den ich den Autor Vesaas liebe. Sätze von unbedingter Wahrheit und Schönheit.
Während Karl dem Sohn harte und bittere Vorwürfe macht, ermahnt die Mutter ihn zu einem barmherzigen Verhalten. Nicht seine harte Ablehnung ist notwendig, sondern Trost und Zuspruch für den Sohn. Wer erinnert sich hier nicht an die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn? Dort nimmt der barmherzige Vater seinen Sohn trotz seiner Verfehlungen mit offenen Armen wieder auf. Hier wird der Sohn Rolv wieder ins Haus der Eltern, in sein Haus, aufgenommen und findet Geborgenheit, menschliche Wärme und Schutz.
Dass es sich um einen Roman handelt, der existenzielle Fragen aufwirft, zeigt sich noch an einem anderen Thema: der Roman heißt „Der Keim“, weil er einerseits aufzeigt, wie der Keim des Bösen in jedem Menschen leicht aufsteigt. Andererseits keimt danach auch immer neu das blühende Leben auf. Egal was draußen passiert, drinnen in der Scheune bringt die Sau ihre Ferkel umstandslos zur Welt und das Wunder des Lebens ereignet sich von Neuem. Auch in der Gestalt einer jungen Frau, die ein Kind erwartet, oder eines Pferdes, das seinen warmen Atem den Menschen entgegen bringt, zeigt Vesaas virtuos, dass das Leben weitergeht und einen mitnehmen will. Die verstörten und schuldigen Menschen richten sich aus dem Staub wieder auf und sehen jetzt mit geklärtem Blick, wie ruhig und ungestört Leben und Tod in ihren Bahnen weiter laufen. Gras und Laub sind weiterhin grün. Das ist Gottes Gruß an die Verängstigten und Geschundenen. Trotz des Schuldigsein ist es ganz richtig, dass man lebt – so der Autor. Das ist die christliche Botschaft des Romans: sich der eigenen Verantwortung stellen, in aller Stille in sich gehen und ertragen, dass man schuldig geworden ist. Dann kann man versuchen, sich wieder dem Leben zuzuwenden- das Leben kennt nur eine Forderung: dass es weitergehen muss.
Juli 2026