Eigene Traktate
Hier finden Sie Texte aus eigener Feder. Geschrieben sind diese zu unterschiedlichen Anlässen, mal kurz und bündig, mal etwas länger.
Vielleicht finden sie etwas inspirierendes für sich…
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Marie Antoinette
Ein musikalisches Schauspiel nach Stefan Zweig am Schauspielhaus Salzburg
Wer am Wiener Burgtheater die Inszenierung „Schachnovelle“ von Stefan Zweig sehen durfte, der erkennt in diesem neuen Drama sofort die Handschrift von Nils Strunk und Lukas Schrenk wieder. Für die Dramatisierung des neuen Stoffes haben sie nun die Schauspielerkollegin Klara Wördemann mit ins Boot geholt. Ihr Stil zeichnet sich aus durch die Nähe zu Stefan Zweigs Texten, musikalische Elemente, rasante Abläufe, den ständigen Szenenwechsel auf der Bühne, eine tüchtige Portion Humor und einen behutsamen Einbezug unserer Gegenwart und des Publikums. Auch die Bühnenausstattung ist wieder spartanisch. Für was braucht es etwa eine Kutsche, wenn man eine ruckelige Kutschenfahrt zu Viert auch sehr gut durch entsprechende Körperbewegungen andeuten kann?
Die Herausforderung, eine fünfhundertseitige Erzählung Stefan Zweigs in ein Theaterstück zu verwandeln, gelingt ausgezeichnet. Obwohl die Inszenierung immerhin 3 Stunden dauert, ist sie kurzweilig und lässt zu keiner Sekunde Langeweile zu. Zwar ist das Schauspiel als ein musikalisches angekündigt, und das zu Recht, aber die Musik drängt sich nicht in den Vordergrund, man hört kurze Klaviermusik, zuweilen Gesang – übrigens von allen Akteuren.
Was für ein Mensch war Marie Antoinette? War sie ein gewöhnlicher und durchschnittlicher Charakter, wie es der Untertitel von Stefan Zweigs Buch andeutet? Wer will schon ein Durchschnittstyp sein? Mit dieser einleitenden Frage ans Publikum, das dann auch neugierig und bereitwillig antwortet, beginnt der Abend auch schon. Die Frage wird gestellt von einem Museumswächter, dem famosen Schauspieler Theo Helm, der bei Einlass bereits auf der Bühne sitzt und uns erwartet.
Das eigentliche Geschehen rund um die Hauptfigur wird umrahmt durch die Anmutung eines Museumsaales, in dem wir die Vergangenheit museal anschauen und uns fragen, wie die Menschen damals wohl gelebt haben. Dies ist ein geschickter Einfall, denn wer Marie Antoinette wirklich war, lässt sich ja nur aus der heutigen Perspektive beantworten, weil wir alle nicht mit ihr am Ende des 18. Jahrhundert gelebt haben. Wir erleben also sozusagen als Besucher eines Museums das vermeintliche Geschehen von vor mehr als 200 Jahren hautnah mit.
Besonders gelungen ist diese Idee umgesetzt in einer Szene, in der sich ein Besucherpaar im Museum mit Handy und Social Media-Bezug sich unerlaubterweise auf einem antiken Sofa im Museum hinflötzt und daneben sehen wir auf dem gleichen Sofa das Liebesspiel Marie Antoinettes mit dem schwedischen Grafen. So spaltet sich das Geschehen auf dem Sofa in das Gestern und das Heute und es gelingt, die Zeitdifferenz mühelos zu überbrücken.
Marie Antoinette wird zunächst als eine naive, bildungsferne junge Tochter des österreichischen Kaisers gezeigt, die aufgrund politischer Erwägungen bereits mit 14 Jahren mit dem französischen Thronfolger verheiratet wird und kaum weiß, wie ihr geschieht. Erwachsen geworden ist sie verschwenderisch und oberflächlich und sucht Zerstreuung in Festen und Partys. Am Ende jedoch erweist sie sich als liebende Mutter ihrer Kinder, die auf ihre Weise gelernt hat den stets distanzierten Ehemann zu lieben, die Haltung und Mut zeigt und die gelassen und gefasst, ja fast schon Lebensweise in den Tod geht. Die Frage nach ihrer Persönlichkeit lässt sich also gar nicht so eindeutig beantworten, weil sie selbst einen Reifeprozess durchlebt. Ihre Suche nach einer eigenen Identität mündet schließlich in dem mehrfach ausgesprochenen Satz, dass man „erst im Unglück wahrhaft weiß, wer man ist.“
Im Gegensatz zu seiner Ehefrau macht Ludwig XVI keine Persönlichkeitsentwicklung durch, so bleibt er bis zum Schluss der naive, selbstverliebte Mensch, der am liebsten auf die Jagd geht und am Ende seines Lebens rückblickend nicht viel mehr über sich zu sagen weiß, als seine Erfolge bei der Jagd aufzuzählen.
