Eigene Traktate
Hier finden Sie Texte aus eigener Feder. Geschrieben sind diese zu unterschiedlichen Anlässen, mal kurz und bündig, mal etwas länger.
Vielleicht finden sie etwas inspirierendes für sich…
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Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk – Schauspiel Frankfurt am 13. September 2026
Die dreistündige Inszenierung zerfällt in drei Teile, die wiederum drei geschichtliche Situationen zeigen und mit drei unterschiedlichen Spielformen dargestellt werden. In der Regie von Jan-Christof Gockel wandelt die Figur Schwejk sozusagen durch ein Jahrhundert der Kriege.
Den Anfang macht Jaroslav Hašeks Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, der im Ersten Weltkrieg spielt und von einem Soldaten Schwejk handelt, der sich vor allem Verdienste im Unterlassen erworben hat. Auf Gockels kurze Adaption dieses Romanes, folgt im zweiten Teil eine ebenfalls stark gekürzte Version von Brechts unvollendetem Stück und nach der Pause dann ein szenischer Vortrag des Ensembles von Passagen aus Berichten russischer Soldaten, die in der Ukraine gegen die erbittert verteidigte Stadt Bachmut gekämpft haben. Zuweilen folgt eine Kamera den Schauspielern auf der Bühne und projiziert die entstehenden Bilder auf zwei Leinwände am Bühnenrand.
Schwejk, gespielt von Wolfram Koch, geht ins Wirtshaus „Zum Kelch“, führt dort unvorsichtige Reden über den jüngst erschossenen österreichisch-ungarischen Thronfolger. Nachdem ein Spitzel diese Reden registriert hat, muss er zur Armee, obwohl er in der Musterung sogar für schwachsinnig erklärt worden war. Schwejk wird also Teil der k.u.k.-Armee und erlebt aberwitzige Episoden, die den Krieg als Chaos entlarven. In diesem ersten Teil der Inszenierung wird Schwejk als verschmitzte Figur gezeigt, die amtlich für blöd erklärt wird und immer ein wenig zu spät kommt im Getriebe des Krieges. Schwejk hebt durch seine eigene Idiotie das Idiotische des Systems hervor.
Aus der riesigen Kanone auf der Theaterbühne werden am bitteren Ende lauter Projektile abgeschossen, in denen sich jeweils ein Ensemblemitglied verbirgt. Kanonenfutter, und vor jedem Schuss sehen wir noch ein letztes Porträt-Foto des betreffenden Soldaten, als Gruß an die Familie in der Heimat.
Für den zweiten Teil war die unvollendet gebliebene Bearbeitung des Stoffes durch Bert Brechts „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“ grundlegend. Wir sehen eine Hochzeitsgesellschaft Ende der Fünfzigerjahre. In den Zeiten des Wirtschaftswunders, haben sich die Karrieren der Gäste nach 1945 mehr oder weniger bruchlos fortgesetzt.
Die Schauspielerin Annie Nowak als Concierge führt eine kleine Hitler Marionette, die wiederum riesig an eine Leinwand projiziert wird. Gesprochen wird die Figur wiederum von Nowak im Hitler-Duktus. Die Schauspieler tragen Puppen auf den Leib geschnallt und die Gesichter sind hinter einer Maske verdeckt. In einer Diktatur verbirgt man sich lieber. Schwejk trägt als einziger keinen Puppenpanzer vor sich her und er trägt keine Maske. Er agiert immer noch als Sand im Getriebe der Staatsmaschinerie, in dem er allen Recht gibt.
Der dritte Teil der Inszenierung nach der Pause heißt „Schwejk in Bachmut“. Auch hier ändert sich der künstlerische Zugriff. In Interviews sprechen russische Soldaten, die an der Schlacht in Bachmut beteiligt waren. Es sind keineswegs patriotische Gründe, warum ein Soldat in die Armee eingetreten ist, sondern es sind schnöde finanzielle Motive.
Hier wird das Schlachtfeld von heute gezeigt. Nach dem netten Geplauder und dem behaglichen Genuss eines Weines sitzt der Zuschauer nach der Pause wieder im Halbdunkel des Theatersaales und ist verstört angesichts einer summenden Drohne, die über der Bühne schwebt. Dieses Summen ist nicht nett, sondern wirkt bedrohlich und rückt den fernen Krieg in diesen Minuten bedenklich nahe an die eigene Behaglichkeit im Theatersaal. Die Drohne prägt die moderne Kriegsführung und bringt Tod und Zerstörung. Ein Soldat versucht vor ihr zu flüchten. Auch hier wird das Geschehen im Halbdunkel durch eine Kamera auf die beiden Leinwände projiziert. Wie im TV werden wir so voyeuristische Zuschauer des Krieges.
Neben dem unbestimmt Bedrohlichen kommt jedoch auch die Banalität des Krieges zur Darstellung: es werden Waschmaschinen, Mikrowellen, ja sogar Kloschüsseln aus ukrainischen Häusern geraubt. Die Erzählung ist Realität. Wir hören keine Fiktion, sondern vielmehr Protokolle eines Verbrechens.
Russische Soldaten werden angeworben, gemustert, ungenügend ausgebildet und schließlich als Kanonenfutter an die Front geschickt. Sie erzählen von ihrer Angst, Abstumpfung, vom Töten und Plündern und von der Rückkehr in die Heimat. Die Texte werden teils vorgetragen teils gespielt.
Auch hier kommen Puppen zum Einsatz. Nunmehr stellen sie die Leichen der Gegner dar. Erst werden sie ängstlich umgangen, nach ein paar Tagen Krieg dann aber ungerührt auf einen Einkaufswagen gestapelt, damit sie nicht beim Plündern stören.
Wer wäre Schwejk heute? Wie würde er sich verhalten? Wo gibt es hier Platz für Schwejk? Sein subversives Handeln wird allein im Erzählen vom Krieg dargestellt. Vielleicht ist Schwejk keine einzelne Figur mehr, sondern der Wahnsinn aller Beteiligten am Krieg. Schwejk sind wir alle, egal wie wir uns verhalten, weil alle im idiotischen Krieg wahnsinnig werden müssen.
Es bleibt jedenfalls dem Zuschauer überlassen, sich selbst die Frage zu beantworten. Die Inszenierung jedenfalls gibt keine. Aber am Ende muss immer der Friede stehen, dargestellt am verknoteten Rohr der riesigen Kanone.
Das neunköpfige Ensemble spielt insgesamt überzeugend und hervorragend, so dass es ungerecht wäre, die drei Schauspieler, die mir persönlich sehr gut gefallen haben, hier hervorzuheben. Die Inszenierung ist gelungen, weil sie mit großem Aufwand ein schwer erreichbares Gleichgewicht hält zwischen der Darstellung von Barbarei und Grausamkeit, die mit dem Krieg einhergeht, und der humorvollen Leichtigkeit des Umgangs damit in der Figur des braven Soldaten Schwejk. Vielleicht senkt sich die Waage mehr auf die Seite der Schwere und des Bedrückenden. Wer will es dem Regisseur verdenken angesichts der Millionen Toten in den Kriegen. So verlässt man das Theater nachdenklich mit Bildern im Kopf, die intensiv nachwirken.
Martin Kasperzyk/ September 2026