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Klaus Müller Dem Glauben Nachdenken

Aschendorff Verlag

272 Seiten

Dem Glauben nachdenken

Von Klaus Müller

Kaum ein Buch hat mich in letzter Zeit so sehr intellektuell angesprochen und gleichzeitig berührt wie dieses. Der Autor – Priester und emeritierter Professor für Fundamentaltheologie und Religionsphilosophie – vermag es nämlich, die Grundgedanken christlichen Glaubens auf den Punkt zu bringen und dabei den Zauber am Christentum leuchten zu lassen und diesen Glauben gleichzeitig rational zu befragen, ohne sich in allzu spitzfindige Details zu verlieren. Und dabei liest sich das Buch auch noch erstaunlich gut. Außerordentlich selten ist es, wenn ein Buch die Mitte halten kann zwischen einer begründungsresistenten emotionalen Betroffenheitsliteratur und einem staubtrockenen theologischen Diskurs. Mich fasziniert dieses Buch aber auch, weil man dem Autor eine lebenslange intensive Beschäftigung mit seinem Thema anmerkt. So strahlt es eine reife und souveräne Beherrschung des Stoffes aus, ja, es ist nicht zu viel gesagt, wenn man feststellt, dass das Buch Weisheit ausstrahlt.

Klaus Müllers Ansatz kann man als Andacht des Denkens beschreiben, die darin besteht, den Fragen nicht auszuweichen, die sich an den Grenzen der Vernunft stellen. Er unternimmt es, die vielen geschichtlichen Facetten der Frage nach Gott aufzunehmen, aus heutiger Sicht einzuordnen und Stellung zu nehmen. Der Bogen spannt sich so vom Apostel Paulus bis in die heutige Diskussion um Ratzinger/Habermas und Dieter Henrich. Sicherlich -eine weite Spanne, die aber kein Sammelsurium ergibt, sondern einen wirklich fundierten Überblick des europäisch-theologischen Nachdenkens über Gott. In 10 Kapiteln durchpflügt der Autor den Resonanzraum von Vernunft und Glauben. Es sind gewichtige Kapitel, die teilweise originell komponiert sind, zum Ende hin auch etwas knapper und zeitkritischer ausfallen. Zusammengenommen kann man das Buch auch als Einführung ins Christentum unter den Bedingungen der Spätmoderne lesen.

Es ist hier unmöglich, den Reichtum an Gedanken, die das Buch enthält, auch nur ansatzweise aufzuzeigen. Man muss es einfach selbst lesen. Wohl aber will ich hier einige wenige Anmerkungen zu den 10 Kapiteln machen.

  1. Ein Gang durch die Bibel in vier Schritten

Originell ist die Idee, dem Leser die Bibel in vier Kernaussagen näher zu bringen. So beginnt es am Anfang mit Genesis 2,4. Es wird gezeigt, dass die Bibel kein Märchenbuch für geistig zurückgebliebene Naivlinge ist, sondern unser Leben im Kern anspricht. Wenn es etwa in der biblischen Schöpfungsgeschichte heißt, dass Gott den Menschen aus Erde getöpfert und ihm den Lebensatem eingeblasen hat, dann verweist dies darauf, dass der Mensch als Schnittpunkt von Erde und Himmel zu verstehen ist, wo beide sich ineinander verweben. Sie zeigt zugleich Gottes Fürsorge um sein Geschöpf und wie er harmonisch alles geschaffen hat.

Der Rauswurf aus dem Paradies wird nicht als unverständliche Tat Gottes gebrandmarkt und Adam und Evas Handeln nicht als schweres Verbrechen gegen ein göttliches Gebot verstanden, wofür wir alle büßen müssen. Diese Erzählung des Alten Testaments macht vielmehr begreiflich, wie unsere Angst vor Gott aufgebrochen ist. Das verlorene Paradies ist der Preis dafür, nicht mehr wie ein Kind aufgehoben sein zu wollen in Gott. Dieser Grundkonflikt zwischen Vertrauen und Misstrauen in den Grund des Lebens, zwischen Glaube und Angst, zwischen Gnade und Sünde, sei es, so der Autor, der hier erzählt wird.

