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	<title>Bücher &#8211; Gute Literatur am See</title>
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		<title>Johann Peter Hebel von Franz Littmann</title>
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		<pubDate>Mon, 25 May 2026 09:18:33 +0000</pubDate>
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<br />
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<p>Tempus BiografieTaschenbuch</p>
<p>128 Seiten</p>
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<p><strong>Humanität und Lebensklugheit für jedermann</strong></p>
<p><strong>von Franz Littmann, Sutton Verlag 2008</strong></p>
<p><strong>(und Arnold Stadler, Johann Peter Hebel-Die Vergänglichkeit)</strong></p>
<p><strong>Das Selberdenken als Ziel der Aufklärung</strong></p>
<p>Man muss sich von einem einseitigen und klischeehaften Hebelbild verabschieden. Es ist das Bild eines naiven, humoristisch-behaglichen Poeten, des volkstümlichen, heimatverbundenen Mundartdichter, des lieblichen alemannischen Sänger und gemütlich-heiteren Volkserzähler. Solche einseitigen Charakterisierungen werden Hebel nicht gerecht. Er ist anderes oder zumindest noch viel mehr.</p>
<p>Hochgeschätzt wird Hebel auch heute noch wegen seiner Erzähltechnik, seiner raffinierten Nähe zum Mündlichen, seiner teilweise grotesken Verschachtelung der Sätze, seinem Beiseitesprechen und Kommentieren, seinem subtilen Einbezug des Lesers und – was das nicht-literarische angeht &#8211; seiner Sympathie für die Juden.</p>
<p>In seiner Literatur äußert sich auch Hebels außergewöhnliche Lebenskunst. Insofern sind Literatur und Leben bei ihm eins. Er glaubte nicht daran, dass es nur <em>eine</em> Wahrheit gibt, um das Leben in einer Welt voller Widersprüche zu bewältigen. Deshalb propagierte er in seinem Werk menschenfreundliche, situative Lebensweisheiten, die dem Leben in all seinen Facetten gerecht werden.</p>
<p>Hebels viel gerühmte Humanität beruht auf seiner Einsicht in die Zwiespältigkeit des Menschlichen, die er bei sich selbst erleben konnte. Er ging sozusagen mit einem Augenzwinkern durchs Leben: „schaut auf eure Schwächen und Verfehlungen, lernt daraus, macht aber keine Staatstragödie aus ihnen.“</p>
<p>Als „Hausfreund“ wollte Hebel nicht der Meister sein, sondern den Leser „verführen“ und sein Selberdenken anregen. Einerseits war er ganz der in seiner Zeit aufkommenden Aufklärung verpflichtet. Er lebte schließlich in der Zeit der französischen Revolution und Kants. Im Südwesten, in Baden beheimatet, lebte er auch regional mitten in einem Staat, der zu jener Zeit relativ „liberal“ war. Auf der anderen Seite war er ein Bewahrer der Tradition und ein Gegner eines nur auf Geldvermehrung ausgerichteten Lebens. Hebel vereinte also durchaus gegensätzliche Positionen in sich, ganz nach dem Motto: es gibt eben nicht nur die „eine Wahrheit“.</p>
<p>Mit Aufklärung verband Hebel keine tieferen philosophischen Gedanken, sondern ihm ging es um das bildhafte Ausleuchten und Erhellen menschlichen Lebens – und des Todes. Durch persönliches Schicksal musste er sich früh mit dem Tode und der Vergänglichkeit auseinandersetzen, wie in seinem eindrücklichen Gedicht „Die Vergänglichkeit“. Die Vergänglichkeit wird in ihm Sprache und kommt zur Sprache, wie es Arnold Stadler in seinem Buch ausdrückt. Auch dies ist Aufklärung: der Tod – hier gibt es nichts zu erklären, er wird ewig dunkel bleiben. Am Ende kommt man an im Schweigen, bei der Unergründlichkeit. Dem genannten Gedicht Hebels fehlt angesichts des Todes jede Eschatologie, es gibt keinen Gott, der Trost spenden kann angesichts der Vergänglichkeit von allem.</p>
<p><strong>Zweifach beheimatet</strong></p>
<p>Beide Eltern wohnten abwechselnd in Hausen und Basel, wo sie im Dienst bei der Basler Patrizierfamilie Johann Jakob Iselin-Ryhener standen. Weil die Baseler Ehegerichtsordnung die Heirat eines reformierten mit einer lutherischen Frau nicht zuließ, mussten sich die Eltern notgedrungen in Hauingen, halbwegs zwischen Hausen und Basel gelegen, trauen lassen. Das war im Juli 1759.</p>
<p>Johann Peter Hebel wurde in Basel am 10. Mai 1760 geboren. Ein Jahr später starb bereits der Vater 41-jährig an dem damals grassierenden Typhus, nur eine Woche später folgte die Schwester in den Tod. Die Mutter war nun alleinerziehend. Noch als 60-jähriger hat Hebel das Charakteristische seiner Kindheit festgehalten: „ich bin von armen, aber frommen Eltern geboren … Da habe ich frühe gelernt arm zu sein und reich zu sein.“ Damit meinte er wohl: materiell arm, aber reich an Liebe und Zuwendung.</p>
<p>Hebels Neigung zum Diebisch-Vagabundischen manifestierte sich schon sehr früh. Damit ist gemeint, dass er immer wieder mal „ausbüxte“, um seinen Verpflichtungen zu entkommen, gerne unter die Leut ging und ihnen „aufs Maul schaute“ und daraus seine Geschichten entwickelte.</p>
<p>Als Hebel 13 Jahre alt war starb auch seine Mutter, übrigens in Gegenwart von Hebel, auf dem Nachhauseweg, während eines Halts zwischen Brombach und Steinen 1773. Dies Ereignis muss die Wirkung einer totalen Entwurzelung für ihn gehabt haben. Hebel ist mit 13 Jahren Vollwaise.</p>
<p>Von 1766-1772 besuchte Hebel in Hausen bei dem Lehrer Andreas Grether die Schule. Dieser Lehrer erkannte die Begabtheit des Kindes, so dass er zusätzlich von 1769-1773 die Lateinschule in Schopfheim besuchen konnte.</p>
<p>Nach dem Tod der Mutter erhält Hebel Sebastian Währer, einen Großonkel mütterlicherseits, als Vormund. Durch den Erlös von Haus und Hof der Eltern beträgt das Erbe nahezu 2500 Gulden, so dass sein Bildungsweg gesichert ist.</p>
<p><strong>Kreativität und Schaffensfreude, Karlsruhe 1774-1778</strong></p>
<p>Karlsruhe, die badische Residenzstadt war erst etwa 50 Jahre vor der Geburt Hebels gegründet worden. Die Stadt hatte 4000 Einwohner, jeder zweite war Staats- oder Hofbeamter. Der rasante Aufstieg der Stadt ereignete sich während der Regentschaft von Karl Friedrich (1728-1811). Sein Hof entwickelte sich zum Musenhof: Voltaire, Klopstock, Goethe machten der Stadt ihre Aufwartung.</p>
<p>1774 wurde Hebel am Gymnasium illustre in Karlsruhe aufgenommen. Er lebte dort bei Lehrern und Förderern, die seine Schulbildung ermöglichten. Karlsruhe war damals die Hauptstadt eines wirtschaftlich prosperierenden, allem Neuen aufgeschlossenen Musterstaats.</p>
<p>Eine Frucht aus dieser Zeit ist die lebenslange Liebe zu dem römischen Staatsmann, Philosophen und Schriftsteller Cicero. Hebel griff immer wieder auf ihn und seine Lebensweisheiten zurück. Die kurze Kalendergeschichte „Der Wasserträger“ verarbeitet dessen Ansichten über Geiz und Verschwendung, im „Statthalter von Schopfheim“ findet man Ciceros Gedanken zur Rolle des Gewissens und auch die Besinnung beim Anblick einer Ruine, wie im Gedicht „die Vergänglichkeit“, geht zurück auf Weisheiten des römischen Philosophen.</p>
<p>1778 begann Hebel ein Theologiestudium in Erlangen.</p>
<p><strong>Ich bin hier in der Fremde, Erlangen 1778-1780</strong></p>
<p>„Wir können viele Ding‘ entbehren,</p>
<p>Und dies und jenes nicht begehren,</p>
<p>Doch werden wenig Männer sein</p>
<p>Die Weiber hassen und den Wein.“</p>
<p>(Eintrag Hebels in das Studentenstammbuch von Johann Daniel Mertz, Erlangen im Juli 1779)</p>
<p>Hebel besuchte dort die Universität. Die zwei Jahre waren für Hebel so richtig nach dem Geschmack des jungen Studenten. Er freundete sich hier mit der Weltsicht der Neologie an. Das war eine theologische Strömung im deutschen Protestantismus des 18. Jahrhunderts. Diese Bewegung betonte die Vernunft als Prüfstein des Glaubens, die Bibel wurde historisch-kritisch und moralisch gedeutet und man legte großen Wert auf Moral und Toleranz.</p>
<p>Für Hebel war die sittliche Seite der Religion von viel höherem Wert als die dogmatische. Ein zentrales Element war für ihn die Barmherzigkeit. Das Gewinnstreben, so Hebel, müsse sich vereinbaren lassen mit Humanität, mit Religiosität, mit einem verantwortlichen Verhalten gegenüber den Kranken, Alten und Schwachen in der Gesellschaft.</p>
<p>Man kann übrigens davon ausgehen, dass Hebel am damals üblichen, durchaus „wilden“ Studentenleben teilnahm, ohne allerdings sein Studium zu vernachlässigen. Es ist bezeugt, dass er als Student zahlreiche fröhliche Stunden bei Bier und Tabak bei seinen Ordensbrüdern im studentischen Amicistenorden verbrachte.</p>
<p>Wegen seiner Vorliebe für das Pfeifenrauchen wird er seit seiner Studentenzeit in Erlangen auch „Knaster“ genannt.</p>
<p><strong>O, wie glücklich saß ich einst in Hertingen, Hertingen 1780-1783</strong></p>
<p>Hebel trat dort die Stelle eines Hauslehrers an; eine Stelle, die mit diversen kirchlichen Nebenpflichten verbunden war. Wie es heißt, lernte er dort die Klugheitsregel, nicht den Leuten zu sagen, was man sich selbst sagen sollte, kennen.</p>
<p>Neben seiner Tätigkeit als Hauslehrer betreibt Hebel auch Privatsudien, wie seine umfangreichen Exzerpthefte beweisen.</p>
<p>Im Jahr 1783 wurde Hebel als Präzeptoratsvikar an eine Schule nach Lörrach berufen. Das war eine Stellvertreterstelle als Lehrer an der Lateinschule. Hier konnte er erste praktische Erfahrungen als Lehrer sammeln.</p>
<p><strong>Lörrach 1783-1791</strong></p>
<p>Damit Hebel mit seinem bescheidenen Gehalt über die Runden kommen konnte, musste er zusätzlich als Nachhilfelehrer unterrichten. Er lernte die Pfarrerstochter Gustave Fecht hier kennen und verliebte sich in sie. Eine Ehe ging er jedoch nicht mit ihr ein, war ihr jedoch ein Leben lang brieflich verbunden. Darüber, was eine festere Beziehung verhinderte, erfährt man aus den Briefen Hebels nichts. Hebel blieb zeitlebens Junggeselle.</p>
<p>Wie es heißt, gab es für ihn in Lörrach „viele heitere frohe Tage“, die er zusammen mit seinen Freunden verbrachte und an die er sich lebenslang gerne erinnerte. Doch für einen eigenen Hausstand reichte sein Gehalt vorne und hinten nicht.</p>
<p>1787 gewinnt Hebel Friedrich Wilhelm Hitzig (1767-1849), Pfarrvikar in Rötteln, zum vertrautesten Freund. Es bleibt eine lebenslange Freundschaft.</p>
<p>Schließlich wurde er nach Karlsruhe ans Gymnasium berufen als Subdiakon.</p>
<p><strong>Karlsruhe 1791-1806</strong></p>
<p>Das Amt des Subdiakons war ein kirchliches Amt unterhalb des Diakons, verbunden mit liturgischen Aufgaben und auch pädagogischen Tätigkeiten. Hebel musste Gottesdiensten assistieren, Predigten vorbereiten, hatte seelsorgerische Tätigkeiten und am Gymnasium Unterricht in Religion und Latein zu erteilen.</p>
<p>Dass sich Hebel nie in Karlsruhe wohl fühlte, stimmt nicht. Sicherlich, zeitweise und vor allem am Anfang empfand er die Stadt als Fluch. So wie sein Wesen war, nämlich zwiespältig, blieb auch sein Verhältnis zu Karlsruhe. Am Ende jedoch lehnte er das Angebot ab, Stadtpfarrer in Freiburg zu werden und blieb in Karlsruhe. Hebel war beliebt, bei seinen Freunden wie bei seinen Schülern und sein Lebensschicksal und seine Karriere vom Vollwaisen Sohn armer Eltern bis zum Prälaten der Badischen Landeskirche ist eng mit dieser rasant wachsenden Stadt verbunden.</p>
<p>„Hebel war, breitbrüstig, ging ziemlich stark in den Knien, wodurch sein Gang ungeachtet des festen Auftritts etwas von hinten nach vorn Wiegendes hatte, er gestikuliert wenig, aber sehr energisch, entschieden, sehr bezeichnend … Die Mundwinkel lächelnd zuckten, die Lippen seltsam sich spitzten.“ Soweit eine Beschreibung zu dieser Zeit. Menschenfreundlich und warmherzig, mit viel Humor ausgestattet, nicht fanatisch war der Lehrer Hebel.</p>
<p>Schließlich wird er zum Professor ernannt, was eine Gehaltserhöhung von 100 Gulden für ihn bedeutete. Anders als heute war der Titel eines Professors nicht gleichbedeutend mit einem Hochschulprofessor, sondern Hebel war als Professor Lehrer am Gymnasium illustre. Man kann davon ausgehen, dass es Hebel nicht schlecht ging. Aus dem Sohn eines Dieners und einer Magd war ein gut bezahlter Professor geworden. Allerdings einer mit vielen Verpflichtungen und gesellschaftlichen Zwängen.</p>
