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		<title>Klaus Mann &#8211; Mephisto &#8211; Roman einer Karriere</title>
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		<pubDate>Mon, 03 Aug 2026 08:02:58 +0000</pubDate>
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<p>Liwi Verlag</p>
<p>216 Seiten</p>
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<p><strong>Von Klaus Mann</strong></p>
<p>Der in nur fünf Monaten entstandene und 1936 im Querido Verlag in Amsterdam erschienene Roman gilt als eines der wichtigsten Werke innerhalb der deutschen Exilliteratur. In einem Brief an seine Mutter Katia Mann gibt sich der Autor am 12. April 1936 bescheiden, wenn er schreibt: „Ich persönlich finde, dass es ein zwar hässliches, aber keineswegs uninteressantes Buch ist.“ Hässlich ist der Charakter des Protagonisten Hendrik Höfgen, mit dem Klaus Mann den Schauspieler und Intendanten Gustav Gründgens dargestellt hat.</p>
<p>Selbstverständlich war das Buch im Dritten Bereich verboten, fand aber unter der Hand seine Leser auch in Deutschland. Zu diesen dürfte auch Gustav Gründgens gehört haben, der sich zwar nie öffentlich dazu geäußert hat, der aber nicht amüsiert gewesen sein dürfte über das, was er da über sich lesen musste. Die 1. Auflage nach dem Krieg in der DDR (1956) erreichte 50.000 Exemplare und war schnell vergriffen. Peter Gorski, Adoptivsohn und Alleinerbe von Gustav Gründgens, ließ die Verbreitung des Buches in der Bundesrepublik verbieten. Erst im Jahre 1981 kam es zu einer uneingeschränkten Veröffentlichung des Romans, der auch gleich auf der Bestsellerliste auf Platz eins landete und von dem schnell 300.000 Exemplare verkauft wurden. Dies brachte dem Roman und seinem Autor zwar späten, aber dafür verdienten und außerordentlichen Ruhm. Zudem wurde der Roman im Jahre 1981 mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle verfilmt und bekam den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.</p>
<p>Flott und launisch erzählt Klaus Mann die Karriere des jungen Schauspielers Hendrik Höfgen von den Anfängen im Hamburger Künstlertheater 1926 bis zum Jahre 1936, als er es zum repräsentativen Schauspieler des Dritten Reiches und Intendanten am Berliner Staatstheater gebracht hat. Zwar hat Klaus Mann bewusst die Person Gustav Grüdgens ausgewählt, allerdings gehe es ihm, wie er stets betonte, in diesem zeitkritischen Versuch überhaupt nicht um den Einzelfall, sondern um den Typus des Menschen, der sich seiner Karriere und Bequemlichkeit wegen mit dem Teufel einlässt. Der Sohn von Thomas Mann wählte Gustav Gründgens auch nicht als Hauptperson, weil er ihn für besonders schlimm gehalten hätte, sondern weil er ihn besonders genau kannte. Seine Wandlung zum Staatsschauspieler war für ihn unbegreiflich und kurios genug, um daraus einen Roman zu machen.</p>
<p>Gustav Gründgens war nämlich in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Klaus Mann befreundet und durch seine Heirat und Scheidung mit Erika Mann sein Ex Schwager. Der Autor, der selbst 1933 gleich nach der Machtübernahme der Nazis ins Exil ging, verfolgte die Laufbahn des einstigen Freundes mit Argwohn und Entsetzen. Gustav Gründgens machte im Dritten Reich eine blendende Karriere und wurde zum gefeierten Bühnen- und Leinwandstar, und stieg sogar auf zu einem der höchstdekorierten und bestbezahlten kulturellen Repräsentanten Nazi-Deutschlands. Was hätte der 1949 durch eine Überdosis Schlaftabletten verstorbene Klaus Mann gesagt, wenn er erlebt hätte, dass ausgerechnet dieser Staatsschauspieler der Nazis auch im Nachkriegsdeutschland erneut in den Olymp des Theaterhimmels aufgestiegen ist? Vielen Älteren unter uns ist dieser Mann als genialer Darsteller des Mephisto durch die Filmaufnahmen des Theaterstücks Faust I in guter Erinnerung. Wer das auf youtube abrufbare Interview von Günter Gaus mit ihm kurz vor seinem Tod im Jahre 1960 ansieht, lernt aber einen anderen Gründgens kennen. Nämlich einen selbstgefälligen Menschen, ohne Reue oder auch nur den Hauch einer Selbstkritik zu seiner Zeit im Dritten Reich.</p>
<p>Wie kam es zu seinem Aufstieg ab 1933? Niemand anderes als Hermann Göring persönlich hatte einen Narren an diesem Schauspieler gefressen und nahm sich des Künstlers in besonderer Weise an. Das muss dem Schauspieler gehörig geschmeichelt haben und er nahm die Hand, die ihn förderte, gerne an. Über die politische Bewertung der Rolle, die Gründgens im Theaterleben des Dritten Reiches gespielt hat, kann man freilich unterschiedlicher Meinung sein. Offenbar hat er eine Reihe von Künstlerkollegen, die aus politischen Gründen verfolgt wurden, geholfen. Tatsache ist aber auch, dass er kein Problem damit hatte, sich vom Nazi-Regime als kulturelles Aushängeschild gebrauchen zu lassen &#8211; zwölf Jahre lang.</p>
<p>Doch kommen wir zum Roman selbst. Differenziert erzählt der Autor die Biografie und Seelenlage des Schauspielers Hendrik Höfgen und einiger anderer Personen aus seinem Umkreis. Er entwirft mit Hendrik Höfgen den Typus eines kleinbürgerlichen Parvenüs, der zu jedem Verrat bereit ist, um an den Privilegien der Macht teilhaben zu können. Ein ruhmsüchtiger, fürchterlich ehrgeiziger und unsympathischer Typ, ein kalter Mensch, der schon kurz nach der Heirat mit Barbara das Interesse an ihr verliert und außerhalb seiner Arbeit am Theater sehr kalt und emotionslos wirkt. Am Ende ist der Intrigant und Karrierist Hendrik Höfgen ein „Affe der Macht“ und ein „Clown zur Zerstreuung der Mörder“ geworden. Er ist Entspannung für den dicken Ministerpräsidenten, der nach „seinen blutigen und glanzvollen Geschäften“ gern mit dem Bühnenkünstler verkehrt.</p>
<p>Klaus Mann deutet damit an, welches Kunstverständnis die Nazis hatten: Kunst sollte der Zerstreuung der Bürger dienen. Besonders das Theater hatte nicht die Aufgabe, einer Wahrheitsfindung zu dienen, das Bewusstsein der Zuschauer zu schärfen, die moralische Erziehung der Bürger voranzubringen oder gar die Gesellschaft zu verändern. Oberflächliche Unterhaltung war erwünscht. Höfgen steht 1936 im Dritten Reich an der Spitze einer Unterhaltungsindustrie und fühlt sich unersetzbar, wenn er seine Rolle im Nationalsozialismus wie folgt zusammenfasst: „Das Theater braucht mich, und jedes Regime braucht das Theater! Kein Regime kann ohne mich auskommen!“ Höfgen weiß um seine Rolle als Schauspieler in Diensten der Macht.</p>
<p>Der Autor lässt seinem Protagonisten eine echte und freie Entscheidungssituation, denn als 1933 der „Mann mit der bellenden Stimme“ Reichskanzler wird, befindet sich Höfgen zu Dreharbeiten im Ausland. In Paris grübelt der Schauspieler, ob er zurück reisen oder aber die Brücken zur Heimat abbrechen soll. Höfgen entscheidet sich gegen die Emigration. Dies tut er nicht aus einem Zwang heraus, denn er würde auch im Ausland Erfolge feiern können, sondern aus freier Entscheidung, denn die Alternative Exil wäre für ihn durchaus möglich. Und von nun an verleugnet er seine frühere Nähe zu kommunistischen Ideen &#8211; eine Einstellung, die freilich auch nur lau und halbherzig war. Höfgen ist ein Mensch, der sein Fähnchen nach dem Wind zu hängen weiß. Als die Nazis an die Macht kommen, geht er also bewusst den Pakt mit dem Teufel ein – ohne freilich ein überzeugter Faschist zu sein. Aber zu den Nazis gibt es doch eine Wesensverwandtschaft, denn zum Charakterbild des Komödianten gehören Lüge und Verstellung, die auch Grundzüge des neuen Herrschaftssystems sind. Höfgen passt in die Gesellschaft der Naziführer, denn er spielt eine Würde nur vor, die ihm nicht zusteht, und er hat ihren hysterischen Elan und eitlen Zynismus. An einer Stelle wird diese innere Verwandtschaft von Politik und Schauspielerei besonders deutlich: „Hier standen … vier Mächtige in diesem Lande, vier Gewaltige, vier Komödianten &#8211; der Reklamechef, der Spezialist für Todesurteile und Bombenflugzeuge, die geheiratete Sentimentale und der fahle Intrigant.“ Gemeint sind damit Goebbels, Göring, seine Ehefrau und eben Gründgens.</p>
<p>Man kann dem Roman vorwerfen, dass die Gestalten teilweise mit dem groben Strich des Karikaturisten gezeichnet und satirisch überzeichnet und plakativ sind. Klaus Mann selbst bezeichnete seinen Mephisto als „satirisch- politischen“ Roman. Mit diesem Stilmittel wird die gesamte Person so auf eine negative Eigenschaft oder eine menschliche Schwäche reduziert. Das Theatermilieu ist höchst treffend geschildert, die politischen Figuren dagegen bleiben blass. Besonders die führenden Köpfe des neuen Regimes hat Klaus Mann mit polemischer Schärfe gestaltet. An einer Stelle werden sie als Larven und Fratzen bezeichnet. In der Figur des „Ministerpräsidenten Preußens“ und Fliegergenerals wird die Geckenhaftigkeit von Hermann Göring herausgehoben und es wird oft von dem „gewaltigen und fetten Dicken“ gesprochen. Seine Beine sind wie Säulen. Und „nach all seinen blutigen und glanzvollen Geschäften weiß der Mächtige sich keiner nettere Erholung, als mit dem Schalksnarren zu tändeln.“ In dieser Figur verkörpert sich alles Hassenswerte, was Klaus Mann mit dem neuen Regime verbindet. Für feine psychologische Analysen bleibt da kein Raum. Die Mächtigen des NS-Staates waren für den Autor barbarische Hohlköpfe, die allerdings sehr genau wussten, wie sie politische Gegner aufschnüffeln und aus dem Weg räumen mussten. In dem Roman wird deutlich, dass die Dummheit der Mächtigen sich durchaus mit menschlicher Grausamkeit verbindet.</p>
<p>Viele Personen des Romans erinnern an Menschen, die Klaus Mann persönlich gut kannte. Auch das Theatermilieu war ihm nicht unbekannt, denn er trat zusammen mit seiner Schwester Erika Mann und eben jenem Gustav Gründgens in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf der Bühne auf. Der an den Hamburger Kammerspielen reüssierende Erich Ziegel zum Beispiel diente ihm teilweise als Modell für den Theaterdirektor Kroge, der Schauspieler Hans Otto, der als Kommunist Widerstand gegen die Nazis leistete und dafür mit seinem Leben bezahlte, war Vorbild für den revolutionären Schauspieler Otto Ulrich. Hans Miklas ist ein junger Schauspielerkollege von Höfgen und schon früh ein überzeugter Nationalsozialist, der aber nach 1933 schnell enttäuscht wird. Höfgens Ehefrau Barbara Bruckner trägt einige Züge Erika Manns und verkörpert die Sphäre des Bürgertums. Sie ist gebildet, tugendhaft und sittlich. Ihr Vater ist der Geheimrat Bruckner, der für Thomas Mann steht, denn er wird als würdevoll und zugleich als ins Abseits geschobene Autoritätsperson mit aristokratischer Erscheinung gezeichnet. Er und Barbara erscheinen als moralischer Gegenpol zu Höfgen. Klaus Mann hat also nicht nur die Karriere Gründgens beschrieben, sondern auch seine eigene Familie in dem Roman verarbeitet. Er wollte aber keine Abbildung realer Personen, sondern ein literarisch verdichtetes Zeitgemälde entwerfen.</p>
<p>Die literarische Figur Höfgen ist nicht deckungsgleich mit dem homosexuellen Gustav Gründgens, denn Höfgen ist ein Sadomasochist. Sein erotisches Verlangen gilt der dunkelhäutigen „Tanzlehrerin“ Juliette, die ihm mit Lederstiefeln und Reitpeitsche „schauerliche Lustbarkeit“ bereitet. Hier kann Höfgen seine sadomasochistischen Neigungen ausleben. Sie durchschaut Höfgen übrigens sehr genau und stellt ihm gegenüber klar heraus, dass er nur seine eigene Karriere im Kopf hat.</p>
<p>Der Roman beginnt mit einem Vorspiel 1936. Der preußische Ministerpräsident feiert in der üppig dekorierten Berliner Staatsoper pompös wie ein König seinen 43. Geburtstag. Unter den Gästen befindet sich auch Hendrik Höfgen, der hier bereits seinen gesellschaftlichen Höhepunkt erreicht hat, wobei am Ende des Romans klar wird, dass dieser äußere Aufstieg mit persönlich würdelosem Verhalten einhergeht. Am Ende des Romans weint er sich bei seiner Mutter aus und ergeht sich in Selbstmitleid. Das krankhafte Streben nach Erfolg korreliert mit dem persönlichen und moralischen Versagen. Nach dem Vorspiel blendet Klaus Mann zurück auf das Leben von Hendrik Höfgen, beginnend vom Hamburger Künstlertheater im Jahre 1926. Dora Martin ist in jenen Jahren bereits eine gefeierte Schauspielerin, die das Talent von Höfgen erkennt. Mit Hans Miklas, einem frühen Nazisympathisanten, der auf die jüdische Herkunft Dora Martins hinweist, und dem Kommunisten Otto Ulrich sind bereits einige Figuren des Romans präsent, die uns bis zum Schluss begleiten. Höfgen gibt sich gegenüber seinen Kollegen oft ungeheuerlich tyrannisch und gehässig, weiß sich dann aber auch immer wieder durch seinen Charme, Humor und seine offene Heiterkeit beliebt zu machen. Einmal bricht er eine Probe abrupt ab, um seine vermeintliche Tanzlehrerin Juliette aufzusuchen. Diese nennt er „Prinzessin Tebab“ und „schwarze Venus“ aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe.</p>