Auch die Mose-Geschichte wird verständlich erklärt. Gott schenkt dem Mose als Antwort auf seinen Zweifel seinen Namen. Gottes Name ist Gottes Wesen, das darin besteht immer da zu sein für den Menschen. Und die Flucht aus Ägypten schildert in Wirklichkeit die Dramatik der Kämpfe, in die ein Mensch gerät, der sich aus Gottvertrauen entschlossen hat, sich aus der Versklavung seines Lebens zu befreien. Wenn immer wieder die Abwendung Israels von Gott erzählt wird, dann sind in Wirklichkeit wir damit gemeint. Wir, die wir immer in der Gefahr stehen, uns von ihm abzuwenden und irgendwelchen Götzenbildern hinterherzulaufen.

  1. Das Glaubensbekenntnis durchmessen

Wie kann ich von Gott reden? Einmal, indem man die positiven Aussagen sozusagen immer wieder als letztlich doch ungenügend durchstreicht, oder indem man via negativa redet, also darüber redet, was Gott nicht ist, oder aber indem man in überschießender Rede von einem Gott der Fülle redet. Jede Rede von Gott erfolgt in einem Wissen, dass positive Gottrede unzureichend ist. Daher meinen Atheisten, wovon man hier redet, sei sinnlos oder gar Ausdruck von Infantilität. Ein Christ dagegen kann gar nicht anders als von seinem Gott zu reden, denn er ist von einer Gotteserfahrung, in der er etwas für ihn einmalig Beglückendes gefunden hat, hingerissen. „Ich glaube an Gott, den Vater …“, ist daher nicht ein Lehrsatz, sondern ein Lobpreis. Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass der inflationäre Gebrauch des Gotteswortes bei dem ein oder anderen Christen nicht dessen Unbedingtheit vermittelt, sondern sie eher aushöhlt. Wer nicht zu schweigen gelernt hat, darf eigentlich nicht von Gott sprechen, so wird Bischof Kamphaus zitiert.

Der Christ versteht jedenfalls alles, was ist, aus einem es ermöglichenden letzten und tragenden Grund, der nicht abstrakt ist, sondern in einem lebendigen Bezug zum eigenen Leben steht. Der Gott der Christen hat uns Menschen in seiner Souveränität frei gelassen in unsere Eigenständigkeit, die auch dazu führen kann, dass wir an ihn nicht mehr zu glauben vermögen.

Aber ist Gott wirklich gut und allmächtig, wenn er eine Welt ins Dasein ruft, in der Kinder mit offenem Rückenmark geboren werden? So klagt Klaus Müller. Für ihn ist die Theodizeefrage schlüssig in der biblischen Antwort Hiobs beantwortet. Am Ende ist alles bis zum letzten Staubkorn hinab von Gott gewollt. Deshalb darf ich dann auch darauf setzen, dass das auch für mein Leben gilt, auch dort noch, wo alles unerträglich wird.

Jesus als Zentrum des Christentums:

Das entscheidende, dass es von Gott zu wissen gibt, ist durch Jesus und sein Leben ausgesprochen worden. Denn mit ihm bricht das Reich Gottes an, wo die Welt absolut wieder so wird, wie Gott sie im Anfang gemeint hat. Wo auch der Mensch ganz er selbst und in Übereinstimmung mit seinem Wesen sein kann und geborgen ist in dem, was der gönnende Geber Gott ihm schenkt. In Jesus begegnet uns das Reich Gottes, insofern er in seinem Dasein absolut mit Gott und darum mit sich versöhnt ist. In ihm vermittelt sich die für jeden gültige Einsicht: auch wenn ich nicht mehr als ein Staubkorn in der Unermesslichkeit des Kosmos wiege, ist es trotzdem gut mit mir, so wie es ist. Und in der Ostererfahrung erfahre ich, dass ich selbst in meiner unvertretbaren Besonderheit in Gott so gewiss erhalten bleiben werde, wie ich irdisch vergänglich bin. So beginnt mitten in der tiefsten Nacht des Kreuzes die österliche Hoffnung zu leuchten. Gott hält mein Leben mitsamt dem Sterben in seiner Hand. Darum muss mich das Ende nicht ängstigen, weil ich auch am Ende bei Gott lebendig bleibe. Das ist die Verheißung der Osternacht. Gottvertrauen heißt darum im Tiefsten: ich glaube an eine Innenseite meines Lebens, die an die Ewigkeit rührt.

