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Tempus BiografieTaschenbuch
128 Seiten
Johann Peter Hebel
Humanität und Lebensklugheit für jedermann
von Franz Littmann, Sutton Verlag 2008
(und Arnold Stadler, Johann Peter Hebel-Die Vergänglichkeit)
Das Selberdenken als Ziel der Aufklärung
Man muss sich von einem einseitigen und klischeehaften Hebelbild verabschieden. Es ist das Bild eines naiven, humoristisch-behaglichen Poeten, des volkstümlichen, heimatverbundenen Mundartdichter, des lieblichen alemannischen Sänger und gemütlich-heiteren Volkserzähler. Solche einseitigen Charakterisierungen werden Hebel nicht gerecht. Er ist anderes oder zumindest noch viel mehr.
Hochgeschätzt wird Hebel auch heute noch wegen seiner Erzähltechnik, seiner raffinierten Nähe zum Mündlichen, seiner teilweise grotesken Verschachtelung der Sätze, seinem Beiseitesprechen und Kommentieren, seinem subtilen Einbezug des Lesers und – was das nicht-literarische angeht – seiner Sympathie für die Juden.
In seiner Literatur äußert sich auch Hebels außergewöhnliche Lebenskunst. Insofern sind Literatur und Leben bei ihm eins. Er glaubte nicht daran, dass es nur eine Wahrheit gibt, um das Leben in einer Welt voller Widersprüche zu bewältigen. Deshalb propagierte er in seinem Werk menschenfreundliche, situative Lebensweisheiten, die dem Leben in all seinen Facetten gerecht werden.
Hebels viel gerühmte Humanität beruht auf seiner Einsicht in die Zwiespältigkeit des Menschlichen, die er bei sich selbst erleben konnte. Er ging sozusagen mit einem Augenzwinkern durchs Leben: „schaut auf eure Schwächen und Verfehlungen, lernt daraus, macht aber keine Staatstragödie aus ihnen.“
Als „Hausfreund“ wollte Hebel nicht der Meister sein, sondern den Leser „verführen“ und sein Selberdenken anregen. Einerseits war er ganz der in seiner Zeit aufkommenden Aufklärung verpflichtet. Er lebte schließlich in der Zeit der französischen Revolution und Kants. Im Südwesten, in Baden beheimatet, lebte er auch regional mitten in einem Staat, der zu jener Zeit relativ „liberal“ war. Auf der anderen Seite war er ein Bewahrer der Tradition und ein Gegner eines nur auf Geldvermehrung ausgerichteten Lebens. Hebel vereinte also durchaus gegensätzliche Positionen in sich, ganz nach dem Motto: es gibt eben nicht nur die „eine Wahrheit“.
Mit Aufklärung verband Hebel keine tieferen philosophischen Gedanken, sondern ihm ging es um das bildhafte Ausleuchten und Erhellen menschlichen Lebens – und des Todes. Durch persönliches Schicksal musste er sich früh mit dem Tode und der Vergänglichkeit auseinandersetzen, wie in seinem eindrücklichen Gedicht „Die Vergänglichkeit“. Die Vergänglichkeit wird in ihm Sprache und kommt zur Sprache, wie es Arnold Stadler in seinem Buch ausdrückt. Auch dies ist Aufklärung: der Tod – hier gibt es nichts zu erklären, er wird ewig dunkel bleiben. Am Ende kommt man an im Schweigen, bei der Unergründlichkeit. Dem genannten Gedicht Hebels fehlt angesichts des Todes jede Eschatologie, es gibt keinen Gott, der Trost spenden kann angesichts der Vergänglichkeit von allem.
Zweifach beheimatet
Beide Eltern wohnten abwechselnd in Hausen und Basel, wo sie im Dienst bei der Basler Patrizierfamilie Johann Jakob Iselin-Ryhener standen. Weil die Baseler Ehegerichtsordnung die Heirat eines reformierten mit einer lutherischen Frau nicht zuließ, mussten sich die Eltern notgedrungen in Hauingen, halbwegs zwischen Hausen und Basel gelegen, trauen lassen. Das war im Juli 1759.