<p>Höfgen ist ein arbeitsbesessener Mann des Theaters durch und durch, dem es nicht an Neidern mangelt. Er arbeitet sechzehn Stunden täglich und wird wöchentlich von Nervenzusammenbrüchen heimgesucht. Er strebt nach Berlin, der Hauptstadt und künstlerischen Hochburg der Zeit. Irgendwann begegnet er dem selbstverliebten und für seine unerbittlichen Urteile bekannten Dramatiker Theophil Marder, der geradezu prophetisch auf die Situation des Landes und auf das schreckliche Ende verweist. Höfgen lernt Barbara, die aus großbürgerlichem Milieu kommt, kennen und heiratet sie. Nicht zuletzt deshalb, weil diese Heirat für die Karriere des Strebsamen förderlich ist. Höfgen steht politisch in diesen Jahren noch auf der „linken Seite“ und prangert den „ausbeuterischen Zynismus der Bourgeoisie und den frevelhaften Irrsinn des Nationalismus“ an.</p>
<p>Die Eheleute entfremden sich jedoch schnell und Barbara fragt sich, ob ihr Ehemann Höfgen überhaupt lieben kann. Die Unerfülltheit seiner Ehe treibt Höfgen wieder zurück zu Juliette. Dass er Barbara damit betrügt, belastet ihn keineswegs, denn er sieht sich schließlich zuerst und vor allem als Künstler. Und Juliette ist für ihn eben auch eine Person, die er für seine Karriere einzuspannen weiß, weil sie ihm Tanzschritte beibringt.</p>
<p>Sehr schäbig verhält er sich, als er den Schauspieler und Nazianhänger Hans Miklas, mit dem er sich über die Schauspielerkollegin Lotte Lindenthal zerstreitet, aus dem Theater werfen lässt. Während Miklas dieser Frau, die als sentimental und naiv beschrieben wird, wohlgesonnen ist, hält Höfgen wenig von ihr und bezeichnet sie sogar als „blöde Kuh“. Später jedoch, nachdem Lotte die Freundin und zukünftige Gattin des „Fliegergenerals“ geworden ist, ändert er seine Meinung zu ihr &#8211; nicht aus Sympathie, sondern aus reinem Kalkül. Höfgen erkennt ihren Wert als Fürsprecherin beim Ministerpräsidenten und wirbt einschleimend gezielt um ihre Gunst. Nach Erreichen seiner Ziele wird diese Frau freilich wieder unwichtig für Höfgen und entsprechend behandelt er sie. An dieser Figurenkonstellation erkennt man ein wiederkehrendes Muster: Menschen werden instrumentalisiert und sind ihm nie wichtig wegen ihres Charakters, sondern ausschließlich wegen ihrer Nützlichkeit für seine Karriere. Insofern lässt sich die obige Frage von Barbara beantworten: nein, Hendrik Höfgen kann nicht lieben, außer sich selbst.</p>
<p>Durch die Fürsprache von Dora Martin öffnet sich ihm schließlich der Weg zu seiner heiß ersehnten Berliner Karriere. In der Saison 1932/33 teilt sie ihm dann mit, dass sie zukünftig in Amerika Theater spielen wird. Hellsichtig erkennt sie früh, dass es für sie keine Zukunft in Deutschland gibt. Obwohl Hendrik ihr viel zu verdanken hat, ist er darüber nicht betrübt, denn er wird damit eine Konkurrenz durch diese jüdische Schauspielerin in Deutschland los.</p>
<p>Durch Lotte Lindenthal gewinnt er immer mehr Zugang zum privaten Leben seines blutbefleckten Gönners und genießt das Privileg, im Hause des dicken Ministerpräsidenten verkehren zu dürfen. Dieser schützt ihn auch vor seinen mächtigen Feinden, wie dem Propagandaminister und dem von ihm ernannten Staatstheaterintendanten Cäsar von Muck. Diese Feinde bleiben im Roman freilich blass und im Hintergrund.</p>
<p>Immerhin unternimmt er einmal den Versuch, beim Ministerpräsidenten die Freilassung des kommunistischen Schauspielerkollegen Otto Ulrich zu erbitten. Es ist das einzige Mal, dass Höfgen Gutes tut. Er ist freilich durchaus nicht naiv, sondern kalkuliert kühl seine Grenze aus, bis zu der er gehen kann, zum Beispiel als der dicke Fliegergeneral ihm sehr eindringlich zu verstehen gibt, dass er sich aus der Politik herauszuhalten habe. Höfgen erkennt ganz genau, dass er einen Pakt mit den bösen Mächten im Lande geschlossen hat. „Jetzt habe ich einen Flecken auf der Hand, den bekomme ich nie mehr weg … Jetzt habe ich mich verkauft … Jetzt bin ich gezeichnet!“</p>
<p>Die einzige Sorge, die dem Theatermann im Dritten Reich bleibt, ist seine dunkelhäutige Gespielin Juliette. Dass er sich der Rassenschande schuldig macht, darf niemand erfahren. Als ihm Juliette lästig wird, bietet er ihr Geld und verlangt von ihr, dass sie Deutschland verlässt und nach Paris geht. Da sie nicht freiwillig geht, missbraucht er seine Verbindungen zu dem mächtigen Dicken im Staate, um sie aus dem Weg zu räumen und nach Paris bringen zu lassen. Hans Miklas, der frühe Nazianhänger, ist von den neuen Machthabern enttäuscht und äußert offen seine Kritik. Er wird daraufhin kurzerhand von den Mächtigen im Lande beseitigt.</p>
<p>Viele frühere Freunde Höfgens leben inzwischen im Ausland. Seine geschiedene Ehefrau Barbara lebt in Paris und arbeitet gegen das Naziregime, der Geheimrat selbst lebt in einem Haus an der französischen Mittelmeerküste. Er hat Deutschland gleich nach dem Reichstagsbrand verlassen und erfährt aus der Zeitung von dem Verlust seiner deutschen Staatsangehörigkeit. Dora Martin feiert inzwischen Erfolge in London und New York. Oskar Kroge lebt in Prag und Juliette versucht sich in Paris durchzuschlagen.</p>
<p>Dann kommt doch noch heraus, dass es Unstimmigkeiten in Höfgens Liebesleben gibt. Es heißt, er treibe Rassenschande mit einer in Frankreich lebenden „Negerin“. Da diese Gerüchte ein schlechtes Licht auf ihn werfen, entscheidet sich Höfgen zur Heirat mit Nicoletta, der früheren Ehefrau von Theophil Marder, der fast so häufig wie Höfgen das Attribut diabolisch zugewiesen wird. Auch dies ist also eine Zweckehe, diesmal um die eigene Karriere nicht zu gefährden.</p>
<p>Zum einen bewegt sich Hendrik Höfgen vornehmlich im Theatermilieu. Daneben laviert er geschickt durch die politischen Milieus. In den zwanziger Jahren steht er den Kommunisten nahe, ab 1933 schmeichelt er sich bei den Nazis ein. Neben seinem öffentlichem Auftreten als Schauspieler und Intendant wird er als private Person geschildert, der Nähe zu Menschen nur dann findet, wenn sie ihm nützlich sind.</p>
<p>Ein auktorialer Erzähler begleitet uns durch den Roman. Diese Erzähler kennt die Gedanken der handelnden Figuren und nimmt unmissverständliche moralische Bewertungen vor. Zuweilen sucht er kommunikative Nähe zum Leser: „Wenden wir uns von ihm ab“ oder „lassen wir entstehen“.</p>
<p>Der Roman ist fesselnd und ein großes intellektuelles, aber auch zwiespältiges Lesevergnügen, weil er einen gewissen literarisch-satirischen Reiz im Erkennen von vermeintlichen zeithistorischen Vorbildern auslöst. Einzelne Figuren werden nuanciert dargestellt und deren je persönliche Gesinnung und Haltung angesichts der plötzlich hereinrechenden Nazi-Herrschaft aufgezeigt. Vom überzeugten Nazi, der schnell enttäuscht wird, über den Duckmäuser und Mitläufer bis zum hellsichtigen Gegner, der emigriert, finden wir ein breites Spektrum an möglichen Haltungen vor. Ein weiteres Element ist die satirische Überzeichnung, die ich als Leser keineswegs als Mangel empfunden habe. Vielmehr zeigt sich darin sehr deutlich die Hohlheit des Nazi-Regimes, ohne dass der Roman freilich das Mörderische und Bedrohliche des Regimes verleugnet. Zuweilen kann man sich schief lachen, aber zugleich bleibt einem das Lachen im Hals stecken angesichts der Schrecken der Naziherrschaft.</p>
<p>Hauptanliegen des Romans ist es, den Typus des Mitläufers im Dritten Reich zu beleuchten, der durch den Karrieristen Hendrik Höfgen verkörpert wird. Der Roman ragt aus der Exilliteratur heraus, weil er ein packendes Zeitgemälde entwirft und uns Leser heute vor die Frage stellt, wie viel Höfgen in uns selbst steckt. Schließlich muss man sich auch fragen, inwieweit sich ein Künstler auf ein Unrechtsregime einlassen darf. Darf sich ein Genius unmoralisches Handeln erlauben oder wirft dies nicht ein trübes Licht auf das Künstlertum selbst? Kann man beide Bereiche, also die künstlerische Tätigkeit und das persönliche Verhalten des Künstlers wirklich trennen? Kann man einen Künstler bewundern, wenn dieser sich im Leben schäbig verhalten hat?</p>
<p>August 2026</p>
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		<title>Jan-Heiner Tück &#8211; minima theologica</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/jan-heiner-tueck-minima-theologica/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Jul 2026 07:18:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>Verlag Herder</p>
<p>216 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p><strong>Minima Theologica – Spuren des Heiligen heute</strong></p>
<p><strong>Von Jan-Heiner Tück</strong></p>
<p>Wie schon der Klappentext verrät, handelt es sich um eine Sammlung von Miniaturen und Skizzen, die den Spuren des Heiligen in der Kunst, Musik und Literatur nachgehen. Die meist kurzen Texte streifen ganz unterschiedliche Bereiche der Kunst und zu einem kleineren Teil unsere Alltagserfahrungen.</p>
<p>Man kann sich freilich bei solchen Büchern immer fragen, wer überhaupt Adressat sein soll. Denn in einer Zeit, in der immer mehr Menschen ohne Gott leben und ohne Transzendenzbedürfnis sind und dabei nach eigenem Bekunden gut leben, werden diese Menschen eben kein Bedürfnis haben, nach diesem Buch zu greifen, wenn sie überhaupt noch lesen. Das ist natürlich kein Hinderungsgrund, ein solches Buch zu schreiben, denn es will ja nicht Atheisten überzeugen, sondern wendet sich an diejenigen, die noch für die Gottesfrage empfänglich sind. Es wendet sich an Menschen und Leser, die ahnen, dass das, was ist, nicht alles ist. Und dass es eine Erfahrungen menschlicher Selbsttranszendenz gibt.</p>
<p>Beispielhaft lauten einige Kapitel Buches:</p>
<p>Fehlt Gott? Von frommen Atheisten und anderen Gottsuchern</p>
<p>Aufkündigung als Akt der Treue. Kierkegaards Paradox.</p>
<p>Das größere Gegenüber &#8211; lyrische Suchbewegungen bei Uwe Kolbe</p>
<p>Theologen (u.a. Thomas von Aquin, Karl Barth, Bruno Latour, Uwe Kolbe) und Philosophen (u.a. Fichte, Hegel, Kierkegaard) kommen kurz zu Wort, auch Musiker und Maler, aber auch Literaten, wie Johann Wolfgang Goethe (pantheistische Weltfrömmigkeit), Rainer Maria Rilke, Botho Strauß, besonders oft Judith Herman und Martin Walser, in dessen Roman <em>Muttersohn</em> es im Blick auf Gott heißt: „Weh denen, die dich verschweigen“.</p>
<p>Nicht immer geht es in den Texten um den Aufschein des Heiligen im Heute, sondern ganz profan, um kurze Auslegungen von Texten. So in einem Text über Kierkegaard, von dem es heißt, dass er scheinbar seine eigene Existenz im alttestamentlichen Abraham gespiegelt sieht, weil er seine Verlobte einem größeren Auftrag opferte und so gegen alle bürgerliche Vernunft seinem Gott die Treue hielt.</p>
<p>Oft wird bei Tück nicht recht deutlich, warum Religion etwas Heilbringendes, etwas Gutes in die Gegenwart hinein holen kann. Solche Sätze sind gewiss schön, aber sie fallen doch recht unvermittelt auf den Leser herab und bleiben ohne erhellende Begründung.</p>
<p>So geht Tück in einem Kapitel auch auf den Psalter im Alten Testament ein, ein Buch der Lieder, das uns helfen kann, die verlorene Sprache wiederzufinden und Wege aus der Sackgasse des religiösen Analphabetismus zu finden. Denn die Skala der Ausdrucksmöglichkeiten reicht dort von Anklage, Protest und Schrei bis zur Bitte um Vergebung, bis zum dankbaren Staunen und hin zum Lobpreis und Jubel. Das stimmt zwar alles, aber wie sollen wir zu diesem alten Text im säkularen Zeitalter heute wirklich einen Bezug gewinnen, der uns heute tief bewegen kann? Schließlich ist der Psalter im babylonischen Exil entstanden und ohne die Exilerfahrung Israels nicht verstehbar. Wenn uns Mitteleuropäern aber heute diese Erfahrung fehlt, wie kann der Text uns dann ansprechen? Wie können wir -wie im Psalter- zu Gott als einem <em>Du</em> sprechen, wenn uns dieses <em>Du</em> zunehmend fremd geworden ist?</p>
<p>Aber vielleicht sollte man an das Buch nicht mit diesen allzu hohen Erwartungen herangehen. Damit ein Buch für den Leser bedeutungsvoll ist, reicht es ja oft aus, wenn in ihm einige Sätze und Gedanken in ihm etwas zum Schwingen bringen können. Wie vielleicht dieser Gedanke: man kann nicht so bleiben, wie man ist, wenn man dem Heiligen nahekommen will. Aus der Zerstreuung führt es in die Mitte. Oder wie es bei Hölderlin heißt: Aufbrechen! So kommt. Dass ein Eigenes wir suchen, soweit es auch ist.</p>
<p>August 2026</p>
</div></section></div></div></div></main><!-- close content main element --></div></div>
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		<title>Jürgen Habermas/Joseph Ratzinger &#8211; Dialektik der Säkularisation</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/juergen-habermas-joseph-ratzinger-dialektik-der-saekularisation/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Jul 2026 05:39:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>Verlag Herder</p>
<p>64 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p><strong>Jürgen Habermas/Joseph Ratzinger</strong></p>
<p><strong>Dialektik der Säkularisierung</strong></p>
<p>Beide Denker stellen sich in ihren Vorträgen am 19. Januar 2004 in der Katholischen Akademie Bayern dem Thema „vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. In einem kurzen Vorwort führt Florian Schuller in die beiden Tagungsbeiträge, die in diesem Buch veröffentlicht sind, ein.</p>
