„Mephisto“ von Klaus Mann im Überlinger Sommertheater

am 04. September 2026

Mephisto Klaus Mann

Mephisto

Ein Schauspiel mit Musik nach dem Roman von Klaus Mann in der Fassung für das Berliner Ensemble von Till und Chris Weinheimer, Bearbeitung und Regie Kai Frederic Schrickel. Eine Produktion von NEUES GLOBE Theater Potsdam

Das Ensemble wurde – wie in den vergangenen Jahren – auch dieses Jahr wieder von dem Förderverein des Sommertheaters engagiert. Alle Vorstellungen in dem 200 Menschen fassenden Raum des Spielortes, der Kapuzinerkirche in Überlingen am Bodensee, waren ausverkauft. Meine Besprechung bezieht sich auf die Vorstellung Mephisto von Klaus Mann am 4. September 2026.

Die Adaption des Stoffes durch den Regisseur Schrickel in dieser Theaterproduktion ist bemerkenswert, weil er entscheidende Veränderungen der Buchvorlage vornimmt. Der Schriftsteller Hermann Kesten schlug Klaus Mann vor, „den Roman eines homosexuellen Künstlers im Dritten Reich“ mit der Person Gustav Gründgens zu verknüpfen. Klaus Mann entschied sich aber bewusst anders: er wollte die Homosexualität der Hauptperson Höfgen (Gründgens) nicht thematisieren, wohl auch um sich selbst zu schützen. Außerdem ging es ihm, wie er in einem Brief schrieb, nicht um die konkrete Person Gründgens. Vielmehr wollte er einen bestimmten Typus des angepassten Karrieristen darstellen. In seinem Buch erzählt er daher von einem anderen wunden Punkt bei Höfgen, nämlich von seiner sadomasochistischen Beziehung zu der afrodeutschen Tänzerin und Domina Juliette. In den Augen der Nazis machte sich Höfgen also der sogenannten „Rassenschande“ schuldig. Die Inszenierung revidiert diese Entscheidung von Klaus Mann und macht aus Höfgen einen homosexuellen Karrieristen und aus Juliette eine queere Transperson. Damit wird freilich zugleich auch die bekannte Homosexualität von Klaus Mann mit thematisiert.

Diese grundlegende Umgestaltung wird geschickt realisiert, indem die Rolle der Juliette mit einem Mann besetzt wird, wobei die Person aufreizend, verführerisch und anzüglich agiert. Martin Radecke ist der Schauspieler, der diese Rolle hervorragend meistert und übrigens ebenso überzeugend als Conférencier des Abends auftritt. Der Inszenierung gelingt es so, Klaus Mann sozusagen in sein eigenes Stück hineinzuziehen: nicht nur durch die Betonung der Homosexualität, sondern auch durch den Auftritt eines Conférenciers. Er führt uns Zuschauer sozusagen als Klaus Mann durch das Stück, wobei er fast bürokratisch-administrativ in die 10 Buchkapitel von Mephisto einführt bzw. diese ankündigt. Auf der Bühne erhält er dadurch eine Präsenz, die die eigentliche Hauptperson, nämlich Hendryk Höfgen, überstrahlt.

Diese Verfremdung, die die Inszenierung hier vornimmt, hat Licht- und Schattenseiten. Wenn der Schweinwerfer nicht mehr konzentriert auf Höfgen gerichtet ist, dann gerät auch das, was uns Klaus Mann mit dieser Person als Typus darstellen wollte, ein wenig in den Hintergrund. Die negativen Charaktereigenschaften, das Karrieristische und Opportunistische, die Ruhmsucht und der Geltungstrieb, die Eitelkeit, die fehlende Empathie für Menschen außerhalb der Bühne, und das völlige Ausblenden der politischen Barbarei bei Höfgen, werden zwar angedeutet, bleiben aber merkwürdig blass bzw. werden weniger stark gewichtet als es in dem Buch von Klaus Mann geschieht. Dadurch verschiebt sich natürlich die Aussagekraft des Stückes gegenüber dem Original. Höfgen wird in dieser Inszenierung eher als Komödiant dargestellt und sein erotisch-laszives Verhältnis zu Juliette in den Mittelpunkt gerückt.

Das Stück gewinnt in dieser knisternden Erotik freilich deutlich an Wucht, weil die Zuschauer emotional stärker gepackt und gefesselt sind. Verliert es damit aber nicht auch an politischer Aussagekraft? Spielt es nicht die Vorbildfunktion von Klaus Mann in seinem Einsatz gegen die Nazis herunter? Vielleicht wird die Thematik der Verantwortung des Künstlers innerhalb der Gesellschaft und die Frage, ob es ein richtiges Leben im falschen gibt, dadurch etwas zu gering gewichtet.

