Reise nach Basel mit der Stefan Zweig Gesellschaft
vom 24. – 27. September 2026

Jahrestagung der Internationalen Stefan Zweig Gesellschaft in Basel
Zu der Jahrestagung 2026 trafen sich vom Donnerstag, 24. bis Sonntag, 27. September 2026 ca. 60 Mitglieder der Gesellschaft in Basel. Die Beteiligung war diesmal außergewöhnlich hoch. Und wie immer war es eine große Freude, viele liebe Mitglieder, Bekannte und Freunde wieder zu treffen. Unsere Treffen sind inzwischen fast so innig und heiß ersehnt wie eine willkommene Wiedersehensfeier im Familienkreis.
Einige neue Mitglieder stießen diesmal auch zu uns und wurden herzlich in unserem Kreise aufgenommen. Überhaupt zeichnet sich unsere literarische Gemeinschaft dadurch aus, dass jeder Neuankömmling ohne Umschweife integriert wird und es keine Ausgrenzungen durch Grüppchenbildung gibt. Die Gesellschaft verkörpert somit in ausgezeichneter Weise den europäischen Integrationsgedanken und den interkulturellen Austausch; Ideen, die Stefan Zweig so sehr beseelt haben.
Das schweizerische Basel präsentierte sich all die Tage im schönsten Sonnenschein bei angenehmen Temperaturen von 25 Grad, auch die Gastfreundschaft der Baseler muss hier unbedingt gelobt werden. Der Geldabfluss aus unseren Portemonnaies wurde so in schöner Weise kompensiert. Die äußeren Bedingungen konnten für unser diesjähriges Treffen nicht besser sein. Hervorgehoben sei auch, dass diesmal keine großen Distanzen zu überwinden waren, da alle Besuchsorte nahe beieinander lagen. Dafür musste aber die ein oder andere Steigung in der Stadt bewältigt werden.
Am Donnerstag trafen wir uns draußen vor dem Restaurant „Isaak“ am Münsterplatz bei herrlichem Sonnenschein. Wie immer starteten wir freilich gleich mit dem ersten Programmpunkt, nämlich einer sehr informativen Stadtführung durch die gut erhaltene Altstadt Basels in zwei Gruppen. Vom Basler Münster ging es zum Theater und zum „Fastnachtsbrunnen“, einem Wahrzeichen Basels. Dieser Brunnen war ein Geschenk der Migros Genossenschaft an die Stadt. Im Laufe der Tage sollten wir weitere Beispiele für das Mäzenatentum wohlhabender Bürger Basels kennen lernen. Durch Gassen und Innenhöfe ging es dann zum Marktplatz mit dem leuchtend-roten Rathaus. Wir lernten, was es mit Kleinbasel und Großbasel auf sich hat, erfuhren, dass Basel über 40 Museen verfügt, und wir blickten vom Münsterplatz auf den Rhein mit den Brücken und Fähren und auf die Hügel auf der französischen und deutschen Seite. Welcher Ort wäre besser geeignet, um die Idee der europäischen Verständigung visuell zu erleben?
Anschließend besuchten wir die Paul Sacher Stiftung. Zwei gut aufgelegte Mitarbeiter führten uns durch die Räume. Paul Sacher (1906-1999) war ein Basler Dirigent, der 1926 das Basler Kammerorchester gründete. Durch seine Ehefrau und die Verbindung zum Pharmakonzern Roche konnte er auf finanzielle Mittel zurückgreifen, um seine musikalischen Vorlieben zu verwirklichen. Heute beherbergt die Stiftung über 120 Sammlungen von Komponisten.
Während des gemeinsamen Abendessen stand eine Lesung von Antonia Gottwald auf dem Programm, sie las Auszüge aus Stefan Zweigs „Erasmus“. Die Abendessen sind so eine Sache für sich. Es ist ja nicht leicht, für 60 Menschen ein Restaurant mit einem großen Raum zu finden. Und diese Speisesäle haben leider den Nachteil, dass sie eine Geräuschkulisse zulassen, die Gespräche doch sehr behindern.
Am Freitag besuchten wir das modern eingerichtete Antiquariat Dr. Jörn Günther Rare Books und lernten vieles über die Arbeitsweise dieses Geschäftes kennen. Jeder dachte wahrscheinlich an das Limit seiner Kreditkarte als er von den Preisen der verkäuflichen Werke erfuhr. Diese Preise, die weit über Hunderttausend Schweizer Franken liegen können, haben es in sich.
