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Anton Reiser

Insel Taschenbuch

531 Seiten

Karl Philipp Moritz – Anton Reiser

Unbedingt lesenswert

Dieser so genannte Bildungsroman erschien in den Jahren 1785 bis 1790 und zeichnet das Leben Anton Reisers von den Kinderjahren bis zum jungen Erwachsenen nach. Es handelt sich um einen autobiographischen Text, weil Karl Philipp Moritz, der bereits mit 36 Jahren im Jahre 1793 starb, viele düstere Erfahrungen seines Lebens in diesem Buch literarisch verarbeitet hat: schwierige Kindheit, liebloser Vater, religiöser Quietismus, Demütigungen und Herabsetzungen, Sehnsucht nach Bildung, Einsamkeit und psychische Krisen als eine Folge seines Wunsches, Schauspieler und Schriftsteller zu werden.

Der Roman ist nicht nur reich an Themen, sondern auch höchst modern, was man bei flüchtigem Lesen durchaus übersehen kann. Insofern wäre es wünschenswert, wenn das Buch heute mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte. Auch der Autor, der von keinem geringeren als Goethe außerordentlich geschätzt wurde, verdient es, heute wiederentdeckt zu werden.

Zunächst fällt dem heutigen Leser jedoch erst einmal der tiefe Graben ins Auge, der uns heute von den Verhältnissen am Ende des 18. Jahrhunderts trennt. Die Schulsituation, die religiöse Enge und die ärmlichen und engen Lebensumstände sind so gar nicht mit dem Leben eines Schülers und heranreifenden Menschen von heute zu vergleichen. Ist der Roman also nur noch aus einem geschichtlichen Interesse lesenswert? Keineswegs!

Der Roman befasst sich im Wesentlichen mit den psychischen Folgen, die eine lieblose Umwelt in dem traumatisierten Anton Reiser auslöst. Dieser geht daran nicht zugrunde, sondern entwickelt eigene „Überlebensstrategien“, die ihn trotz dieser Widrigkeiten dazu bringen, Resilienz zu entwickeln und „seinen Weg“ zu gehen. Der Text zeigt die lebensrettende Aufgabe, die Kunst, Theater und Literatur haben können. Insofern handelt es sich in der Tat um einen „Bildungsroman“.

Wer hat nicht von Beginn an Mitleid mit dem Protagonisten Anton Reiser? Denn der erfährt schon als Kind immer wieder Zurücksetzung, Missachtung und Lieblosigkeit – sowohl von seinen Mitschülern, den Lehrern, als auch von seinem Vater. Es gibt kaum einen Menschen, der sich ihm liebevoll zuwendet, ihn achtet und respektiert. Besonders erschütternd ist es, wenn sein Vater und der Hutmacher ihm ernstlich zu erkennen geben, in seiner Seele habe sich der Teufel bereits eingenistet und es wird mit ihm einmal schlimm enden. Wie muss dieses Schreckbild auf ein Kind wirken?

Als ein Lehrer ihn zum Beispiel „dummer Knabe“ nennt, obwohl er sich doch erfolgreich und intensiv um schulischen Erfolg bemüht, fühlt sich Reiser tief getroffen und erniedrigt. Eine seiner Strategien besteht immer wieder darin, sich noch mehr als bisher in der Schule anzustrengen, um die verlorene Achtung wieder zu erlangen. Einem Kind ständig sein Ungenügen aufzuzeigen, hat aus Sicht des Erwachsenen den Sinn, ihn noch mehr zu besseren Leistungen anzutreiben. Lob erschlafft, Kritik spornt an, so die Idee. Wer hat in unserer heutigen Leistungsgesellschaft nicht diese Strategie am eigenen Leib erfahren?

Wenn Anton Reiser nach den verletzenden Erniedrigungen sich noch mehr anstrengt, um sich wieder die Achtung der Erwachsenen zu verdienen, dann sind diese Anstrengungen allerdings geheuchelt, weil er nicht mit seinem Herzen „dabei ist“, sondern nur auf äußeren Druck reagiert. So heuchelt er beim Vater oder beim Hutmacher L eine Religiosität nur vor, die bei ihm nie wirklich Fuß fassen kann. Der Roman führt uns somit auch die Deformierungen menschlichen Lebens durch äußeren Zwang vor Augen, insofern der Mensch das, was er macht, nicht aus Selbstmotivation und autonomer Selbstbestimmtheit vollzieht.