Johann Peter Hebel wurde in Basel am 10. Mai 1760 geboren. Ein Jahr später starb bereits der Vater 41-jährig an dem damals grassierenden Typhus, nur eine Woche später folgte die Schwester in den Tod. Die Mutter war nun alleinerziehend. Noch als 60-jähriger hat Hebel das Charakteristische seiner Kindheit festgehalten: „ich bin von armen, aber frommen Eltern geboren … Da habe ich frühe gelernt arm zu sein und reich zu sein.“ Damit meinte er wohl: materiell arm, aber reich an Liebe und Zuwendung.
Hebels Neigung zum Diebisch-Vagabundischen manifestierte sich schon sehr früh. Damit ist gemeint, dass er immer wieder mal „ausbüxte“, um seinen Verpflichtungen zu entkommen, gerne unter die Leut ging und ihnen „aufs Maul schaute“ und daraus seine Geschichten entwickelte.
Als Hebel 13 Jahre alt war starb auch seine Mutter, übrigens in Gegenwart von Hebel, auf dem Nachhauseweg, während eines Halts zwischen Brombach und Steinen 1773. Dies Ereignis muss die Wirkung einer totalen Entwurzelung für ihn gehabt haben. Hebel ist mit 13 Jahren Vollwaise.
Von 1766-1772 besuchte Hebel in Hausen bei dem Lehrer Andreas Grether die Schule. Dieser Lehrer erkannte die Begabtheit des Kindes, so dass er zusätzlich von 1769-1773 die Lateinschule in Schopfheim besuchen konnte.
Nach dem Tod der Mutter erhält Hebel Sebastian Währer, einen Großonkel mütterlicherseits, als Vormund. Durch den Erlös von Haus und Hof der Eltern beträgt das Erbe nahezu 2500 Gulden, so dass sein Bildungsweg gesichert ist.
Kreativität und Schaffensfreude, Karlsruhe 1774-1778
Karlsruhe, die badische Residenzstadt war erst etwa 50 Jahre vor der Geburt Hebels gegründet worden. Die Stadt hatte 4000 Einwohner, jeder zweite war Staats- oder Hofbeamter. Der rasante Aufstieg der Stadt ereignete sich während der Regentschaft von Karl Friedrich (1728-1811). Sein Hof entwickelte sich zum Musenhof: Voltaire, Klopstock, Goethe machten der Stadt ihre Aufwartung.
1774 wurde Hebel am Gymnasium illustre in Karlsruhe aufgenommen. Er lebte dort bei Lehrern und Förderern, die seine Schulbildung ermöglichten. Karlsruhe war damals die Hauptstadt eines wirtschaftlich prosperierenden, allem Neuen aufgeschlossenen Musterstaats.
Eine Frucht aus dieser Zeit ist die lebenslange Liebe zu dem römischen Staatsmann, Philosophen und Schriftsteller Cicero. Hebel griff immer wieder auf ihn und seine Lebensweisheiten zurück. Die kurze Kalendergeschichte „Der Wasserträger“ verarbeitet dessen Ansichten über Geiz und Verschwendung, im „Statthalter von Schopfheim“ findet man Ciceros Gedanken zur Rolle des Gewissens und auch die Besinnung beim Anblick einer Ruine, wie im Gedicht „die Vergänglichkeit“, geht zurück auf Weisheiten des römischen Philosophen.
1778 begann Hebel ein Theologiestudium in Erlangen.
Ich bin hier in der Fremde, Erlangen 1778-1780
„Wir können viele Ding‘ entbehren,
Und dies und jenes nicht begehren,
Doch werden wenig Männer sein
Die Weiber hassen und den Wein.“
(Eintrag Hebels in das Studentenstammbuch von Johann Daniel Mertz, Erlangen im Juli 1779)
Hebel besuchte dort die Universität. Die zwei Jahre waren für Hebel so richtig nach dem Geschmack des jungen Studenten. Er freundete sich hier mit der Weltsicht der Neologie an. Das war eine theologische Strömung im deutschen Protestantismus des 18. Jahrhunderts. Diese Bewegung betonte die Vernunft als Prüfstein des Glaubens, die Bibel wurde historisch-kritisch und moralisch gedeutet und man legte großen Wert auf Moral und Toleranz.
