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Barthes, Fragmente Einer Sprache Der Liebe

Suhrkamp Verlag

279 Seiten

Fragmente einer Sprache der Liebe

Roland Barthes

Der Autor (1915-1980) war einer der einflussreichsten französischen Literaturtheoretiker und Semiotiker seiner Zeit. In diesem Buch legt er kleinere Texte, eben Fragmente, zum Themenkranz „Liebe“ vor. Im Mittelpunkt steht die Liebesbeziehung von der Anbahnung bis zum Erlöschen und Scheitern der Beziehung. In immer neuen Anläufen präsentiert uns der Autor hier unterschiedliche Aspekte möglicher Konstellationen. Eigenes vermischt sich mit Gelesenem, Theoretisches mit Lebensklugem, wobei Goethes Werther oder Platons Symposion oft zitiert werden. Somit ist das Buch eine Art von Steinbruch an Gedanken. Unter den zutage geförderten Fragmenten finden sich einige Juwelen an Einsichten, aber sicher auch viel Nebensächliches und woanders auch schon – vielleicht besser – Beschriebenes. Da das Buch keine Systematik hat, sondern sich im freien Spiel der Gedanken bewegt, seien hier einige Gedankensplitter von Barthes aufgeführt, die vielleicht etwas beliebig daherkommen, dabei aber nur das im Buch Ausgeführte nachzeichnen und einen Eiblick geben mögen.

Das Selbstgespräch

Zum Themengebiet der Liebe gehört zum Beispiel das Selbstgespräch mit dem Abwesenden. Es entsteht ein Gefühl der Sehnsucht, ein Verlangen nach dem abwesenden Menschen, eine körperliche Begierde. Die Abwesenheit ist nicht einfach eine Leerstelle, sondern wird zur aktiven Praxis und Geschäftigkeit, weil bei demjenigen, der die Abwesenheit des Geliebten empfindet, eine Fiktion entsteht, in der viele Rollen auftreten können: Zweifel, Vorwürfe, Melancholie etc. Und dann keimen bei dem Liebenden manchmal auch noch seltsame Frage auf, wie die, ob er nicht weniger geliebt wird, als er selbst liebt. Abwesenheit gehört zur Urerfahrung des Menschen: man hat sich früh an die Abwesenheit der Mutter gewöhnt, eine leidlich ertragene Abwesenheit.

Anbetungswürdig

Der Geliebte ist anbetungswürdig, was die Griechen Charis nannten. Gemeint ist damit so etwas, wie das Leuchten der Augen, die schimmernde Schönheit des Körpers, Anmut und Anziehungskraft. Die Beschreibung einer solchen Faszination kann letzten Endes über die Aussage „ich bin fasziniert“ nicht hinausgehen, denn jede Beschreibung vernichtet eben die Faszination.

Das Ende

Am Ende einer Liebe entsteht die Suche nach einer Lösung aus den Fesseln der Liebe, die Suche nach Ausgängen und Ausbruchsversuchen. Welche Ideen gibt es hier: Idee des Selbstmordes, Idee der Trennung, Idee des Rückzugs, Idee der Reise, Idee des Opfers.

In jedem Fall sitzt der Liebende in der Falle, denn alles liegt außerhalb seiner Reichweite, er kann das System nicht alleine ändern, denn der Andere spielt immer mit in diesem Spiel. Auch wenn ich mir vorstelle, kein Liebender mehr zu sein, bin ich gefangen im Liebesspiel.

Wie war der Himmel blau

Diese Denkfigur bezieht sich auf die glückliche Zeit unmittelbar nach der ersten Verzückung, bevor sich noch die Komplikationen der Liebesbeziehung bemerkbar machen. Gemeint ist die Süße des Anfangs, die eigentliche Zeit der Idylle, die sich gegen die Fortsetzung sträubt. Die Fortsetzung ist die lange Schleifspur der Leiden, Verletzungen, Ängste, Nöte und Verzweiflung.

Der Unheilbare

Die öffentliche Meinung entwertet jede exzessive Kraft, wie die der Liebe, und drängt darauf, dass das Subjekt wieder gesund werden muss. Der Liebende muss der Welt einen Zoll entrichten, um sich wieder mit ihr zu versöhnen, indem er seine Liebesgeschichte im Privaten lässt. Denn die Welt tickt anders als der Liebende und stellt jede Unternehmung vor die Alternative: Erfolg oder Misserfolg, Sieg oder Niederlage, Anerkennung oder Nichtanerkennung. Was gibt es für die Welt Dümmeres als einen Liebenden? Daher wagt niemand mit seiner Liebe in die Öffentlichkeit zu treten. Wenn es dann doch einmal passiert, wie 2001, als der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping mit seiner neuen Freundin Gräfin Pilati im Pool plantschten, wirkt es peinlich. Die Liebe als Wert ist so unaufhörlich von Entwertung in der Welt bedroht. Zur Welt muss ich andere gute Beziehungen unterhalten, um als normal zu gelten. Mit anderen Worten: ich muss liebesfrei sein. Die Realität lieben? Welcher Ekel für den Liebenden.