<p><strong>Habermas</strong> geht in seinem Vortrag von einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat aus, der auf säkularen und rationalen Prozessen beruht. Ist denn ein so verfasster Staat überhaupt auf tradierte verbindliche ethische Überlieferungen angewiesen? Oder basiert politische Herrschaft ausschließlich auf einer säkularen Rechtfertigung? Zunächst, so Habermas, beruht der demokratische Prozess selbst auf der rationalen Akzeptanz der Ergebnisse, hier bedarf es keiner religiösen oder metaphysischen Begründung. Wenn man das demokratische Willensbildungsverfahren als Methode zur Erzeugung von Legitimität aus Legalität begreift, entsteht kein Geltungsdefizit, dass durch Sittlichkeit ausgefüllt werden müsste.</p>
<p>Offensichtlich genügt diese Argumentation aber nicht. Denn das demokratische System stabilisiert sich normativ in diesem bloßen <em>modus vivendi</em> nicht. Das eine ist die Rationalität des Systems, das andere die Menschen in diesem System, die sich nun einmal nicht rein rational-prozessual in dieses System einfügen lassen. Denn die Frage ist virulent, wie Staatsbürger mit ganz unterschiedlichen Weltanschauungen motiviert werden können zur selbststabilisierenden Teilnahme an der demokratischen Willensbildung. Hier kommen nun politische Tugenden des Einzelnen ins Spiel, die sich aus vorpolitischen Quellen speisen. In das rationale System kommen somit Elemente hinein, die ihm eigentlich fremd sind. Der demokratische Willensbildungsprozess ist somit in sich konfrontiert mit nicht-rationalen Motiven der Menschen.</p>
<p>Es ist daher eine Vermittlung nötig und diese gelingt nach Habermas, wenn die moralischen Gehalte von Grundrechten in den Gesinnungen der Einzelnen Fuß fassen. Hierzu seien jedoch rein kognitive Prozesse nicht mehr ausreichend. Ich sehe hier einen gewissen Widerspruch, denn wie sollen rationale Grundsätze durch außerrationale Prozesse implementiert und gestützt werden?</p>
<p>Habermas sieht den wunden Punkt seiner Argumentation, der darin besteht, dass liberale Ordnungen durch die Solidarität ihrer Staatsbürger stabilisiert werden müssen. Politik basiert auf einem gesellschaftlichen Ethos, d.h. auf Gewohnheit und Sitte der Lebensverhältnisse und Charakter der Menschen. Und diese basalen Elemente einer Gesellschaft sind eben nicht frei von religiösen oder metaphysischen Einflüssen.</p>
<p>Die Frage nach der Stabilisierung der demokratischen Gesellschaft stellt sich drängend in Zeiten, in denen die staatsbürgerliche Solidarität bröckelt, z.B. weil sich die Bürger entpolitisieren, sich in ihr Privates zurückziehen oder sich radikalisieren. Zudem ist Demokratie durch die Dynamik der Weltwirtschaft und entfesselte Globalisierung gefährdet.</p>
<p>Philosophie kann daher nicht einfach über religiöse Überlieferungen hinweg gehen, denn sie sind wichtig für jenen individuellen Habitus der Menschen, von dem letztlich abhängt, ob die rational begründete demokratische Staatsform bestand hat oder nicht. Habermas sieht, dass säkulare rationale Motive alleine nicht ausreichen. Ohne dies genauer auszuführen, hat Habermas freilich nur eine religiöse Tradition im Auge, die nicht schlechthin irrational ist, die also ein rational nachvollziehbarer Wahrheitsanspruch auszeichnet.</p>
<p>Mit Ratzinger ist sich Habermas darin einig, dass Säkularisierung ein doppelter Lernprozess innewohnen muss, der die Traditionen der Aufklärung ebenso wie die religiösen Lehren zur Reflexion auf ihre jeweiligen Grenzen nötigt. Was dieses „Ernstnehmen“ religiöser Momente freilich für das demokratische System bedeutet und inwiefern es sich dadurch selbst verändern müsste, diese Frage stellt Habermas nicht. Es scheint, dass für ihn Religion alleine in ihrer dienenden Funktion für die Stabilisierung der Demokratie wichtig ist.</p>
<p>Meines Erachtens bleibt dieses Zuspiel von Glaube und Vernunft, die beide gegenseitig befruchten soll, bei Habermas also letztlich ungeklärt. Wohl deshalb, weil er die Dialektik der säkularen Welt durch die Brille rationaler Prozessualität sieht, und das Religiöse oder Metaphysische nicht wirklich Ernst zu nehmen weiß. Mit anderen Worten: Prüfstein des demokratischen Willensbildungsprozesses ist für ihn die praktische Vernunft eines nachmetaphysischen, säkularen Denkens. Metaphysische Motivationen in ihrem Eigenrecht würdigen, würde aber bedeuten, jenen Prüfstein, zumindest seine absolute Bedeutung, selbst in Zweifel zu ziehen. Das aber vermag der Denker, der sich selbst als religiös unmusikalisch bezeichnet, nicht zu leisten.</p>
<p>Josef <strong>Ratzinger</strong> wählt für seinen Vortrag einen ganz anderen Ansatz. Für ihn ist Prüfstein demokratischer Prozesse die vorausliegende Wirklichkeit des Menschen als Geschöpf von seinem Schöpfer her. Ratzinger nimmt das Problem einer säkularen Gesellschaft nicht in erster Linie aus Sicht der rationalen Stabilisierung demokratischer Prozesse auf, sondern von der Seite des Individuums. Philosophie dient nicht, wie bei Habermas dazu, ein System zu stabilisieren, sondern sie hält die Frage nach dem Ganzen der Wirklichkeit des Menschen offen. Plakativ könnte man sagen: für Ratzinger muss erst die Frage nach dem Wesen des Menschen geklärt sein, um dann die Bedeutung und Funktion demokratischer Prozesse beantworten zu können.</p>
<p>Er stimmt der These von Habermas zu, dass in der Demokratie Macht ganz unter das Maß des Rechtes gestellt ist. Dieser Bestand des Rechtsstaates ist hoch zu würdigen. Dass das Recht Ausdruck des gemeinsamen Interesses aller ist, sieht er, fürs erste jedenfalls, durch die Instrumente demokratischer Willensbildung gelöst.</p>
<p>Aber man kann nicht darüber hinwegsehen, dass auch Mehrheitsentscheidungen blind oder ungerecht sein können, wie die Geschichte überdeutlich zeigt. Auch das Mehrheitsprinzip kann fehl gehen, so dass eben immer noch die Frage nach den ethischen Grundlagen des Rechts gestellt werden muss. Habermas würde wahrscheinlich zugeben, dass es Fehlentscheidungen geben kann, dass diese aber immer wieder korrigiert werden im rationalen Willensbildungsprozess selbst. Ratzinger misstraut dieser Selbstregulierung, wenn er feststellt, dass es vorgelagert bereits unantastbare Werte und Normen geben muss, die aus dem Wesen des Menschseins folgen. Erst auf Basis dieses Naturrechts ergeben sich Prinzipien, um rechtliche Regeln normativ beurteilen zu können. Voraussetzung des staatlichen Rechts ist daher das Naturrecht und nicht die säkulare Vernunft. Mit anderen Worten: gegenüber dem gesetzten Recht, das Unrecht sein kann, muss es ein Recht geben, das aus der Natur, dem Sein des Menschen selbst folgt. Ratzinger verweist hier auf die Menschenrechte, die heute noch einen solchen Naturrechtsstatus haben, d. h. als ein Recht gelten , die Menschen als Menschen, einfach durch ihre Zugehörigkeit zur Spezies Mensch haben.</p>
<p>Wenn sich bei Habermas vorher die Frage aufdrängte, ob die Religion eigentlich eine positive moralische Kraft sei, so verweist Ratzinger nun umgekehrt auf die Zweifel an der Verlässlichkeit der säkularen Vernunft. Diese kann auch zerstörerisch und inhuman werden, wie die Entwicklung der Atombombe oder technische Möglichkeiten zur Menschenzüchtung zeigen. Von daher ist seine berechtigte Frage, ob die allmähliche Aufhebung der Religion, ihre Überwindung, ein nötiger Fortschritt der Menschheit ist oder nicht. Der Kirchenmann Ratzinger befragt also die säkulare Vernunft aus Sicht der Religion und Philosophie, die allererst die Normen für diese bereit zu stellen habe. Ein Gedanke, dem Habermas natürlich widersprechen würde, zumindest was den Part der Religion angeht.</p>
<p>Schließlich verweist Ratzinger noch auf die Interkulturalität und ihre Folgen. Er argumentiert, dass, auch wenn die säkulare Kultur eine der strengen Rationalität ist, wie sie Jürgen Habermas präferiert, sie doch nur eine der westlich-aufgeklärten Welt ist. Die säkulare Rationalität stößt auf Grenzen, weil ihre Evidenz an bestimmte kulturelle Kontexte gebunden ist.</p>
<p>Beide Diskussionspartner treffen sich aber in dem Gedanken, dass Lernbereitschaft und Selbstbegrenzung von Glauben und Wissen nach beiden Seiten hin notwendig ist. Es gibt Pathologien in der Religion, aber auch Pathologien der Vernunft, eine Hybris der Vernunft, die nicht minder gefährlich ist. Die Vernunft ist an ihre Grenzen zu mahnen und Hörbereitschaft gegenüber den großen religiösen Überlieferungen der Menschheit angezeigt. Wenn sich Vernunft völlig emanzipiert, wird sie zerstörerisch, so Ratzinger.</p>
<p>Im Gegensatz zu seinem Diskussionspartner legt Ratzinger also sein Augenmerk eher auf die negativen Folgen der säkularen Vernunft, ohne ihre Verdienst in Abrede zu stellen. Diese Folgen verweisen darauf, dass es ein vorgelagertes Recht jedes Menschen aus seinem Wesen heraus, geben muss. Man geht sicher nicht fehl in der Interpretation, wenn man Ratzinger unterstellt, dass dieses Naturrecht auf Religion basiert. Religion bleibt für ihn die Basis und der Grund, rationale Prozesse kritisch zu reflektieren. Habermas umgekehrt meint, dass bei aller Akzeptanz der Religion, diese doch nur ins Spiel kommen kann, wenn sie rationalen Maßstäben unterworfen wird.</p>
<p>Was ist das tragende Fundament einer demokratischen Ordnung? Für Habermas ist es die säkulare Vernunft, die freilich einer Ergänzung bedarf, weil Menschen weltanschauliche, religiöse oder andere vorpolitische Lebensmotivationen haben. Für Ratzinger sind diese Lebensmotivationen, v.a. die religiösen Einstellungen der Menschen zentral. Diese normieren eine gesellschaftliche Ordnung, bedürfen aber als Korrektiv der säkularen Vernunft, um irrationale Auswüchse zu verhindern.</p>
<p>Juli 2026</p>
</div></section></div></div></div></main><!-- close content main element --></div></div>
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		<title>Klaus Müller &#8211; Dem Glauben nachdenken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Jul 2026 07:28:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>Aschendorff Verlag</p>
<p>272 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p><strong>Dem Glauben nachdenken</strong></p>
<p><strong>Von Klaus Müller</strong></p>
<p>Kaum ein Buch hat mich in letzter Zeit so sehr intellektuell angesprochen und gleichzeitig berührt wie dieses. Der Autor – Priester und emeritierter Professor für Fundamentaltheologie und Religionsphilosophie &#8211; vermag es nämlich, die Grundgedanken christlichen Glaubens auf den Punkt zu bringen und dabei den Zauber am Christentum leuchten zu lassen und diesen Glauben gleichzeitig rational zu befragen, ohne sich in allzu spitzfindige Details zu verlieren. Und dabei liest sich das Buch auch noch erstaunlich gut. Außerordentlich selten ist es, wenn ein Buch die Mitte halten kann zwischen einer begründungsresistenten emotionalen Betroffenheitsliteratur und einem staubtrockenen theologischen Diskurs. Mich fasziniert dieses Buch aber auch, weil man dem Autor eine lebenslange intensive Beschäftigung mit seinem Thema anmerkt. So strahlt es eine reife und souveräne Beherrschung des Stoffes aus, ja, es ist nicht zu viel gesagt, wenn man feststellt, dass das Buch Weisheit ausstrahlt.</p>
<p>Klaus Müllers Ansatz kann man als Andacht des Denkens beschreiben, die darin besteht, den Fragen nicht auszuweichen, die sich an den Grenzen der Vernunft stellen. Er unternimmt es, die vielen geschichtlichen Facetten der Frage nach Gott aufzunehmen, aus heutiger Sicht einzuordnen und Stellung zu nehmen. Der Bogen spannt sich so vom Apostel Paulus bis in die heutige Diskussion um Ratzinger/Habermas und Dieter Henrich. Sicherlich -eine weite Spanne, die aber kein Sammelsurium ergibt, sondern einen wirklich fundierten Überblick des europäisch-theologischen Nachdenkens über Gott. In 10 Kapiteln durchpflügt der Autor den Resonanzraum von Vernunft und Glauben. Es sind gewichtige Kapitel, die teilweise originell komponiert sind, zum Ende hin auch etwas knapper und zeitkritischer ausfallen. Zusammengenommen kann man das Buch auch als Einführung ins Christentum unter den Bedingungen der Spätmoderne lesen.</p>
<p>Es ist hier unmöglich, den Reichtum an Gedanken, die das Buch enthält, auch nur ansatzweise aufzuzeigen. Man muss es einfach selbst lesen. Wohl aber will ich hier einige wenige Anmerkungen zu den 10 Kapiteln machen.</p>
<ol>
<li>Ein Gang durch die Bibel in vier Schritten</li>
</ol>
<p>Originell ist die Idee, dem Leser die Bibel in vier Kernaussagen näher zu bringen. So beginnt es am Anfang mit Genesis 2,4. Es wird gezeigt, dass die Bibel kein Märchenbuch für geistig zurückgebliebene Naivlinge ist, sondern unser Leben im Kern anspricht. Wenn es etwa in der biblischen Schöpfungsgeschichte heißt, dass Gott den Menschen aus Erde getöpfert und ihm den Lebensatem eingeblasen hat, dann verweist dies darauf, dass der Mensch als Schnittpunkt von Erde und Himmel zu verstehen ist, wo beide sich ineinander verweben. Sie zeigt zugleich Gottes Fürsorge um sein Geschöpf und wie er harmonisch alles geschaffen hat.</p>
<p>Der Rauswurf aus dem Paradies wird nicht als unverständliche Tat Gottes gebrandmarkt und Adam und Evas Handeln nicht als schweres Verbrechen gegen ein göttliches Gebot verstanden, wofür wir alle büßen müssen. Diese Erzählung des Alten Testaments macht vielmehr begreiflich, wie unsere Angst vor Gott aufgebrochen ist. Das verlorene Paradies ist der Preis dafür, nicht mehr wie ein Kind aufgehoben sein zu wollen in Gott. Dieser Grundkonflikt zwischen Vertrauen und Misstrauen in den Grund des Lebens, zwischen Glaube und Angst, zwischen Gnade und Sünde, sei es, so der Autor, der hier erzählt wird.</p>
