Eigene Traktate
Hier finden Sie Texte aus eigener Feder. Geschrieben sind diese zu unterschiedlichen Anlässen, mal kurz und bündig, mal etwas länger.
Vielleicht finden sie etwas inspirierendes für sich…
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Christopher Nolans „Odyssee“-Verfilmung
Der kurzweilige Film, immerhin drei Stunden lang, hinterlässt zwiespältige Gefühle, was meistens für die Qualität eines Filmes spricht. Zunächst haben mich die äußerst zahlreichen grausamen Filmszenen abgestoßen. Muss man das Töten von Menschen wirklich so „genüsslich“ präsentieren, wie hier? Weniger wäre hier mehr gewesen. Auch zeigt der Film starke Veränderungen des homerischen Epos, die wiederum interessant und vieldeutbar sind.
Zunächst fällt auf, dass das Filmepos einige unkonventionelle Rollenbesetzungen bietet. Die „weißarmige Helena“, deren Entführung nach Troja erst den Krieg auslöst, wird von der schwarzen, aus Kenia stammenden Lupita Nyong’o verkörpert, der Gefährte von Odysseus Eurylochos wird von Himesh Patel, einem indisch-stämmigen Schauspieler gespielt, und statt Achilles lässt Nolan den Charakter Sinon auftreten. Dem Film geht darüber hinaus die historische Authentizität ab, weil etwa Helme, Rüstungen, Kostüme oder Boote aus einer anderen Zeit sind.
Verfehlt der Film also den Geist des Originals? Das hängt natürlich von der Perspektive des Betrachters ab. Sicher ist, dass der Regisseur Nolan keine getreue Abbildung der Odyssee auf die Kinoleinwand zaubern wollte. Er hat den Stoff vielmehr adaptiert und in einer bewussten ästhetischen Entscheidung verwandelt.
Den titelgebenden Helden lässt er mit weniger Spritzigkeit und Findigkeit, weniger Tricksereien, Täuschungen und Betrügereien auftreten. Stattdessen zeigt der Film einen grübelnden Kriegsveteranen, der angesichts der von ihm mit zu verantwortenden Kriegsgräuel an einem schlechten Gewissen leidet. Der Film gewährt somit keinen Einblick in die uns heute fremd gewordene heroisch-tapfere Kriegsmentalität der Griechen zur Zeit Homers. Es sei daran erinnert, dass Homers Epos Ilias und Odyssee von den Griechen der Antike als deren Gründungsgeschichten verstanden wurden. Bei Nolan wird daraus eher ein Psychogramm der westlichen Schuldmentalität des 21. Jahrhunderts.
Homers Odysseus ist auf Ruhm und Beute bei der Plünderung Trojas aus. Nolans Film zeigt dagegen die Scham vor den grausamen Auswüchsen des Krieges, die sich nach der Eroberung Trojas in Raubzügen, Morden und Vergewaltigungen, kurzum in dem rasenden Furor offenbart. Bei Homer kehren Helden zurück in ihre Heimat, bei Nolan sind es desillusionierte Kriegsveteranen. Das zeigt, wie fremd jene antike Welt geworden ist. Es zeigt, dass wir heute weiter sind, weil wir die Schrecken des Krieges viel besser kennen – ohne freilich daraus etwas gelernt zu haben.
Im achten Gesang des Epos heißt es, dass Odysseus weinte als er einen Sänger über die Eroberung Trojas singen hörte. Wehmut ergreift den umherirrenden Helden ob der unwiderruflich vergangenen Größe früherer Tage. Nolan transponiert diese Tränen ins moralische, er verwandelt sie in Tränen der Scham und Trauer des reuigen Odysseus über das unbarmherzige Wüten der griechischen Soldaten nach dem Fall Trojas und der eigenen Mitschuld daran.
Die deutlichste Veränderung, die Nolan vornimmt, ist die, dass er die Figuren des Sinon und Antinoos zu einer eigenen Rahmenhandlung verwebt. Ein Geschehen, dass der homerische Epos nicht kennt. Antinoos betrügt Sinon um seinen Platz im Kriegsheer, d.h. Sinon tritt als ein Ersatzmann an die Stelle des Antinoos, der eigentlich zum Kriegsdienst ausgelost wird, aber aus Feigheit sein Los mit Sinon tauscht. Während Antinoos in Abwesenheit des Odysseus schändlich als Freier von Odysseus‘ Ehefrau Penelope auftritt, ereilt Sinon ein blutiges Schicksal am Strand von Troja. Am Ende rächt sich Odysseus an Antinoos für diesen traurigen Tod Sinons. Der Film weist das Gute und Böse eindeutig zwei Menschen zu, und schon im Äußeren (hell-dunkel) soll der Zuschauer diese Zuordnung eindeutig erkennen. So kennen wir es ja auch aus anderen Filmen, wie der Star-Wars-Saga. Die Botschaft, die uns Nolan vermitteln will, lautet kurz gefasst: Feigheit vor dem Krieg, bloßer Egoismus führt zu menschlicher Niedertracht, und Unrecht muss gerächt werden. In Homers Epos wäre eine solche Konstellation undenkbar gewesen, weil keiner auf die Idee gekommen wäre, sich dem heldenhaften Kriegsdienst zu verweigern.
Nolans Odysseus ahnt, dass seine gesamte Zivilisation im Untergang begriffen ist, als er mit ansehen muss, wie seine Soldaten in Troja über hilflose Frauen und Kinder herfallen und sie gnadenlos hinmetzeln. So etwas darf nicht sein, so etwas muss die Götter empören, so etwas wird sich früher oder später selbst gegen die grausamen Eroberer wenden. Was ich anderen antue, wird mir angetan. So verwundert weder das Schicksal des Agamemnon, der, als er nach Hause kommt, von seiner untreuen Gattin Klytaimnestra ermordet wird, noch das Schicksal der Gefährten des Odysseus, die alle sterben. Was bei Homer eine schicksalhafte Verstrickung ist, wird bei Nolan eine Antwort der Götter auf die Schuld, die sich die Griechen in Troja aufgeladen haben, weil sie sich gegen das überpositive, göttliche Gesetz gestellt haben. In Troja ist nicht nur die trojanische Zivilisation untergegangen, sondern mit ihr auch die der Griechen. Odysseus erkennt, dass er durch seine Kriegslisten selbst zur Auflösung dieses Gesetzes beigetragen hat.
Trotzdem kehrt Odysseus zurück in seine Heimat Ithaka mit der Absicht, die alte Ordnung wiederherzustellen, obwohl die Welt, die diese Ordnung trägt, im Niedergang begriffen ist. Entsprechend zeigen die letzten Szenen des Films, wie der Sohn Telemachos die Herrschaft übernimmt, während Odysseus und Penelope in den Westen segeln, also ins Exil gehen, um der gefallenen Soldaten zu gedenken.
Erstaunlich ist es, dass Nolan in seinem Film die Episode bei den Phäaken ganz auslässt. Wäre nicht ausgerechnet hier ein Ausweg aus dem ewigen Kriegsgemetzel und dem Kreislauf von böser Tat und Rache vorgezeichnet. Denn dieses Volk der Phäaken verkörpern das Gastrecht in idealer Weise. Eine Gastfreundschaft, die an der bloßen Menschlichkeit des Fremden anknüpft, ohne Vorbedingung und Vorbehalt. Es gilt das Gebot der Gastfreundschaft für beide Seiten, also den Gastgeber und den Gast. Darin drückt sich die gegenseitige Wertschätzung aus, die Anerkennung einer Würde ohne Verdienst.
August 2026