Spannende Werke warten auf Sie

Buchtipps


Wir laden Sie ein, an unseren gemeinsamen Veranstaltungen, Reisen und Lesungen an besonderen Orten, teilzunehmen. Weiteres erfahren Sie in der jeweiligen Veranstaltungsbeschreibung.

Todtnauberg

dtv Verlagsgesellschaft

352 Seiten

Todtnauberg

Von Hans-Peter Kunisch

Im Juli des Jahres 1967 kommt es zu einem Treffen des Philosophen Martin Heidegger mit dem Dichter Paul Celan in Freiburg und Todtnauberg. In diesem gut lesbaren Buch beschreibt der Autor ausführlich diese Begegnung und es gelingt ihm hiervon ausgehend scheinwerferartig die Biographie beider Personen konzentriert auszuleuchten. Natürlich ist das keine vollumfängliche Biographie, auch die Werke bleiben dabei weitgehend ausgeblendet, aber dem Autor gelingt es gut, die Charaktere der beiden eindrücklich zu schildern.

Hans-Peter Kunisch studierte in München bei dem Germanisten Gerhard Neumann. Und dieser Mann war damals der Fahrer des Wagens, der die beiden nach Todtnauberg brachte und der diese seltsame Begegnung in seinen Erinnerungen schildert. Wenn manche Passagen in dem Buch den Eindruck erwecken, als sei der Autor selbst bei der Begegnung dabei gewesen, bezieht er sich meist auf diese Erinnerungen.

Was erfahren wir über den Menschen Celan? Er muss sich wohl in einer tiefen Lebenskrise befunden haben, denn Claire Goll machte ihm öffentlich Plagiatsvorwürfe, die ihn tief getroffen haben. Es heißt von ihm, er sei gleichzeitig schüchtern und sehr stolz von seiner Mission als Dichter überzeugt. Ihn zeichnete eine Unruhe aus, die es ihm schwer machte, auf Menschen zuzugehen. Celan wurde schließlich sogar in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, nachdem er 1965 versucht hat, seine Frau Gisele umzubringen. Celans Wirkung auf andere wird so beschrieben: „er ist jemand, von dem man sich tagelang nicht erholt. Das ist im guten Sinne gemeint. Man fühlt sich gefordert“ und dabei wird einem die eigene Gewöhnlichkeit sehr bewusst. Celan braucht übrigens Frauen wie Zigaretten. Auch Heideggers Liebschaften sind ja inzwischen hinreichend bekannt.

Auch von Martin Heidegger erfahren wir wenig Schmeichelhaftes. Er sei schwer berechenbar, Scheu und überheblich zugleich. Ein Mann, der in der einen Situation instinktsicher wirkt und in einer anderen fremd und unbeholfen. Mal gibt sich Heidegger im Kreis seiner Besucher wie ein „irrer Kauz“, ein andermal wie ein bedeutender, zurückhaltender Gelehrter. Ganz offensichtlich – so heißt es – nutzt dieser Schauspieler die jeweilige Bühne, die ihm geboten wird. Celan merkt einmal an, dass Heidegger ein hochempfindlicher, unsteter und explosiver Charakter sei. Und der Philosoph Karl Löwith beschreibt seinen universitären Lehrer besonders eindrücklich wie folgt: Heidegger habe einen nie anblicken können, mit offenem Blick und auf längere Zeit. Seine niedergeschlagenen Augen blickten nur ab und zu sekundenlang auf, um sich der Situation zu vergewissern. Charakterlich sei ihm die Aufrichtigkeit im Verkehr mit anderen versagt gewesen. „Natürlich war ihm dagegen der Ausdruck eines vorsichtigen, bauernschlauen Misstrauens.“ Überhaupt ist es eine Charaktereigenschaft Heideggers gewesen, so der Autor, dass er immer, wenn er Erwartungen spürte, sofort das Bedürfnis erwachte, das Gegenteil zu äußern. Immer auf der Hut, nicht Mainstream zu sein.