<p>Auch die Mose-Geschichte wird verständlich erklärt. Gott schenkt dem Mose als Antwort auf seinen Zweifel seinen Namen. Gottes Name ist Gottes Wesen, das darin besteht immer da zu sein für den Menschen. Und die Flucht aus Ägypten schildert in Wirklichkeit die Dramatik der Kämpfe, in die ein Mensch gerät, der sich aus Gottvertrauen entschlossen hat, sich aus der Versklavung seines Lebens zu befreien. Wenn immer wieder die Abwendung Israels von Gott erzählt wird, dann sind in Wirklichkeit wir damit gemeint. Wir, die wir immer in der Gefahr stehen, uns von ihm abzuwenden und irgendwelchen Götzenbildern hinterherzulaufen.</p>
<ol start="2">
<li>Das Glaubensbekenntnis durchmessen</li>
</ol>
<p>Wie kann ich von Gott reden? Einmal, indem man die positiven Aussagen sozusagen immer wieder als letztlich doch ungenügend durchstreicht, oder indem man via negativa redet, also darüber redet, was Gott nicht ist, oder aber indem man in überschießender Rede von einem Gott der Fülle redet. Jede Rede von Gott erfolgt in einem Wissen, dass positive Gottrede unzureichend ist. Daher meinen Atheisten, wovon man hier redet, sei sinnlos oder gar Ausdruck von Infantilität. Ein Christ dagegen kann gar nicht anders als von seinem Gott zu reden, denn er ist von einer Gotteserfahrung, in der er etwas für ihn einmalig Beglückendes gefunden hat, hingerissen. „Ich glaube an Gott, den Vater …“, ist daher nicht ein Lehrsatz, sondern ein Lobpreis. Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass der inflationäre Gebrauch des Gotteswortes bei dem ein oder anderen Christen nicht dessen Unbedingtheit vermittelt, sondern sie eher aushöhlt. Wer nicht zu schweigen gelernt hat, darf eigentlich nicht von Gott sprechen, so wird Bischof Kamphaus zitiert.</p>
<p>Der Christ versteht jedenfalls alles, was ist, aus einem es ermöglichenden letzten und tragenden Grund, der nicht abstrakt ist, sondern in einem lebendigen Bezug zum eigenen Leben steht. Der Gott der Christen hat uns Menschen in seiner Souveränität frei gelassen in unsere Eigenständigkeit, die auch dazu führen kann, dass wir an ihn nicht mehr zu glauben vermögen.</p>
<p>Aber ist Gott wirklich gut und allmächtig, wenn er eine Welt ins Dasein ruft, in der Kinder mit offenem Rückenmark geboren werden? So klagt Klaus Müller. Für ihn ist die Theodizeefrage schlüssig in der biblischen Antwort Hiobs beantwortet. Am Ende ist alles bis zum letzten Staubkorn hinab von Gott gewollt. Deshalb darf ich dann auch darauf setzen, dass das auch für mein Leben gilt, auch dort noch, wo alles unerträglich wird.</p>
<p>Jesus als Zentrum des Christentums:</p>
<p>Das entscheidende, dass es von Gott zu wissen gibt, ist durch Jesus und sein Leben ausgesprochen worden. Denn mit ihm bricht das Reich Gottes an, wo die Welt absolut wieder so wird, wie Gott sie im Anfang gemeint hat. Wo auch der Mensch ganz er selbst und in Übereinstimmung mit seinem Wesen sein kann und geborgen ist in dem, was der gönnende Geber Gott ihm schenkt. In Jesus begegnet uns das Reich Gottes, insofern er in seinem Dasein absolut mit Gott und darum mit sich versöhnt ist. In ihm vermittelt sich die für jeden gültige Einsicht: auch wenn ich nicht mehr als ein Staubkorn in der Unermesslichkeit des Kosmos wiege, ist es trotzdem gut mit mir, so wie es ist. Und in der Ostererfahrung erfahre ich, dass ich selbst in meiner unvertretbaren Besonderheit in Gott so gewiss erhalten bleiben werde, wie ich irdisch vergänglich bin. So beginnt mitten in der tiefsten Nacht des Kreuzes die österliche Hoffnung zu leuchten. Gott hält mein Leben mitsamt dem Sterben in seiner Hand. Darum muss mich das Ende nicht ängstigen, weil ich auch am Ende bei Gott lebendig bleibe. Das ist die Verheißung der Osternacht. Gottvertrauen heißt darum im Tiefsten: ich glaube an eine Innenseite meines Lebens, die an die Ewigkeit rührt.</p>
<p>Schuld und Strafe:</p>
<p>Klaus Müller trägt eine kleine Erzählung von Astrid Lindgren vor: der kleine Sohn stellte etwas an, wofür er eine Tracht Prügel verdient hatte, so die Mutter. Die Mutter befahl ihrem Kind, in den Garten zu gehen und selber einen Stock zu suchen. Der Junge blieb lange draußen und kam schließlich weinend zurück und sagte, „ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein. Damit kannst du mir genauso weh tun.“ Da fing auch die Mutter zu weinen an.</p>
<p>Was zeigt uns diese Geschichte? Die Schuld eines Menschen kann mit Strafe nie und nimmer aufgehoben werden, geschweige denn gutgemacht werden. Dies erinnert an die Geschichte von der Ehebrecherin im Neuen Testament: „wer von euch ohne Sünde ist, der werfe als erster den Stein auf sie.“ Die frohe Botschaft heißt: Jesus geht auf die Ehebrecherin zu und nimmt sie vollmächtig in die Gottesgemeinschaft auf. Und er vertraut darauf, dass solche Sündenvergebung die Frau im Innersten trifft und zur Umkehr bewegt. Umkehr geschieht also nicht als Bedingung, sondern als Folge der Vergebung. Die Vergebung befreit die Frau aus ihrer Verstrickung. Sündenvergebung ist tief verwurzelt im christlichen Glauben und notwendig, um den Kreislauf von Schuld und Strafe zu durchbrechen und den Schuldigen aus seiner Verstrickung zu befreien.</p>
<p>Auch „Sterben und Auferstehung“ wird begreiflich und aus dem Bereich des Absurden herausgeholt, wenn der Autor ausführt, dass der Mensch eine Innenseite hat, die ans Ewige rührt, trotz seiner materiellen Vergänglichkeit. Das schließt so etwas wie einen „Ort“ ein, den man denken kann, wo alles, was geschieht, in seinem Gewesen-Sein für immer aufgehoben ist.</p>
<p>Diese wenigen Beispiele zeigen, dass der Autor sich an die schwierigen und heiklen christlichen Themen heran traut. Was er zu sagen hat, kann eigentlich von jedem unvoreingenommenen und reflektierten Menschen – sei er Christ oder nicht – gut nachvollzogen werden. Ob man daran glaubt, ist eine andere Frage.</p>
<ol start="3">
<li>Glauben und Denken</li>
</ol>
<p>Philosophisch können wir den möglichen Anspruch eines Unbedingten immer nur als Echo im Medium unserer endlichen Vernunft vernehmen. Und die Rede von Gott ist nur möglich, weil es ungeachtet aller Differenz zwischen Gott und Mensch einen Punkt gibt, da das Unterschiedene sich berührt, in eins schwingt, weil wir sonst in unserer Endlichkeit schlichtweg nichts wüssten von dem ganz Anderen. In diesem Lidschlag der Berührung mit diesem Gott stehen wir ihm nicht fern, sondern bewegen uns in ihm und leben in ihm, weil außer ihm gar nichts sein kann. Gott ist etwas, was mich im Innersten meines Daseins meint und anrührt. Und dies ist nicht mehr „reine“ Philosophie, sondern eine ganzheitliche menschliche Erfahrungswirklichkeit.</p>
<p>Das Besondere der christlichen Theologie besteht darin, dass das religiöse Bekenntnis von Anfang an intensiv die Nähe der Vernunft sucht, ausgehend von 1 Petrus 4,15: seit alle Zeit bereit zur Verantwortung jedem gegenüber, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch lebt. Der Autor skizziert die Paulinische Option: Christus ist als Gekreuzigter für die Juden ein empörendes Ärgernis, für die Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber Gottes Weisheit, denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen. Paulus wertet die menschliche Weisheit der Nichtchristen gegenüber der göttlichen ab. Mit Bezug auf das Neue Testament lässt sich aber auch eine johanneische Option herauslesen: im Anfang war der Logos, das bedeutet die Zusammenführung von Weisheit und Wahrheit. Wenn Jesus mit dem fleischgewordenen Logos verbunden wird, dann bedeutet das für den Gläubigen, indem er sich im Glauben zu Jesus Christus bekennt, bekennt er sich zugleich zur Wahrheit. Glaube und Vernunft sind also nicht unterschieden, weil sich im Logos des Menschen irgendwie auch der göttliche Logos zeigt.</p>
<p>Später entwickelt Anselm von Canterbury in seinem Buch Proslogion, dem Grundsatz <em>fides quaerens intellectum</em> folgend, einen ontologischen Gottesbeweis: wenn nichts größeres als Gott gedacht werden kann, dann muss er auch den Begriff der Existenz in sich enthalten. Also enthält der Begriff Gottes in sich die Existenz. Dieser „Beweis“ wurde nicht erst von Kant, sondern bereits von Thomas von Aquin kritisiert: es könnte sich um eine Täuschung des Denkens handeln, der keine Wirklichkeit entspricht. Vernunft, so der Aquinate, ersetzt daher nicht den Akt des Glaubens. Der „Alleszermalmer“ Kant dagegen, argumentiert viele Jahrhunderte später erkenntnistheoretisch: wo keine sinnlichen Erfahrungen gegeben sind, da kann es auch keine Erkenntnis geben. Gott kann also nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt werden, weil er nicht ein sinnlich erfahrbares Seiendes ist.</p>
<p>Der Gottesbegriff bekommt freilich in der praktischen Philosophie bei Kant wieder eine eigenständige Bedeutung, denn die Bindung allen Handelns an eine unbedingte Norm ist der Vernunft selbst so direkt und fundamental eingeschrieben, dass sie nicht aus der Erfahrungswelt kommen kann. Die Unmittelbarkeit der Erfahrung der vom Sittengesetz ausgehenden Verpflichtung ist keine Erfahrung, die auf sinnlicher Erfahrung beruht. Der Autor zeigt, dass Kant gegen den logischen Gott der Gottesbeweise einen Gottesgedanken aus dem existenziellen Zentrum des Subjekts, entwickelt.</p>
<p>Wenn sittliches Handeln darüber hinaus vernünftig sein soll, muss es einen Gott geben, der dafür sorgt, dass Moral und Glück in Einklang sind. Das kantische Gottespostulat kommt für die Hoffnung auf, dass eine Vernunft, die sich frei an das Sittengesetz bindet, auch auf das Lebensglück vertrauen darf, d.h. dass es vernünftig ist, an eine letzte Gerechtigkeit zu glauben, die Sittlichkeit und Glück in Einklang bringt. Denn wenn es den moralisch postulierten Gott nicht gibt, ist alle Erfahrung sittlichen Sollens durch und durch absurd. D. h. die menschliche Vernunft dürfte sich gerade dort nicht über den Weg trauen, wo sie sich selbst am unmittelbarsten gewahr wird. Dann könnte man sich nur noch betäuben oder verzweifeln.</p>
<p>Der Autor zeichnet dann den Komplex „Vernunft und Glaube“ bis in unsere Zeit nach, bis zu Josef Ratzinger und Jürgen Habermas sowie Dieter Henrich und Johannes Paul II mit seiner Enzyklika <em>Fides et Ratio</em>. Nur um hier noch auf Josef Ratzinger einzugehen: dieser macht sich dafür stark, dass der christliche Gottesbegriff aus sich heraus auf eine vernunftgemäße Explikation hindrängt. Bei der Zusammenführung von Vernunft und Glaube handelt es sich demnach nicht um eine Verfremdung der christlichen Grundbotschaft durch das griechisch- philosophische Denken in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitenwende, sondern bei der Vernunft-Glaube-Verschränkung handelt es sich um eine geschichtliche Konvergenz beider Traditionen, die vom christlichen Gottesbegriff getragen ist.</p>
<ol start="4">
<li>Atheismus zwischen Klischee und Provokation</li>
</ol>
<p>Erstaunlich ist es, dass der erste wirklich argumentativ ausgefaltete Atheismus auf Ludwig Feuerbach zurückgeht. Das Buch durchleuchtet an einigen markanten Beispielen, dass der Atheismus oft auf Missverständnissen beruht. Das Bild des zürnenden Gottes ist so eines. Denn es handelt sich um ein menschlich-affektives Bild von Gott und zeigt ihn als einen, der an den Menschen verzweifelt. So wie Eltern zornig werden, wenn ihre Kinder „dumme Sachen“ machen. Diesem Zorn liegt aber in Wirklichkeit die Liebe zu den eigenen Kindern zugrunde. Wer diese Liebe ausblendet und nur den zornigen Gott wahrnimmt, sieht irgendetwas, aber jedenfalls nicht Gott.</p>
<p>Die affektive Rede über Gott ist uns Menschen erlaubt und nicht unvernünftig. Diese muss freilich immer wieder kritisch reflektiert und in eine zweite Naivität überführt werden. Diese besteht darin, mit heiligen Texten so umzugehen, als ob sie wahr seien. Natürlich ist nicht alles, was da geschrieben steht, buchstäblich gemeint, sondern als affektive Rede über Gott zu verstehen. Es gibt anthropomorphe Metaphern, die der kritischen Aufklärung bedürfen und dennoch wahres sagen.</p>
<p>Am Beispiel des Joseph-Romans von Thomas Mann skizziert der Autor, was er meint. Die zweite Naivität heißt nicht einfach nur eine Geschichte als „wahr“ zu erzählen, sondern auch das Erzähltwerden zu erzählen. In jenem Roman wird so die Erzählung der Bibel erzählt und erzählerisch eine Doppelgeschichte eines wechselseitigen Selbstwerdens Gottes und des Menschen entfaltet. Abraham hat Gott entdeckt aus dem Drang zu einem höchsten Wesen, in dem das beunruhigende und beängstigende Leben in dem Einen und Bekannten aufgehoben ist. Abraham hat diesen Gott weiter ausgeformt und hervorgedacht, in seinem Geist also erschaffen. Gleichzeitig wird diese Schöpfung durch Abraham als eine Entdeckung Gottes erzählt, d.h. als eine Selbstentfaltung Gottes in Abraham. Die Lesart des zürnenden Gottes in der zweiten Naivität besagt also, dass es der Mensch selbst ist, der das Zürnende in Gott hinein legt, weil Gott es selbst so will, um zu zeigen, dass er das Wohl und Wehe des Menschen will.</p>
