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Siegfried Lenz, Schweigeminute

HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH

112 Seiten

Schweigeminute – Siegfried Lenz

Im Rahmen einer Trauerfeier für eine Lehrerin in der Schulaula blickt der Schüler und Icherzähler Christian auf einen Sommer zurück, in dem er eine Liebesbeziehung zu dieser Frau, seiner Englischlehrerin Stella Petersen, hatte.

Zunächst kann man diese kleine Novelle als zarte und einfühlsame Liebesgeschichte lesen. Eine Liebe eines heranwachsenden Jungen mit seiner jungen Lehrerin. Lenz zelebriert dies fast ehrfurchtsvoll. In dem Buch finden sich schöne Sätze wie: „Sie streifte einen Kuss an meiner Wange ab … ich umarmte sie und zog sie an mich, sie war nicht erstaunt, sie versteifte sich nicht. Und ich küsste sie, ich spürte ihren Atem, den leicht beschleunigten Atem, spürte die Berührung ihrer Brust.“ Beredtes Schweigen sagt hier mehr als tausend Worte.

Freilich bietet die Novelle mehr, denn Lenz kontrastiert die natürliche Liebe zweier junger Menschen mit ihrem gesellschaftlichen Rangunterschied. Daraus resultiert, dass das Schweigen in dieser Novelle mehrere Bedeutungen hat. Öffentlich ist es ein verordnetes Ritual, andererseits kann Christian seine wahre Beziehung zu Stella keinem mitteilen, denn die Gemeinschaft würde dies skandalisieren. Zugleich ermöglicht sein Schweigen einen inneren Raum, in dem er wirklich trauern kann.

Die Novelle stellt also die private und öffentliche Trauer gegenüber. Die Trauerfeier ist Ritual und Konvention, die persönliche Erinnerung ist unmittelbar, sinnlich und subjektiv. Diese Erinnerung mag für Freiheit und Lebendigkeit stehen, während die Aula für Ordnung und Verlust steht. Die Liebe der beiden Protagonisten bleibt ihr eigenstes Geheimnis, von dem keiner etwas erfährt. Und nach dem Tod von Stella bleibt Christian mit seiner Liebe alleine zurück und muss diese selbst erinnern und verarbeiten.

Die Novelle ist auch Initiation und Verlust. Wenn Christian von seiner Liebe zu Stella erzählt, weiß der Leser bereits, dass sie tot ist. Jede Zärtlichkeit trägt dadurch den Schatten des Endes in sich. Das gibt der Erzählung eine elegische Grundmelodie.

Typisch für Lenz ist die zurückgenommene, klare Sprache. Er erzählt ohne Umschweife, deutet wenig an und vermeidet Pathos. Gerade die Schlichtheit verstärkt die Wirkung. Der Liebesrausch ist bei ihm keine Gefühlsekstase, kein dionysisch-benommener Liebestaumel, sondern er wirkt doch sehr gehemmt und vielleicht norddeutsch nüchtern.

Dies mag auch daran liegen, dass die Beziehung des Schülers zu seiner Englischlehrerin ambivalent ist, weil das Private die „öffentliche“ Schüler-Lehrer- Beziehung nie ganz ausblenden kann. Beziehungsweise das eine sich immer wieder in das andere hineinschiebt. An einer Stelle heißt es denn auch: „wir werden uns wiedersehen, doch es kann nicht so sein wie früher.“ Die Freiheit der beiden Protagonisten, auch symbolisiert durch das Wasser, grenzt an die Unfreiheit der schulischen und gesellschaftlichen Zwänge, die eine solche Beziehung verurteilen würde. Deshalb wohl versucht sich die Lehrerin auch immer wieder Christian zu entziehen. Vielleicht deshalb, weil sie genauer ahnt, was für sie als Lehrerin auf dem Spiel steht. So denkt sie darüber nach, sich an eine andere Schule versetzen zu lassen. Christian erscheint dagegen naiv, insofern er sich kaum Gedanken macht, was für ihn folgt, wenn die Liebe öffentlich bekannt wird.

Lenz spiegelt beide Beziehungsebenen geschickt ineinander. Während Christian und seine Geliebte zusammen sind, hat er sie – wie es an einer Stelle heißt – in einem Augenblick zu seiner Lehrerin gemacht, er hatte ihr die Autorität zuerkannt, die sie in der Klasse besaß. An anderer Stelle heißt es, dass in der privaten Zweisamkeit seine Hand auf ihre Schulter eine andere Bedeutung hat. Hier duldete Stella, dass seine Hand sanft über ihren Rücken fuhr. Hier lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter. Was wird aber daraus, wenn sich beide wieder in der Schule begegnen, denn mit der Liebesbeziehung hat etwas begonnen, was nach Dauer verlangt. Wie soll es weitergehen? Was bedeutet es für die Lehrerin und für den Schüler?

Was aus der Liebe der beiden geworden wäre, bleibt angesichts des frühen Todes der Lehrerin unbeantwortet. Durch ihren Tod werden beide der Beantwortung der Frage, wie es in der Schule und im sozialen Umfeld mit ihnen weitergeht, enthoben. Wie Stella an einer Textstelle sagt: „die Voraussetzungen müssen stimmen, wenn du ein stimmiges Ergebnis haben willst.“ Das nichtstimmige Ende dieser Liebe ist insoweit Konsequenz der unstimmigen Voraussetzungen. Das private Glück durfte nicht gelebt werden, weil die gesellschaftlichen Voraussetzungen hierfür nicht gegeben waren. Insofern ist diese kleine Novelle nicht so harmlos, wie es auf den ersten Blick erscheint. Lenz führt uns nämlich vor Augen, dass es eine romantische Liebe im gesellschaftsfreien Raum nicht geben kann.

Martin Kasperzyk/Oktober 2026