Wie dem auch sei, das Spiel des anderen Hauptdarstellers Laurenz Wiegand, der Hendryk Höfgen darstellt, seine Gestik und Mimik erinnert frappierend an die reale Person hinter dieser fiktiven Gestalt, nämlich Gustav Gründgens. Wiegands Gesichtszüge sind zwar weicher als die markanten scharf geschnittenen Gesichtszüge des damaligen Staatsschauspielers, aber seine Grimassen und exaltierten Bewegungen auf der Bühne sind sehr überzeugend. Wie gesagt, Hendryk Höfgen wird hier weniger als unsympathischer Typ denn als Komödiant dargestellt, was Wiegand in seinen kraftvollen Auftritten bewundernswert meistert. Er tanzt, singt und spielt in einem rasanten Tempo mit bemerkenswertem Körpereinsatz.

Die Inszenierung fokussiert sich neben diesen beiden jungen Hauptfiguren auf zwei wichtige, politisch radikalisierte Nebenfiguren. Beide scheitern: der eine, unangenehmer Nazi schon in den zwanziger Jahren, ist schnell enttäuscht als diese 1933 an die Macht kommen und er erkennt, dass wieder einmal die Bonzen herrschen, diesmal eben nur andere als vorher. Der andere, Otto, ein kommunistischer Aktivist, wird von den Nazis ermordet, weil er sich nicht anpasst und sich den Machthabern nicht gemein macht, so wie Höfgen. Dieser reüssiert bei den Nazis und wandelt sich vom kommunistisch angehauchten Linken zu einem staatstragenden Schauspieler. Er hat sich den Machthabern „verkauft“, was geschickt mit einer Szene aus Goethes Faust untermalt wird.

Im Roman versteckt sich hinter der Figur Barbara Bruckner Erika Mann. Sie wird neben anderen Rollen in ihrer Abgeklärtheit und Vernünftigkeit von der Schauspielerin Anja Lemmermann verkörpert. Nora Backhaus, Marco Litta und Andreas Erfurth, der unter anderem den Dicken (Hermann Göring) verkörpert, komplettieren das Ensemble. Alle meist junge Schauspieler verkörpern hervorragend ihre verschiedenen Rollen und brillieren mit ihrer unbändigen und temperamentvollen Spielfreude, den Gesangseinlagen oder Tanzsequenzen.

Nicht zu vergessen in diesem turbulenten Theaterstück: die Live-Musik. Zwei professionelle Musiker (Bettina Koch am Klavier, und Toni Nissl, Percussion), heizen das Geschehen vor ihnen auf der Bühne ordentlich an. Zum Schluss werden beide von einem Gestapo-Mann abgeführt. So enden denn die schönen Goldenen Zwanziger-Jahre. Zuvor hören wir aber Filmmusik und Songs, Gassenhauer sowie Schlager der zwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts.

Die Inszenierung ist mit der erotisch aufgeladenen, burlesken Atmosphäre, einer frivolen Welt kurz vor dem Abgrund, dem Spaß an den Extravaganzen, komischen und homoerotischen Szenen, der kreativen Choreografie und durchaus gewagten Kostümen mutig und fesselnd. Es wird den Zuschauern ein Feuerwerk musikalischer und schauspielerischer Leistung geboten, eine schillernde, bunte Aufführung und eine gelungene Mischung aus Schauspiel, Kabarett und Live-Musik. So führt uns die Inszenierung das Lebensgefühl der künstlerischen Bohème der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts vor Augen. Dass es sich um eine varietégerechte Revue handelt, wird bereits zu Beginn der Vorstellung klar, als der Conférencier im schwarzen Frack und Revue-Manier das Publikum mit „Bienvenue, Welcome“ begrüßt.

Bei all dem Zauber und dem Feuerwerk an Einfällen sollte man aber als Zuschauer nicht die mahnenden und bedenklichen Szenen übersehen. Denn die Welt der Schauspieler ist eine eigene Kapsel, die zunächst die schlechten Zeiten übersieht und verdrängt. Spätestens 1933 dringen jedoch immer mehr die Geschehnisse um die Machtergreifung der Nationalsozialisten ein. Und auch wenn Hendryk Höfgen sich über den Kontakt der Gattin des Fliegergenerals, die er noch Jahre zuvor als „blöde Kuh“ bezeichnet hatte, einschleimt, so wird doch deutlich, dass dieser gemütliche Dicke (Hermann Göring) auch eine blutbeschmutzte Seite hat. Höfgen bekommt seine Grenzen von ihm sehr genau aufgezeigt: er ist eben nur ein Schauspieler, sonst nichts.

Das Stück Mephisto in der Inszenierung des Neues Globe Theater fesselt an diesem Abend das Publikum, das am Ende rauschenden Beifall und Applaus spendet.

An dieser Stelle soll auch das hervorragende Programmheft, das überraschend viele kundige Informationen bietet, erwähnt werden.

Martin Kasperzyk/September 2026