<ol start="5">
<li>Die Ironie</li>
</ol>
<p>Dieses Kapitel erwartet man nicht in einem theologisch-philosophischen Buch. Aber auch hier zeigt sich der übergreifende Blick des Autors, denn die Begrenztheit menschlicher Rede von Gott führt für ihn notwendig zum Phänomen des ironischen Sprechens. Ironie ist der Wahrheitsanspruch, der aus dem Wissen um seine Grenze die Demut kennt.</p>
<ol start="6">
<li>Kirche unterwegs in die Welten von morgen</li>
</ol>
<p>In den letzten Kapiteln des Buches nähern wir uns der Moderne an. So erinnert der Autor an den ursprünglichen Begriff, aus dem unser Begriff der Pfarrei herkommt. Es ist das griechische <em>paroikia</em>, das ursprünglich Fremde oder Heimatlosigkeit bedeutet. In dieser Welt fremd zu sein, charakterisiert die ersten Christen. Wir sollten uns daher wieder aufmachen  in die Fremde, ins Nicht-Daheimsein. Pfarrei bedeutet nicht, das Bisherige und was rings um uns gesellschaftlich passiert, bloß zu wiederholen und auch nicht bloß in dem zu verharren, was angeblich immer schon so war.</p>
<p>Christen sind Christen nur dadurch, dass sie beharrlich nach Gott fragen. Aber das Evangelium ist nicht darauf aus, uns unsere Fragen endgültig zu beantworten. Stattdessen fordert es uns auf, manche unserer Fragen fallen zu lassen und andere, ganz andere zu stellen.</p>
<p>Dabei hat die Suche nach Gott und das Nachdenken zutiefst zu tun mit unseren Vorstellungen, mit Fantasien und Träumen und mit unserer Sprache, also dem, was aus dem Innersten der Menschenseele hervorgeht. Aber diese Quelle geistiger Vitualität wird heute verschüttet durch die Masse künstlicher Bilder, der Bilder aus den Medien, die auf uns eindringen und uns überfluten, wir werden sprach- und erzählunfähig. Auf die neuesten Entwicklungen durch KI geht der Autor nicht mehr ein. Aber sie verheißen nichts Gutes.</p>
<ol start="7">
<li>Werte in der Diskussion</li>
</ol>
<p>Wie weit der Autor blickt, zeigt sich auch hier, denn er nimmt auch noch die Diskursethik Karl-Otto Apels und Jürgen Habermas‘ mit auf. Die Achillesferse kommunikativer Ethik zeigt sich nach seiner Meinung darin, dass heute alles verhandelbar geworden ist. Alles ist in Ordnung, solange es zwischen den involvierten Partnern korrekt ausgehandelt ist in einer radikalen Rationalisierung der Kommunikation. Wo durch Verhandlung moralisch alles möglich wird, ist eigentlich auch alles egal, darum binnen kürzester Zeit auch langweilig. So sind auch perverse sexuelle Praktiken unter Erwachsenen, die unter ihnen einvernehmlich erfolgen, moralisch erlaubt. Sind sie es wirklich?</p>
<ol start="8">
<li>Über die Kunst christlicher Subjektwertung</li>
</ol>
<p>Das eigene Individuell-Einmalige und der Glaube an einen christlichen Gott sind keine Gegensätze, wie viele meinen. Bereits seit Augustinus, der die subjektive Gotteserfahrung in den Vordergrund rückt, setzt die radikale Wendung nach Innen ein. Ohne ein wirklich in sich stehendes Selbstverhältnis gibt es kein Verhältnis zu anderen und auch nicht zu dem ganz anderen, den wir Gott nennen. Moderne Gedanken verbinden sich also durchaus mit christlichem Gedankengut bzw. entspringen sogar aus ihm.</p>
<ol start="9">
<li>Zur Geschichtlichkeit des Glaubens</li>
</ol>
<p>In diesem Abschnitt skizziert der Autor, dass ein unbedingter Gedanke, ein Begriff unbedingten Sinnes denkbar ist, und eben nicht alles in beliebig-Relatives abgleiten muss. Auch dies eine Frage, die ganze Bücher füllen kann.</p>
<ol start="10">
<li>Die Religionen und die Vernunft</li>
</ol>
<p>Dieter Henrich kommt im letzten Kapitel des Buches zu Wort. Ein bewusstes Leben findet sich immer mit einer Doppelerfahrung konfrontiert, es ist einerseits etwas ganz und gar Einmaliges, Unvertretbares gegenüber aller Welt, zugleich aber nur eine der Entitäten unter den zahllosen Seienden in dieser Welt. Ein Tropfen im Meer, ein Staubkorn. Was fehlte denn dem Universum, wenn ich nicht wäre? So viel wie nichts und trotzdem etwas Unersetzbares, meine Einmaligkeit. Dieter Henrich meint, man müsse zumindest einen gewissen Grad von Absurdität der eigenen Existenz anerkennen. Ein bewusst geführtes Leben bedeutet aber auch immer, ein Selbstbewusstsein, ein stabiles Selbstverhältnis zu finden: trotz alledem, dass wir nur wie ein Staubkorn sind in der Welt. Die Eindeutigkeit der Selbstorientierung als bedeutsamer Ort in einem wohl verstandenen Ganzen. Mit diesem modernen selbstbewusstseinstheoretischen Zugriff auf das Phänomen der Religion endet das Buch.</p>
<p>Es beleuchtet das Phänomen des Glaubens und Gottes von vielen verschiedenen Seiten, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, aus der Sicht der Poesie und Literatur, der Mystik und Vernunft, der Theologie und Philosophie, der Gläubigen und Atheisten. Der Leser gewinnt eine Ahnung davon, wie unermesslich reichhaltig der Gedankenkomplex ist, der durch Glaube und Religion, Vernunft und Philosophie aufgespannt wird.</p>
<p>Juli 2026</p>
</div></section></div></div></div></main><!-- close content main element --></div></div>
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		<title>Tarjei Vesaas &#8211; Der Keim</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/tarjei-vesaas-der-keim/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Jul 2026 11:02:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>Guggolz Verlag</p>
<p>240 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p><strong>Tarjei Vesaas </strong></p>
<p><strong>Der Keim – ein existenzieller Roman</strong></p>
<p>Der 1940 erschienene Roman spielt auf einer Insel, deren Namen wir nicht erfahren. Dort leben die Menschen mit ihren täglichen Nöten und Freuden friedlich zusammen und jeder geht, so gut er es vermag, seinem Tagewerk nach. Diese beschauliche kleine Welt wird an einem einzigen Tag völlig erschüttert – durch einen fremden Mann mit dem Namen Andreas Vest. Wie sich herausstellt, ist dieser Mann wahnsinnig. In einer Kurzschlusshandlung erschlägt er die 17-jährige Inga. Eine irre Hetzjagd der Dorfgemeinschaft auf den flüchtigen Mann nimmt nun seinen Lauf. An deren Ende stürzt sich die Meute auf ihn und tötet ihn in wilder Raserei. Alle erstarren danach und sind entsetzt von ihrer eigenen, bisher unbekannten blutdürstigen Wildheit.</p>
<p>Der Roman arbeitet stark mit Antithesen. In einer Szene sind plötzlich zwei Muttersäue gegeneinander entflammt und schießen rasend vor Wur aufeinander los, jede will die andere vernichten. Der Grund für diesen Kampf ist dem Bewusstsein der Säue längst entschwunden als sie kämpfend beide in einen Brunnen fallen und sich das Genick brechen. Die Unvernunft und Raserei der Tiere wird sich später in der scheinbar so vernünftigen Menschenwelt wiederholen. Dann wird erzählt wie eine andere Sau sich ihre eigenen Ferkel schnappt und verschluckt. Die Mutter frisst ihre Kinder. Dieser Anblick der sinnlosen Natur gilt später auch den Menschen: eine sinnlose Raserei, die alle ins Verderben stürzt.</p>
<p>Und dann ist da noch eine gewisse Kari Ne, die ihre ganze Familie auf See verloren hat. Auch sie scheint nicht klar bei Verstand zu sein. In den Stunden der menschlichen Tollwut verwandelt aber ausgerechnet sie, die nicht an der wilden Verfolgungsjagd auf Andreas Vest teilnimmt, wieder in eine schöne kraftvolle Frau, „die Macht über andere hat“, weil sie sich diesem allgemeinen Wahnsinn entzogen hat. Es stellt sich dem Leser die Frage, wer ist eigentlich wahnsinnig? Denn die „normalen“ Menschen erweisen sich als die eigentlich wahnsinnigen und die vielleicht wahnsinnige Kari Ne bleibt als einzige bei klarem Verstand.</p>
<p>Und ein letztes Beispiel für diese Antithesen im Roman: Andreas Vest wird als junger, schöner Mann beschrieben. Dieser Mann ist aber zu einem Mord fähig, er zeigt sein hässliches Antlitz in der bösen Tat. In dem wahnsinnigen Mörder leuchten seine Augen und von ihm geht eine Faszination aus, der die ermordete Inga erliegt. Möglicherweise hat der Autor hier die Faszination des Bösen im Faschismus seiner Zeit im Blick, denn Norwegen war seit dem Frühjahr 1940 von den deutschen Nazis besetzt. Die antithetischen Gegenüberstellungen wirken freilich auf den Leser wie der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl.</p>
<p>Besonders drastisch wird die Hetzjagd auf Andreas Vest beschrieben. Erschreckend wie leicht sich Menschen entzünden lassen und losrennen ohne nachzudenken. Und in ihrer kopflosen Wut, den Totschlag im Sinn, sich selbst erniedrigen. Wie schnell die Trauer zur Raserei wird, zu einem tödlichen Blitz, der alles Zivilisatorische und Humane überblendet. Jeder lernt sein eigenes tief verborgenes hässliche Meer kennen, seinen eigenen Unrat dort unten, Schlamm und Dunkelheit. „Ich habe nicht gewusst, dass ich so bin“, stellt der ein oder andere danach fest. Die vorher so friedvollen Menschen begegnen ihrer Barbarei und Brutalität.</p>
<p>Nach der Ermordung des Verfolgten wachen plötzlich alle auf und spüren: sowas ist nicht erlaubt, unter Menschen. Vorher war die Tobsucht von Mann zu Mann übergesprungen, jetzt wandern Reuegefühl und das Entsetzen über die eigene Tat von einem zum anderen. Jeder ist existenziell mit seinen eigenen Schuldgefühlen konfrontiert, deshalb versammeln sie sich in einer Scheune, um dieses Alleinsein irgendwie auszuhalten.</p>
<p>Der Hauptschuldige Rolv, Bruder der Ermordeten, wird als empfindlich und jähzornig beschrieben. Es werden zwar Stimmen laut, die mit Verweis auf ihn, ihre eigene Schuld klein reden, aber insgesamt herrscht doch eine ambivalente Haltung vor, denn fast alle ringen in erster Linie mit ihrer eigenen Schuld und erst nachrangig mit dem Vorwurf an Rolv: du hast uns alle mitgerissen in den Wahnsinn. Die Schuldfrage ist nicht eindeutig zu klären, auch wenn Rolv scheinbar der Haupttäter der tödlichen Hetzjagd auf Andreas ist. Wer ist am Ende schuld? Alle?</p>
<p>Wie mit der eigenen Schuld und der Schuld des anderen, wie mit dem kollektiven Desaster umgehen? Vor diese existenzielle Frage ist auch Karl, der Vater von Rolv, gestellt. Als er vom schrecklichen Tod seiner Tochter erfährt, durchläuft ihn, wie es heißt, ein Schauder und er muss allererst einen Raum in sich dafür suchen, die Trauer entgegenzunehmen, um die Nachricht tief drinnen einziehen zu lassen. Das ist eine jener Stellen, für den ich den Autor Vesaas liebe. Sätze von unbedingter Wahrheit und Schönheit.</p>
<p>Während Karl dem Sohn harte und bittere Vorwürfe macht, ermahnt die Mutter ihn zu einem barmherzigen Verhalten. Nicht seine harte Ablehnung ist notwendig, sondern Trost und Zuspruch für den Sohn. Wer erinnert sich hier nicht an die biblische Geschichte vom verlorenen Sohn? Dort nimmt der barmherzige Vater seinen Sohn trotz seiner Verfehlungen mit offenen Armen wieder auf. Hier wird der Sohn Rolv wieder ins Haus der Eltern, in sein Haus, aufgenommen und findet Geborgenheit, menschliche Wärme und Schutz.</p>
<p>Dass es sich um einen Roman handelt, der existenzielle Fragen aufwirft, zeigt sich noch an einem anderen Thema: der Roman heißt „Der Keim“, weil er einerseits aufzeigt, wie der Keim des Bösen in jedem Menschen leicht aufsteigt. Andererseits keimt danach auch immer neu das blühende Leben auf. Egal was draußen passiert, drinnen in der Scheune bringt die Sau ihre Ferkel umstandslos zur Welt und das Wunder des Lebens ereignet sich von Neuem. Auch in der Gestalt einer jungen Frau, die ein Kind erwartet, oder eines Pferdes, das seinen warmen Atem den Menschen entgegen bringt, zeigt Vesaas virtuos, dass das Leben weitergeht und einen mitnehmen will. Die verstörten und schuldigen Menschen richten sich aus dem Staub wieder auf und sehen jetzt mit geklärtem Blick, wie ruhig und ungestört Leben und Tod in ihren Bahnen weiter laufen. Gras und Laub sind weiterhin grün. Das ist Gottes Gruß an die Verängstigten und Geschundenen. Trotz des Schuldigsein ist es ganz richtig, dass man lebt – so der Autor. Das ist die christliche Botschaft des Romans: sich der eigenen Verantwortung stellen, in aller Stille in sich gehen und ertragen, dass man schuldig geworden ist. Dann kann man versuchen, sich wieder dem Leben zuzuwenden- das Leben kennt nur eine Forderung: dass es weitergehen muss.</p>
<p>Juli 2026</p>
</div></section></div></div></div></main><!-- close content main element --></div></div>
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		<title>Hans-Peter Kunisch Todtnauberg</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/hans-peter-kunisch-todtnauberg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Jul 2026 06:57:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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					<description><![CDATA[]]></description>
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<p>dtv Verlagsgesellschaft</p>
<p>352 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p><strong>Todtnauberg</strong></p>
<p>Von Hans-Peter Kunisch</p>