<p>Literarisch trat Hebel zunächst mit seinen Alemannischen Gedichten an die Öffentlichkeit. Nachdrücklicher als in seinen Kalendergeschichten kamen dort konservative, retardierende Elemente zur Geltung. Alles drehte sich in diesen Gedichten um Kräfte der lebendigen individuellen Lebenszeit: Freude, Liebe, Zufriedenheit, Gelassenheit. Ein weiterer wichtiger Gedanke der Alemannischen Gedichte war die geheimnisvolle Spiegelung des menschlichen Lebens in der Natur. Anstatt dem rechnenden, wissenschaftlichen Blick auf die Natur das Wort zu reden, propagierte der Dichter die religiös-poetische Einfühlung in ihr Mysterium.</p>
<p>Gegen den Gott der Philosophen und Theologen seiner Zeit, der ewig ein Abstractum bleibt, verordnete er ein Heilmittel aus seiner Weisheitsapotheke: die Daseinsfreude, von der die Natur erfüllt sei. Das ist das römische Carpe diem auf alemannisch. Neben der Orientierung an dem Wahren, also den natürlichen Bedürfnissen und der Vernunft ist es hauptsächlich das Nachdenken über den eigenen Tod, das einen bewussten Gebrauch der eigenen Lebenszeit eröffnet. Für Hebel war der Tod ein Urquell der existenziellen Wahrheit des Menschen. Die Erinnerung an die Vergänglichkeit stellte Hebel aber ganz in den Dienst der Stärkung der Lebenskräfte.</p>
<p>1803 erschien die erste Rezension seiner Alemannischen Gedichte von keinem geringeren als Johann Georg Jacobi. Jacobis Rezension war so etwas wie die Eintrittskarte in die literarische Welt.</p>
<p>Nachdem schon Ende Mai 1803 die Erstausgabe fast gänzlich vergriffen war, erschien 1804 eine überarbeitete Ausgabe. Goethe besprach sie am 13. Februar 1805 in der Jenaer Allgemeinen Literatur Zeitung. Goethe meinte, der Verfasser diese Gedichte habe sich einen eigenen Platz auf dem Deutschen Parnaß erworben. Dieses Urteil wirkte. Ab sofort war Hebel nicht nur in Karlsruhe eine Berühmtheit</p>
<p>Hebel wurde schließlich neben seinen bisherigen Tätigkeiten zusätzlich mit der Redaktion des badischen Landkalenders beauftragt. Das, wofür er heute berühmt ist, hat er also sozusagen „nebenbei“, in seiner freien Zeit geschaffen.</p>
<p><strong>Der Hausfreund denkt etwas dabei, aber er sagt nichts, Karlsruhe 1807-1811</strong></p>
<p>Ein Sprung auf der Karriereleiter war 1808 die Ernennung zum Direktor des Lyceums (Gymnasium).</p>
<p>In Drechslers Kaffeehaus in Karlsruhe begegnete Hebel auch dem Dichter Ludwig Uhland. Dieser schrieb: „in Karlsruhe, wo‘s mir ungemein gefiel, lernte ich Hebel kennen und traf ihn meistens abends bei einem Glase Bier… So einfach, herzlich, bieder und doch mit schelmischer, aber gutmütiger Laune.“</p>
<p>Hebel war nun ein viel beschäftigter Mann, denn ihm wurde die alleinige Redaktion des badischen Landkalenders übertragen. Das Wort „rheinisch“ war ein leises, vorsichtiges Signal für einen liberalen Aufbruch, für einen Neubeginn. „Rheinländlich“ war die Bezeichnung für eine Region, die weit über das Großherzogtum Baden hinausreichte. Zusätzlich stand dieser Begriff für das Neue, Unbelastete, für ein aufgeklärtes Bürgertum.</p>
<p>Aber was bedeutete der Begriff „Hausfreund“? Der Name „Hausfreund“ spekulierte darauf, dass ihn der Leser mit „freundlich“ und „redlich“ in Verbindung brachte. Der Hausfreund sei wie der Mond: „Dieser erhält durch sein mildes Licht unsere Nächte und sieht zu wie die Knaben die Mägdlein küssen.“ Mit so einem Freund des Hauses lässt sich über Gott und die Welt reden.</p>
<p>Die Verkaufszahlen des Kalenders stiegen sprunghaft an. Statt der 20.000, die man im Jahr 1807 gedruckt hatte, wurden 1808 bereits 24.000 Kalender hergestellt und verkauft. Im folgenden Jahr betrug die Auflage bereits 30.000 und 1810 sogar 50.000 Exemplare. Zu berücksichtigen ist dabei, dass im 19. Jahrhundert ein Kalender gerade in den unteren Bevölkerungsschichten oft die einzige weltliche Lektüre war.</p>
<p>Der Kalender war ein Lesebuch für das Volk, eine Art Kalenderjournalismus. Hebel orientierte sich am Geschmack des Lesers, anstatt ihn zu verachten und zu beleidigen. Er war ein Meister der Minimalisierung, der Kunst der kurzen Prosa und stellte damit einen erfreulichen Gegensatz zu manch einem Prediger dar, der oft, wenn er in gute Laune kommt, “kein Ende mehr findet und den Apfel bis zur trockenen Trester auspresst.“ Ein Trester ist das feste und getrocknete Pressrückstandmaterial bei der Obstverarbeitung.</p>
<p>Hebel war hauptberuflich weiterhin Direktor eines Gymnasiums und die Verwaltungsarbeit war für ihn eine Qual. Sein tendenziell partnerschaftliches Gespräch, dass er als „Hausfreund“ mit dem Leser führte, führte er auch als Lehrer mit seinen Schülern. Einsichten und Weisheiten vermittelte er auch als Lehrer nicht von oben herab, belehrend und moralisierend. Vielmehr veranschaulichte er das richtige Verhalten am Beispiel von konkreten nachvollziehbaren Lebenssituationen. Er regte dabei immer zum Selberdenken an.</p>
<p>Um mit den Widersprüchen des Lebens fertig zu werden, lebt Hebel durchaus widersprüchlich. Er war ein pflichtbewusster Beamter, konnte aber auch proteusisch über die Stränge schlagen. Er nahm sich oft eine Auszeit, zum Beispiel eine Kur in Baden-Baden. Hier kam es zur folgenreichen Begegnung mit dem Verleger Johann Friedrich Cotta. Aus dieser Begegnung heraus entstand das “Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes“. Hierdurch wurde Hebel zum bekanntesten deutschen Erzähler weit über das 19. Jahrhundert hinaus. Keiner konnte dem Meister der Kurzprosa das Wasser reichen. Als Beispiel dafür sei an die kleine Geschichte „Die Ohrfeige“ erinnert: „ein Büblein klagte seiner Mutter: ‚der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben.‘ Der Vatertag aber kam dazu und sagte: ‚lügst du wieder. Willst du noch eine?‘“</p>
<p><strong>Karlsruhe 1812-1815</strong></p>
<p>In der Erzählung „Unverhofftes Wiedersehen“ fügte Hebel die Weltgeschichte in die Lebensgeschichte der schwedischen Braut ein und nahm damit lange vor der Erfindung des Filmes das Erzählmittel der Montage vorweg. Als Aufklärer ohne Illusionen gestaltete er das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum völlig konträr zum modernen utopischen Denken. Dieses ging zur Durchsetzung seiner Ziele über die Privatgeschichte hinweg und opferte das Einzelschicksal dem Interesse der Partei, des Staates, des Volkes. Nicht bei Hebel: in dieser Geschichte liegen das Schicksal der Welt und das Schicksal des Einzelnen auf einer Ebene, sind gleich wichtig: „unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der siebenjährige Krieg ging vorüber… Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute segneten und schnitten. Der Müller malte und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt.“</p>
<p>Hebel schrieb seine Kalendertexte als ein partnerschaftliches Gespräch mit dem Leser, in dem er verdeckt seine aufklärerische Pädagogik unterbrachte. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die individuelle Lebenszeit des Lesers sowie auf seine Bereitschaft, ein freieres Leben zu führen.</p>
<p>Sittlich und lebensklug handelte nach seiner Auffassung derjenige, dem es gelang, die richtige Haltung zum Leben unter den Mitmenschen einzunehmen.</p>
<p>Eine präzise Zusammenfassung dieser Lebenskunst lieferte sein Aufsatz „das Glück des Weisen“: „nur der zufriedene, der seine Wünsche auf das beschränkt, was Natur und Glück und Fleiß ihm gewährt und in dem Besitz und Genuss dessen seine Wünsche befriedigt sieht, nur er hat Ruhe und für die Freude des Lebens einen offenen Sinn.“ Ganz konsequent nach dem Grundsatz, „dass das wahre und sichere Glück nicht außer uns, sondern in uns liegt“, führte Hebel sein Leben mit großer Gelassenheit. Baden, Wein trinken, besinnliches Nachdenken waren so etwas wie die Quintessenz seiner proteusischen Philosophie. Leidenschaftlich gern ging Hebel ins Theater und in der Lesegesellschaft in Karlsruhe spielte er eine wichtige Rolle. Die Lesegesellschaft nahm zwischen 1801 und 1805 einen großen Aufschwung in Karlsruhe.</p>
<p>Doch allmählich wurden Hebel die Belustigungen zu Belästigungen: „es verdreußt mich die große Anstalt und Pracht. Denn es ist alles fürstlich eingerichtet und so vornehm, dass ich nicht wüsste vergnügt zu sein auch scheue ich die Menge und das Gedräng, die seidenen Schuh und Strümpfe.“</p>
<p>1813 veränderte sich alles. Für das demokratisch gesinnte Bürgertum brachen dunkle Zeiten an, nämlich eine langandauernde Phase der politischen Restauration und Unterdrückung liberaler Bestrebungen. Als einer der ersten bekam Hebel der Richtungsänderung zu spüren. Der Kalender für 1815, der die Zensur bereits passiert hatte, war gedruckt, aber noch nicht ausgeliefert. Da beschwerte sich die katholische Kirche beim badischen Innenministerium wegen der Geschichte „Der fromme Rat“. Darin geht es um einen Mann, der vorgibt, besonders fromm, gerecht und religiös zu sein. Es zeigt sich jedoch in der Geschichte, dass er oft scheinheilig handelt und seine Frömmigkeit gerne zur Selbstdarstellung genutzt. Die Auflage wurde deshalb zurückgezogen und musste geändert neu erscheinen. Hebels freier und ironischer Geist im rheinländlichen Kalender passte nicht mehr zum patriotischen Pathos und der Restauration der Zeit.</p>
<p>Im Oktober 1814 legte Hebel schließlich die Redaktion nieder, lieferte aber noch zwei Beiträge 1816, 1818 noch einen Beitrag und 1819 sogar noch einmal 24 Beiträge für den Kalender.</p>
<p><strong>Nichts ist angenehmer als der Kontrast, Karlsruhe 1816-1826</strong></p>
<p>Schließlich wurde Hebel auch noch vom Großherzog zum ersten Prälaten der evangelischen Landeskirche ernannt. Hebel zögerte zunächst jedoch, denn er wusste, dass das Amt mit „Fronarbeit“ verbunden war. Schließlich nahm er das Amt doch an.</p>
<p>Hebel schrieb und veröffentlichte nun auch seine „Biblischen Geschichten“, in denen das Herz „auch nach der Aufklärung noch christlich schlagen darf.“ Bereits in der ersten Geschichte (Erschaffung der Erde ) trat Gott völlig in den Hintergrund. Statt „Gott schied das Licht von der Finsternis“ formulierte Hebel: „da scheidete sich zuerst allmählich das Licht oder die Helle von der bewegten Masse.“</p>
<p>In vollkommenen Gegensatz zur Orthodoxie stand Hebels Verständnis der Sünde. Sie war für ihn ein Fehler, aber zugleich ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Mündigkeit. Als Zöglinge Gottes seien die Menschen zwar von Natur aus gut, die Sünden seien jedoch wichtig für den Erziehungsprozess, in dem es darum ging, die Schwächen immer besser in den Griff zu bekommen. Sünden waren Gedankenlosigkeit, unvernünftiges Handeln, falscher Eigensinn, worüber man aufklären musste. Die dazu korrespondierende Stelle in der Geschichte vom Sündenfall lautete bei Hebel folgendermaßen: „denn als sie die Unschuld verloren und gesündigt hatten, konnten sie die Lebensruhe und die seligen Kinderfreuden des Paradieses nimmer genießen &#8230; Wer die Unschuld verloren hat, kann in keinem Paradies mehr glücklich sein.“ Allerdings verlegte Hebel das Paradies in die Zukunft, denn die „Verheißungen“ der Bibel waren für ihn der Keim der Hoffnung für eine bessere Welt.</p>
<p>Ohne dabei arm zu werden, wurde Hebel auch von einem finanziellen Unglück getroffen. Zwei Jahre vor seinem Tod hat er die Hälfte seines Vermögens durch den Zusammenbruch des Bankhauses Meerwein in Karlsruhe verloren. Arnold Stadler meint aber, der wahre Grund für Hebels „desolate“ Lage sei der, dass ihm alles entglitten sei: die Freunde, die Zeit.</p>
<p>Sicher lag die getrübte Stimmung Hebels auch an seiner hohen Arbeitsüberlastung, die  immer schlimmer wurde. Er rackerte von morgens bis abends. Als Mitglied der Ministerialsektion visitierte er Schulen und Pfarreien, noch bis 1824 erteilte er am Gymnasium 17 Wochenstunden Unterricht, im Landtag protokollierte er die Debatten, als Prälat leitete er die Sitzungen der Generalssynode und so ganz nebenher entwarf er auch noch die liturgischen Formen für Taufe, Beichte und Abendmahl. Hebel kümmerte sich darüber hinaus um die fünfte Ausgabe der Alemannischen Gedichte. „Ich fühle“, schrieb er schon 1812 an Gustave, „dass die fröhliche Zeit des Lebens, der freie, leichte Sinn, die mutwillige Laune vorüber ist.“ Hebel war nun 53 Jahre alt.</p>
<p>In den letzten Jahren seines Lebens musste er lernen, mit Resignation und Melancholie, mit Krankheit und Altersbeschwerden fertig zu werden. „Aber mit dem Schöpplein trinken“ ging es noch. Überwiegend war sein Leben in den letzten Jahren geprägt von Geschäften, Missstimmungen und Krankheiten. 1821 schrieb er in einem Brief: „ich bin seit zwei Jahren nimmermehr recht gesund, nie heiter, fast immer trübsinnig, verdrossen zu allem, was ich tun soll, selbst was ich sonst mit Liebe und Freude tat.“</p>