Für Hebel war die sittliche Seite der Religion von viel höherem Wert als die dogmatische. Ein zentrales Element war für ihn die Barmherzigkeit. Das Gewinnstreben, so Hebel, müsse sich vereinbaren lassen mit Humanität, mit Religiosität, mit einem verantwortlichen Verhalten gegenüber den Kranken, Alten und Schwachen in der Gesellschaft.
Man kann übrigens davon ausgehen, dass Hebel am damals üblichen, durchaus „wilden“ Studentenleben teilnahm, ohne allerdings sein Studium zu vernachlässigen. Es ist bezeugt, dass er als Student zahlreiche fröhliche Stunden bei Bier und Tabak bei seinen Ordensbrüdern im studentischen Amicistenorden verbrachte.
Wegen seiner Vorliebe für das Pfeifenrauchen wird er seit seiner Studentenzeit in Erlangen auch „Knaster“ genannt.
O, wie glücklich saß ich einst in Hertingen, Hertingen 1780-1783
Hebel trat dort die Stelle eines Hauslehrers an; eine Stelle, die mit diversen kirchlichen Nebenpflichten verbunden war. Wie es heißt, lernte er dort die Klugheitsregel, nicht den Leuten zu sagen, was man sich selbst sagen sollte, kennen.
Neben seiner Tätigkeit als Hauslehrer betreibt Hebel auch Privatsudien, wie seine umfangreichen Exzerpthefte beweisen.
Im Jahr 1783 wurde Hebel als Präzeptoratsvikar an eine Schule nach Lörrach berufen. Das war eine Stellvertreterstelle als Lehrer an der Lateinschule. Hier konnte er erste praktische Erfahrungen als Lehrer sammeln.
Lörrach 1783-1791
Damit Hebel mit seinem bescheidenen Gehalt über die Runden kommen konnte, musste er zusätzlich als Nachhilfelehrer unterrichten. Er lernte die Pfarrerstochter Gustave Fecht hier kennen und verliebte sich in sie. Eine Ehe ging er jedoch nicht mit ihr ein, war ihr jedoch ein Leben lang brieflich verbunden. Darüber, was eine festere Beziehung verhinderte, erfährt man aus den Briefen Hebels nichts. Hebel blieb zeitlebens Junggeselle.
Wie es heißt, gab es für ihn in Lörrach „viele heitere frohe Tage“, die er zusammen mit seinen Freunden verbrachte und an die er sich lebenslang gerne erinnerte. Doch für einen eigenen Hausstand reichte sein Gehalt vorne und hinten nicht.
1787 gewinnt Hebel Friedrich Wilhelm Hitzig (1767-1849), Pfarrvikar in Rötteln, zum vertrautesten Freund. Es bleibt eine lebenslange Freundschaft.
Schließlich wurde er nach Karlsruhe ans Gymnasium berufen als Subdiakon.
Karlsruhe 1791-1806
Das Amt des Subdiakons war ein kirchliches Amt unterhalb des Diakons, verbunden mit liturgischen Aufgaben und auch pädagogischen Tätigkeiten. Hebel musste Gottesdiensten assistieren, Predigten vorbereiten, hatte seelsorgerische Tätigkeiten und am Gymnasium Unterricht in Religion und Latein zu erteilen.
Dass sich Hebel nie in Karlsruhe wohl fühlte, stimmt nicht. Sicherlich, zeitweise und vor allem am Anfang empfand er die Stadt als Fluch. So wie sein Wesen war, nämlich zwiespältig, blieb auch sein Verhältnis zu Karlsruhe. Am Ende jedoch lehnte er das Angebot ab, Stadtpfarrer in Freiburg zu werden und blieb in Karlsruhe. Hebel war beliebt, bei seinen Freunden wie bei seinen Schülern und sein Lebensschicksal und seine Karriere vom Vollwaisen Sohn armer Eltern bis zum Prälaten der Badischen Landeskirche ist eng mit dieser rasant wachsenden Stadt verbunden.
„Hebel war, breitbrüstig, ging ziemlich stark in den Knien, wodurch sein Gang ungeachtet des festen Auftritts etwas von hinten nach vorn Wiegendes hatte, er gestikuliert wenig, aber sehr energisch, entschieden, sehr bezeichnend … Die Mundwinkel lächelnd zuckten, die Lippen seltsam sich spitzten.“ Soweit eine Beschreibung zu dieser Zeit. Menschenfreundlich und warmherzig, mit viel Humor ausgestattet, nicht fanatisch war der Lehrer Hebel.