In der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel am Münsterplatz wurden wir dann nett begrüßt. Hier fanden bis Sonntag die Vorträge statt. Diese Lesegesellschaft wurde 1787 in der Epoche der Aufklärung von einigen Honoratioren der Stadt gegründet. Der Verein unterhält Lesesäle mit einer vielseitigen Auswahl von Zeitungen sowie eine Präsenzbibliothek. Die nostalgischen Räume laden zum Verweilen ein und vermitteln den Charme vergangener Zeiten.
Martin Dreyfus aus der Schweiz sprach über Stefan Zweig und die Schweiz, Dr. Erika Capovilla über Stefan Zweigs humanistisches Credo in seinem „Erasmusbuch“ und Professor Dr. Joachim Brügge referierte über Mozarts kleine Nachtmusik.
In der Universitätsbibliothek Basel hörten wir dann einen Vortrag über Karl Geigy- Hagenbach und dessen bedeutende Autographensammlung. Stefan Zweig verband mit diesem Kaufmann, der von 1866 bis 1949 lebte und über den gar nicht so viel bekannt ist, eine enge Freundschaft. Wir sahen einige Stücke aus dieser Sammlung Geigy-Hagenbach. Malte Godglück musste uns diese jedoch erklären, weil die Autographen leider nicht beschriftet waren.
Anschließend besuchten wir das Antiquariat Erasmushaus. In das Sterbezimmer von Erasmus von Rotterdam kamen wir freilich erst nach einiger Wartezeit, weil die „Schlüsselfrau“ erst herbei beordert werden musste. Die Wartezeit wurde uns mit Informationen zu Erasmus von Rotterdam verkürzt. In den aufgeschlossenen Räumen gab es dann aber nicht viel zu sehen: außer Bildern an den Wänden und einem Kaminofen war der Raum leer.
Am Samstag hörten wir Kurzvorträge von Dr. Hermann-Peter Eberlein über Stefan Zweigs Castellio und sein historisches Vorbild, Brigitte Vergne-Cain aus Paris besprach die Castellio-Rezeption in der Schweiz und in Frankreich und von Professor Dr. Stefan Lüddemann wurden wir über Stefan Zweigs Humanitätsbegriff informiert. Diese Vorträge wurden alle von Mitgliedern der Internationalen Stefan Zweig Gesellschaft gehalten, so dass der Vorsitzende Hildemar Holl scherzhaft anmerkte, dass wir eigentlich auf externe Referenten verzichten können. Aber nicht ganz: Dr. Erik Petry, Professor für Neuere Allgemeine und Jüdische Geschichte an der Universität Basel trug schließlich über Theodor Herzl, Basel und Palästina vor. Der Referent zeigte sich nicht sehr optimistisch, was die Aussichten auf eine friedliche Zukunft zwischen Israeliten und Palästinensern angeht.
Die Vorträge waren lehrreich und verständlich, auch für Zuhörer, die in den jeweiligen Themen keine ausgewiesenen Fachleute sind. Auch dies zeichnet unsere Tagungen aus: die Vorträge richten sich nicht an Experten, sondern an ein gebildetes Publikum mit mehr oder weniger tiefen Vorkenntnissen. Jeder kann für sich aus den Vorträgen mitnehmen, was ihm gemäß ist.
Der Samstagnachmittag stand anschließend zur freien Verfügung und wurde zum Shopping oder dem Besuch des ein oder anderen Museums oder des Münsters genutzt.
Am Sonntag hörten wir dann noch Vorträge von Brigitte Vergne-Cain über lettres à mes amis français, und von Dr. Susanne Buchinger über Erasmus von Rotterdam und sein Drucker Johannes Froben. Die anschließende Lied-Matinee, angesetzt für 11:15 Uhr, begann dann um ca. 12:30 Uhr. Der Tenor Christoph Strehl aus Lübeck und Pauliina Tukiainen aus Salzburg am Klavier ließen die Tagung musikalisch ausklingen.
Großer Dank galt den Organisatoren der Tagung, der Familie Bretschneinder und der Familie Wagner, die im Vorfeld die Lokalitäten gefunden und Reservierungen vorgenommen haben. Hildemar Holl und Malte Godglück, die sich seit vielen Jahren und Jahrzehnten unermüdlich und ehrenamtlich für die Gesellschaft einsetzen und immer aktiv zum Gelingen der Tagungen beitragen, galt unser langer und ehrlicher Beifall. Glücklich die Gesellschaft, die solche Menschen in ihren Reihen weiß.
Wohin es nächstes Jahr geht, wurde uns auch schon verraten. Geplant ist dann keine Reise in eine europäische Großstadt, sondern es soll an den Comer See gehen. Lassen wir uns überraschen!
Martin Kasperzyk/September 2026