<p>Was im half, war nicht die Kunst der Mediziner, sondern seine christliche Ergebenheit, seine stoische Lebenskunst, sein froher Sinn, sein Gleichmut und sein Humor.</p>
<p>Im September 1826 trat er eine Dienstreise an, um in Mannheim und Heidelberg Prüfungen abzunehmen. Hebel wurde lange schon von einem Magenleiden geplagt und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Hebel wollte so schnell wie möglich zurück nach Karlsruhe, musste aber einen Aufenthalt in Schwetzingen bei dem befreundeten Gartendirektor Johann Michael Zeyher einlegen. In der Nacht vom 21. auf den 22. September starb Hebel morgens um 3:30 Uhr an Magenkrebs. Er wurde auf dem alten Schwetzinger Friedhof beigesetzt.</p>
<p>Den besten Nachruf verfasste Hebel selbst. In seiner Vorrede im „Rheinländischen Hausfreund“ auf das Jahr 1813 hatte er seine eigene Lebensgeschichte mit dem Lauf der Welt verknüpft: „Man achtets just nicht groß, wie immer einer geht, und einer kommt, bis man sich zuletzt unter ganz andern Leuten befindet, als am Anfang. Nicht anderst als auf einem Jahrmarkt; den ganzen Tag ist der Platz voll Menschen, absonderlich vor dem Stand des Zweibatzenkrämers, oder des Bildermanns, oder wo der Kalender verkauft wird, aber Nachmittag sind wieder ganz andere Leute da als vormittags, und niemand hat gemerkt, dass die ersten fortgegangen, und die andern gekommen sind. Also auch auf dem großen Jahrmarkt der Welt und des Lebens. Alle Jahre geht etwas, und etwas kommt.“</p>
<p>Im Mai 2026</p>
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		<title>Karl Philipp Moritz &#8211; Anton Reiser</title>
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		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 May 2026 09:11:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>Insel Taschenbuch</p>
<p>531 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p>Karl Philipp Moritz – Anton Reiser</p>
<p>Unbedingt lesenswert</p>
<p>Dieser so genannte Bildungsroman erschien in den Jahren 1785 bis 1790 und zeichnet das Leben Anton Reisers von den Kinderjahren bis zum jungen Erwachsenen nach. Es handelt sich um einen autobiographischen Text, weil Karl Philipp Moritz, der bereits mit 36 Jahren im Jahre 1793 starb, viele düstere Erfahrungen seines Lebens in diesem Buch literarisch verarbeitet hat: schwierige Kindheit, liebloser Vater, religiöser Quietismus, Demütigungen und Herabsetzungen, Sehnsucht nach Bildung, Einsamkeit und psychische Krisen als eine Folge seines Wunsches, Schauspieler und Schriftsteller zu werden.</p>
<p>Der Roman ist nicht nur reich an Themen, sondern auch höchst modern, was man bei flüchtigem Lesen durchaus übersehen kann. Insofern wäre es wünschenswert, wenn das Buch heute mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte. Auch der Autor, der von keinem geringeren als Goethe außerordentlich geschätzt wurde, verdient es, heute wiederentdeckt zu werden.</p>
<p>Zunächst fällt dem heutigen Leser jedoch erst einmal der tiefe Graben ins Auge, der uns heute von den Verhältnissen am Ende des 18. Jahrhunderts trennt. Die Schulsituation, die religiöse Enge und die ärmlichen und engen Lebensumstände sind so gar nicht mit dem Leben eines Schülers und heranreifenden Menschen von heute zu vergleichen. Ist der Roman also nur noch aus einem geschichtlichen Interesse lesenswert? Keineswegs!</p>
<p>Der Roman befasst sich im Wesentlichen mit den psychischen Folgen, die eine lieblose Umwelt in dem traumatisierten Anton Reiser auslöst. Dieser geht daran nicht zugrunde, sondern entwickelt eigene „Überlebensstrategien“, die ihn trotz dieser Widrigkeiten dazu bringen, Resilienz zu entwickeln und „seinen Weg“ zu gehen. Der Text zeigt die lebensrettende Aufgabe, die Kunst, Theater und Literatur haben können. Insofern handelt es sich in der Tat um einen „Bildungsroman“.</p>
<p>Wer hat nicht von Beginn an Mitleid mit dem Protagonisten Anton Reiser? Denn der erfährt schon als Kind immer wieder Zurücksetzung, Missachtung und Lieblosigkeit – sowohl von seinen Mitschülern, den Lehrern, als auch von seinem Vater. Es gibt kaum einen Menschen, der sich ihm liebevoll zuwendet, ihn achtet und respektiert. Besonders erschütternd ist es, wenn sein Vater und der Hutmacher ihm ernstlich zu erkennen geben, in seiner Seele habe sich der Teufel bereits eingenistet und es wird mit ihm einmal schlimm enden. Wie muss dieses Schreckbild auf ein Kind wirken?</p>
<p>Als ein Lehrer ihn zum Beispiel „dummer Knabe“ nennt, obwohl er sich doch erfolgreich und intensiv um schulischen Erfolg bemüht, fühlt sich Reiser tief getroffen und erniedrigt. Eine seiner Strategien besteht immer wieder darin, sich noch mehr als bisher in der Schule anzustrengen, um die verlorene Achtung wieder zu erlangen. Einem Kind ständig sein Ungenügen aufzuzeigen, hat aus Sicht des Erwachsenen den Sinn, ihn noch mehr zu besseren Leistungen anzutreiben. Lob erschlafft, Kritik spornt an, so die Idee. Wer hat in unserer heutigen Leistungsgesellschaft nicht diese Strategie am eigenen Leib erfahren?</p>
<p>Wenn Anton Reiser nach den verletzenden Erniedrigungen sich noch mehr anstrengt, um sich wieder die Achtung der Erwachsenen zu verdienen, dann sind diese Anstrengungen allerdings geheuchelt, weil er nicht mit seinem Herzen „dabei ist“, sondern nur auf äußeren Druck reagiert. So heuchelt er beim Vater oder beim Hutmacher L eine Religiosität nur vor, die bei ihm nie wirklich Fuß fassen kann. Der Roman führt uns somit auch die Deformierungen menschlichen Lebens durch äußeren Zwang vor Augen, insofern der Mensch das, was er macht, nicht aus Selbstmotivation und autonomer Selbstbestimmtheit vollzieht.</p>
<p>Auch für uns heutige Leser sind die immer wieder eingestreuten Reflexionen über eine gute Erziehung durch den auktorialen Erzähler wertvoll. So heißt es treffend an einer Stelle, dass durch 1000 Demütigungen jemand am Ende so weit gebracht werden kann, dass er sich selbst als einen Gegenstand der allgemeinen Verachtung ansieht, und es nicht mehr wagt, die Augen vor jemanden aufzuschlagen. Oder es findet sich der Hinweis, dass man bei der Erziehung bereits auf Kleinigkeiten achten muss, weil diese beim Kind große Wirkungen auslösen können. Etwas überspitzt formuliert: es braucht nur ein hartes Wort und aus dem Kind wird ein Bösewicht und Halunke.</p>
<p>Jedenfalls zeigt der Roman auf, wie man es nicht machen soll, wenn man Kinder erzieht. Die Achtung eines jungen Menschen muss bei seiner Bildung und Erziehung immer im Vordergrund stehen. Selbstachtung ist die Basis eines gelingenden Lebens. Das bleibt heute wie damals aktuell.</p>
<p>Den Roman kann man freilich auch aus anderen Gründen modern nennen. Die Passagen über Reisers demütigendes Leben bei dem Hutmacher L etwa zeigen, dass der Autor bereits im vorindustriellen Zeitalter ein waches Bewusstsein für die Ausbeutung von Menschen, die selbstherrliche Willkür eines Vorgesetzten, aber auch die Fluchtmöglichkeiten derer, die da ausgebeutet werden, hat. Denn worauf freut sich Anton Reiser immer wieder in seinem tristen Alltag? Auf den Ruhetag, den Sonntag, die kleinen Feste und Ablenkungen. Worauf freuen wir uns heute, wenn wir einer trostlosen Arbeit nachgehen? Auf den Feierabend und den nächsten Urlaub, auf Zerstreuung in der seichten und leichten Unterhaltungsindustrie.</p>
<p>Das Buch ist überhaupt reich an klugen und aufmerksamen Beobachtungen über das Menschlich-Allzumenschliche. So heißt es an einer Stelle über die kindischen Bestrebungen etwa in einem Schultheaterstück eine Rolle zu ergattern: hier zeigt sich bereits, wie sich das ganze Spiel der menschlichen Leidenschaften abspielt und wie das Streben gegeneinander, dies verdrängen und wieder verdrängt werden, ein so getreues Bild des menschlichen Lebens im Kleinen ist.</p>
<p>Im Mittelpunkt des Romans steht die Suche nach Orientierung und eigener Identität. Nachdem die festen religiösen Orientierungen weggefallen sind, findet der Heranwachsende nicht mehr im Althergebrachten sein genügen, sondern sieht sich mit der Frage konfrontiert, wie er seinem Leben einen eigenen Sinn geben kann. Dieser Prozess steht natürlicherweise in einem Spannungsfeld zu den Anforderungen der Gesellschaft. Diese Spannung führt bei Anton Reiser zu einem Ping-Pong-Effekt. Einerseits will er es den Erwachsenen recht machen und kämpft um Anerkennung, was nur zu verständlich ist, andererseits empfindet er, dass er sich dabei verstellen muss und seinem eigentlichen Interesse zuwider handelt. Folgt er seinem eigenen Lebensimpuls, etwa dem Lesen von Romanen oder dem Theaterspiel, dann entfernt er sich von der Gesellschaft, ja er wird regelrecht ausgestoßen wie ein räudiger Hund. Nähert er sich aber wieder den gesellschaftlichen Anforderungen an, leidet er wiederum an der Unmöglichkeit, seine Fantasien und Träume auszuleben.</p>
<p>Die Gesellschaft bietet den jungen Menschen zwar begrenzte Muster für eine Identität an, aber wenn diese allesamt als beengend und bedrückend empfunden werden, worin soll sich ein junger Mensch dann halten? In diesem Zusammenhang steht die Frage, ob ein junger Mensch sich selber seinen Beruf zu wählen imstande ist, in dem er sich selbst verwirklichen kann, oder, ob er sich – angeleitet durch das gesellschaftlich Gewünschte &#8211; nicht selbst täuscht. Mehrfach heißt es von Anton Reisers literarischen Schreibversuchen denn auch, dass er einen missverstandenen Trieb zur Poesie habe. Denn seine Verse, so der Erzähler, entnimmt er aus entfernten und unbekannten Gebieten, nicht aber aus dem selbst Erlebten. Bezeichnend ist hier eine Szene, in der er bereits Tage vor dem erwarteten Tod eines Mitschülers eine Trauerrede auf dessen Tod schreibt. Anton Reiser lässt sich also nicht empathisch auf das Ereignis des Sterbens ein, um es dann anschließend literarisch zu verarbeiten, sondern er will bereits vorher Eindruck machen, indem er sich den Tod nur vorstellt, sich also gar nicht im Innersten von ihm berühren lässt.</p>
<p>Auch Reisers Leidenschaft für das Theater entpuppt sich als eine effektheischende Fantasie, als ein Zufluchtsort gegen alle Widerwärtigkeiten und Bedrückungen des Lebens. Dies zeigt sich darin, dass er Theater spielen will, um sich selbst darin zu gefallen. Ihm liegt dabei nichts an der treuen Darstellung einer Figur. Im Theater bleibt Anton Reiser daher ein Dilettant, dem es an äußerer Darstellungskraft fehlt. Trotzdem hält er bis zum Schluss des Romans an der Idee fest, am Theater zu reüssieren, weil er glaubt, dort seine Fantasie ausleben zu können, ohne ganz und gar aus dem realen Leben und der Gesellschaft abzudriften.</p>
<p>Daran schließt sich die Frage an, durch welche Merkzeichen sich der falsche Kunstbetrieb von dem wahren unterscheidet. In Bezug auf die Kunst heißt es treffend: der wahre Künstler findet seine Belohnung nicht in dem Effekt, den sein Werk machen wird, sondern er findet in der Arbeit selber sein Vergnügen. Der wahre Schriftsteller würde seine Arbeit nicht für verloren halten, wenn sie auch niemand zu Gesicht bekommen sollte. Anton täuscht sich selbst, indem er sein Theaterspiel für echten Kunsttrieb nimmt. Wer aber nicht über der Kunst sich selbst vergisst, ist nicht zum Künstler geboren. Darum prüfe man sich, so der didaktische Einwurf des Erzählers, ob nicht der Wunsch an die Stelle der Kraft tritt, ob man nicht einem unnützen Streben nach einem täuschenden Blendwerk aufsitzt.</p>
<p>Besonders fern sind dem heutigen Leser wohl die Passagen des Romans über den radikalen Quietismus. Dies gehört zu den heute nur noch schwer verständlichen und erträglichen Erscheinungsformen engstirniger Religiosität. Der Quietismus jedenfalls war eine radikale Frömmigkeitsbewegung um die Mystikerin Madame Guion und zielt auf eine völlige Selbstversenkung in Gott, in der alle Leidenschaften und Eigenarten abgetötet werden sollen: Gott ist alles, der Mensch nichts. Diese Abtötung des individuellen Selbst steht in striktem Gegensatz zum Hauptanliegen des Romans, nämlich der Individualentfaltung Anton Reisers, mit der er sich aus den Zwängen seiner frühen religiösen Erziehung befreit. Der Roman ist daher auch ein Befreiungsprogramm aus religiöser Selbstverleugnung.</p>