Schuld und Strafe:

Klaus Müller trägt eine kleine Erzählung von Astrid Lindgren vor: der kleine Sohn stellte etwas an, wofür er eine Tracht Prügel verdient hatte, so die Mutter. Die Mutter befahl ihrem Kind, in den Garten zu gehen und selber einen Stock zu suchen. Der Junge blieb lange draußen und kam schließlich weinend zurück und sagte, „ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein. Damit kannst du mir genauso weh tun.“ Da fing auch die Mutter zu weinen an.

Was zeigt uns diese Geschichte? Die Schuld eines Menschen kann mit Strafe nie und nimmer aufgehoben werden, geschweige denn gutgemacht werden. Dies erinnert an die Geschichte von der Ehebrecherin im Neuen Testament: „wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als erster den Stein auf sie.“ Die frohe Botschaft heißt: Jesus geht auf die Ehebrecherin zu und nimmt sie vollmächtig in die Gottesgemeinschaft auf. Und er vertraut darauf, dass solche Sündenvergebung die Frau im Innersten trifft und zur Umkehr bewegt. Umkehr geschieht also nicht als Bedingung, sondern als Folge der Vergebung. Die Vergebung befreit die Frau aus ihrer Verstrickung. Sündenvergebung ist tief verwurzelt im christlichen Glauben und notwendig, um den Kreislauf von Schuld und Strafe zu durchbrechen und den Schuldigen aus seiner Verstrickung zu befreien.

Auch „Sterben und Auferstehung“ wird begreiflich und aus dem Bereich des Absurden herausgeholt, wenn der Autor ausführt, dass der Mensch eine Innenseite hat, die ans Ewige rührt, trotz seiner materiellen Vergänglichkeit. Das schließt so etwas wie einen „Ort“ ein, den man denken kann, wo alles, was geschieht, in seinem Gewesen-Sein für immer aufgehoben ist.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass der Autor sich an die schwierigen und heiklen christlichen Themen heran traut. Was er zu sagen hat, kann eigentlich von jedem unvoreingenommenen und reflektierten Menschen – sei er Christ oder nicht – gut nachvollzogen werden. Ob man daran glaubt, ist eine andere Frage.

  1. Glauben und Denken

Philosophisch können wir den möglichen Anspruch eines Unbedingten immer nur als Echo im Medium unserer endlichen Vernunft vernehmen. Und die Rede von Gott ist nur möglich, weil es ungeachtet aller Differenz zwischen Gott und Mensch einen Punkt gibt, da das Unterschiedene sich berührt, in eins schwingt, weil wir sonst in unserer Endlichkeit schlichtweg nichts wüssten von dem ganz Anderen. In diesem Lidschlag der Berührung mit diesem Gott stehen wir ihm nicht fern, sondern bewegen uns in ihm und leben in ihm, weil außer ihm gar nichts sein kann. Gott ist etwas, was mich im Innersten meines Daseins meint und anrührt. Und dies ist nicht mehr „reine“ Philosophie, sondern eine ganzheitliche menschliche Erfahrungswirklichkeit.