Auch für uns heutige Leser sind die immer wieder eingestreuten Reflexionen über eine gute Erziehung durch den auktorialen Erzähler wertvoll. So heißt es treffend an einer Stelle, dass durch 1000 Demütigungen jemand am Ende so weit gebracht werden kann, dass er sich selbst als einen Gegenstand der allgemeinen Verachtung ansieht, und es nicht mehr wagt, die Augen vor jemanden aufzuschlagen. Oder es findet sich der Hinweis, dass man bei der Erziehung bereits auf Kleinigkeiten achten muss, weil diese beim Kind große Wirkungen auslösen können. Etwas überspitzt formuliert: es braucht nur ein hartes Wort und aus dem Kind wird ein Bösewicht und Halunke.

Jedenfalls zeigt der Roman auf, wie man es nicht machen soll, wenn man Kinder erzieht. Die Achtung eines jungen Menschen muss bei seiner Bildung und Erziehung immer im Vordergrund stehen. Selbstachtung ist die Basis eines gelingenden Lebens. Das bleibt heute wie damals aktuell.

Den Roman kann man freilich auch aus anderen Gründen modern nennen. Die Passagen über Reisers demütigendes Leben bei dem Hutmacher L etwa zeigen, dass der Autor bereits im vorindustriellen Zeitalter ein waches Bewusstsein für die Ausbeutung von Menschen, die selbstherrliche Willkür eines Vorgesetzten, aber auch die Fluchtmöglichkeiten derer, die da ausgebeutet werden, hat. Denn worauf freut sich Anton Reiser immer wieder in seinem tristen Alltag? Auf den Ruhetag, den Sonntag, die kleinen Feste und Ablenkungen. Worauf freuen wir uns heute, wenn wir einer trostlosen Arbeit nachgehen? Auf den Feierabend und den nächsten Urlaub, auf Zerstreuung in der seichten und leichten Unterhaltungsindustrie.

Das Buch ist überhaupt reich an klugen und aufmerksamen Beobachtungen über das Menschlich-Allzumenschliche. So heißt es an einer Stelle über die kindischen Bestrebungen etwa in einem Schultheaterstück eine Rolle zu ergattern: hier zeigt sich bereits, wie sich das ganze Spiel der menschlichen Leidenschaften abspielt und wie das Streben gegeneinander, dies verdrängen und wieder verdrängt werden, ein so getreues Bild des menschlichen Lebens im Kleinen ist.

Im Mittelpunkt des Romans steht die Suche nach Orientierung und eigener Identität. Nachdem die festen religiösen Orientierungen weggefallen sind, findet der Heranwachsende nicht mehr im Althergebrachten sein genügen, sondern sieht sich mit der Frage konfrontiert, wie er seinem Leben einen eigenen Sinn geben kann. Dieser Prozess steht natürlicherweise in einem Spannungsfeld zu den Anforderungen der Gesellschaft. Diese Spannung führt bei Anton Reiser zu einem Ping-Pong-Effekt. Einerseits will er es den Erwachsenen recht machen und kämpft um Anerkennung, was nur zu verständlich ist, andererseits empfindet er, dass er sich dabei verstellen muss und seinem eigentlichen Interesse zuwider handelt. Folgt er seinem eigenen Lebensimpuls, etwa dem Lesen von Romanen oder dem Theaterspiel, dann entfernt er sich von der Gesellschaft, ja er wird regelrecht ausgestoßen wie ein räudiger Hund. Nähert er sich aber wieder den gesellschaftlichen Anforderungen an, leidet er wiederum an der Unmöglichkeit, seine Fantasien und Träume auszuleben.

Die Gesellschaft bietet den jungen Menschen zwar begrenzte Muster für eine Identität an, aber wenn diese allesamt als beengend und bedrückend empfunden werden, worin soll sich ein junger Mensch dann halten? In diesem Zusammenhang steht die Frage, ob ein junger Mensch sich selber seinen Beruf zu wählen imstande ist, in dem er sich selbst verwirklichen kann, oder, ob er sich – angeleitet durch das gesellschaftlich Gewünschte – nicht selbst täuscht. Mehrfach heißt es von Anton Reisers literarischen Schreibversuchen denn auch, dass er einen missverstandenen Trieb zur Poesie habe. Denn seine Verse, so der Erzähler, entnimmt er aus entfernten und unbekannten Gebieten, nicht aber aus dem selbst Erlebten. Bezeichnend ist hier eine Szene, in der er bereits Tage vor dem erwarteten Tod eines Mitschülers eine Trauerrede auf dessen Tod schreibt. Anton Reiser lässt sich also nicht empathisch auf das Ereignis des Sterbens ein, um es dann anschließend literarisch zu verarbeiten, sondern er will bereits vorher Eindruck machen, indem er sich den Tod nur vorstellt, sich also gar nicht im Innersten von ihm berühren lässt.