<p>Zu diesem Befreiungsprogramm aus religiöser Deformierung gehört auch Reisers Wunsch, sich zu zeigen und an die Öffentlichkeit zu treten, also als eigenständiges Individuum wahrgenommen zu werden. In der Schule fällt er publikumswirksam durch Rezitation von Versen auf, in der Theologie durch Predigtübungen und im Schultheater durch sein Mitwirken. Reisers Gegenstrategie gegen die religiöse Bevormundung heißt also: Flucht in die Sichtbarkeit. Auch dies ein sehr modernes Phänomen, denn wer erfolgreich sein will, muss sich gegen andere durchboxen, sich Gehör und Gesicht verschaffen und Aufmerksamkeit auf sich lenken.</p>
<p>Bezeichnend für den Seelenzustand Antons sind seine erheblichen Stimmungsumschwünge, vielleicht nicht untypisch für junge Leute. Vielleicht kann man dem Roman vorwerfen, dass er die Momente des Fehlens und Versagens Reisers‘ unverhältnismäßig oft und heftig in psychische Turbulenzen im Innern des Helden auslaufen lässt und den Wechsel von Glück in Unglück und umgekehrt allzu häufig betont. So lesen wir mehrfach, dass diese oder jene Begebenheiten in Reisers Leben seine wahrlich schlimmsten oder auch die glücklichsten Stunden gewesen seien.</p>
<p>Wie dem auch sei, wie auf einer Schaukel geht es ständig hoch und runter. Bei allem, was Anton Reiser tut, ist er mit feurigem Herzen dabei, was dazu führt, dass er Anderes ausblendet und sehr vernachlässigt. Er sieht immer Superlative und ist dann besonders tief enttäuscht, wenn der Superlativ bei den anderen keine Anerkennung erfährt oder für sie bestenfalls bedeutungslos ist. In seinem jungen Leben gibt es eine Phase, in der er sich erheblich, damit er bei einem Antiquar immer wieder Bücher ausleihen kann, um sein ungehemmtes Lesebedürfnis zu befriedigen. Dies geht so weit, dass er sich selbst ganz vernachlässigt und eine Zeit lang ganz verlottert. Man kann dies auch als eine Art von Lesesucht und als „Droge Literatur“ bezeichnen. So wechseln sich bei ihm immer wieder glückliche Tage, die er in seiner Wunsch- und Fantasiewelt erlebt, mit einer Tiefphase in der harten Wirklichkeit ab. Ein anderes Beispiel dazu: Anton empfindet großes Glück als er in einer schulischen Theateraufführung einmal die Rolle des „sterbenden Sokrates“ spielt. In der harten Wirklichkeit des Schulalltages wird er stattdessen von seinen Mitschülern als „sterbender Sokrates“ verspottet. Dieser Wechsel von Hochgefühl in der Fantasie und Tiefpunkte in der Realität ist typisch für den Roman. Er führt uns den Konflikt, der sich aus dem Zusammenprall gesellschaftlicher Zwänge und dem Wunsch des Heranwachsenden nach selbstbestimmt-motivierendem Tun ergibt, vor Augen.</p>
<p>Eine religiöse Hochphase erlebt der noch junge Anton zum Beispiel auch beim Prediger P, den er während seines Aufenthalts beim Hutmacher hört. Dessen Predigten berühren ihn zutiefst und er spürt den Wunsch, selbst einmal Prediger zu werden. Dahinter steht natürlich der unausgesprochene Wunsch, sozial aufzusteigen, wofür auch die herausgehobene und erhöhte Kanzel in der Kirche steht. Auch der Wunsch in der Gesellschaft sozial anerkannt zu werden, spielt hier hinein. Auch hier lebt Anton wieder in einer Art Fantasiewelt, weil er den Prediger idealisiert und überhöht.</p>
<p>Der harte Fall in die Realität bleibt auch hier nicht aus, denn es besteht eine große Differenz zwischen dem Idealbild, das sich Anton von dem Prediger macht und der tatsächlichen Person, die im Alltag plattdeutsch mit den Menschen redet und gar keinen hohen Predigtton mehr an sich hat. Auch der Prediger P ist eben ein Mensch wie Du und Ich. Schon diese frühe religiöse Phase im Leben Antons ist gekennzeichnet durch das sich wiederholende Muster seines Hochgefühls und darauf folgender Tiefschläge.</p>
<p>Es folgen weitere Tiefphasen in der Schule, zum Beispiel die, dass er keine Rolle in einem Schultheaterstück erhält, dann wieder die Hochphase im Spiel einer eigenen kleinen Privatvorführung oder im Lesen von Romanen, worauf dann wieder eine Tiefphase folgt, in der er alles Äußerliche vernachlässigt und sich verschuldet. Anton findet sich nach den Glücks- und Hochphasen seiner Fantasiewelt immer isoliert und alleine wieder. Aber welchen Ausweg findet er nun aus dieser Isolation? Nun, es ist immer wieder das Wandern in der Natur, das ihm Sicherheit vor gesellschaftlicher Verurteilung und Zeit zur Reflexion gibt. Hier ist der Wind der beginnenden Romantik bereits zu spüren, weil der Autor Antons Aufenthalt und Wandern in der Natur und seine Flucht aus der Gesellschaft als Ausweg und Möglichkeit der Selbstreflexion sieht.</p>
<p>Gibt es aber einen Fortschritt, eine Entwicklung und eine Reifung bei Anton Reiser oder bleibt es beim ewigen Ping-Pong? Zumindest beschreibt der Roman per negationem sehr eindrücklich, dass für ihn keine Identitätsbildung durch die Religion, die als äußerer Zwang empfunden wird, geben kann. Auch die Literatur bietet ihm nicht diese Möglichkeit, solange sie bloß als Flucht aus der Realität verstanden wird, eine Flucht ohne Rückkehr in die Realität, die also nur zu einem ungenügenden Doppelleben führt. Auch das Theater kann ihm letztlich keine Identität bieten, weil er das Spielen nicht um seiner selbst und der Kunst willen ausübt, sondern um einen Effekt zu erhaschen. Das Ende des Romans ist offen, denn die Identitätssuche geht nach seinen gescheiterten Versuchen, am Theater Fuß zu fassen, weiter. Auch hier zeigt sich die Modernität des Romans: die Identitätssuche ist nie abgeschlossen und jedes Scheitern muss als Chance begriffen werden. Freilich macht Anton Reiser bei alledem einen Reifungsprozess durch, nicht nur lernt er ständig neues und eignet sich Wissen an, er durchläuft also einen Lernprozess und er entfaltet seine eigenen Kräfte und Fähigkeiten – und wer weiß, wie es ihm in seinem Leben weiterhin ergangen wäre. Der Autor Karl-Philipp Moritz jedenfalls entwickelte sich trotz schlechter Kindheit zu einer Persönlichkeit und brachte es schließlich bis zum Professor.</p>
<p>Martin Kasperzyk, Mai 2026</p>
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		<title>Claudia Endrich &#8211; Für andere, für uns</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/claudia-endrich-fuer-andere-fuer-uns/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 May 2025 06:16:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>Bonifatius Verlag</p>
<p>464 Seiten</p>
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<p>Claudia Endrich erzählt das Leben gläubiger katholischer Menschen, die im Dienst der Kirche stehen und dabei ständig mit deren jahrhundertealten Regeln, wie dem Zölibat, Verbot der Abtreibung und der Priesterweihe nur für Männer, in Konflikt geraten. Damit ist der Kreis der Interessenten für dieses Buch schon einmal eingeschränkt, denn das Buch kreist fast ausschließlich um diese Themen: wie umgehen mit den rigiden Vorschriften der Kirche, die als nicht mehr zeitgemäß empfunden werden. Eine gewisse Spannung erhält das Buch durch die Vor- und Rückblenden, wodurch das Leben der kämpferischen Protagonistin Rita erst allmählich klarer hervortritt.<br />
Rita studiert zunächst in Innsbruck Theologie und wird später Pastoralassistentin, obwohl sie lieber Priesterin wäre: hierzu fühlt sie eine innere Berufung. Im Studium lernt sie den Priesteranwärter Sebastian kennen, der ein Leben ohne Frauen, ein Leben für Gott, für andere Menschen gelobt hat. Beide verlieben sich ineinander und sie bekommt ungewollt von ihm ein Kind, das sie abtreiben lässt.<br />
Beide müssen ihre Liebe geheim halten und Rita fordert Sebastian immer wieder auf, sich zwischen ihr und der Kirche zu entscheiden. Nach einigem Hin und Her entscheidet sich Sebastian letztlich doch gegen Rita und für die Kirche, ohne dies Rita offen und ehrlich sagen zu können. Man kann auch sagen: er flüchtet vor dieser Entscheidung: er tritt aus dem Jesuitenorden aus und übernimmt eine Gemeinde bei Paris, weit weg von Innsbruck. Rita erscheint in dem Buch fast immer als die Starke, die die Entschlusslosigkeit und Jammerei der anderen nicht ertragen kann und auf Entscheidungen drängt. Worin ihr spiritueller Glaubensimpuls liegt, wird mir allerdings nicht klar. Sicher, sie will für andere Menschen da sein; aber warum in der Kirche? Ja, sie will Priesterin sein, aber ihr wird nicht ganz zu Unrecht der Vorwurf gemacht, dabei mehr an sich zu denken, als an andere Menschen.<br />
Als Pastoralassistentin kämpft Rita dafür, dass Frauen in der katholischen Kirche völlig gleichgestellt werden und für das Recht auf Priesterweihe. Sie hält bessere Predigten und behauptet vor der Gemeinde, eine Ausnahmeregelung vom Bischof erhalten zu haben. Michael, der Pfarrer der Gemeinde, deckt das Ganze, weil auch er die Regeln der Kirche nicht strikt einhält. Denn er hat ein Verhältnis zur Yogalehrerin Simone. Auch die beiden leiden sehr unter der Heimlichkeit der Beziehung. Rita bestärkt eine junge Frau, ein ungewolltes Kind abzutreiben. Schließlich ist da noch Fabian, der homosexuelle Religionslehrer, der seine Beziehung ebenfalls vor der Öffentlichkeit verdeckt halten muss. Das ganze Leben von Rita dreht sich also um die hohen Mauern des Kirchenrechtes, die dem Einzelnen ein freies und glückliches Leben versperren. Ich als Leser empfinde diesen einseitigen Blick auf das Leben Ritas, das doch viel reicher und bunter sein müsste, fast schon als politisches Manifest.<br />
Das Buch von Endrich macht den Gedanken stark, dass Alles zusammen gehört. Rita und Sebastian, die Liebe zwischen zwei Menschen, ihr Glauben und ihre kirchlichen Aufgaben. Warum soll man dies trennen? Das ergibt doch keinen Sinn, so heißt es an einer Stelle. Die Gegenseite in der Figur des konservativen Grantlers „Zauner“ kommt dagegen nicht gut weg, denn hier zählt nur die Meinung: die kirchlichen Regeln waren schon immer so und so soll es bleiben. Hier also die Guten, dort die Schlechten? Ob diese Einseitigkeit dem Buch gut tut, bezweifel ich.</p>
<p>Martin Kasperzyk/Juni 2025</p>
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		<title>Manfred Koch &#8211; Rilke, Dichter der Angst</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/manfred-koch-rilke-dichter-der-angst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Mar 2025 05:33:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>C. H. Beck Verlag</p>
<p>560 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p>Rilke &#8211; Dichter der Angst</p>
<p>Manfred Koch legt hier eine vorzügliche Biographie Rainer Maria Rilkes vor, weil er Leben und Werk gegenseitig eng verschränkt, was gerade bei diesem Künstler, der sein Leben ganz der Dichtkunst gewidmet hat, sehr angemessen ist.</p>
<p>Der Autor gibt freilich auch zu, dass er – das dürfte für die meisten Leser Rilkes gelten – nicht immer mit gleich großer Begeisterung ein Rilke-Leser war. Noch während seines Studiums fand der Autor die Gedichte parfümiert und den religiösen Verkündigungston seiner Verlautbarungen zur Kunst albern. Zum Glück hat sich dies später geändert.</p>
<p>Der Blick durchs Schlüsselloch ins Private wird in dem Buch immer wieder umgewendet und gebrochen durch den Blick auf Rilkes Schreibtisch und umgekehrt. Es mag zwar interessant sein, wenn man weiß, woher etwa die Ängste Rilkes kamen, die ihn lebenslang begleiteten, aber diese sind für uns ja nur bedeutsam, insofern wir es auch mit literarisch geformten Ängsten tun haben. Rilke als Dichter der Angst vorzustellen, mag auf den ersten Blick überraschen. Manfred Koch kann seine These aber gut begründen, nicht nur mit Verweis auf Rilkes Angst-Buch „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“.</p>
<p>Die Biographie leuchtet auf 476 Textseiten und einem ausführlichen Anhang viele Details aus, ohne sich in ihnen zu verlieren, und sie arbeitet besonders die großen Lebenslinien des Dichters heraus, seine lebenslangen Obsessionen und Eigenarten. Woher kamen diese? Sicher auch aus einer schwierigen Kindheit und dem schwierigen Verhältnis zur Mutter. Rilke, so der Autor, litt gar lebenslang an einer „Muttervergiftung“. Gleichwohl prägte sie ihn auch, so hatte er von der Mutter die Eigenschaft mitbekommen, zeitlebens Wert auf ein makelloses äußeres Erscheinungsbild zu achten und den Wert auf ein schönes Ambiente zu legen sowie eine lebenslange Affinität zur Adelswelt.</p>