Schließlich wird er zum Professor ernannt, was eine Gehaltserhöhung von 100 Gulden für ihn bedeutete. Anders als heute war der Titel eines Professors nicht gleichbedeutend mit einem Hochschulprofessor, sondern Hebel war als Professor Lehrer am Gymnasium illustre. Man kann davon ausgehen, dass es Hebel nicht schlecht ging. Aus dem Sohn eines Dieners und einer Magd war ein gut bezahlter Professor geworden. Allerdings einer mit vielen Verpflichtungen und gesellschaftlichen Zwängen.
Literarisch trat Hebel zunächst mit seinen Alemannischen Gedichten an die Öffentlichkeit. Nachdrücklicher als in seinen Kalendergeschichten kamen dort konservative, retardierende Elemente zur Geltung. Alles drehte sich in diesen Gedichten um Kräfte der lebendigen individuellen Lebenszeit: Freude, Liebe, Zufriedenheit, Gelassenheit. Ein weiterer wichtiger Gedanke der Alemannischen Gedichte war die geheimnisvolle Spiegelung des menschlichen Lebens in der Natur. Anstatt dem rechnenden, wissenschaftlichen Blick auf die Natur das Wort zu reden, propagierte der Dichter die religiös-poetische Einfühlung in ihr Mysterium.
Gegen den Gott der Philosophen und Theologen seiner Zeit, der ewig ein Abstractum bleibt, verordnete er ein Heilmittel aus seiner Weisheitsapotheke: die Daseinsfreude, von der die Natur erfüllt sei. Das ist das römische Carpe diem auf alemannisch. Neben der Orientierung an dem Wahren, also den natürlichen Bedürfnissen und der Vernunft ist es hauptsächlich das Nachdenken über den eigenen Tod, das einen bewussten Gebrauch der eigenen Lebenszeit eröffnet. Für Hebel war der Tod ein Urquell der existenziellen Wahrheit des Menschen. Die Erinnerung an die Vergänglichkeit stellte Hebel aber ganz in den Dienst der Stärkung der Lebenskräfte.
1803 erschien die erste Rezension seiner Alemannischen Gedichte von keinem geringeren als Johann Georg Jacobi. Jacobis Rezension war so etwas wie die Eintrittskarte in die literarische Welt.
Nachdem schon Ende Mai 1803 die Erstausgabe fast gänzlich vergriffen war, erschien 1804 eine überarbeitete Ausgabe. Goethe besprach sie am 13. Februar 1805 in der Jenaer Allgemeinen Literatur Zeitung. Goethe meinte, der Verfasser diese Gedichte habe sich einen eigenen Platz auf dem Deutschen Parnaß erworben. Dieses Urteil wirkte. Ab sofort war Hebel nicht nur in Karlsruhe eine Berühmtheit
Hebel wurde schließlich neben seinen bisherigen Tätigkeiten zusätzlich mit der Redaktion des badischen Landkalenders beauftragt. Das, wofür er heute berühmt ist, hat er also sozusagen „nebenbei“, in seiner freien Zeit geschaffen.
Der Hausfreund denkt etwas dabei, aber er sagt nichts, Karlsruhe 1807-1811
Ein Sprung auf der Karriereleiter war 1808 die Ernennung zum Direktor des Lyceums (Gymnasium).
In Drechslers Kaffeehaus in Karlsruhe begegnete Hebel auch dem Dichter Ludwig Uhland. Dieser schrieb: „in Karlsruhe, wo‘s mir ungemein gefiel, lernte ich Hebel kennen und traf ihn meistens abends bei einem Glase Bier… So einfach, herzlich, bieder und doch mit schelmischer, aber gutmütiger Laune.“
Hebel war nun ein viel beschäftigter Mann, denn ihm wurde die alleinige Redaktion des badischen Landkalenders übertragen. Das Wort „rheinisch“ war ein leises, vorsichtiges Signal für einen liberalen Aufbruch, für einen Neubeginn. „Rheinländlich“ war die Bezeichnung für eine Region, die weit über das Großherzogtum Baden hinausreichte. Zusätzlich stand dieser Begriff für das Neue, Unbelastete, für ein aufgeklärtes Bürgertum.