Auf der Bühne wird das Leben Marie Antoinettes in all seinen Facetten scheinwerferartig dargestellt. So wird ihr Umzug von Wien nach Versailles angedeutet durch den vollständigen Wechsel der Garderobe, der im Hintergrund stattfindet und der auch die Unterwäsche nicht auslässt. Ein Symbol für die völlige Hingabe an den Versailler Hof, sozusagen eine Hingabe mit Leib und Seele. Pikant ist ihre Liebesaffäre mit dem schwedischen Grafen von Fersen. Die Andeutungen auf der Bühne lassen vieles im Unklaren, sind aber trotzdem ausreichend, um phantasiereich zu ahnen, was sich zwischen den beiden in dunkler Stunde abgespielt haben mochte. Auch die Betrugsaffäre, d.h. die sogenannte Halsbandaffäre, in die sie verwickelt war, wird relativ breit dargestellt.
Nach dem Sturm auf die Bastille versucht Marie Antoinette schließlich durch Kontakte ins Ausland, die Monarchie zu retten, ein Fluchtversuch scheitert. Nachdem sie von den Revolutionsgarden festgenommen wird, entwickelt sich in der Kutsche ein Gespräch, bei dem sie und zwei Revolutionäre sich näher kommen und den jeweiligen „Feind“ als einen Menschen kennenlernen, der so gar nicht ihren gegenseitigen Zerrbildern entspricht.
Köstlich der Humor als es zu einem intimen Männergespräch über die sexuellen Probleme Ludwig XVI kommt, denn die Worte werden von einem Laubbläser auf der Bühne übertönt. Und auf die Frage, ob es im Bett geklappt hat, denn es wird ja ein Thronfolger sehnlichst erwartet, kommt mehrfach die ratlose und enttäuschte Antwort des Thronfolgers, die nicht übersetzt zu werden braucht: „rien“. Eine Antwort, die zu einem deutlich vernehmbaren Schmunzeln beim Publikum führt. So wird das für das Königshaus immerhin existenzbedrohende Ausbleiben eines Thronfolgers humorvoll herabgedampft, ohne zur Karikatur zu geraten.
Ein weiteres Beispiel für den trockenen Humor des Theaterstücks: die österreichische Kaiserin Maria Theresia, die gespielt wird von der vorzüglichen Schauspielerin Elisabeth Nelhibel, nimmt ihr Sterben doch sehr lakonisch hin: „no, irgendwann is es holt zu End“. Auch die amourösen Abenteuer des Vaters von Ludwig XVI und das Sterben in den Armen seiner hübschen Mätresse wird humorvoll, ja komisch dargestellt. Wir verdrängen den Tod doch allzu gerne, Hauptsache man hat seinen Spaß und kann „die Puppen tanzen lassen“, solange es geht. Der Priester und Beichtvater ist denn auch 30 Jahre der unterbeschäftigste Mensch am Hof und wird erst in der Todesstunde Ludwig XV gebraucht. So ist alles ein munteres Stück, in dem sich die Spielfreude der Schauspieler austoben kann.
Mit dem Sturm auf die Bastille freilich endet das schöne Leben am Hof. Das zuvor lärmende Publikum verstummt als Marie Antoinette sich auf dem Balkon zeigt. Das Volk schweigt vor dem eigenen Unglauben, eine hunderte Jahre regierende und allmächtig erscheinende Königsfamilie gestürzt zu haben, vielleicht auch noch im alten Obrigkeitsglauben gefangen und erschrocken vor dem, was man erreicht bzw. angerichtet hat.
Die großartige Leistung aller sechs Schauspieler, die sehr überzeugend ihre dutzenden Rollen ausfüllten, ist gar nicht hoch genug zu schätzen. Denn man bedenke, dass sie sich hinter der Bühne ständig neu umkleiden mussten, um wenige Sekunden später schon wieder auf der Bühne des Salzburger Theaters in einer anderen Rolle und anders gekleidet wieder aufzutauchen. Eine für alle Akteure sehr anstrengende Höchstleistung an diesem Abend.
Die Schauspieler nahmen denn auch den verdienten Applaus und die Bravorufe am Ende gemeinsam entgegen. Kurzum: das Schauspiel gewährte eines jener überaus gelungenen Theaterabende, die den Zuschauer bereichert und beglückt heimkehren lässt.
Martin Kasperzyk/ Juni 2026