<p>Obwohl ihm oft das Geld fehlte, hielt er mit erstaunlicher Unbeirrbarkeit am Lebensstil eines Edelmannes fest. In der Eisenbahn fuhr er Erste Klasse, stieg in den besten Hotels ab und erwartete stets, von Dienern umsorgt und von Köchinnen vegetarisch-verständig bekocht zu werden. Diese elitäre Haltung ist zwar wenig sympathisch, aber der Autor hält Rilke zugute, dass darin seine enorme Schutzbedürftigkeit zum Ausdruck kam. Denn in dieser Haltung kamen ihm die Menschen nicht zu nahe, hier waltete ein anerkannter Sinn für Distanz und Diskretion. Rilke suchte also im Luxus nicht die Protzerei, sondern Geborgenheit und Heimat. Schließlich verstand er es auch mit dieser Eigenart, ein Beziehungsnetz mit adligen Familien zu knüpfen, ohne welches er vielleicht nie derart literarisch produktiv geworden wäre.  Natürlich lernt der Leser dieser Biographie dann auch die wichtigsten Bezugspersonen Rilkes kennen, zu denen nicht zuletzt auch der Verleger Anton Kippenberger gehörte.</p>
<p>Nach dem anfänglichen Schock der Großstadt wurde Paris später sein geliebter Ankerplatz, zu dem er immer wieder gerne zurück kehrte. Jenen persönlichen Schock spürt jeder Leser seiner „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“. Es ist eine der ersten Romane, in dem virtuos der Ekel ästhetisiert wird. In diesen Rahmen stellt Manfred Koch auch Rilkes Gedicht „Der Panther im Jardin des Plantes, Paris“, in dem der Panther als eine Unglücksfigur wie die menschlichen Elendsgestalten gezeichnet ist. Das Gedicht schafft ein Stimmungsbild der Ausweglosigkeit und den Eindruck einer maschinenhaften Motorik.</p>
<p>Eine lebenslange Obsession Rilkes war das Nicht-festgelegt-werden-Wollen vor allem durch die, die einen lieben. Hier deutet sich an, dass das persönliche Lebensglück und das literarische Gelingen bei Rilke in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zueinander standen, sehr zum Leidwesen der vielen Frauen. Von daher ist auch Rilkes Nähe zu Hölderlin verständlich, denn beide sind gefährdete Grenzgänger in jener Zone, in der Schönes und Schreckliches unentwirrbar ineinander übergehen. Der Weg durch die Hölle sei nun einmal sein Königsweg zur Kunst, so Rilke. Oder, um ein anderes Bild zu verwenden: je verzweifelter Rilke wurde, desto besser wurden seine Texte. Fallen und Steigen in eins. Die Fontäne ist nicht umsonst eines der Lieblingsmotive seines Werkes.</p>
<p>Rilkes Glück lag allein im gelingenden Schreiben, er lebte hin auf einer jener Inspirationen, die er so oft im Herbst und nach erlebtem (meist kurzem) Liebesglück mit Frauen erfahren hatte. Der Dichter ging in manchen Jahren eine erstaunliche Fülle neuer Beziehungen zu Frauen ein, sie waren zwar überwiegend nicht intim, wurden aber oft in einem leidenschaftlichen Stil brieflich zelebriert. Rilke konnte unwiderstehlich auf Frauen wirken, deren Schönheitsempfinden in erster Linie der Sprache galt. Das sexuelle Verhältnis zu den Frauen bestand oft nur wenige Wochen oder Monate. Rilke war aber keineswegs der aktive Verführer, er geriet &#8211; halb gezogen &#8211; in Beziehungen hinein, aus denen er sich meist nach einer kurzen Zeit der Euphorie wieder lösen wollte.</p>
<p>Rilke sah in der Liebe immer die Gefahr des Hineingezogenwerdens in einengende Beziehungen. Liebe &#8211; das sollte eine weitgehende, die Schranken der Persönlichkeit aufbrechende Erfahrung sein, die kosmische Kräfte ins Ich einfließen lässt. Die Gefahr, einer Person verhaftet zu bleiben und nicht die gewünschte Weite zu gewinnen, hielt Rilke für die allergrößte. Er war daher jemand, der in seinen Liebesbeziehungen immer auf dem Absprung zum Schreibtisch war und von der Verliebtheit nur den nötigen Anstoß mitnehmen wollte. Dem Künstler kam es darauf an, in der Liebe erweckte große Gefühle nicht zu leben, sondern sprachlich produktiv zu machen. Rilke nannte das selbst die Feindschaft zwischen dem Leben und der großen Arbeit.</p>
<p>Dabei war die literarische Anfangsphase keineswegs vielversprechend, denn Rilke schrieb wirklich miserable Gedichte: gestelzt, süßlich, altklug, sentimental, kurz: peinlich, sind nur einige der Adjektive. Hiervon befreite ihn erst die 15 Jahre ältere und verheiratete Lou Andreas-Salome, die die wichtigste Frau in Rilkes Leben wurde. Von 1897 bis 1900 waren sie ein Liebespaar. Ihr verdanken wir übrigens einige der klügsten Beschreibungen des Charakters von Rilke: „dieser Dichter des Überzartesten war robust, ja brutal, wenn es um die Durchsetzung seiner literarischen Berufung ging.“</p>
<p>Erst durch Lou Andreas-Salome und später Rodin lernte er, dass Gedichte aus reichhaltigen Erfahrungen inspiriert sind. Um eines Verses willen müsse man viele Städte sehen, Menschen und Dinge. Auch das ruhige, sachliche Schauen unter Abkehr von spontanen Gefühlsreaktionen hatte er in der Schule Rodins gelernt. Mit seinen sogenannten Dinggedichten gelang es Rilke, sich von direkten Gefühlsaussagen zu befreien und alles subjektive Empfinden in die Gestaltung des Dinges verlegen. Ein Ding im emphatischen Sinn war für Rilke ein Gegenstand, der mit dem Raum kommuniziert, Weite um sich schafft. Und dies gelingt dem Ding, sobald es kein gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand mehr ist, sondern sich gegen die Alltagswelt in sich selbst abschließt. Dinge in diesem emphatischen Sinne lassen keine Konsumtion zu, die alles sofort auf bekannte Inhalte, Stoffe oder Ideen reduziert.</p>
<p>Dann wollte Rilke auch von Bewegung erfüllte, von Energien durchdrungene Dinge, schaffen. Kunst muss nach Rilkes Ansicht wirken, so existenziell- erschütternd, dass ihre Erfahrung nur mit der Wucht religiöser Erweckungserlebnisse vergleichbar ist. Dies erläutert Manfred Koch an Rilkes Gedicht Archaischer Torso Apollos. Das Hervorbringen von Kunstwerken war für Rilke ein religiöser Akt, gleichgültig ob die Künstler an Gott glauben oder nicht. Der Künstler hat sich den dunklen Kräften am Grunde seiner Seele anheimzugeben, um aus ihnen heraus immer neue Gestalten zu erschaffen. Das Beharren auf dem Wunderbaren und allem Willentlichen entzogenen Geschehen in den Tiefen der Seele war existenziell wichtig für Rilke.</p>
<p>Zur Besonderheit seiner Gedicht gehört auch die eigenartige Naturerfahrung als ein rhythmisches Ereignis. Rilke hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass sein Schreiben vom Klang und Rhythmus der Wörter als Spiegelung dieser Naturerfahrung lebte. Welt strömt in sein Inneres hinein und wird Empfindung und Wort. Ein Bergrücken, der wie wir umgangssprachlich sagen, sich zu einer Wiese „neigt“, das war in solcher Wahrnehmung ein wirkliches Sich-Hinabbegeben und emotionales Zu-Neigen. Ein solches Fühlen und Erfühlen der Dinge braucht Zeit und Erfahrung, die in den Augen Rilkes in der modernen Welt immer mehr vernichtet wird. Seine Weltsicht fühlte er durch die permanente Steigerung der Veränderungsgeschwindigkeit in der kapitalistischen Gesellschaft verloren gehen.</p>
<p>Zur eigenartigen Naturerfahrung  gehört es bei Rilke auch, sie als All-Einheit zu sehen, wozu auch Leben und Tod gehört. Rilke deckt den Unterschied nicht gänzlich zu, ist aber bemüht, ihn zu versöhnen, ohne auf das christliche Konzept des jenseitigen Lebens zurück zu greifen. Ganz diesseitig, weltlich dient der Tod dem Leben, indem er es vitaler macht und offen hält für eine Erweiterung der Erfahrung.</p>
<p>Fazit: eine klare Leseempfehlung für dieses hervorragende Buch, weil es gelehrt ist und sich trotzdem leicht lesen lässt.</p>
<p>Martin Kasperzyk/ im April 2025</p>
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		<title>Jonas Lüscher &#8211; Ins Erzählen flüchten</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/jonas-luescher-ins-erzaehlen-fluechten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Mar 2025 07:15:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>C. H. Beck Verlag</p>
<p>111 Seiten</p>
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<p>Ins Erzählen flüchten</p>
<p>Jonas Lüscher skizziert in dieser überarbeiteten Fassung seiner Poetikvorlesung aus dem Jahre 2019 an der Hochschule St. Gallen im Wesentlichen den Gegensatz zwischen dem Narrativen und dem Messbar-Wissenschaftlichen. Gleichzeitig verbindet er diese Reflexionen mit seinem persönlichen Weg von der universitären Philosophie ins dichterische Schreiben. Die Frage, ob man der dichterischen Erzählung oder dem wissenschaftlichen Denken verpflichtet sein soll, ist ein zentrales Motiv für den Schriftsteller Lüscher.</p>
<p>Der genannte Gegensatz, in dem zwei ganz unterschiedliche Arten der Weltbetrachtung aufeinander treffen, kann durch weitere Begriffe verdeutlicht werden: Widersprüchlichkeit und Widerspruchsfreiheit, Eindeutigkeit und Mehrdeutigkeit, Mythos und Logos, Erklären und Beschreiben, das Allgemeine und der Einzelfall. Alleine hierüber könnte man ganze Bücher schreiben.</p>
<p>Der Autor jedenfalls beginnt ganz am Anfang der europäischen Geistesgeschichte, nämlich mit der homerischen Welt, die erfahrungsgesättigt und am Einzelfall interessiert ist. In dieser Welt geht es noch nicht darum, von einer Erscheinung zum wahren Wesen einer Sache vorzudringen. In ihr dringt nun aber (Lüscher stützt sich hier auf Feyerabend) der Philosoph Parmenides ein. Mit ihm beginnt ein priesterliches Sendungsbewusstsein und ein eindeutiger Bildungsauftrag, der sich nach der allgemeingültigen Wahrheit richtet. Erfahrung wird als trügerisch gebrandmarkt und auf der Suche nach der Wahrheit solle man sich besser nicht von ihr leiten lassen. Das logische Argument ist wichtiger als die Erfahrung. Das Werk von Parmenides stellt somit eine Zäsur dar für das Selbstverständnis des Menschen, auf die sich dann später auch Platon stützt mit seinem Vorwurf der narrativen Beliebigkeit des dichterischen Werkes. Dass Narrative wird von ihm gar als moralisch schädlich gebrandmarkt. Mit ihm siegt der Logos endgültig über den Mythos. Wie der Autor selbst bemerkt, ist dieser Parforceritt durch die Geistesgeschichte freilich etwas holzschnittartig und sehr vereinfachend.</p>
<p>In der Neuzeit, so der Autor, ist das mathematisch- naturwissenschaftliche Weltbild vorherrschend. Gefährlich wird dann heute in Zeiten des Internets der vorherrschende Drang, sich auf das Messbare zu verlassen, weil wir dazu neigen, den überaus komplexen Bereich des Lebensweltlichen zu simplifizieren und zu trivialisieren und dabei den Einzelfall und das Individuum zu marginalisieren. Das Diktum der Vermessbarkeit und Vergleichbarkeit bedeutet nämlich, das Schwierige, Sperrige, Komplexe und Widerspenstige auszuschließen. Geliefert wird das Erwartbare und das leicht Konsumierbare. Wir laufen übrigens auch Gefahr Wichtiges zu übersehen, weil es sich eben nicht messen lässt.</p>
<p>Man muss darin eine quantitative Verblendung sehen, wogegen sich dann das Narrative als Gegenentwurf zur Rationalität und Messbarkeit der Welt versteht. In Geschichten erzählen wir daher dasjenige, was sich diesem Diktum entzieht, wir erzählen das, was in der Abstraktion in Vergessenheit gerät. Es gibt eben Dinge, die sich weder verstehen noch befriedigend beschreiben lassen. Dinge, die sich dem Verstand entziehen, dass Unbestimmbare, das Dunkle und Unvernünftige.</p>
<p>Auf der anderen Seite hat freilich auch das Narrative seine Schattenseiten. Denn es erhebt sich der Vorwurf, dass Narrative sei inflationär, die Erzählung sei allgegenwärtig und verantwortungslos, weil sie zur autoritären Machtausübung missbraucht werden kann. Zu nennen ist hier der missbräuchliche Monomythos, wie Beispiel der, dass die USA „the greatest country in the world“ seien. In solchen Mythen soll die kritische Distanz durch emotionale Nähe und die Bestätigung vorgefasster Meinungen abgelöst werden. „Am einfachsten packt man den Leser im Genick, in dem man seine Nase tief in den Sumpf seiner eigenen Ressentiments und Ängste drückt.“ Monomythen geschickt einzusetzen, ist daher die Strategie populistischer Politik.</p>
<p>Das Erzählen von Geschichten ist demnach nicht so unschuldig wie es erscheint. Einerseits gibt es eine Suggestivkraft, die missbräuchlich verwendet werden kann, andererseits ist es die Stärke der Erzählung, dass man sich darin verlieren und versenken kann, sich von ihr berühren lässt.</p>