Der Liebende beruft sich auf eine andere Logik: glücklich-sein oder unglücklich sein. Er lässt freudig verdrießliche Aufgaben, wie die Welt sie aufzwingt, zugunsten einer sinnlosen Aufgabe fahren. Er treibt insgeheim verrückte Dinge. Was die Liebe in ihm enthüllt, ist die Energie des Ich.

Illusion und Erwachen

Zur Liebe gehört auch die erste Irritation, das erste Erwachen aus der Illusion: da zeigt sich plötzlich eine kleine unschöne Stelle an der Nase des Anderen, ganz unscheinbar drängt sich etwas in die Liebesimagination: eine befremdliche Geste, ein Wort, ein Objekt, ein Kleidungsstück, von dem ich das nie vermutet hätte. Und das geliebte Wesen wird je in eine seichte Welt zurückversetzt. Ist der Andere wirklich so gewöhnlich? Und mit leichtem Schlag bin ich aus der Illusion erweckt.

Erfüllung

Der Liebende äußert den Wunsch und die Möglichkeit einer vollen Befriedigung der in der Liebesbeziehung vorausgesetzten Begierde und eines bruchlosen und gleichsam ewigen Erfolges dieser Beziehung. Was erfüllt mich denn so? Eine Totalität? Mein Herz will inwendig überfließen, ich fühle mich, ich bin erfüllt, ich bringe ein „zu viel“ hervor. Es findet eine Himmelfahrt des Imaginären statt: Jubel und Freude, die man mit Worten nicht beschreiben kann. Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder, Lust will sich selber, will Ewigkeit, will Wiederkunft, will „Alles-sich-ewig-gleich“. Der erfüllte Liebende hat daher kein Bedürfnis zu schreiben oder zu reproduzieren.

Hypnose

Die Liebe auf den ersten Blick ist Hypnose: ich bin von einem Bild fasziniert: zunächst erregt, elektrisiert, verwandelt, aufgewühlt, betäubt. Die Liebesleidenschaft ist ein Wahnzustand und die Erzählungen des Liebenden sind nur ein Produkt der Nachträglichkeit, eine Anamnese. Diese Erinnerung ist freilich pathetisch, punktuell und nicht philosophisch, diskursiv. Ich erinnere mich, um glücklich oder unglücklich zu sein, nicht um zu begreifen.

Liebe und Verliebtheit

Beides steht zueinander in einer heiklen Beziehung, denn wenn es richtig ist, dass Verliebtsein nichts Vergleichbarem ähnelt, so ist es doch auch wahr, dass es im Verliebtsein Liebe gibt. Wer kann diese Dialektik mit Erfolg bestehen? Wer außer der Frau, die hierzu alleine die Gabe hat?

Das Herz

Was ich weiß, kann jeder wissen, mein Herz aber habe ich allein. Anders formuliert: die Welt und Ich interessieren uns nicht für dasselbe, und zu meinem Unglück bin ich diese gespaltene Sache selbst, denn ich interessiere mich nicht für meinen Verstand, wenn ich verliebt bin. Die Welt aber interessiert sich nicht für mein Herz.

Ich liebe dich

Ist das erste Geständnis einmal abgelegt, besagt ein Ich-liebe-dich nichts weiteres mehr. Jede solche Aussage greift lediglich auf rätselhafte Weise die alte Botschaft wieder auf. Ich-liebe-dich ist nuancenlos. Diese Aussage hat nur in dem Augenblick Bedeutung, da ich sie ausspreche. Sie bietet keine andere Information als diese und keine Reserve des Sinnes.

Unsagbare Liebe

Zwei mächtige Mythen haben uns glauben gemacht, dass die Liebe zu ästhetischer Schöpfung sublimiert werden kann: der sokratische Mythos besagt: durch Liebe lassen sich viele schöne und herrliche Reden und Gedanken erzeugen. Und der romantische Mythos besagt: ich werde in der Liebe ein unsterbliches Werk hervorbringen. Die Gegenthese behauptet freilich, dass man in der Liebe von der eigentlichen Schöpfungskraft abgelenkt wird und überhaupt nichts schaffen kann. Liebe ist Liebe im Moment des Erlebens und sobald ich sie in Worte fassen will, ist sie nicht mehr die Liebe, von der die Worte reden.

August 2026