Das Besondere der christlichen Theologie besteht darin, dass das religiöse Bekenntnis von Anfang an intensiv die Nähe der Vernunft sucht, ausgehend von 1 Petrus 4,15: seit alle Zeit bereit zur Verantwortung jedem gegenüber, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch lebt. Der Autor skizziert die Paulinische Option: Christus ist als Gekreuzigter für die Juden ein empörendes Ärgernis, für die Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber Gottes Weisheit, denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen. Paulus wertet die menschliche Weisheit der Nichtchristen gegenüber der göttlichen ab. Mit Bezug auf das Neue Testament lässt sich aber auch eine johanneische Option herauslesen: im Anfang war der Logos, das bedeutet die Zusammenführung von Weisheit und Wahrheit. Wenn Jesus mit dem fleischgewordenen Logos verbunden wird, dann bedeutet das für den Gläubigen, indem er sich im Glauben zu Jesus Christus bekennt, bekennt er sich zugleich zur Wahrheit. Glaube und Vernunft sind also nicht unterschieden, weil sich im Logos des Menschen irgendwie auch der göttliche Logos zeigt.

Später entwickelt Anselm von Canterbury in seinem Buch Proslogion, dem Grundsatz fides quaerens intellectum folgend, einen ontologischen Gottesbeweis: wenn nichts größeres als Gott gedacht werden kann, dann muss er auch den Begriff der Existenz in sich enthalten. Also enthält der Begriff Gottes in sich die Existenz. Dieser „Beweis“ wurde nicht erst von Kant, sondern bereits von Thomas von Aquin kritisiert: es könnte sich um eine Täuschung des Denkens handeln, der keine Wirklichkeit entspricht. Vernunft, so der Aquinate, ersetzt daher nicht den Akt des Glaubens. Der „Alleszermalmer“ Kant dagegen, argumentiert viele Jahrhunderte später erkenntnistheoretisch: wo keine sinnlichen Erfahrungen gegeben sind, da kann es auch keine Erkenntnis geben. Gott kann also nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden, weil er nicht ein sinnlich erfahrbares Seiendes ist.

Der Gottesbegriff bekommt freilich in der praktischen Philosophie bei Kant wieder eine eigenständige Bedeutung, denn die Bindung allen Handelns an eine unbedingte Norm ist der Vernunft selbst so direkt und fundamental eingeschrieben, dass sie nicht aus der Erfahrungswelt kommen kann. Die Unmittelbarkeit der Erfahrung der vom Sittengesetz ausgehenden Verpflichtung ist keine Erfahrung, die auf sinnlicher Erfahrung beruht. Der Autor zeigt, dass Kant gegen den logischen Gott der Gottesbeweise einen Gottesgedanken aus dem existenziellen Zentrum des Subjekts, entwickelt.

Wenn sittliches Handeln darüber hinaus vernünftig sein soll, muss es einen Gott geben, der dafür sorgt, dass Moral und Glück in Einklang sind. Das kantische Gottespostulat kommt für die Hoffnung auf, dass eine Vernunft, die sich frei an das Sittengesetz bindet, auch auf das Lebensglück vertrauen darf, d.h. dass es vernünftig ist, an eine letzte Gerechtigkeit zu glauben, die Sittlichkeit und Glück in Einklang bringt. Denn wenn es den moralisch postulierten Gott nicht gibt, ist alle Erfahrung sittlichen Sollens durch und durch absurd. D. h. die menschliche Vernunft dürfte sich gerade dort nicht über den Weg trauen, wo sie sich selbst am unmittelbarsten gewahr wird. Dann könnte man sich nur noch betäuben oder verzweifeln.

Der Autor zeichnet dann den Komplex „Vernunft und Glaube“ bis in unsere Zeit nach, bis zu Josef Ratzinger und Jürgen Habermas sowie Dieter Henrich und Johannes Paul II mit seiner Enzyklika Fides et Ratio. Nur um hier noch auf Josef Ratzinger einzugehen: dieser macht sich dafür stark, dass der christliche Gottesbegriff aus sich heraus auf eine vernunftgemäße Explikation hindrängt. Bei der Zusammenführung von Vernunft und Glaube handelt es sich demnach nicht um eine Verfremdung der christlichen Grundbotschaft durch das griechisch- philosophische Denken in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende, sondern bei der Vernunft-Glaube-Verschränkung handelt es sich um eine geschichtliche Konvergenz beider Traditionen, die vom christlichen Gottesbegriff getragen ist.