<p>Lüscher flüchtet sich dennoch ins Erzählen, ins Erzählen in einem guten Sinne freilich, in dem das Vage im Vagen bleiben darf und der Zufall zu seinem Recht kommt.</p>
<p>Die Stärke von Lüschers Ausführungen liegen darin, dass sie dem Leser in aller Deutlichkeit unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt vor Augen führen. Sichtweisen, die ihre Berechtigung haben, aber auch immer kritisch hinterfragt werden müssen. Wissenschaft und Narration können jedenfalls ganz gut nebeneinander und auch bestens miteinander bestehen.</p>
<p>Martin Kasperzyk/ März 2025</p>
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		<item>
		<title>Botho Strauss &#8211; Herkunft</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/botho-strauss-herkunft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Feb 2025 06:42:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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					<description><![CDATA[]]></description>
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<p>Carl Hanser Verlag</p>
<p>96 Seiten</p>
</div></section></p></div><div  class='flex_column av-2r5lqv-d28ceb17c2b8f2a213a12421bc022044 av_two_third  avia-builder-el-8  el_after_av_one_third  avia-builder-el-last  flex_column_div  '     ><section  class='av_textblock_section av-lwfbqyf9-c83b0a1f7fd945cef2c152cd48e68e07 '   itemscope="itemscope" itemtype="https://schema.org/BlogPosting" itemprop="blogPost" ><div class='avia_textblock'  itemprop="text" ><p>Botho Strauss &#8211; Herkunft</p>
<p>Geboren am 2. Dezember 1944 in Naumburg gehörte Strauss in Deutschland vor allem in den 1970er bis 1990er Jahren zu den erfolgreichsten Dramatikern, seine Stücke wurden auf deutschen Theaterbühnen oft gespielt. In seinen Publikationen, es sind meist essayistische und aphoristische Texte, zeigt er sich immer wieder als genauer Beobachter zwischenmenschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Entwicklungen, aber auch als Demokratie- und Zivilisationskritiker, wie etwa im Essay „anschwellender Bocksgesang“, der 1993 im Spiegel erschienen ist. Heute lebt er zurückgezogen in der Uckermark.</p>
<p>Anstatt einer Übersicht über Leben und Werk von Botho Strauss &#8211; eine solche lässt sich leicht im Internet nachlesen – soll es hier in der gebotenen Kürze um ein einziges Werk von ihm gehen.</p>
<p>Das hier zu besprechende Buch „Herkunft“ hat Botho Strauss in seinem 70. Lebensjahr im Jahre 2014 veröffentlicht. Es ist ein Erinnerungsbüchlein von nicht einmal 100 Seiten – ein zartes Andenken an die eigene Kindheit und Jugend im Rheinland-Pfälzischen Badeort Ems in den 50er und 60er-Jahren und vor allem ist der Text eine liebevolle Hommage an den Vater. In der Beschreibung des Vaters leuchtet uns aber auch einiges entgegen von dem, was den Sohn selbst auszeichnet.</p>
<p>Aber über diese persönliche Vater-Sohn-Beziehung hinaus ist das Buch auch ein gescheites und unsentimentales  Nachdenken über das, was wir Erinnerung nennen.</p>
<p>Zunächst erfahren wir einiges über die Marotten und Eigenarten des Vaters, der im Ersten Weltkrieg ein Auge verlor und später Pharmareferent wurde und seine  Gutachten zu Hause am heimischen Schreibtisch schrieb. Die gründliche Morgentoilette und der Krawattenknoten mit Einsteckperle sowie die Tatsache, dass er sich zu Hause stets sorgfältig gekleidet an seinen Schreibtisch setzte, weisen ihn als peniblen und akkuraten Menschen aus. Dem Sohn, der seinen Vater lieber gewöhnlicher und nicht so vornehm haben wollte, missfiel dies. Dem Vater jedoch ging es darum, Figur zu machen, sich abzuheben von den gewöhnlichen Zeitgenossen, die sich seiner Meinung nach vernachlässigten. Der Tagesablauf, so schreibt Strauss, war streng geregelt und der Uhr unterworfen. Gegen 12:30 Uhr das Mittagessen, anschließend Lektüre der Tageszeitung, dann zwischen Eins und Drei schlafen, wobei niemand anrufen durfte und an der Tür hing ein Schild „von Eins bis Drei wird nicht geöffnet.“</p>
<p>Es war noch eine Zeit, in der man zum Gruß den Hut zog. „Alle hatten noch ihre Art, ihr reputierliches Benehmen, keine Hand in der Hosentasche und selbstverständlich eine tiefere Verbeugung vor den Lehrern.“ Doch Strauß wäre nicht Strauß, wenn er aus dieser Beschreibung nicht auch eine kleine Lebensweisheit ziehen würde, wie diese: die Behausung und die bergenden Zeremonien waren das, was die Institutionen für die Gemeinschaft bedeuten.</p>
<p>Der Sohn hatte im Grunde ein gutes Verhältnis zum Vater. „Viele Fragen habe ich meinem Vater gestellt und habe immer gute Antworten bekommen.“ Was die Lektüren des Vaters angeht: Thomas Mann war zwar sein bevorzugter Autor, aber er „verriet auch eine fatale Neigung zu harmloser Heiterkeit in der Literatur.“ Der Vater veröffentlichte sogar ein Buch, ein einziges Buch, mit dem Titel „nicht so früh sterben!“</p>
<p>Strauss verschweigt aber nicht den schwierigen Charakter des stolzen Vaters, der zu den Menschen oft abweisend war. Ein kantiger Mann, der lieben und hassen konnte, schwermütig und herrisch war er, jedenfalls kein Anwalt des Sowohl-als-auch. Er war ein „Volksverächter mit törichten Verblendungen, aber niemals ein Rohling.“ Ein grimmig und kraftvoll Unzeitgemäßer war er. Kraftvoll noch in seinen läppischen Empörungen und Irrtümern, so Strauss. „Herkunft“ ist jedoch keine persönliche Abrechnung, sondern ein Buch voller Verständnis für den konservativ und aus der Zeit gefallenen Vater. Denn nach dem Tod des eigenen Vaters fehlte ihm das Geld, um sein Medizinstudium fortzusetzen. Sein Leben war eines harter Versagung: Krieg, Verwundung, verjagt aus der Heimat im Osten und schließlich ein ungeliebter Beruf.</p>
<p>Der Sohn bringt aber mehr als ein bloßes Verständnis für den Vater auf, denn er blickt auch mit großer Dankbarkeit und voller Empathie auf ihn. So schreibt er etwa über scheinbar so Nebensächliches und Peripheres, wie die Hände seines Vaters: diese Hände „gaben mir einen Sinn dafür, dass das Herz eines Menschen vordringen kann bis in seine äußeren Gliedmaßen.“ Gliedmaßen von Güte und Mut. „Die Hand hat mich gestraft und liebkost; sie hat mir die ersten Blumen gewiesen und die erste Zeile im Buch.“</p>
<p>Besonders eindrücklich schildert Strauss, wie er als nun selbst alt gewordener Mensch auf den Tod des Vaters zurückblickt. Daher sei dieses etwas längere Zitat hier erlaubt: „Ich habe deinen Tod nicht zu mir genommen damals, im Jahr des Aufbruchs, 1971. Ich war zum Vorwärtsblicken unterwegs, und die Trauer beugte mich nicht. Ich dachte auch, er käme dir recht. Ich sah, dass du zuletzt genug hattest und dir das Leben zu schwer wurde. Sicher, nur um mich vor dem Angriff des Schmerzes abzuschirmen, habe ich dich für erlöst erklärt. Erst langsam bin ich dann hineingewachsen in deinen Tod … Du einzige Quelle meiner Erinnerung!“</p>
<p>Es sind solche schönen und wahren Sätze, die die Texte von Strauss lesenswert machen. Es sind solche Perlen, die man immer wieder findet in manchmal unbedeutender, zuweilen auch fragwürdiger Prosa.</p>
<p>In der Rückblende auf den Tod des Vaters verquickt sich der eigene selbstbezüglich-jugendhafte Aufbruch des Damals mit dem Selbstvorwurf des Älteren von Heute, nämlich dem Sterben und Tod des Vaters nicht gerecht geworden zu sein. Und gleichzeitig ist da eine Erkenntnis, das damalige Nichtzulassen nachträglich doch in sich aufgenommen zu haben.</p>
<p>Aus dem Resonanzraum seiner Erinnerungen gewinnt Botho Strauss so immer wieder weise und kluge Einsichten. So deutet er seine Erinnerungen als Pfad, auf dem der Vater herüber kommt ins Jetzt und auf dem er zugleich wieder zurückgeht ins Vergangene.</p>
<p>Eine weitere wertvolle Einsicht ist die geheimnisvolle Spiegelung von Fernweh und Heimweh in der Erinnerung, denn das Gedächtnis -so Strauss- ist eine „Variable der Sehnsucht“ nach beidem, eine Variable, in der beides immer gleich unerreichbar bleibt. Denn indem man sich zurückversetzt in jene fernen Tage, als jedes Ding noch im „Geruch der Unschuld“ stand, will man Nähe, die aber nie erreichbar ist.</p>
<p>Das, was war, liegt immer fern der Gegenwart, es ist auch in der Erinnerung ein „unbezwingbares Reich“. Wir blicken, so Strauss, in unsere Frühe wie in die blaue Kugel des Magiers, betrachten unser abgetrenntes und umschlossenes „Weltlein“. Und erzählen wir von dem Verlorenen, wollen wir es teilen mit anderen, stellen wir fest, niemand kann da mit hinein. Die Kugel mit dem eigenen Weltlein bleibt rundum Mein und unzugänglich für jeden anderen.</p>
<p>Und noch etwas kommt hinzu: wer seine Erinnerungen anderen erzählt (wie es Strauss in seinem Büchlein „Herkunft“ tut), befindet sich nicht mehr im unmittelbar- überwältigenden Zustand der Erinnerung, sondern bereits in der reflektierten Distanz dazu. Erinnerung und erzählte Erinnerung sind nicht identisch.</p>
<p>In der Erinnerung an die Eltern zeigt sich schließlich auch etwas, was wir alle mehr oder weniger an uns selbst erleben. Es ist die Verwunderung, dass die frühe Prägung langsam, aber unerbittlich im Alter ihre Wirksamkeit entfaltet. „Man altert geradewegs in das hinein, was man einst als rettungslos veraltet empfand.“ Wir sind, wie wir da sind, von gestern her.</p>
<p>Und dies „Von-gestern-her“ ist im Werk von Botho Strauss in der Tat eines der zentralen Motive: es ist der Impuls, man müsse gegen alle Widerstände des flüchtigen Zeitgeistes unbedingt unsere prägenden Traditionen in Kunst und Literatur bewahren und weitertragen. Nicht um ihrer selbst willen, sondern unseretwegen.</p>
<p>Martin Kasperzyk/ Februar 2025</p>
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		<title>Adam Zagajewski</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/adam-zagajewski/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Dec 2024 09:15:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<p>Carl Hanser Verlag</p>
<p>204 Seiten</p>
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<p>Die in diesem Buch versammelten Essais kann man einerseits als einfühlsame und wertschätzende Hommage des Autors an befreundete Menschen lesen: Jozef Czapski, Zbigniew Herbert oder Czeslaw Milosz. Für die meisten deutschen Leser dürfte jedoch etwas anderes wichtiger sein. Es sind dies  wesentliche Einsichten in das künstlerische Schaffen. Zagajewski kann hier aus seinem erfahrungsgesättigten Leben als Dichter schöpfen.</p>
<p>Am besten lässt sich dies an Platons <em>Symposion</em> mit Diotimas klassischer Rede über die vertikale Wanderung der Liebe verdeutlichen. Platon verwendet den Begriff <em>metaxu</em>, in dem das Dazwischen-Sein erfasst wird; ein Zwischenraum zwischen unserem gewöhnlichen Alltag und der aufregenden und erregenden Transzendenz und dem Geheimnis des Göttlichen. Beides ist notwendig. Nie können wir uns in der Transzendenz auf Dauer niederlassen. Diotima ermutigt uns zwar zu Recht, der Schönheit und Wahrheit entgegen zu gehen, doch wir müssen täglich wieder hinunter steigen in die Normalität. Wie Zagajewski es plastisch beschreibt: in den höchsten, schneebedeckten Alpenregionen wird sich niemand ansiedeln und dort länger seine Zelte aufschlagen. Nach der Epiphanie, nach der Niederschrift eines Gedichtes – so der Autor &#8211;  gehen wir in die Küche und überlegen, was wir zu Mittag kochen. So pendeln wir unablässig zwischen dem inspirierten Platon und dem sachlichen Aristoteles. Denn oben droht Wahnsinn und unten Langeweile. Wir befinden uns stets „dazwischen“ und permanent in Bewegung. Poesie versteht Zagajewski als diese Bewegung des „dazwischen“. Sie kann daher auch nicht unsere Alltagssprache sprechen, sondern sie bedient sich dabei eines „hohen Stils“, der aus dem permanenten Dialog zwischen dem Reich des Geistigen und unserem Alltag erwächst.</p>
<p>Herausragende Poesie berücksichtigt daher immer zwei Dinge: das, was ist, und wie wir Menschen sind, die Eitelkeit und Dummheit von uns selbst und unserer Nächsten, aber auch das Streben nach einer höheren Welt, einer höheren Ordnung. Es ist ein Konflikt zwischen der nie endgültig erfahrbaren Wahrheit und Schönheit, zwischen nüchterner Analyse und religiöser Verzückung, zwischen Denken und Inspiration. In Thomas Manns Zauberberg sieht Zagajewski diesen Zwiespalt auf die zwei Personen Naphta mit seiner metaphysischen Unruhe und dem erregenden philosophischen Schauer, den wir zuweilen bedürfen, und den braven Humanisten Settembrini aufgeteilt.</p>