Wie dem auch sei: Dichter und Denker schätzen die Werke des anderen. Heideggers Satz, „das Gespräch des Denkens mit dem Dichten geht darauf, das Wesen der Sprache hervorzurufen, damit die Sterblichen wieder lernen, in der Sprache zu wohnen“, sei eine der Stellen, bei denen Celan Heidegger umarmen möchte, so der Autor.

Beide wünschten seit langem einander kennen zu lernen. Die Zusammenkunft kommt schließlich auf Vermittlung des Freiburger Germanisten Gerhart Baumann zustande. Celan darf die Anstalt verlassen, um am 24. Juli 1967 in Freiburg eine Lesung im großen Hörsaal der Universität vor 1.200 Zuhörern zu halten, bei der Heidegger in der ersten Reihe sitzt. Am darauf folgenden Tag fahren beide hinauf nach Todtnauberg zur „Hütte“ der Familie Heidegger.

Brisant ist die Begegnung deshalb, weil Celans Eltern im KZ umgekommen sind und Heidegger zeitweise Anhänger der Nationalsozialisten war und öffentlich niemals Reue zu seiner NS-Verstrickung gezeigt hat. Celan erwartet von Heidegger bei dem Treffen ein klärendes Wort zu seinem NS-Engagement in den 30er Jahren. 1934 hatte Heidegger seine berüchtigte Rektoratsrede gehalten. Fotos von dem Treffen im Juli 1967 gibt es auf Betreiben Celans übrigens keine, weil er sehr darauf bedacht ist, von Heidegger nicht instrumentalisiert zu werden. Es ist schon vorher klar, dass es ein schwieriges Gespräch und kein freundschaftlicher Austausch werden kann.

Im VW-Käfer geht es nun also hinauf auf das ca. 1.100 Meter hoch gelegene Todtnauberg auf den Parkplatz Ratschert, nur wenige hundert Meter von Heideggers Hütte entfernt. Der oben erwähnte Gerhard Neumann ist als Fahrer des Autos einziger Zeuge für das Gespräch der beiden im Auto. Es ist der 25. Juli 1967. Neumann schreibt später, dass er vor Heidegger eine noch viel größere scheu als vor Celan hatte. „Ich glaube, dass ich, trotz mehrerer Begegnungen, nie ein Wort mit Heidegger gewechselt habe.“

Da sich in dem Buch keine Quellenangaben finden, kann der Leser leider nicht nachvollziehen, was in Quellen steht und was der Autor frei hinzugefügt hat. So legt er Celan die Frage in den Mund, ob Heidegger aus der Vergangenheit gelernt habe. Es habe, so Neumann, lange Zeit drückendes Schweigen zwischen den beiden im Auto geherrscht. Dann soll Celan gesagt haben: „Herr Heidegger, meine Mutter ist mit einem Genickschuss in einem deutschen Lager umgebracht worden, mein Vater ist im selben Lager an Typhus gestorben. Millionen Menschen sind auf diese und andere Weise ermordet worden. Wissen Sie, wer da neben Ihnen sitzt?“ Als er diese Worte Celans vernommen hatte, sei Neumann zusammengezuckt. Hatte er das wirklich gehört? Oder könnte es so gewesen sein?

Celan schreibt dann ins Hüttenbuch die bekannten Sätze: „… mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen, am 25 Juli 1967 Paul Celan.“ In Frankfurt wird er dann einige Tage später sein Gedicht „Todtnauberg“ schreiben. Celan beschreibt gegenüber seiner Frau das Gespräch im Auto wie folgt: es kam zu einem ernsten Gespräch, bei dem ich klare Worte gebraucht habe. Ich hoffe, dass Heidegger zur Feder greifen und einiges schreiben wird.