<p>Im Juli des Jahres 1967 kommt es zu einem Treffen des Philosophen Martin Heidegger mit dem Dichter Paul Celan in Freiburg und Todtnauberg. In diesem gut lesbaren Buch beschreibt der Autor ausführlich diese Begegnung und es gelingt ihm hiervon ausgehend scheinwerferartig die Biographie beider Personen konzentriert auszuleuchten. Natürlich ist das keine vollumfängliche Biographie, auch die Werke bleiben dabei weitgehend ausgeblendet, aber dem Autor gelingt es gut, die Charaktere der beiden eindrücklich zu schildern.</p>
<p>Hans-Peter Kunisch studierte in München bei dem Germanisten Gerhard Neumann. Und dieser Mann war damals der Fahrer des Wagens, der die beiden nach Todtnauberg brachte und der diese seltsame Begegnung in seinen Erinnerungen schildert. Wenn manche Passagen in dem Buch den Eindruck erwecken, als sei der Autor selbst bei der Begegnung dabei gewesen, bezieht er sich meist auf diese Erinnerungen.</p>
<p>Was erfahren wir über den Menschen Celan? Er muss sich wohl in einer tiefen Lebenskrise befunden haben, denn Claire Goll machte ihm öffentlich Plagiatsvorwürfe, die ihn tief getroffen haben. Es heißt von ihm, er sei gleichzeitig schüchtern und sehr stolz von seiner Mission als Dichter überzeugt. Ihn zeichnete eine Unruhe aus, die es ihm schwer machte, auf Menschen zuzugehen. Celan wurde schließlich sogar in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, nachdem er 1965 versucht hat, seine Frau Gisele umzubringen. Celans Wirkung auf andere wird so beschrieben: „er ist jemand, von dem man sich tagelang nicht erholt. Das ist im guten Sinne gemeint. Man fühlt sich gefordert“ und dabei wird einem die eigene Gewöhnlichkeit sehr bewusst. Celan braucht übrigens Frauen wie Zigaretten. Auch Heideggers Liebschaften sind ja inzwischen hinreichend bekannt.</p>
<p>Auch von Martin Heidegger erfahren wir wenig Schmeichelhaftes. Er sei schwer berechenbar, Scheu und überheblich zugleich. Ein Mann, der in der einen Situation instinktsicher wirkt und in einer anderen fremd und unbeholfen. Mal gibt sich Heidegger im Kreis seiner Besucher wie ein „irrer Kauz“, ein andermal wie ein bedeutender, zurückhaltender Gelehrter. Ganz offensichtlich – so heißt es &#8211; nutzt dieser Schauspieler die jeweilige Bühne, die ihm geboten wird. Celan merkt einmal an, dass Heidegger ein hochempfindlicher, unsteter und explosiver Charakter sei. Und der Philosoph Karl Löwith beschreibt seinen universitären Lehrer besonders eindrücklich wie folgt: Heidegger habe einen nie anblicken können, mit offenem Blick und auf längere Zeit. Seine niedergeschlagenen Augen blickten nur ab und zu sekundenlang auf, um sich der Situation zu vergewissern. Charakterlich sei ihm die Aufrichtigkeit im Verkehr mit anderen versagt gewesen. „Natürlich war ihm dagegen der Ausdruck eines vorsichtigen, bauernschlauen Misstrauens.“ Überhaupt ist es eine Charaktereigenschaft Heideggers gewesen, so der Autor, dass er immer, wenn er Erwartungen spürte, sofort das Bedürfnis erwachte, das Gegenteil zu äußern. Immer auf der Hut, nicht Mainstream zu sein.</p>
<p>Wie dem auch sei: Dichter und Denker schätzen die Werke des anderen. Heideggers Satz, „das Gespräch des Denkens mit dem Dichten geht darauf, das Wesen der Sprache hervorzurufen, damit die Sterblichen wieder lernen, in der Sprache zu wohnen“, sei eine der Stellen, bei denen Celan Heidegger umarmen möchte, so der Autor.</p>
<p>Beide wünschten seit langem einander kennen zu lernen. Die Zusammenkunft kommt schließlich auf Vermittlung des Freiburger Germanisten Gerhart Baumann zustande. Celan darf die Anstalt verlassen, um am 24. Juli 1967 in Freiburg eine Lesung im großen Hörsaal der Universität vor 1.200 Zuhörern zu halten, bei der Heidegger in der ersten Reihe sitzt. Am darauf folgenden Tag fahren beide hinauf nach Todtnauberg zur „Hütte“ der Familie Heidegger.</p>
<p>Brisant ist die Begegnung deshalb, weil Celans Eltern im KZ umgekommen sind und Heidegger zeitweise Anhänger der Nationalsozialisten war und öffentlich niemals Reue zu seiner NS-Verstrickung gezeigt hat. Celan erwartet von Heidegger bei dem Treffen ein klärendes Wort zu seinem NS-Engagement in den 30er Jahren. 1934 hatte Heidegger seine berüchtigte Rektoratsrede gehalten. Fotos von dem Treffen im Juli 1967 gibt es auf Betreiben Celans übrigens keine, weil er sehr darauf bedacht ist, von Heidegger nicht instrumentalisiert zu werden. Es ist schon vorher klar, dass es ein schwieriges Gespräch und kein freundschaftlicher Austausch werden kann.</p>
<p>Im VW-Käfer geht es nun also hinauf auf das ca. 1.100 Meter hoch gelegene Todtnauberg auf den Parkplatz Ratschert, nur wenige hundert Meter von Heideggers Hütte entfernt. Der oben erwähnte Gerhard Neumann ist als Fahrer des Autos einziger Zeuge für das Gespräch der beiden im Auto. Es ist der 25. Juli 1967. Neumann schreibt später, dass er vor Heidegger eine noch viel größere scheu als vor Celan hatte. „Ich glaube, dass ich, trotz mehrerer Begegnungen, nie ein Wort mit Heidegger gewechselt habe.“</p>
<p>Da sich in dem Buch keine Quellenangaben finden, kann der Leser leider nicht nachvollziehen, was in Quellen steht und was der Autor frei hinzugefügt hat. So legt er Celan die Frage in den Mund, ob Heidegger aus der Vergangenheit gelernt habe. Es habe, so Neumann, lange Zeit drückendes Schweigen zwischen den beiden im Auto geherrscht. Dann soll Celan gesagt haben: „Herr Heidegger, meine Mutter ist mit einem Genickschuss in einem deutschen Lager umgebracht worden, mein Vater ist im selben Lager an Typhus gestorben. Millionen Menschen sind auf diese und andere Weise ermordet worden. Wissen Sie, wer da neben Ihnen sitzt?“ Als er diese Worte Celans vernommen hatte, sei Neumann zusammengezuckt. Hatte er das wirklich gehört? Oder könnte es so gewesen sein?</p>
<p>Celan schreibt dann ins Hüttenbuch die bekannten Sätze: „… mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen, am 25 Juli 1967 Paul Celan.“ In Frankfurt wird er dann einige Tage später sein Gedicht „Todtnauberg“ schreiben. Celan beschreibt gegenüber seiner Frau das Gespräch im Auto wie folgt: es kam zu einem ernsten Gespräch, bei dem ich klare Worte gebraucht habe. Ich hoffe, dass Heidegger zur Feder greifen und einiges schreiben wird.</p>
<p>Für Celan muss das Zusammentreffen mit dem Philosophen aber eine große Enttäuschung gewesen sein, nicht nur, weil sich Heidegger bedeckt gehalten hat, sondern v.a. aufgrund seines späteren Briefes an ihn. Heideggers höfliche und freundliche Antwort ist nicht das, was er erwartet hat. Heidegger schreibt nämlich: „Seitdem haben wir vieles einander zu geschwiegen. Ich denke, dass einiges noch eines Tages im Gespräch aus dem Ungesprochenen gelöst wird.“ Wie bewertet der Autor den Brief? Ein halbes Bekenntnis zu gar nichts, in dem sich Heidegger gleich wieder rechtfertigt. Der Brief zeigt, dass er sich – wie so oft &#8211; in eine Verantwortungslosigkeit ohne handelndes Subjekt zurück zieht. Stattdessen geht er in nichtssagendes Geplauder über. Auch der Fahrer Neumann schreibt in seinen Erinnerungen: „es ist beschämend, seine brieflichen Äußerungen in dem späteren Dankschreiben, dass er verfasst und Celan sendet, zu lesen. Er redet auf klägliche Art und Weise um das Schweigen, das ein Verschweigen ist, herum.“</p>
<p>Beide Positionen sind am Ende unvereinbar. Während Celan „unerbittlich“ eine konkrete Stellungnahme Heideggers zu seinen Verfehlungen einfordert, hält sich dieser sein fast vollständiges Schweigen zu den eigenen Reden und Taten im Dritten Reich zugute und setzt es ab vom „widerlichen“ und „opportunistischen“ Gebaren der Wendehälse.</p>
<p>In seinem Gedicht „Todtnauberg“ schreibt Celan von dem Kruden, später im Fahren, weil er uneinsichtige, einsichtslose Erklärungsversuche für sein Verhalten während der Nazizeit von Heidegger zu hören bekommt. Das dieser erschreckend uneinsichtig und selbstgerecht ist, wird bereits in seinem Brief vom 20. Januar 1948 an Herbert Marcuse deutlich. Er verteidigt dort seine Rektoratsrede und meint lediglich, dass einige Sätze darin heute als Entgleisung anzusehen seien. Das ist alles.</p>
<p>Krude – um das Wort Celans aufzugreifen sind auch Heideggers peinlich-deplatzierte Vergleiche, wie dieser: „Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, vom Wesen dasselbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern.“</p>
<p>Heideggers beschämende Rektoratsrede war ein Marschbefehl, nichts sonst. Und sein Auftreten in den Jahren 1933-1934 großspurige Pose und Aufruf zur heroischen Kraftanstrengung. Vielleicht lässt sich dieses Andienen an die Nazis dadurch erklären, dass er schon von Beginn seiner Hochschulkarriere auf ein Image als universitärer Außenseiter in der Öffentlichkeit geachtet hat, obwohl er doch aus finanziellen Gründen, viel Wert auf eine Anstellung an der Universität legte und dort ja auch Jahrzehnte wirkte.</p>
<p>Zu diesem inszenierten Außenseitertum gehört auch seine Selbststilisierung als ein bodenständiger Mensch mit großer Nähe zu den Bauern in seinem Umfeld. Der Autor stützt sich hier auf den wirklich bodenständigen Zeitzeugen, nämlich den über 80 Jahre alten Enkel des Brender Bauern, zu dem Heidegger damals näheren Kontakt hatte. Ist es Heidegger wirklich gelungen, je anders denn als Städter zu gelten, der, wenn er Zeit hat und Ruhe sucht, aufs Land kommt? Es hat schon etwas komisch ausgesehen, dass er mit der Krawatte durchs Dorf gezogen ist, so der Enkel des Brender Bauern.</p>
<p>Nicht so eindeutig ist Heideggers Verhalten zu Juden. Zwar unterliegt er dem Klischee von einem geheimnisvoll- machtvollen „Weltjudentum“ und bereits vor 1933 setzte er große Hoffnungen auf Hitler als „Führer“ einer neuen Bewegung. Das bezeugen die veröffentlichten Briefe an seinen Bruder Fritz, der hier viel klarer gesehen hat. Er sah die Hoffnung auf die Rettung Europas und der „abendländischen Kultur“ ausgerechnet in den Nazis. Jedoch war Heidegger kein militanter persönlicher Judenhasser. Dies zeigt sein teilweise gutes Verhältnis zu seinen jüdischen Schülern. Im Alltag orientierte er sich offenbar eher pragmatisch: gute Studenten sind gute Studenten, schöne Frauen sind schöne Frauen. Die eigentliche Schande an Heideggers Position in der Judenfrage ist die, dass er sich nie öffentlich entschieden zum Holocaust geäußert hat.</p>
<p>Juli 2026</p>
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		<title>Tarjei Vesaas &#8211; Frühlingsnacht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Jun 2026 05:22:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>Guggolz Verlag</p>
<p>240 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p><strong>Tarjei Vesaas</strong></p>
<p><strong>Frühlingsnacht</strong></p>
<p>Der am Ende seiner Kindheit stehende 14-jährige Hallstein bleibt mit seiner älteren Schwester Sissel über Nacht allein zu Hause. Diese Nacht verläuft allerdings anders als die beiden es sich gedacht haben, denn eine fremde Familie mit einer hochschwangeren Frau kurz vor der Entbindung hat eine Autopanne und begehrt Einlass. Der Roman erzählt nun die daraus entstehenden menschlichen Verwicklungen und mysteriösen Geschehnisse aus der Sicht des jungen Hallstein.</p>
<p>Eindeutig ist der Roman einerseits ein Initiationsroman, denn der junge Protagonist wird in diesen wenigen Stunden verdichtet mit der Erwachsenenwelt, die da in seinen geschützten Raum der Kindheit und Jugend hereinbricht, konfrontiert. Andererseits bricht mit Geburt und Tod das Leben mit seinen elementaren Grenzsituationen und existenziellen Fragen mit eruptiver Kraft in das Leben ein. Der Roman erzählt somit von der vollständige Umwälzung einer kindlich-jugendlichen Welt, gegen die sich Hallstein gar nicht wehren kann. Es gibt keinen Imperativ, der da sagt: „du musst dein Leben ändern“, sondern die Feststellung: das Leben wird sich ändern, ob du willst oder nicht. In wenigen Stunden wird Hallstein in eine rätselhafte neue Welt der Erwachsenen hineingezogen. Nichts ist mehr am nächsten Morgen, wie es einmal war. Vesaas zeigt sich einmal mehr als ein Meister der atmosphärisch-dichten Erzählkunst, der Andeutungen und Anspielungen, in denen auf leichte Weise Grundfragen menschlicher Existenz ausgetragen werden.</p>
<p>In <em>Frühlingsnacht</em> sind die Menschen allein und kreisen auffallend um sich selbst, aber zugleich suchen sie auch die Nähe zu anderen Menschen und sind mehr oder weniger offen für einander. Wo eine Zuwendung zum anderen geschieht, besteht die Möglichkeit, dass Menschen einander erreichen, sich verändern, sich verwandeln und frei werden für neue Möglichkeiten. Da sind jene Erwachsene aus dem Auto, die einander hemmen und binden und sich vor einander verschließen, und trotzdem zueinander gehören. Hallstein lässt sich besonders auf die Frau Gudrun aus dem Auto ein. Das Beziehungsgeflecht findet nicht so sehr in Worten als atmosphärisch statt, Bewusstsein und Unbewusstes fließen ineinander, alles ist irgendwie uneindeutig, im Fluss und veränderlich.</p>
<p>Hallstein lernt zu begreifen, dass seine eigene Welt von den anderen nicht geteilt wird. Das, was er für etwas Gemeinsames gehalten hat, ist nur seine eigene Welt allein. Er lernt die Verletzlichkeiten kennen – bei sich und den anderen – Verletzlichkeiten, die durch menschliche Bindungen unausweichlich entstehen. Und Hallstein lernt, dass die Welt keine naive kindliche ist, sondern voller Fallstricke und Hintergründigkeiten.</p>