<p>Die Poesie streckt sich also immer aus zu diesem inspirierten metaphysischen Geheimnis, sie ist verdammt dazu, mit dem Geheimnis zu leben, verdammt zu ewig anregender Ungewissheit. Angeregt zu Metaphern, die das lodernde Feuer des Geheimnisses stets umkreisen und am Leben erhalten.</p>
<p>Am Ende des Lebens weiß man dann zwar immer noch nichts. Es ist das Gefühl, dass das Geheimnis, welches die wichtigeren Dinge umschließt wie Zeit, Liebe, das Böse, das Schöne, die Transzendenz, jetzt, da man alt und erschöpft ist, noch ebenso unergründlich ist wie in stürmischer Jugend. Nichtwissen ist dann aber kein Zustand passiver Unwissenheit, sondern eher eine eigene geschaffene Atmosphäre, ein Denkraum. Es ist nicht das Wissen des schläfrigen Tölpel noch das Nichtwissen eines angeklagten Ministers. Das Gegenteil dieser sokratischen Atmosphäre ist das scheinbar sichere und durch Lebenserfahrung bestätigte Wissen der Alten, die sich in ihren kleinen Gewissheiten behaglich eingerichtet haben.</p>
<p>Für Zagajewski ist Kunst nicht denkbar ohne dieses Angetriebensein durch die Sehnsucht nach Größerem, nach Epiphanie, nach Ekstase und nach einem höheren Sinn. Im Gemälde „Die Mutter“ von Pieter de Hooch ist diese Sehnsucht des Künstlers im Mädchen, das im Hintergrund des Bildes steht, ausgedrückt. Indem sie im Licht steht und in den Lichteinfall schaut, steht sie im Banne eines Zaubers, der sie aus der realen Welt reißt. Dunkel erahnt sie ein ganz anderes Leben, eine transzendente Unendlichkeit, in der die ganze Wahrheit des Lebens steckt.</p>
<p>Es geht dem Künstler also immer um ein Gefühl der Nähe zu etwas, was nicht in Worte zu fassen ist. Aber der Poet versucht dies trotz alledem, indem er Gedichte schreibt, indem er eine Ganzheit der Welt dichtet, eine Welt, wo es Göttlichkeit und Schmerz, Verzweiflung und Freude in Eins gibt. Während die Profis unserer Welt nur ein einziges Thema glänzend beherrschen. Wie der Autor schön formuliert: Sie studieren das Feuer, beschreiben aber können Sie nur die Asche.</p>
<p>Im Januar 2025</p>
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		<title>Joseph Roth &#8211; Tarabas</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/joseph-roth-tarabas/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Dec 2024 15:44:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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					<description><![CDATA[]]></description>
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<p>KiWi-Taschenbuch</p>
<p>208 Seiten</p>
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<p>von Joseph Roth</p>
<p>Joseph Roths dramatische Erzählung ergreift den Leser von der ersten Zeile an und bannt ihn sofort in die Geschichte vom unbändigen Nikolaus Tarabas. Die Handlung des 1934 erschienenen Romans beginnt in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg in New York. Hier lebt der Katholik Nikolaus Tarabas, der aus dem galizischen Dorf Koryla stammt.</p>
<p>Als abergläubiger Mensch sucht er eines Tages eine Wahrsagerin auf, die ihm sein unglückliches Schicksal voraus sagt: „Sie werden ein Mörder sein und ein Heiliger.“ Wie mehrfach in dem Roman werden damit zukünftige schicksalhafte Ereignisse im Leben von Tarabas bereits vorher dunkel angedeutet. So heißt es an anderer Stelle: eines Abends beging er eine Gewalttat, die den Lauf seines Lebens verändern sollte. Dieses Stilmittel der Prophetie, in dem in etwas geheimnisvolles vorausgeleuchtet wird, erhöht die Spannung, passt aber auch gut in die religiöse Grundstimmung der Erzählung. Denn der Roman bedient sich einiger Stilmittel aus der Legendendichtung, wie bereits einem der ersten Kritiker, nämlich Hermann Hesse auffiel. Legenden erzählen ein religiöses Geschehen, worin vor allem heilige Personen und Wunder vorkommen.</p>
<p>Der Heißsporn Tarabas ist mit dem Mädchen Katharina zusammen und betrachtet sie als sein Eigentum; er ist furchtbar eifersüchtig. Ihren Arbeitgeber, ein Gastwirt, schlägt er eines Tages brutal zusammen und flieht daraufhin in der Meinung, er habe ihn zu Tode geprügelt. Er hält sich für einen Mörder, wie es die Wahrsagerin vorausgesagt hatte. Die Nachricht vom Krieg zwischen Österreich und Russland 1914 elektrisiert ihn und er entschließt sich, der „steinernen Stadt“ New York den Rücken zu kehren und wieder nach Europa zu gehen und in den Krieg zu ziehen. Er verlässt Katharina ohne Schuldgefühle und vergisst seine Missetaten scheinbar schnell. Tarabas ist wahrlich kein sympathischer Mensch, er gehört zu denen, die sich leicht berauschen lassen, deren Herzen unergründlich sind und bei denen man immer mit Überraschungen rechnen muss. Ein Mensch extremer Emotionalität, ohne inneren moralischen Kompass.</p>
<p>Bevor er in den Krieg zieht, besucht Tarabas noch seine Eltern. Hier wird er jedoch enttäuscht, da sie ihn als heimgekehrten Sohn nicht mit offenen Armen aufnehmen. So hatte er es sich nämlich ausgemalt, wie im biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn im Lukasevangelium. Stattdessen behandelt man ihn zu Hause allzu gleichgültig. Und als er seine Cousine Maria wollüstig verführt, wird er vom Vater fort gejagt. Man kann in diesem gescheiterten Versöhnungsversuch ein Gegenbild zu jenem biblischen Gleichnis sehen, denn bei Tarabas fehlt die innere Wandlung und ehrliche Reue und bei den Eltern die Bereitschaft, den Sohn trotz seiner Verfehlungen wieder in ihre Herzen aufzunehmen.</p>
<p>Der erste Weltkrieg wird nun seine Heimat. Eine große und blutige Heimat. Als Soldat ist er ganz in seinem Element und kann seine wilden Triebe und seine hitzige Natur ausleben. Er wird Offizier und führt seine Untergebenen mit eiserner Hand. Der Krieg ist für ihn eine „großartige“ und herrliche Sache. Man schießt einfach, greift an und verteidigt, man bringt andere um, man krepiert. Er lernt die schwere Trunkenheit kennen und die flüchtige Liebe. Vergessen und ausgelöscht sind elterliches Haus und Hof, Vater und Mutter und die Cousine Maria.</p>
<p>Roth zeigt die Verrohung eines Menschen im Krieg, denn Tarabas gibt sich ganz dem Kriegsgemetzel hin: dem Totschlag, der Liebe, Eifersucht, dem Aberglauben, dem Morden, der Grausamkeit, dem Trunk und der Verzweiflung. Tarabas ist freilich kein naiver und selbstmörderischer Draufgänger, er weiß seine Person mit der Aura von Autorität zu umgeben, die immer subtil mit Gewalt droht: folgst du mir nicht freiwillig…</p>
<p>Bei seinen Soldaten ist er daher gefürchtet, aber auch beliebt, weil er mit Haut und Haaren Soldat ist. Noch ist er der gewaltige und starke Tarabas, vom Hochmut erfüllt. Ein Hochmut, der – wie es heißt -den Mächtigen dieser Erde die Vernunft raubt.</p>
<p>Eines Tages begegnet Tarabas einem fremden Soldaten: es ist ein rothaariger Jude und es ist Sonntag. Der Abergläubige sieht darin wieder eines jener Zeichen für seine schlimme Zukunft. Von diesem Tage an beginnt sich die Welt des Hauptmanns Tarabas zu verändern, wie es wieder in dunkler Vorankündigung heißt. Der Roman über einen entgrenzten, hemmungslos-wilden Mann, dem das eigene Leben und das Leben der anderen nichts bedeutet, nimmt nun das bedeutende Thema des Verhältnisses des Christentums zum Judentum auf. Ich erinnere daran, dass der Roman 1934 in Roths Exil, also nach der Machtergreifung Hitlers geschrieben wurde. Warum Tarabas gleich zu Beginn der Erzählung als Katholik bezeichnet wird, erhellt sich erst in dem nun Folgenden.</p>
<p>Nachdem der Krieg 1918 beendet ist, steigt Tarabas aus den Trümmern der alten Armee als neuer Oberst der neuen auf und bekommt den Auftrag, in der Garnison Koropta ein Regiment aufzustellen. Auch hier führt er sein soldatisches Leben weiter. Mehr noch als der Schnaps wärmt ihn die Eitelkeit  als kleiner König anerkannt zu sein, wärmt ihn die untertänige und oberflächliche Freundschaft der Offiziere, wie es heißt. Doch das bei ihm lange untergründig vermutete Unheil tritt dann tatsächlich ein, und zwar in Form eines großen, blutigen Progroms gegen die Juden in dem Städtchen Koropta. Was für die Juden jedoch Unheil bringen wird, wird für den Christen Tarabas zum Segen und Heil, zum Auslöser einer Wandlung zum Besseren.</p>
<p>Als übermütige Soldaten im Wirtshaus auf eine Mauer schießen und dadurch der Putz von der Wand bröckelt, kommt ein Altarbild, das selige Angesicht der Muttergottes, zum Vorschein. An dieser Wand stand einmal ein Altar. Die betrunkenen Soldaten werfen nun dem jüdischen Gastwirt Nathan Kristianpoller vor, die Mutter Gottes mit billigem Kalk beschmiert und unter Mörtel begraben zu haben. Ein Frevel des Juden gegen die Christenheit. Daraus entwickelt sich ein blutrünstiger Progrom gegen die Juden in der Stadt, zu dem sich die Christen in der Stadt leicht aufwiegeln lassen. “Eifriger als der eifrigste Glaube ist der Hass.“ In den Christen erwacht rasend schnell eine unbezwingbare Gier, die Juden zu schlagen und zu treten. Sie werden auf die Straßen gejagt und ihre Häuser angezündet.</p>
<p>Tarabas kann nicht eingreifen, weil er betrunken ist. Als er wieder nüchtern ist, sieht er die unüberwindliche Mauer aus Hass, Misstrauen und Fremdheit, die &#8211; wie vor tausenden Jahren -zwischen Christen und Juden steht. Der Antijudaismus wird von Roth als eine Art von „christlichem“ Aberglauben dargestellt, und das Pogrom zeigt, wie dieser Aberglauben von Agitatoren ausgenutzt wird. Der Aufwiegler namens Ramsin weist nicht nur durch seine Fertigkeit als Maler und „sein pechschwarzes Haarbüschel, dass er nicht ohne Eitelkeit in die Stirn fallen ließ“, eine deutliche Ähnlichkeit mit Hitler auf.</p>
<p>Joseph Roth stellt den Aberglauben und Judenhass der Leute eng neben ihr Selbstverständnis als Christen, die in der Verehrung für jemanden besteht, der immerhin die unbedingte Liebe gepredigt hat. Hass und Liebe, Progrom und Feier, beides vereint in denselben Menschen.  Roth zeigt hier ganz radikal die Widersprüchlichkeit im Guten wie im Bösen und die Irrationalität des Menschen auf. Denn die Judenverfolgung hindert die Leute nicht daran, sich weiter als Christen zu verstehen. So machen sich die Bauern der Gegend nach dem Pogrom in langen Prozessionen auf in die Stadt Koropta &#8211; unter frommen Gesängen, geführt von Geistlichen in weißen Gewändern. Sie pilgern an den abgebrannten Häusern der Juden vorbei zum freigelegten Altarbild im Wirtshaus. Dieses eine Bild christlicher Prozession entlang der eigenen Schandtaten bringt die ganze Widersprüchlichkeit, die wie selbstverständlich hingenommen wird, auf den Punkt.</p>
<p>Joseph Roth stellt nüchtern fest, dass in diesem Volk, das schon 300 Jahre christlich getauft war, dennoch nach einem fröhlich verbrachten Markttag, nach ein paar Gläsern Bier und beim Anblick eines lahmen Juden ein alter Heide erwacht. Mit deutlichem Blick auf den Beginn der Naziherrschaft ab den 1933er Jahren wird deutlich, wie dünn die Schicht des Humanismus und des Christentums eigentlich ist und wie schnell die Menschen dies wegwischen und sich zu barbarischen Schandtaten hinreißen lassen.</p>
<p>Überhaupt kommen die Christen in diesem Roman nicht gut weg. Schon die Zurückweisung des Tarabas durch die Eltern zeigt, wie fern sie dem christlichen Liebesgebot sind. Und während die Christen im Dorf Koropta nach dem wütenden Progrom an den wehrlosen Juden wieder schnell zur Tagesordnung übergehen als wäre nichts geschehen, gehört die Sympathie des Lesers eindeutig dem Juden Nathan Kristianpoller, Vater von 7 Kindern, der die Horde von betrunkenen Soldaten in seinem Wirtshaus ertragen und Tarabas dort wohnen lassen muss. Lange bangt der Leser um sein Leben, das am seidenen Faden der Launen der Soldaten hängt. Anhand dieser Person zeigt Roth in aller Drastik, dass trotz der dienerischen und entwürdigenden Haltung gegenüber den Christen das Überleben eines Juden von Willkür und Zufall abhängt.</p>