Auch Reisers Leidenschaft für das Theater entpuppt sich als eine effektheischende Fantasie, als ein Zufluchtsort gegen alle Widerwärtigkeiten und Bedrückungen des Lebens. Dies zeigt sich darin, dass er Theater spielen will, um sich selbst darin zu gefallen. Ihm liegt dabei nichts an der treuen Darstellung einer Figur. Im Theater bleibt Anton Reiser daher ein Dilettant, dem es an äußerer Darstellungskraft fehlt. Trotzdem hält er bis zum Schluss des Romans an der Idee fest, am Theater zu reüssieren, weil er glaubt, dort seine Fantasie ausleben zu können, ohne ganz und gar aus dem realen Leben und der Gesellschaft abzudriften.

Daran schließt sich die Frage an, durch welche Merkzeichen sich der falsche Kunstbetrieb von dem wahren unterscheidet. In Bezug auf die Kunst heißt es treffend: der wahre Künstler findet seine Belohnung nicht in dem Effekt, den sein Werk machen wird, sondern er findet in der Arbeit selber sein Vergnügen. Der wahre Schriftsteller würde seine Arbeit nicht für verloren halten, wenn sie auch niemand zu Gesicht bekommen sollte. Anton täuscht sich selbst, indem er sein Theaterspiel für echten Kunsttrieb nimmt. Wer aber nicht über der Kunst sich selbst vergisst, ist nicht zum Künstler geboren. Darum prüfe man sich, so der didaktische Einwurf des Erzählers, ob nicht der Wunsch an die Stelle der Kraft tritt, ob man nicht einem unnützen Streben nach einem täuschenden Blendwerk aufsitzt.

Besonders fern sind dem heutigen Leser wohl die Passagen des Romans über den radikalen Quietismus. Dies gehört zu den heute nur noch schwer verständlichen und erträglichen Erscheinungsformen engstirniger Religiosität. Der Quietismus jedenfalls war eine radikale Frömmigkeitsbewegung um die Mystikerin Madame Guion und zielt auf eine völlige Selbstversenkung in Gott, in der alle Leidenschaften und Eigenarten abgetötet werden sollen: Gott ist alles, der Mensch nichts. Diese Abtötung des individuellen Selbst steht in striktem Gegensatz zum Hauptanliegen des Romans, nämlich der Individualentfaltung Anton Reisers, mit der er sich aus den Zwängen seiner frühen religiösen Erziehung befreit. Der Roman ist daher auch ein Befreiungsprogramm aus religiöser Selbstverleugnung.

Zu diesem Befreiungsprogramm aus religiöser Deformierung gehört auch Reisers Wunsch, sich zu zeigen und an die Öffentlichkeit zu treten, also als eigenständiges Individuum wahrgenommen zu werden. In der Schule fällt er publikumswirksam durch Rezitation von Versen auf, in der Theologie durch Predigtübungen und im Schultheater durch sein Mitwirken. Reisers Gegenstrategie gegen die religiöse Bevormundung heißt also: Flucht in die Sichtbarkeit. Auch dies ein sehr modernes Phänomen, denn wer erfolgreich sein will, muss sich gegen andere durchboxen, sich Gehör und Gesicht verschaffen und Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Bezeichnend für den Seelenzustand Antons sind seine erheblichen Stimmungsumschwünge, vielleicht nicht untypisch für junge Leute. Vielleicht kann man dem Roman vorwerfen, dass er die Momente des Fehlens und Versagens Reisers‘ unverhältnismäßig oft und heftig in psychische Turbulenzen im Innern des Helden auslaufen lässt und den Wechsel von Glück in Unglück und umgekehrt allzu häufig betont. So lesen wir mehrfach, dass diese oder jene Begebenheiten in Reisers Leben seine wahrlich schlimmsten oder auch die glücklichsten Stunden gewesen seien.

Wie dem auch sei, wie auf einer Schaukel geht es ständig hoch und runter. Bei allem, was Anton Reiser tut, ist er mit feurigem Herzen dabei, was dazu führt, dass er Anderes ausblendet und sehr vernachlässigt. Er sieht immer Superlative und ist dann besonders tief enttäuscht, wenn der Superlativ bei den anderen keine Anerkennung erfährt oder für sie bestenfalls bedeutungslos ist. In seinem jungen Leben gibt es eine Phase, in der er sich erheblich, damit er bei einem Antiquar immer wieder Bücher ausleihen kann, um sein ungehemmtes Lesebedürfnis zu befriedigen. Dies geht so weit, dass er sich selbst ganz vernachlässigt und eine Zeit lang ganz verlottert. Man kann dies auch als eine Art von Lesesucht und als „Droge Literatur“ bezeichnen. So wechseln sich bei ihm immer wieder glückliche Tage, die er in seiner Wunsch- und Fantasiewelt erlebt, mit einer Tiefphase in der harten Wirklichkeit ab. Ein anderes Beispiel dazu: Anton empfindet großes Glück als er in einer schulischen Theateraufführung einmal die Rolle des „sterbenden Sokrates“ spielt. In der harten Wirklichkeit des Schulalltages wird er stattdessen von seinen Mitschülern als „sterbender Sokrates“ verspottet. Dieser Wechsel von Hochgefühl in der Fantasie und Tiefpunkte in der Realität ist typisch für den Roman. Er führt uns den Konflikt, der sich aus dem Zusammenprall gesellschaftlicher Zwänge und dem Wunsch des Heranwachsenden nach selbstbestimmt-motivierendem Tun ergibt, vor Augen.