Aber was bedeutete der Begriff „Hausfreund“? Der Name „Hausfreund“ spekulierte darauf, dass ihn der Leser mit „freundlich“ und „redlich“ in Verbindung brachte. Der Hausfreund sei wie der Mond: „Dieser erhält durch sein mildes Licht unsere Nächte und sieht zu wie die Knaben die Mägdlein küssen.“ Mit so einem Freund des Hauses lässt sich über Gott und die Welt reden.
Die Verkaufszahlen des Kalenders stiegen sprunghaft an. Statt der 20.000, die man im Jahr 1807 gedruckt hatte, wurden 1808 bereits 24.000 Kalender hergestellt und verkauft. Im folgenden Jahr betrug die Auflage bereits 30.000 und 1810 sogar 50.000 Exemplare. Zu berücksichtigen ist dabei, dass im 19. Jahrhundert ein Kalender gerade in den unteren Bevölkerungsschichten oft die einzige weltliche Lektüre war.
Der Kalender war ein Lesebuch für das Volk, eine Art Kalenderjournalismus. Hebel orientierte sich am Geschmack des Lesers, anstatt ihn zu verachten und zu beleidigen. Er war ein Meister der Minimalisierung, der Kunst der kurzen Prosa und stellte damit einen erfreulichen Gegensatz zu manch einem Prediger dar, der oft, wenn er in gute Laune kommt, “kein Ende mehr findet und den Apfel bis zur trockenen Trester auspresst.“ Ein Trester ist das feste und getrocknete Pressrückstandmaterial bei der Obstverarbeitung.
Hebel war hauptberuflich weiterhin Direktor eines Gymnasiums und die Verwaltungsarbeit war für ihn eine Qual. Sein tendenziell partnerschaftliches Gespräch, dass er als „Hausfreund“ mit dem Leser führte, führte er auch als Lehrer mit seinen Schülern. Einsichten und Weisheiten vermittelte er auch als Lehrer nicht von oben herab, belehrend und moralisierend. Vielmehr veranschaulichte er das richtige Verhalten am Beispiel von konkreten nachvollziehbaren Lebenssituationen. Er regte dabei immer zum Selberdenken an.
Um mit den Widersprüchen des Lebens fertig zu werden, lebt Hebel durchaus widersprüchlich. Er war ein pflichtbewusster Beamter, konnte aber auch proteusisch über die Stränge schlagen. Er nahm sich oft eine Auszeit, zum Beispiel eine Kur in Baden-Baden. Hier kam es zur folgenreichen Begegnung mit dem Verleger Johann Friedrich Cotta. Aus dieser Begegnung heraus entstand das “Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“. Hierdurch wurde Hebel zum bekanntesten deutschen Erzähler weit über das 19. Jahrhundert hinaus. Keiner konnte dem Meister der Kurzprosa das Wasser reichen. Als Beispiel dafür sei an die kleine Geschichte „Die Ohrfeige“ erinnert: „ein Büblein klagte seiner Mutter: ‚der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben.‘ Der Vatertag aber kam dazu und sagte: ‚lügst du wieder. Willst du noch eine?‘“
Karlsruhe 1812-1815
In der Erzählung „Unverhofftes Wiedersehen“ fügte Hebel die Weltgeschichte in die Lebensgeschichte der schwedischen Braut ein und nahm damit lange vor der Erfindung des Filmes das Erzählmittel der Montage vorweg. Als Aufklärer ohne Illusionen gestaltete er das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum völlig konträr zum modernen utopischen Denken. Dieses ging zur Durchsetzung seiner Ziele über die Privatgeschichte hinweg und opferte das Einzelschicksal dem Interesse der Partei, des Staates, des Volkes. Nicht bei Hebel: in dieser Geschichte liegen das Schicksal der Welt und das Schicksal des Einzelnen auf einer Ebene, sind gleich wichtig: „unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der siebenjährige Krieg ging vorüber… Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute segneten und schnitten. Der Müller malte und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt.“
Hebel schrieb seine Kalendertexte als ein partnerschaftliches Gespräch mit dem Leser, in dem er verdeckt seine aufklärerische Pädagogik unterbrachte. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die individuelle Lebenszeit des Lesers sowie auf seine Bereitschaft, ein freieres Leben zu führen.