  1. Atheismus zwischen Klischee und Provokation

Erstaunlich ist es, dass der erste wirklich argumentativ ausgefaltete Atheismus auf Ludwig Feuerbach zurückgeht. Das Buch durchleuchtet an einigen markanten Beispielen, dass der Atheismus oft auf Missverständnissen beruht. Das Bild des zürnenden Gottes ist so eines. Denn es handelt sich um ein menschlich-affektives Bild von Gott und zeigt ihn als einen, der an den Menschen verzweifelt. So wie Eltern zornig werden, wenn ihre Kinder „dumme Sachen“ machen. Diesem Zorn liegt aber in Wirklichkeit die Liebe zu den eigenen Kindern zugrunde. Wer diese Liebe ausblendet und nur den zornigen Gott wahrnimmt, sieht irgendetwas, aber jedenfalls nicht Gott.

Die affektive Rede über Gott ist uns Menschen erlaubt und nicht unvernünftig. Diese muss freilich immer wieder kritisch reflektiert und in eine zweite Naivität überführt werden. Diese besteht darin, mit heiligen Texten so umzugehen, als ob sie wahr seien. Natürlich ist nicht alles, was da geschrieben steht, buchstäblich gemeint, sondern als affektive Rede über Gott zu verstehen. Es gibt anthropomorphe Metaphern, die der kritischen Aufklärung bedürfen und dennoch wahres sagen.

Am Beispiel des Joseph-Romans von Thomas Mann skizziert der Autor, was er meint. Die zweite Naivität heißt nicht einfach nur eine Geschichte als „wahr“ zu erzählen, sondern auch das Erzähltwerden zu erzählen. In jenem Roman wird so die Erzählung der Bibel erzählt und erzählerisch eine Doppelgeschichte eines wechselseitigen Selbstwerdens Gottes und des Menschen entfaltet. Abraham hat Gott entdeckt aus dem Drang zu einem höchsten Wesen, in dem das beunruhigende und beängstigende Leben in dem Einen und Bekannten aufgehoben ist. Abraham hat diesen Gott weiter ausgeformt und hervorgedacht, in seinem Geist also erschaffen. Gleichzeitig wird diese Schöpfung durch Abraham als eine Entdeckung Gottes erzählt, d.h. als eine Selbstentfaltung Gottes in Abraham. Die Lesart des zürnenden Gottes in der zweiten Naivität besagt also, dass es der Mensch selbst ist, der das Zürnende in Gott hinein legt, weil Gott es selbst so will, um zu zeigen, dass er das Wohl und Wehe des Menschen will.

  1. Die Ironie

Dieses Kapitel erwartet man nicht in einem theologisch-philosophischen Buch. Aber auch hier zeigt sich der übergreifende Blick des Autors, denn die Begrenztheit menschlicher Rede von Gott führt für ihn notwendig zum Phänomen des ironischen Sprechens. Ironie ist der Wahrheitsanspruch, der aus dem Wissen um seine Grenze die Demut kennt.

  1. Kirche unterwegs in die Welten von morgen

In den letzten Kapiteln des Buches nähern wir uns der Moderne an. So erinnert der Autor an den ursprünglichen Begriff, aus dem unser Begriff der Pfarrei herkommt. Es ist das griechische paroikia, das ursprünglich Fremde oder Heimatlosigkeit bedeutet. In dieser Welt fremd zu sein, charakterisiert die ersten Christen. Wir sollten uns daher wieder aufmachen  in die Fremde, ins Nicht-Daheimsein. Pfarrei bedeutet nicht, das Bisherige und was rings um uns gesellschaftlich passiert, bloß zu wiederholen und auch nicht bloß in dem zu verharren, was angeblich immer schon so war.

Christen sind Christen nur dadurch, dass sie beharrlich nach Gott fragen. Aber das Evangelium ist nicht darauf aus, uns unsere Fragen endgültig zu beantworten. Stattdessen fordert es uns auf, manche unserer Fragen fallen zu lassen und andere, ganz andere zu stellen.