Eine religiöse Hochphase erlebt der noch junge Anton zum Beispiel auch beim Prediger P, den er während seines Aufenthalts beim Hutmacher hört. Dessen Predigten berühren ihn zutiefst und er spürt den Wunsch, selbst einmal Prediger zu werden. Dahinter steht natürlich der unausgesprochene Wunsch, sozial aufzusteigen, wofür auch die herausgehobene und erhöhte Kanzel in der Kirche steht. Auch der Wunsch in der Gesellschaft sozial anerkannt zu werden, spielt hier hinein. Auch hier lebt Anton wieder in einer Art Fantasiewelt, weil er den Prediger idealisiert und überhöht.

Der harte Fall in die Realität bleibt auch hier nicht aus, denn es besteht eine große Differenz zwischen dem Idealbild, das sich Anton von dem Prediger macht und der tatsächlichen Person, die im Alltag plattdeutsch mit den Menschen redet und gar keinen hohen Predigtton mehr an sich hat. Auch der Prediger P ist eben ein Mensch wie Du und Ich. Schon diese frühe religiöse Phase im Leben Antons ist gekennzeichnet durch das sich wiederholende Muster seines Hochgefühls und darauf folgender Tiefschläge.

Es folgen weitere Tiefphasen in der Schule, zum Beispiel die, dass er keine Rolle in einem Schultheaterstück erhält, dann wieder die Hochphase im Spiel einer eigenen kleinen Privatvorführung oder im Lesen von Romanen, worauf dann wieder eine Tiefphase folgt, in der er alles Äußerliche vernachlässigt und sich verschuldet. Anton findet sich nach den Glücks- und Hochphasen seiner Fantasiewelt immer isoliert und alleine wieder. Aber welchen Ausweg findet er nun aus dieser Isolation? Nun, es ist immer wieder das Wandern in der Natur, das ihm Sicherheit vor gesellschaftlicher Verurteilung und Zeit zur Reflexion gibt. Hier ist der Wind der beginnenden Romantik bereits zu spüren, weil der Autor Antons Aufenthalt und Wandern in der Natur und seine Flucht aus der Gesellschaft als Ausweg und Möglichkeit der Selbstreflexion sieht.

Gibt es aber einen Fortschritt, eine Entwicklung und eine Reifung bei Anton Reiser oder bleibt es beim ewigen Ping-Pong? Zumindest beschreibt der Roman per negationem sehr eindrücklich, dass für ihn keine Identitätsbildung durch die Religion, die als äußerer Zwang empfunden wird, geben kann. Auch die Literatur bietet ihm nicht diese Möglichkeit, solange sie bloß als Flucht aus der Realität verstanden wird, eine Flucht ohne Rückkehr in die Realität, die also nur zu einem ungenügenden Doppelleben führt. Auch das Theater kann ihm letztlich keine Identität bieten, weil er das Spielen nicht um seiner selbst und der Kunst willen ausübt, sondern um einen Effekt zu erhaschen. Das Ende des Romans ist offen, denn die Identitätssuche geht nach seinen gescheiterten Versuchen, am Theater Fuß zu fassen, weiter. Auch hier zeigt sich die Modernität des Romans: die Identitätssuche ist nie abgeschlossen und jedes Scheitern muss als Chance begriffen werden. Freilich macht Anton Reiser bei alledem einen Reifungsprozess durch, nicht nur lernt er ständig neues und eignet sich Wissen an, er durchläuft also einen Lernprozess und er entfaltet seine eigenen Kräfte und Fähigkeiten – und wer weiß, wie es ihm in seinem Leben weiterhin ergangen wäre. Der Autor Karl-Philipp Moritz jedenfalls entwickelte sich trotz schlechter Kindheit zu einer Persönlichkeit und brachte es schließlich bis zum Professor.

Martin Kasperzyk, Mai 2026