Sittlich und lebensklug handelte nach seiner Auffassung derjenige, dem es gelang, die richtige Haltung zum Leben unter den Mitmenschen einzunehmen.
Eine präzise Zusammenfassung dieser Lebenskunst lieferte sein Aufsatz „das Glück des Weisen“: „nur der zufriedene, der seine Wünsche auf das beschränkt, was Natur und Glück und Fleiß ihm gewährt und in dem Besitz und Genuss dessen seine Wünsche befriedigt sieht, nur er hat Ruhe und für die Freude des Lebens einen offenen Sinn.“ Ganz konsequent nach dem Grundsatz, „dass das wahre und sichere Glück nicht außer uns, sondern in uns liegt“, führte Hebel sein Leben mit großer Gelassenheit. Baden, Wein trinken, besinnliches Nachdenken waren so etwas wie die Quintessenz seiner proteusischen Philosophie. Leidenschaftlich gern ging Hebel ins Theater und in der Lesegesellschaft in Karlsruhe spielte er eine wichtige Rolle. Die Lesegesellschaft nahm zwischen 1801 und 1805 einen großen Aufschwung in Karlsruhe.
Doch allmählich wurden Hebel die Belustigungen zu Belästigungen: „es verdreußt mich die große Anstalt und Pracht. Denn es ist alles fürstlich eingerichtet und so vornehm, dass ich nicht wüsste vergnügt zu sein auch scheue ich die Menge und das Gedräng, die seidenen Schuh und Strümpfe.“
1813 veränderte sich alles. Für das demokratisch gesinnte Bürgertum brachen dunkle Zeiten an, nämlich eine langandauernde Phase der politischen Restauration und Unterdrückung liberaler Bestrebungen. Als einer der ersten bekam Hebel der Richtungsänderung zu spüren. Der Kalender für 1815, der die Zensur bereits passiert hatte, war gedruckt, aber noch nicht ausgeliefert. Da beschwerte sich die katholische Kirche beim badischen Innenministerium wegen der Geschichte „Der fromme Rat“. Darin geht es um einen Mann, der vorgibt, besonders fromm, gerecht und religiös zu sein. Es zeigt sich jedoch in der Geschichte, dass er oft scheinheilig handelt und seine Frömmigkeit gerne zur Selbstdarstellung genutzt. Die Auflage wurde deshalb zurückgezogen und musste geändert neu erscheinen. Hebels freier und ironischer Geist im rheinländlichen Kalender passte nicht mehr zum patriotischen Pathos und der Restauration der Zeit.
Im Oktober 1814 legte Hebel schließlich die Redaktion nieder, lieferte aber noch zwei Beiträge 1816, 1818 noch einen Beitrag und 1819 sogar noch einmal 24 Beiträge für den Kalender.
Nichts ist angenehmer als der Kontrast, Karlsruhe 1816-1826
Schließlich wurde Hebel auch noch vom Großherzog zum ersten Prälaten der evangelischen Landeskirche ernannt. Hebel zögerte zunächst jedoch, denn er wusste, dass das Amt mit „Fronarbeit“ verbunden war. Schließlich nahm er das Amt doch an.
Hebel schrieb und veröffentlichte nun auch seine „Biblischen Geschichten“, in denen das Herz „auch nach der Aufklärung noch christlich schlagen darf.“ Bereits in der ersten Geschichte (Erschaffung der Erde ) trat Gott völlig in den Hintergrund. Statt „Gott schied das Licht von der Finsternis“ formulierte Hebel: „da scheidete sich zuerst allmählich das Licht oder die Helle von der bewegten Masse.“
In vollkommenen Gegensatz zur Orthodoxie stand Hebels Verständnis der Sünde. Sie war für ihn ein Fehler, aber zugleich ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Mündigkeit. Als Zöglinge Gottes seien die Menschen zwar von Natur aus gut, die Sünden seien jedoch wichtig für den Erziehungsprozess, in dem es darum ging, die Schwächen immer besser in den Griff zu bekommen. Sünden waren Gedankenlosigkeit, unvernünftiges Handeln, falscher Eigensinn, worüber man aufklären musste. Die dazu korrespondierende Stelle in der Geschichte vom Sündenfall lautete bei Hebel folgendermaßen: „denn als sie die Unschuld verloren und gesündigt hatten, konnten sie die Lebensruhe und die seligen Kinderfreuden des Paradieses nimmer genießen … Wer die Unschuld verloren hat, kann in keinem Paradies mehr glücklich sein.“ Allerdings verlegte Hebel das Paradies in die Zukunft, denn die „Verheißungen“ der Bibel waren für ihn der Keim der Hoffnung für eine bessere Welt.