Dabei hat die Suche nach Gott und das Nachdenken zutiefst zu tun mit unseren Vorstellungen, mit Fantasien und Träumen und mit unserer Sprache, also dem, was aus dem Innersten der Menschenseele hervorgeht. Aber diese Quelle geistiger Vitualität wird heute verschüttet durch die Masse künstlicher Bilder, der Bilder aus den Medien, die auf uns eindringen und uns überfluten, wir werden sprach- und erzählunfähig. Auf die neuesten Entwicklungen durch KI geht der Autor nicht mehr ein. Aber sie verheißen nichts Gutes.

  1. Werte in der Diskussion

Wie weit der Autor blickt, zeigt sich auch hier, denn er nimmt auch noch die Diskursethik Karl-Otto Apels und Jürgen Habermas‘ mit auf. Die Achillesferse kommunikativer Ethik zeigt sich nach seiner Meinung darin, dass heute alles verhandelbar geworden ist. Alles ist in Ordnung, solange es zwischen den involvierten Partnern korrekt ausgehandelt ist in einer radikalen Rationalisierung der Kommunikation. Wo durch Verhandlung moralisch alles möglich wird, ist eigentlich auch alles egal, darum binnen kürzester Zeit auch langweilig. So sind auch perverse sexuelle Praktiken unter Erwachsenen, die unter ihnen einvernehmlich erfolgen, moralisch erlaubt. Sind sie es wirklich?

  1. Über die Kunst christlicher Subjektwertung

Das eigene Individuell-Einmalige und der Glaube an einen christlichen Gott sind keine Gegensätze, wie viele meinen. Bereits seit Augustinus, der die subjektive Gotteserfahrung in den Vordergrund rückt, setzt die radikale Wendung nach Innen ein. Ohne ein wirklich in sich stehendes Selbstverhältnis gibt es kein Verhältnis zu anderen und auch nicht zu dem ganz anderen, den wir Gott nennen. Moderne Gedanken verbinden sich also durchaus mit christlichem Gedankengut bzw. entspringen sogar aus ihm.

  1. Zur Geschichtlichkeit des Glaubens

In diesem Abschnitt skizziert der Autor, dass ein unbedingter Gedanke, ein Begriff unbedingten Sinnes denkbar ist, und eben nicht alles in beliebig-Relatives abgleiten muss. Auch dies eine Frage, die ganze Bücher füllen kann.

  1. Die Religionen und die Vernunft

Dieter Henrich kommt im letzten Kapitel des Buches zu Wort. Ein bewusstes Leben findet sich immer mit einer Doppelerfahrung konfrontiert, es ist einerseits etwas ganz und gar Einmaliges, Unvertretbares gegenüber aller Welt, zugleich aber nur eine der Entitäten unter den zahllosen Seienden in dieser Welt. Ein Tropfen im Meer, ein Staubkorn. Was fehlte denn dem Universum, wenn ich nicht wäre? So viel wie nichts und trotzdem etwas Unersetzbares, meine Einmaligkeit. Dieter Henrich meint, man müsse zumindest einen gewissen Grad von Absurdität der eigenen Existenz anerkennen. Ein bewusst geführtes Leben bedeutet aber auch immer, ein Selbstbewusstsein, ein stabiles Selbstverhältnis zu finden: trotz alledem, dass wir nur wie ein Staubkorn sind in der Welt. Die Eindeutigkeit der Selbstorientierung als bedeutsamer Ort in einem wohl verstandenen Ganzen. Mit diesem modernen selbstbewusstseinstheoretischen Zugriff auf das Phänomen der Religion endet das Buch.

Es beleuchtet das Phänomen des Glaubens und Gottes von vielen verschiedenen Seiten, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, aus der Sicht der Poesie und Literatur, der Mystik und Vernunft, der Theologie und Philosophie, der Gläubigen und Atheisten. Der Leser gewinnt eine Ahnung davon, wie unermesslich reichhaltig der Gedankenkomplex ist, der durch Glaube und Religion, Vernunft und Philosophie aufgespannt wird.

Juli 2026