Für Celan muss das Zusammentreffen mit dem Philosophen aber eine große Enttäuschung gewesen sein, nicht nur, weil sich Heidegger bedeckt gehalten hat, sondern v.a. aufgrund seines späteren Briefes an ihn. Heideggers höfliche und freundliche Antwort ist nicht das, was er erwartet hat. Heidegger schreibt nämlich: „Seitdem haben wir vieles einander zu geschwiegen. Ich denke, dass einiges noch eines Tages im Gespräch aus dem Ungesprochenen gelöst wird.“ Wie bewertet der Autor den Brief? Ein halbes Bekenntnis zu gar nichts, in dem sich Heidegger gleich wieder rechtfertigt. Der Brief zeigt, dass er sich – wie so oft – in eine Verantwortungslosigkeit ohne handelndes Subjekt zurück zieht. Stattdessen geht er in nichtssagendes Geplauder über. Auch der Fahrer Neumann schreibt in seinen Erinnerungen: „es ist beschämend, seine brieflichen Äußerungen in dem späteren Dankschreiben, dass er verfasst und Celan sendet, zu lesen. Er redet auf klägliche Art und Weise um das Schweigen, das ein Verschweigen ist, herum.“

Beide Positionen sind am Ende unvereinbar. Während Celan „unerbittlich“ eine konkrete Stellungnahme Heideggers zu seinen Verfehlungen einfordert, hält sich dieser sein fast vollständiges Schweigen zu den eigenen Reden und Taten im Dritten Reich zugute und setzt es ab vom „widerlichen“ und „opportunistischen“ Gebaren der Wendehälse.

In seinem Gedicht „Todtnauberg“ schreibt Celan von dem Kruden, später im Fahren, weil er uneinsichtige, einsichtslose Erklärungsversuche für sein Verhalten während der Nazizeit von Heidegger zu hören bekommt. Das dieser erschreckend uneinsichtig und selbstgerecht ist, wird bereits in seinem Brief vom 20. Januar 1948 an Herbert Marcuse deutlich. Er verteidigt dort seine Rektoratsrede und meint lediglich, dass einige Sätze darin heute als Entgleisung anzusehen seien. Das ist alles.

Krude – um das Wort Celans aufzugreifen sind auch Heideggers peinlich-deplatzierte Vergleiche, wie dieser: „Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, vom Wesen dasselbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern.“

Heideggers beschämende Rektoratsrede war ein Marschbefehl, nichts sonst. Und sein Auftreten in den Jahren 1933-1934 großspurige Pose und Aufruf zur heroischen Kraftanstrengung. Vielleicht lässt sich dieses Andienen an die Nazis dadurch erklären, dass er schon von Beginn seiner Hochschulkarriere auf ein Image als universitärer Außenseiter in der Öffentlichkeit geachtet hat, obwohl er doch aus finanziellen Gründen, viel Wert auf eine Anstellung an der Universität legte und dort ja auch Jahrzehnte wirkte.

Zu diesem inszenierten Außenseitertum gehört auch seine Selbststilisierung als ein bodenständiger Mensch mit großer Nähe zu den Bauern in seinem Umfeld. Der Autor stützt sich hier auf den wirklich bodenständigen Zeitzeugen, nämlich den über 80 Jahre alten Enkel des Brender Bauern, zu dem Heidegger damals näheren Kontakt hatte. Ist es Heidegger wirklich gelungen, je anders denn als Städter zu gelten, der, wenn er Zeit hat und Ruhe sucht, aufs Land kommt? Es hat schon etwas komisch ausgesehen, dass er mit der Krawatte durchs Dorf gezogen ist, so der Enkel des Brender Bauern.

Nicht so eindeutig ist Heideggers Verhalten zu Juden. Zwar unterliegt er dem Klischee von einem geheimnisvoll- machtvollen „Weltjudentum“ und bereits vor 1933 setzte er große Hoffnungen auf Hitler als „Führer“ einer neuen Bewegung. Das bezeugen die veröffentlichten Briefe an seinen Bruder Fritz, der hier viel klarer gesehen hat. Er sah die Hoffnung auf die Rettung Europas und der „abendländischen Kultur“ ausgerechnet in den Nazis. Jedoch war Heidegger kein militanter persönlicher Judenhasser. Dies zeigt sein teilweise gutes Verhältnis zu seinen jüdischen Schülern. Im Alltag orientierte er sich offenbar eher pragmatisch: gute Studenten sind gute Studenten, schöne Frauen sind schöne Frauen. Die eigentliche Schande an Heideggers Position in der Judenfrage ist die, dass er sich nie öffentlich entschieden zum Holocaust geäußert hat.

Juli 2026