Ohne dabei arm zu werden, wurde Hebel auch von einem finanziellen Unglück getroffen. Zwei Jahre vor seinem Tod hat er die Hälfte seines Vermögens durch den Zusammenbruch des Bankhauses Meerwein in Karlsruhe verloren. Arnold Stadler meint aber, der wahre Grund für Hebels „desolate“ Lage sei der, dass ihm alles entglitten sei: die Freunde, die Zeit.
Sicher lag die getrübte Stimmung Hebels auch an seiner hohen Arbeitsüberlastung, die immer schlimmer wurde. Er rackerte von morgens bis abends. Als Mitglied der Ministerialsektion visitierte er Schulen und Pfarreien, noch bis 1824 erteilte er am Gymnasium 17 Wochenstunden Unterricht, im Landtag protokollierte er die Debatten, als Prälat leitete er die Sitzungen der Generalssynode und so ganz nebenher entwarf er auch noch die liturgischen Formen für Taufe, Beichte und Abendmahl. Hebel kümmerte sich darüber hinaus um die fünfte Ausgabe der Alemannischen Gedichte. „Ich fühle“, schrieb er schon 1812 an Gustave, „dass die fröhliche Zeit des Lebens, der freie, leichte Sinn, die mutwillige Laune vorüber ist.“ Hebel war nun 53 Jahre alt.
In den letzten Jahren seines Lebens musste er lernen, mit Resignation und Melancholie, mit Krankheit und Altersbeschwerden fertig zu werden. „Aber mit dem Schöpplein trinken“ ging es noch. Überwiegend war sein Leben in den letzten Jahren geprägt von Geschäften, Missstimmungen und Krankheiten. 1821 schrieb er in einem Brief: „ich bin seit zwei Jahren nimmermehr recht gesund, nie heiter, fast immer trübsinnig, verdrossen zu allem, was ich tun soll, selbst was ich sonst mit Liebe und Freude tat.“
Was im half, war nicht die Kunst der Mediziner, sondern seine christliche Ergebenheit, seine stoische Lebenskunst, sein froher Sinn, sein Gleichmut und sein Humor.
Im September 1826 trat er eine Dienstreise an, um in Mannheim und Heidelberg Prüfungen abzunehmen. Hebel wurde lange schon von einem Magenleiden geplagt und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Hebel wollte so schnell wie möglich zurück nach Karlsruhe, musste aber einen Aufenthalt in Schwetzingen bei dem befreundeten Gartendirektor Johann Michael Zeyher einlegen. In der Nacht vom 21. auf den 22. September starb Hebel morgens um 3:30 Uhr an Magenkrebs. Er wurde auf dem alten Schwetzinger Friedhof beigesetzt.
Den besten Nachruf verfasste Hebel selbst. In seiner Vorrede im „Rheinländischen Hausfreund“ auf das Jahr 1813 hatte er seine eigene Lebensgeschichte mit dem Lauf der Welt verknüpft: „Man achtets just nicht groß, wie immer einer geht, und einer kommt, bis man sich zuletzt unter ganz andern Leuten befindet, als am Anfang. Nicht anderst als auf einem Jahrmarkt; den ganzen Tag ist der Platz voll Menschen, absonderlich vor dem Stand des Zweibatzenkrämers, oder des Bildermanns, oder wo der Kalender verkauft wird, aber Nachmittag sind wieder ganz andere Leute da als vormittags, und niemand hat gemerkt, dass die ersten fortgegangen, und die andern gekommen sind. Also auch auf dem großen Jahrmarkt der Welt und des Lebens. Alle Jahre geht etwas, und etwas kommt.“
Im Mai 2026