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Minima Theologica Tück

Verlag Herder

216 Seiten

Minima Theologica – Spuren des Heiligen heute

Von Jan-Heiner Tück

Wie schon der Klappentext verrät, handelt es sich um eine Sammlung von Miniaturen und Skizzen, die den Spuren des Heiligen in der Kunst, Musik und Literatur nachgehen. Die meist kurzen Texte streifen ganz unterschiedliche Bereiche der Kunst und zu einem kleineren Teil unsere Alltagserfahrungen.

Man kann sich freilich bei solchen Büchern immer fragen, wer überhaupt Adressat sein soll. Denn in einer Zeit, in der immer mehr Menschen ohne Gott leben und ohne Transzendenzbedürfnis sind und dabei nach eigenem Bekunden gut leben, werden diese Menschen eben kein Bedürfnis haben, nach diesem Buch zu greifen, wenn sie überhaupt noch lesen. Das ist natürlich kein Hinderungsgrund, ein solches Buch zu schreiben, denn es will ja nicht Atheisten überzeugen, sondern wendet sich an diejenigen, die noch für die Gottesfrage empfänglich sind. Es wendet sich an Menschen und Leser, die ahnen, dass das, was ist, nicht alles ist. Und dass es eine Erfahrungen menschlicher Selbsttranszendenz gibt.

Beispielhaft lauten einige Kapitel Buches:

Fehlt Gott? Von frommen Atheisten und anderen Gottsuchern

Aufkündigung als Akt der Treue. Kierkegaards Paradox.

Das größere Gegenüber – lyrische Suchbewegungen bei Uwe Kolbe

Theologen (u.a. Thomas von Aquin, Karl Barth, Bruno Latour, Uwe Kolbe) und Philosophen (u.a. Fichte, Hegel, Kierkegaard) kommen kurz zu Wort, auch Musiker und Maler, aber auch Literaten, wie Johann Wolfgang Goethe (pantheistische Weltfrömmigkeit), Rainer Maria Rilke, Botho Strauß, besonders oft Judith Herman und Martin Walser, in dessen Roman Muttersohn es im Blick auf Gott heißt: „Weh denen, die dich verschweigen“.

Nicht immer geht es in den Texten um den Aufschein des Heiligen im Heute, sondern ganz profan, um kurze Auslegungen von Texten. So in einem Text über Kierkegaard, von dem es heißt, dass er scheinbar seine eigene Existenz im alttestamentlichen Abraham gespiegelt sieht, weil er seine Verlobte einem größeren Auftrag opferte und so gegen alle bürgerliche Vernunft seinem Gott die Treue hielt.

Oft wird bei Tück nicht recht deutlich, warum Religion etwas Heilbringendes, etwas Gutes in die Gegenwart hinein holen kann. Solche Sätze sind gewiss schön, aber sie fallen doch recht unvermittelt auf den Leser herab und bleiben ohne erhellende Begründung.

So geht Tück in einem Kapitel auch auf den Psalter im Alten Testament ein, ein Buch der Lieder, das uns helfen kann, die verlorene Sprache wiederzufinden und Wege aus der Sackgasse des religiösen Analphabetismus zu finden. Denn die Skala der Ausdrucksmöglichkeiten reicht dort von Anklage, Protest und Schrei bis zur Bitte um Vergebung, bis zum dankbaren Staunen und hin zum Lobpreis und Jubel. Das stimmt zwar alles, aber wie sollen wir zu diesem alten Text im säkularen Zeitalter heute wirklich einen Bezug gewinnen, der uns heute tief bewegen kann? Schließlich ist der Psalter im babylonischen Exil entstanden und ohne die Exilerfahrung Israels nicht verstehbar. Wenn uns Mitteleuropäern aber heute diese Erfahrung fehlt, wie kann der Text uns dann ansprechen? Wie können wir -wie im Psalter- zu Gott als einem Du sprechen, wenn uns dieses Du zunehmend fremd geworden ist?

Aber vielleicht sollte man an das Buch nicht mit diesen allzu hohen Erwartungen herangehen. Damit ein Buch für den Leser bedeutungsvoll ist, reicht es ja oft aus, wenn in ihm einige Sätze und Gedanken in ihm etwas zum Schwingen bringen können. Wie vielleicht dieser Gedanke: man kann nicht so bleiben, wie man ist, wenn man dem Heiligen nahekommen will. Aus der Zerstreuung führt es in die Mitte. Oder wie es bei Hölderlin heißt: Aufbrechen! So kommt. Dass ein Eigenes wir suchen, soweit es auch ist.

August 2026