<p>So lässt er sich naiv von der schweigsamen Frau im Auto, Kristine, gegen die anderen instrumentalisieren. Ja, er ist sogar bereit, sie zu verteidigen und sich mit anderen für sie zu schlagen. Von denen bekommt er denn auch zu hören, dass er nur ein fremdes Bürschen ist und er sich nicht in fremde Angelegenheiten einzumischen habe. Niemand durchschaut Kristine, niemand durchschaut je auch nur einen einzigen Menschen. Das unter anderem lernt Hallstein an diesem Abend.</p>
<p>Kristine ist eine Figur in dem Roman, in dem sich das Dunkle, verschwiegene und Mysteriöse verdichtet. In ihr zeigt Vesaas die ganze Ambivalenz des Lebens. Nichts ist fest und eindeutig, es kann alles auch ganz anders sein. Hallstein glaubt zu wissen, wie es um die Beziehung Kristines zu den anderen Menschen im Auto steht. Diese erzählen aber eine ganz andere Geschichte ihrer Beziehung zu dieser Frau. Wer hat recht, was ist wahr?</p>
<p>Vesaas lässt es bei diesen Fragen und versucht diese Ambivalenz nicht zugunsten einer falschen Sicherheit aufzulösen: was ist, ist und eine Stimmung, eine Wahrnehmung, ist immer nur ein Teil des Ganzen und trotzdem wahr und richtig, weil sie gelebt und durchlitten wird.</p>
<p>Wie in den anderen Werken des Autors spielt das Geheimnisvolle mit der Schönheit zusammen. Es gibt bei ihm einen sanften, weichen Zugang zum Leben, der nur möglich ist, weil etwas mit Liebe gesehen wird. In der Schönheit liegt etwas zärtliches, sanftes und behutsames und verletzliches.</p>
<p>Das Thema der Schönheit kommt besonders in der Figur der Gudrun zum Vorschein, denn sie trägt denselben Namen wie Hallsteins imaginäre innere Gestalt. Schönheit wird von Vesaas als ein Ineinanderfallen von innerem Bild und äußerer Begegnung verstanden. Schönheit und Verletzlichkeit gehören wie zwei Seiten einer Medaille zusammen, denn Schönheit ist nur als Wirklichkeit erfahrbar, wenn man sich dem Anderen öffnet, Zuwendung macht immer auch verletzlich. Wie die Erfahrung mit der wirklichen Gudrun zeigt, ist Schönheit immer auch fluide.</p>
<p>Für mich gehört Vesaas zu einem der ganz Großen unter den Schriftstellern des 20.Jahrhunderts, weil er in der Verdichtung und im Schweigen ungemein bedeutsames andeuten kann.</p>
<p>Juli 2026</p>
</div></section></div></div></div></main><!-- close content main element --></div></div>
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		<title>Tarjei Vesaas &#8211; Die Vögel</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/tarjei-vesaas-die-voegel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Jun 2026 10:27:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>Guggolz Verlag</p>
<p>276 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p><strong>Die Vögel von Tarjei Vesaas</strong></p>
<p>Eine hohe Kunst ist es, wenn Literatur uns -ohne seicht und schnulzig zu sein- eine andere, schönere und freudvollere Welt aufzeigen kann, eine Welt voller Liebe und Mitgefühl, in der die Grenzen der Realität gesprengt werden. Dies gelingt dem Autor mit diesem schönen Buch, wofür ich es nicht hoch genug loben kann.</p>
<p>Die 40-jährige Hege lebt mit ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Mattis abgeschieden an einem See – am Rande der Zivilisation. Mattis ist ein aus Zeit und Gesellschaft herausgefallener Träumer, der sich nicht in die Welt der Arbeit, Mühe und Anstrengung finden will, er ist einer, der sich den Ansprüchen der Gesellschaft entzieht. Er, den sie im Dorf Dussel nennen, hat in seinem Leben nie richtig gearbeitet. Seine Schwester Hege ernährt und betreut ihn wie ein Kind.</p>
<p>Dieser Protagonist wirkt auf den Leser kindlich, wenn nicht gar kindisch. Aber wer sich von seinen Vorurteilen befreit und in ihm nicht den naiven und beschränkten Faulpelz sieht, erkennt, dass in Mattis etwas Wunderbares aufleuchtet. Es ist eine unbefangene Sicht auf diese Welt, die Sicht eines aufmerksamen und begeisterungsfähigen Kindes, das noch nicht durch Konventionen aller Art eingeengt und verzweckt ist. Ja, Mattis ist trotz seiner fast 40 Jahre ein Kind geblieben, allerdings steht er schon am Beginn der Pubertät, denn er wird bereits behutsam und jungfräulich von der Schönheit des anderen Geschlechtes angezogen, ohne jedoch das sexuelle Begehren zu kennen.</p>
<p>Mattis ist eingebettet in einen von der fleißigen Schwester geschützten Lebensraum, um ganz in „seiner Welt“ leben zu können. Er ist träumerisch und mit Vorahnungen gesegnet, und einmal durchfährt es ihn, dass dieser geschützte Raum auch einmal verloren gehen kann, dass die Schwester ihn verlassen und allein lassen kann. Er ist freilich kein Egoist oder Narziss, der sich auf Kosten anderer durch das Leben schmarotzt, denn ihn plagen durchaus Gewissensbisse, weil er als erwachsener Mann ohne Anstellung ist und untätig und müßig seine Tage verbringt. Wozu, so fragt er sich, soll mein Leben überhaupt gut sein?</p>
<p>Mattis ist also anders als die anderen Menschen, er erschreckt darin die Klugen und Starken. In ihm begegnet etwas, was sie nicht begreifen können. Auch die Schwester gehört zu jenen Klugen, die nichts verstehen von dem, was Mattis wirklich wichtig ist. Vesaas gelingt es eindrücklich, in der Konfrontation von Mattis mit der realistischen und arbeitsamen Schwester dasjenige aufzuzeigen, was uns in der realen Wirklichkeit unseres Alltags an schönen Daseinsmöglichkeiten entgeht. Unsere vorurteilsbeladene und engstirnige Sicht auf die Welt muss nicht sein -es gibt anderes.</p>
<p>Was ist Mattis wichtig? Er ist ein sensibler und empfindsamer Mensch, der bedeutungsvolle Zeichen sieht, wo andere nüchtern nur den bloßen Sachverhalt bemerken. Zum Beispiel vermag er sich einzufühlen in die Natur, wie etwa die merkwürdigen Töne der Vögel. Einmal glaubt er die Vogelsprache zu verstehen und steht auf Du und Du mit einem Vogel. Und was sagte der Vogel in seiner Sprache? Er sprach von Freundschaft. Wie vieles in dem Buch bleibt dies aber im Ungefähren und Angedeuteten, im Skizzenhaften. So wie ein Gedanke oder ein Traum, der am Morgen wieder entflohen ist, der aber zweifellos da war. In dieser Welt der Fantasie, der Träume und Ahnungen kann es kaum Festes und Eindeutiges geben. Daher folgt auf das Vogelgespräch sogleich die Frage: Oder war es nur Einbildung gewesen?</p>
<p>Dies ist das Schöne an dem Text: die sicheren Ansichten über die Dinge, die Festlegungen und Eindeutigkeiten werden verflüssigt. Dadurch gewinnen die Dinge ein anderes Sein und stehen plötzlich in einer anderen, neuen und schöneren Beziehung zum Menschen. Wie Judith Hermann in ihrem erhellenden Nachwort zurecht schreibt, erzählt Vesaas von dem Versuch, die Dinge anders zu sehen, sie in Verfremdung neu entstehen zu lassen, durch die Verfremdung sichtbar zu machen und zu erlösen von ihrem zweckhaften Sein. Dies erinnert an den Dichter Rilke. Verfremdung, um sich dem Wesen der Dinge anzunähern.</p>
<p>Aber was kommt in dieser Verfremdung zum Erscheinen? Es ist eine freudvolle und schöne Welt, eine Harmonie in der sinnlich erfahrenen Schöpfung. So ist der Schnepfenflug am Himmel so etwas freudvolles; wozu noch arbeiten, wenn man dies erleben darf?</p>
<p>Selbst als er doch einmal an einem Tag arbeitet findet und auf einem Rübenacker einem Bauern zur Hand gehen kann, ätzt und stöhnt er nicht unter all der Plackerei. Nein, er empfindet Freude und sieht das Schöne. Denn ihn begleiten bei der Arbeit zwei junge kräftige Arbeiter auf dem Feld, ein Mann und eine Frau &#8211; und sie sind verliebt. Dies bemerkt Mattis mit sicherem Blick für das Schöne sofort. Der Bauer sieht nur den Nutzen, denn die Verliebten taugen zum Rübenausdünnen, weil sie nicht merken, wie langweilig und mühsam das ist. Für Mattis dagegen zählt nicht dieser Nutzen, sondern die Freude, Verschönerung und Verzauberung seines eigenen Daseins. Im Angesicht des Verliebtseins anderer und des eigenen Alleinseins verdunkelt sich nicht das eigene Leben, sondern die beiden Verliebten machen ihm selbst seinen Tag auf dem Acker schöner. Mattis kann nicht anders als den beiden blühenden jungen Leuten zuzusehen und zuzuhören. Er sieht nicht neidvoll auf die beiden, nach dem Motto, warum habe ich es nicht so gut wie die anderen, sondern er nimmt an ihrem Glück Teil, er sieht sprudelnde Freude, frohe Augen, Perlen des Lachens. Der Genuss und die Freude am Leben des jungen Paares springt auf Mattis über. Ihr Glück ist auch Mattis Augenblicksglück. Dass das Glück aber nicht dauerhaft sein kann, schimmert immer wieder durch. Denn auch dieser Tag endet einmal und das Liebepaar wird sich später trennen.</p>
<p>Mattis ist ein Fragender: warum ist es so, wie es ist? Er verhält sich auch darin wie ein offenes und staunendes Kind. Weniger die Neugier, die den Dingen auf den Grund gehen will, sie sezieren und in ihre Einzelteile zerlegen will, treibt ihn an als vielmehr das Staunen und die Offenheit zu allem, was ist. So sieht er Dinge, die andere nicht in den Blick bekommen. Vielleicht erkennt er die Wahrheit der Dinge, während die anderen alles, was ist, verzwecken und so verfälschen.</p>
<p>Nachdem ein junger Jäger „voller Jugend und Kraft und Daseinsfreude“ eine Schnepfe vom Himmel schießt, schaut Mattis in das schwarze Auge des toten Vogels. Der Vogel sah ihn an. „Nein, Nein, das geht nicht, dieser Vogel ist doch tot.“ Dann legen sich die Lider über die Augen und verschließen diese für immer. Aber als Mattis den Vogel aufgehoben hatte, hat die Schnepfe ihn angesehen, soviel stand fest. Hat er noch gelebt? Das weiß er nicht, aber angeschaut hat der Vogel ihn noch. Hier wird nicht der Tod irgendeines beliebigen Vogels erzählt, sondern es leuchtet eine unbeschreibliche Innigkeit mit den Geschöpfen dieser Erde auf. Der Vogel nimmt am Wunder des Lebens ebenso teil, wie ich selbst es tue. Das und mehr verbindet uns.</p>
<p>Diese magische Szene, in der die Augen eines scheinbar schon toten Vogels Mattis ansehen, berührt tief und ist unvergesslich. Das Auge verfolgt einen, vielleicht weil man in ihm ins tiefste Wesen der Schöpfung geschaut hat. Und wer das Auge nicht sieht, nimmt den toten Vogel eben nur als einen Kadaver wahr. Sicher, es ist etwas Unsagbares in diesen Gedanken, aber wer je in die Augen eines eben gestorbenen Menschen oder Tieres gesehen hat, versteht das Geheimnisvolle, das unergründliche Gefühl der innigen Gemeinschaft, das einen dabei erfassen kann.</p>
<p>Aber die Geschichte atmet trotz dieses letzten sprachlichen Ungenügens vor den Geheimnissen dieser Welt den Geist der Leichtigkeit und Schwerelosigkeit. Auch dies kann hohe Literatur: bedeutsame philosophische Gedanken und unauflösbare existenzielle Grundfragen des Menschen in ein schönes Kleid schmücken.</p>
<p>Unbeschreibliches Glück erfährt Mattis dann im Zusammensein mit den beiden Mädchen Anna und Inger, Urlauberinnen, die er über den See ins Dorf rudert: nie wieder im Leben würde er so einlaufen können, mit zwei strahlenden Mädchen im Boot. „Die Vögel“ ist auch wegen dieser Ruderfahrt eine zarte Liebesgeschichte. Alle Menschen finden zueinander, sind zu zweit, nur Mattis ist immer alleine -scheinbar. Denn im Moment des großen Glückes kann sich Mattis als Dritter im Boot eins mit den beiden Mädchen fühlen. Wie auf dem Rübenacker, wo er sich mit den beiden Verliebten auf dem Feld eins fühlen und so an ihrem Glück teilnehmen konnte. Diese Einheitserfahrung zerbricht freilich als seine Schwester sich später in den Baumfäller Jorgen verliebt und sie beide ihn offenbar verlassen wollen, um ein eigenes Leben zu beginnen. Jetzt fühlt er sich ausgeschlossen aus dem Glück der anderen und alleine. Seine ganze glückhafte Welt zerbricht und sein Leben nimmt eine tragische Wende.</p>
<p>Auch ist Mattis schon im Moment des großen Glückes bewusst, dass die Mädchen im Ruderboot abreisen werden und er sie bald nie wieder sehen wird. Er lässt das Ruder los und gerät ins Träumen – wie so oft. So hat er die Realität nicht im Griff und kann ein Ziel nicht dauerhaft im Blick behalten. Trotzdem ist das Erlebte unverrückbar und groß. Man könnte es auch so formulieren: trotz der Flüchtigkeit des Glücks, wegen solcher Momente hat das Leben einen Sinn.</p>
<p>Mattis lässt sich immer ganz und gar auf den Augenblick ein, er sieht und empfindet eine Welt, die flüchtig und fragil ist, eine Welt, in der Traum und Realität ineinander übergehen, und eine, in der alles Geschöpfliche in Liebe und Verständnis verbunden ist.</p>
<p>Mattis Einklang mit der naturhaften Welt wird mit zwei verdorrten Espenbäumen, die inmitten der grünen Fichten stehen, symbolhaft deutlich. Diese werden von den Leuten im Dorf „Mattis und Hege“ genannt, wie das Geschwisterpaar. Eines Tages wird ein Baum im Gewitter vom Blitz zersplittert. Auch hier ereignet sich nicht einfach nur ein Naturschauspiel, sondern darin kommt etwas ganz anderes zur Erfahrung. Nämlich die innige Beziehung der Bäume zu Mattis und seiner Schwester. Die zwei verdorrten Espen <em>sind</em> seine Schwester und er. Denn dort hatte der Tod gespielt. Der Blitzeinschlag war für ihn ein Vorzeichen für den Tod von ihm oder Hege. Nur wem von ihnen beiden wird der Tod ereilen? Welcher Baum war Mattis, welcher Hege? Wen trifft es? Es geht um Tod oder Leben, so denkt er. Tief im Inneren denkt Mattis, Hege habe es getroffen. In Wirklichkeit hat es beide getroffen, denn die Welt von beiden geht zu Ende. Der Blitzeinschlag ist Zeichen für den bevorstehenden Tod von Mattis oder für das Ende seiner Kindheit (je nach Lesart).</p>
<p>Als Hege sich in den Holzfäller Jorgen verliebt, ändert sich alles für Mattis. Heges Gesicht ist kaum wieder zu erkennen, es ist weder mürrisch noch bekümmert und schimmert plötzlich vor lauter Glück. Dem sensiblen Mattis dämmert eine schreckliche Erkenntnis: er hat die Schwester Hege und mit mir ihr seinen geschützten Raum verloren. Der Leser gönnt Hege ihr Glück, den auch Jorgen von Mattis direkt einfordert: „kannst du nicht auch ein bisschen an Hege denken und sich ein bisschen für sie freuen?“ Mit der Liebe verzaubert sich nun auch für die vorher immer fleißig arbeitende Hege die Welt in eine schöne Welt. Warum auch soll ihr etwas verweigert werden, was Mattis für sich bereits gewonnen hat? Gleichzeitig naht mit ihrem Glück nun aber das Unglück für Mattis. Eine wahre Tragödie, die sich hier abspielt. Das Glück der Schwester ist nicht zu erringen, ohne das Unglück des Bruders. Was man auch tut: für einen wird es tragisch enden.</p>
<p>Denn wie ein Erwachsener soll er sich nun verhalten. Er soll lernen, Bäume zu fällen, um sich alleine durchzubringen. Denn damit kann man Geld verdienen. Mattis steht dieser Forderung ratlos gegenüber. In die Arbeitswelt mag er sich nicht fügen. Die Welt der Klugen und Starken gewinnt nun eine Übermacht, weil Mattis den Schutzraum seiner Schwester verliert und die reale Welt, eben die unsrige, plötzlich über ihn, den wehrlosen, hereinbricht.</p>
<p>Mattis kann dieser Welt zwar noch seine Traumwelt entgegensetzen. Denn die beerdigte Schnepfe, die jetzt begraben unter dem Stein liegt, fliegt irgendwie weiter noch über das Haus, irgendwie, „die Schnepfe und ich, irgendwie, wir fliegen darüber irgendwie. Und das wird immer so bleiben.“ Hier deutet sich vielleicht an, so meine Interpretation, dass sich Mattis einen Teil seiner Kindheit auch später als erwachsener Mensch bewahrt. Dies wäre denn auch die zwischen den Zeilen zu lesende Botschaft der Erzählung: bewahrt euren offenen, kindlich-staunenden Blick auf die Welt, um diese besser und schöner zu machen.</p>
<p>Mattis ist ein Staunender und Suchender. Er sucht intuitiv nach einem anderen Zusammenhang zwischen den Dingen, fernab der rationalen realen Welt. Er sucht die Wahrheit in den Dingen, ihr Wesen, den wahrhaftigen Zusammenhang der Welt. Die anderen Klugen, die Schnellen, die rational Denkenden, die immer schon wissen, wie die Dinge sind und wie die Welt tickt, haben auch Recht, so zu denken. Aber Vesaas skizziert mit Mattis eine Lebensweise, die vielleicht dem Wesen der Dinge näher kommt, die jedenfalls sympathisch und voller Wärme und Anteilnahme ist.</p>
<p>Er erzählt mit Zärtlichkeit von einem, der untergeht. Der Untergang im Wasser am Ende könnte einfach ein Tod sein. Mattis scheitert an der realen Welt. Aber vielleicht ist diese Erklärung zu einfach. Er könnte auch ein Symbol für das endgültige Ende der Kindheit von Mattis sein. Der Untergang im Wasser symbolisiert, dass sein unbefangener Blick auf die Welt untergeht, dass er seinen geschützten Raum der Kindheit verlassen muss. Die Liebe des Kindes zu seiner gesamten Lebenswelt wird transformiert in die Liebe einer Frau zu einem Mann, symbolisiert durch die verliebte Hege. Was daraus folgt wird freilich nicht mehr von Vesaas erzählt, der Leser mag sich hier seinen eigenen Reim daraus machen.</p>
<p>Die Erzählung strahlt trotz der für Vesaas typischen Kargheit und Knappheit der Sätze eine große Wärme und existenzielle Kraft aus, nicht nur weil die skizzierten Lebensfragen angesprochen werden, sondern auch, weil sich alle Menschen durch Geduld, durch Nachsicht und Güte auszeichnen. Kein Gedanke an Hass oder gar an Gewalt -wie wohltuend wirkt dies heute in einer von Kritik oder gar Hass gesteuerten Gesellschaft. Ebenso wohltuend ist das bedeutungsvolle Schweigen im Gesagten in unserer Zeit der übermäßigen Geschwätzigkeit.</p>
<p>Im Juli 2026</p>
</div></section></div></div></div></main><!-- close content main element --></div></div>
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		<title>Marie Antoinette von Stefan Zweig am Salzburger Theater</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Jun 2026 13:21:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Traktate]]></category>
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<p>Vielleicht finden sie etwas inspirierendes für sich&#8230;</p>
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<p>Ein musikalisches Schauspiel nach Stefan Zweig am Schauspielhaus Salzburg</p>
<p>Wer am Wiener Burgtheater die Inszenierung „Schachnovelle“ von Stefan Zweig sehen durfte, der erkennt in diesem neuen Drama sofort die Handschrift von Nils Strunk und Lukas Schrenk wieder. Für die Dramatisierung des neuen Stoffes haben sie nun die Schauspielerkollegin Klara Wördemann mit ins Boot geholt. Ihr Stil zeichnet sich aus durch die Nähe zu Stefan Zweigs Texten, musikalische Elemente, rasante Abläufe, den ständigen Szenenwechsel auf der Bühne, eine tüchtige Portion Humor und einen behutsamen Einbezug unserer Gegenwart und des Publikums. Auch die Bühnenausstattung ist wieder spartanisch. Für was braucht es etwa eine Kutsche, wenn man eine ruckelige Kutschenfahrt zu Viert auch sehr gut durch entsprechende Körperbewegungen andeuten kann?</p>
<p>Die Herausforderung, eine fünfhundertseitige Erzählung Stefan Zweigs in ein Theaterstück zu verwandeln, gelingt ausgezeichnet. Obwohl die Inszenierung immerhin 3 Stunden dauert, ist sie kurzweilig und lässt zu keiner Sekunde Langeweile zu. Zwar ist das Schauspiel als ein musikalisches angekündigt, und das zu Recht, aber die Musik drängt sich nicht in den Vordergrund, man hört kurze Klaviermusik, zuweilen Gesang &#8211; übrigens von allen Akteuren.</p>
<p>Was für ein Mensch war Marie Antoinette? War sie ein gewöhnlicher und durchschnittlicher Charakter, wie es der Untertitel von Stefan Zweigs Buch andeutet? Wer will schon ein Durchschnittstyp sein? Mit dieser einleitenden Frage ans Publikum, das dann auch neugierig und bereitwillig antwortet, beginnt der Abend auch schon. Die Frage wird gestellt von einem Museumswächter, dem famosen Schauspieler Theo Helm, der bei Einlass bereits auf der Bühne sitzt und uns erwartet.</p>
<p>Das eigentliche Geschehen rund um die Hauptfigur wird umrahmt durch die Anmutung eines Museumsaales, in dem wir die Vergangenheit museal anschauen und uns fragen, wie die Menschen damals wohl gelebt haben. Dies ist ein geschickter Einfall, denn wer Marie Antoinette wirklich war, lässt sich ja nur aus der heutigen Perspektive beantworten, weil wir alle nicht mit ihr am Ende des 18. Jahrhundert gelebt haben. Wir erleben also sozusagen als Besucher eines Museums das vermeintliche Geschehen von vor mehr als 200 Jahren hautnah mit.</p>
<p>Besonders gelungen ist diese Idee umgesetzt in einer Szene, in der sich ein Besucherpaar im Museum mit Handy und Social Media-Bezug sich unerlaubterweise auf einem antiken Sofa im Museum hinflötzt und daneben sehen wir auf dem gleichen Sofa das Liebesspiel Marie Antoinettes mit dem schwedischen Grafen. So spaltet sich das Geschehen auf dem Sofa in das Gestern und das Heute und es gelingt, die Zeitdifferenz mühelos zu überbrücken.</p>
<p>Marie Antoinette wird zunächst als eine naive, bildungsferne junge Tochter des österreichischen Kaisers gezeigt, die aufgrund politischer Erwägungen bereits mit 14 Jahren mit dem französischen Thronfolger verheiratet wird und kaum weiß, wie ihr geschieht. Erwachsen geworden ist sie verschwenderisch und oberflächlich und sucht Zerstreuung in Festen und Partys. Am Ende jedoch erweist sie sich als liebende Mutter ihrer Kinder, die auf ihre Weise gelernt hat den stets distanzierten Ehemann zu lieben, die Haltung und Mut zeigt und die gelassen und gefasst, ja fast schon Lebensweise in den Tod geht. Die Frage nach ihrer Persönlichkeit lässt sich also gar nicht so eindeutig beantworten, weil sie selbst einen Reifeprozess durchlebt. Ihre Suche nach einer eigenen Identität mündet schließlich in dem mehrfach ausgesprochenen Satz, dass man „erst im Unglück wahrhaft weiß, wer man ist.“</p>
<p>Im Gegensatz zu seiner Ehefrau macht Ludwig XVI keine Persönlichkeitsentwicklung durch, so bleibt er bis zum Schluss der naive, selbstverliebte Mensch, der am liebsten auf die Jagd geht und am Ende seines Lebens rückblickend nicht viel mehr über sich zu sagen weiß, als seine Erfolge bei der Jagd aufzuzählen.</p>
<p>Auf der Bühne wird das Leben Marie Antoinettes in all seinen Facetten scheinwerferartig dargestellt. So wird  ihr Umzug von Wien nach Versailles angedeutet durch den vollständigen Wechsel der Garderobe, der im Hintergrund stattfindet und der auch die Unterwäsche nicht auslässt. Ein Symbol für die völlige Hingabe an den Versailler Hof, sozusagen eine Hingabe mit Leib und Seele. Pikant ist ihre Liebesaffäre mit dem schwedischen Grafen von Fersen. Die Andeutungen auf der Bühne lassen vieles im Unklaren, sind aber trotzdem ausreichend, um phantasiereich zu ahnen, was sich zwischen den beiden in dunkler Stunde abgespielt haben mochte. Auch die Betrugsaffäre, d.h. die sogenannte Halsbandaffäre, in die sie verwickelt war, wird relativ breit dargestellt.</p>
<p>Nach dem Sturm auf die Bastille versucht Marie Antoinette schließlich durch Kontakte ins Ausland, die Monarchie zu retten, ein Fluchtversuch scheitert. Nachdem sie von den Revolutionsgarden festgenommen wird, entwickelt sich in der Kutsche ein Gespräch, bei dem sie und zwei Revolutionäre sich näher kommen und den jeweiligen „Feind“ als einen Menschen kennenlernen, der so gar nicht ihren gegenseitigen Zerrbildern entspricht.</p>
<p>Köstlich der Humor als es zu einem intimen Männergespräch über die sexuellen Probleme Ludwig XVI kommt, denn die Worte werden von einem Laubbläser auf der Bühne übertönt. Und auf die Frage, ob es im Bett geklappt hat, denn es wird ja ein Thronfolger sehnlichst erwartet, kommt mehrfach die ratlose und enttäuschte Antwort des Thronfolgers, die nicht übersetzt zu werden braucht: „rien“. Eine Antwort, die zu einem deutlich vernehmbaren Schmunzeln beim Publikum führt. So wird das für das Königshaus immerhin existenzbedrohende Ausbleiben eines Thronfolgers humorvoll herabgedampft, ohne zur Karikatur zu geraten.</p>
<p>Ein weiteres Beispiel für den trockenen Humor des Theaterstücks: die österreichische Kaiserin Maria Theresia, die gespielt wird von der vorzüglichen Schauspielerin Elisabeth Nelhibel, nimmt ihr Sterben doch sehr lakonisch hin: „no, irgendwann is es holt zu End“. Auch die amourösen Abenteuer des Vaters von Ludwig XVI und das Sterben in den Armen seiner hübschen Mätresse wird humorvoll, ja komisch dargestellt. Wir verdrängen den Tod doch allzu gerne, Hauptsache man hat seinen Spaß und kann „die Puppen tanzen lassen“, solange es geht. Der Priester und Beichtvater ist denn auch 30 Jahre der unterbeschäftigste Mensch am Hof und wird erst in der Todesstunde Ludwig XV gebraucht. So ist alles ein munteres Stück, in dem sich die Spielfreude der Schauspieler austoben kann.</p>
<p>Mit dem Sturm auf die Bastille freilich endet das schöne Leben am Hof. Das zuvor lärmende Publikum verstummt als Marie Antoinette sich auf dem Balkon zeigt. Das Volk schweigt vor dem eigenen Unglauben, eine hunderte Jahre regierende und allmächtig erscheinende Königsfamilie gestürzt zu haben, vielleicht auch noch im alten Obrigkeitsglauben gefangen und erschrocken vor dem, was man erreicht bzw. angerichtet hat.</p>
<p>Die großartige Leistung aller sechs Schauspieler, die sehr überzeugend ihre dutzenden Rollen ausfüllten, ist gar nicht hoch genug zu schätzen. Denn man bedenke, dass sie sich hinter der Bühne ständig neu umkleiden mussten, um wenige Sekunden später schon wieder auf der Bühne des Salzburger Theaters in einer anderen Rolle und anders gekleidet wieder aufzutauchen. Eine für alle Akteure sehr anstrengende Höchstleistung an diesem Abend.</p>
<p>Die Schauspieler nahmen denn auch den verdienten Applaus und die Bravorufe am Ende gemeinsam entgegen. Kurzum: das Schauspiel gewährte eines jener überaus gelungenen Theaterabende, die den Zuschauer bereichert und beglückt heimkehren lässt.</p>
<p>Martin Kasperzyk/ Juni 2026</p>
</div></section></div>
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			</item>
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		<title>nächste Veranstaltung im Herbst 2026</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/naechste-veranstaltung-im-herbst-2026/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 May 2026 09:25:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Freitag, den 06. Juni 2025 in Überlingen ...]]></description>
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