<p>Eines Tages erwischt Tarabas den Juden Schemarjah dabei, wie er heimlich die halbverbrannten Torarollen beerdigen will. Völlig außer sich und wutentbrannt reißt er dem armen Juden ein Haarbüschel aus seinem Bart aus. Er ist über sein Verhalten so entsetzt, dass sich endlich eine tiefe Stimme in ihm regt: „es ist ein verdorbenes Leben, dass du seit Jahren führst. Es begann im dritten Semester deiner Studien. Niemals hast du gewusst, was dir angemessen ist. Das Heim, Katharina, New York, Vater und Mutter, Maria, die Armee, den Krieg verloren. Viele hast du sterben lassen, viele hast du umgebracht.“ Er geht mit sich ins Gericht: was nutzen mir alle Schlachten, die ich mitgemacht habe? Was bedeuten alle Schrecken, die ich erlitten und die ich selbst verursacht habe, wenn ich, der abscheuliche Tarabas, doch den größten Schrecken in meiner eigenen Brust trage. Er begreift schlagartig und rücksichtslos, dass er ein Elender ist. Sein Vater habe ihn durchschaut, manch andere noch haben erkannt, dass er die Welt betrügt und sich selbst. Die Uniform, die er hochmütig spazieren führte, war nichts als eine Maskerade seiner Schwäche und moralischen Verwerflichkeit.</p>
<p>Die Prophetie der Wahrsagerin in New York tritt halbwegs ein. Tarabas wurde kein Mörder im eigentlichen Sinne, aber doch ein Halunke. Und später ändert er sein Leben, wenn er auch kein Heiliger wird, so geht er doch den Bußgang eines zur Einsicht gekommenen Menschen. Seine Vorbildlichkeit liegt darin, dass er die Kraft hat, seine Schlechtigkeit und seine Vorurteile zu überwinden, und dass er aus dem unversöhnlichen Gegeneinander von Juden und Christen zu einem respektvollen Miteinander findet. Dies findet Ausdruck in seiner immer wohlwollenderen Beziehung zu seinem Gastwirt, dem Juden Kristianpoller, und vor allem in der ehrlichen Bitte um Verzeihung bei dem alten Juden Schemarjah. Tarabas erkennt nicht nur die Falschheit seiner Vorurteile gegenüber Juden, sondern er ändert auch radikal sein Leben und büßt fortan auch für die durch seine Taten entstandenen Leiden. Diese Wandlung wird glücklicherweise nicht schwülstig ausgebreitet und mit dem moralischen Marker fett unterstrichen, sondern wie nebenbei erzählt. Joseph Roth ist ein Meister, das Bedeutsamste nicht direkt auszusprechen, sondern leichthin in eine Geschichte zu wattieren.</p>
<p>Tarabas wird also vom Saulus zum Paulus. Auch hier wieder ein deutlicher religiöser Anklang an die Legendendichtung. Er legt die Uniform ab, zieht Zivilkleider an und wird Landstreicher. Sein Weg führt ihn wieder nach Hause zu Vater und Mutter, die noch leben. Doch er erlebt wieder eine Enttäuschung. Solange er sich noch gescheut hatte, das väterliche Haus zu betreten, waren Vater, Mutter, Schwester und die Heimat in ihm Sehnsuchtsorte, das Ferne war ihm so nah und lebendig gewesen. Nun erkennt er, dass es eine törichte Sehnsucht war. Das jetzt so nah vor ihm Liegende ist plötzlich unerreichbar fern. Der Vater ist inzwischen ein fremder und lahmer Mann und die Mutter eine furchtsame, grauhaarige Torin, die ihn gar nicht mehr erkennt. Auch wenn sie ihn erkannt hätten, hätten die Eltern ihn nicht mehr in ihre versteinerten Herzen aufgenommen. Die Zeit für eine Versöhnung mit den Eltern ist vorbei, diese Chance wurde verpasst. Enttäuscht stellt Tarabas fest, dass seine Eltern wie bewegliche Mumien seien, in denen sie selbst begraben sind. Dies ist wieder eine jener Szenen, in denen Roth schonungslos, die Kälte christlicher Herzen, aber auch die seelischen Abgründe von Menschen, verbunden mit ihrem körperlichen Verfall, aufzeigt. Bei Tarabas wird später beides unter umgekehrten Vorzeichen verknüpft: seine Krankheit, die zu seinem Tod führen wird, steht in Gegensatz zu seiner seelischen Gesundung.</p>
<p>Tarabas schlägt sich danach wieder nach Koropta durch und wird krank. Am Ende seines Lebens bittet er den Juden Schemarjah um Vergebung und Verzeihung, die dieser ihm auch gewährt. Auch hierin wird wieder der Gegensatz zu den Christen deutlich: während die christlichen Eltern die Vergebung verweigern bzw. dazu nicht mehr in der Lage sind, wird sie ihm durch den Juden zuteil.</p>
<p>Im Abspann vermerkt der auctoriale Erzähler rückblickend 15 Jahre nach dem Tod von Tarabas, dass die Menschen längst alle diese schrecklichen Dinge vergessen haben. Sie vergessen die Angst, den Schrecken, sie wollen schließlich leben, sie gewöhnen sich an alles. Sie vergessen allerdings auch das Wunderbare, sie vergessen das Außerordentliche sogar schneller als das Gewöhnliche.</p>
<p>Dieser fast schon geschichtsphilosophische Rückblick im Roman zeigt die Figuren als flüchtige, ephemere Wesen des Tages, die schnell vergessen. Sie vergessen das Böse, aber leider auch das Wunderbare, das, was sie Gott näher bringen würde. Menschliches Leben ist so gesehen ein ständiger Wandel von Furchtbarem zu Heiligem, beides höchst unbeständig und stets bedroht, ins Gegenteil umzuschlagen. Joseph Roth zeigt sich einmal mehr als der illusions- und schonungslose Erzähler seelischer Abgründe und menschlicher Unbeständigkeit.</p>
<p>Im Dezember 2024</p>
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		<title>Hubertus Halbfas &#8211; Glaubensverlust</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Nov 2024 10:45:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<div>Patmos Verlag</div>
<div>128 Seiten</div>
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<p>Alles zurück auf Anfang. Hubertus Halbfas plädiert in seinem Buch dazu, dass sich das Christentum wieder auf seine Wurzeln zurück besinnen sollte. Was ist damit gemeint?</p>
<p>Folgt man dem Autor, dann verdanken wir besonders Paulus eine folgenschwere Verdrängung des historischen Jesus. Was Jesus interessierte, war eine neue Lebensordnung, die er als göttliche Lebensordnung verstand. Paulus dagegen ging über alles hinweg, was Jesus zu seinen Lebzeiten bewegte und lehrte, nämlich eine Reich-Gottes-Botschaft. Mit ihm begann dann eine bis heute das Christentum prägende, Jesus verfälschende Verkirchlichung.</p>
<p>Was stellt Paulus dem Evangelium Jesu an die Seite? Den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu, die seine gesamte Theologie trägt. Demnach bedufte es eines Sühnetodes Jesu, um die Menschen mit Gott zu versöhnen. Während das Evangelium Jesu noch uneingeschränkte Freudenbotschaft hieß, so kommt nun ein drohender Unterton von Glaubensgehorsam auf. Paulus stellt in den Mittelpunkt eine theologische Lehre, die Jesus so nie im Sinne hatte, nämlich die Lehre, dass er für unsere Sünden gestorben sei.</p>
<p>Bei Jesus steht vielmehr der praktische Appell im Vordergrund, die Wahrheit der Liebe. Nur dort, wo die Liebe zum Nächsten gelebt wird, wird die freimachende, erlösende Wahrheit, von der das Evangelium spricht, erfahren. Diese Wahrheit muss nicht geglaubt, nicht bewiesen und nicht verteidigt werden. Verlangt wird einzig Sensibilität, Mitmenschlichkeit und Mitgefühl für alles Leben.</p>
<p>Im Einklang mit Nietzsche zeigt Halbfas, dass Jesus die Menschen nicht erlösen, sondern zeigen wollte, wie man zu leben hat. Jesus vertrat nicht einen Glauben, sondern forderte eine Lebensweise ein, die er als allein göttlich ansah. Die Summe seiner Lehre findet sich so ausgedrückt: „alles, was ihr wollt, dass es euch die Menschen tun, das sollt auch ihr Ihnen tun. Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12). Die Göttlichkeit bewahrheitet sich an jedem guten und liebenden Menschen.</p>
<p>Gott steht hier für eine ganz bestimmte Art, die Welt zu verstehen. Christologie ist Anthropologie. Das bedeutet, Religion ist Auslegung des menschlichen Daseins, eine Interpretation der menschlichen Existenz im Angesicht der Wirklichkeit. Das Göttliche artikuliert letztlich den Sinn, in dem die Welt für den Menschen einen inneren Zusammenhang und Bedeutung erhält. Gott verstehen wir nur insofern, als wir uns selbst der von uns ergriffenen Welt verstehen. Es kommt für uns daher auch heute darauf an, das Göttliche, das Jesus erfüllte, zum Durchbruch zu bringen, also ans Licht der Welt.</p>
<p>Halbfas kritisiert das Festhalten der Kirche an der paulinischen Glaubensdoktrin. Die fundamentale Krise des Glaubens und des Kirchensystems ist daher selbst verschuldet, weil es ein System ist, das sich selbst absichert und nicht die Kraft hat, jene Doktrin über Bord zu werfen. Kirche ist reformunwillig und reformunfähig.</p>
<p>Ein lebendiges katholisches Christentum habe aber nur dann eine Zukunft – so Halbfas &#8211; , wenn es sich auf eine neue Grundlage stellt und sich von ihrem Gründer aus neu erfindet.</p>
<p>November 2024</p>
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		<title>Michael Krüger &#8211; Verabredung mit Dichtern</title>
		<link>https://gute-literatur-am-see.de/michael-krueger-verabredung-mit-dichtern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[MKasperzyk]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Nov 2024 06:35:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
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<div>Erinnerungen</div>
<div>Suhrkamp Verlag</div>
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<p>Michael Krüger ist ein furioser Erzähler, dem man stundenlang zuhören kann. Wer jemals einem Gespräch oder einer Lesung mit Michael Krüger beiwohnen konnte, wird dies bestätigen. Derart angeregt und neugierig geworden habe ich seine Biographie auch gekauft.</p>
<p>In diesem leicht lesbaren Buch erzählt er lebhaft von seiner Kindheit und Jugend (das Strandbad Wannsee in Berlin spielt eine große Rolle), wie er zum Literaturbetrieb kam und mit welchen Autoren und Menschen aus dem Literaturbetrieb er im Laufe seines Lebens zu tun hatte. Das alles nicht im aufzählenden, trockenen Ton, sondern sehr eindringlich und anekdotenhaft, und man merkt dem 80-jährigen Autor seine Begeisterung für die Literatur und die Menschen an, denen er begegnet ist. Von diesen Menschen spricht er immer in einem warmen Ton und mit einer großen Empathie. Ihre Skurrilitäten (etwa Alkoholismus oder Frauengeschichten) werden ohne jeden Voyeurismus leichthin erwähnt, ohne sie von moralischer Seite aus zu beurteilen oder gar zu verurteilen.</p>
<p>So sagt er von Christian Enzensberger, dem Bruder von Hans Magnus Enzensberger, er „war einer der klügsten und schrägsten Menschen“, die mir begegnet sind. Oder über Ute und Jürgen Habermas wird festgehalten, dass sie über ein phänomenales Gedächtnis verfügen. „Es war ein Vergnügen, Ihnen zuzuhören.“</p>
<p>Hier nur eine Anekdote aus der Kindheit: sein Großvater, der ein Glasauge hatte, sagte oft, wenn man es falsch herum einsetzt, kann man nach innen sehen, in den Kopf hinein, wo die Gedanken leben. Solche Bilder prägen sich natürlich ein.</p>
<p>Krüger vermittelt von sich, ein Mensch der leichte Lebensart zu sein, nach dem Motto: Leben und leben lassen. Als er im Hotel in Paris einmal in die Ritze eines Sessels griff und eine Peitsche zum Vorschein kam, so erzählt er, flüchtete seine Freundin und ward nie mehr gesehen. Zu dieser leichten Lebensart gehört auch seine seltsame Wahl des Berufes, denn er schwankte in jungen Jahren zwischen Philosoph und Box-Promoter. Schließlich war die einzig erstrebenswerte Existenz, die er sich vorstellen konnte, ein Dichter zu sein.</p>
<p>Natürlich schreibt Krüger über eine Vergangenheit, die den Jüngeren unter uns nicht präsent sein kann. Es ist eine längst untergegangene Zeit, in denen das Glanzstück des Sonntagsgerichtes Toast Hawaii war. Eine Zeit als die Kataloge von Beate Uhse noch von den Postbeamten in die eigene Tasche gesteckt und mit nach Hause genommen, anstatt den Kunden in die Briefkästen geworfen wurden.</p>
<p>Schon durch seinen Vater kam er mit Geistesgrößen der damaligen Bundesrepublik zusammen, denn der Vater war mit aller Welt bekannt, wie dem Gräzisten Uvo Hölscher, dem Theologen Helmut Gollwitzer oder Gerhard Nebel – damals bekannte Namen.</p>
<p>Krüger hat nie studiert, sich aber in die Branche hineingefuchst und sich früh für die Literatur begeistert. Autoren, die für ihn wichtig waren, waren neben französischen Autoren Emily Dickinson, Hart Crane oder Paul Celan. Oder damals auch Samuel Beckett. Im Buch findet sich das „who ist who“ der Literatur seiner Zeit: alle seine schwedischen, israelischen, holländischen oder polnischen Freunde.</p>
<p>Für denjenigen, der diese Zeit halbwegs miterlebt hat und sich für Literatur interessiert, ist das Buch ein Lesevergnügen.</p>
<p>Im November 2024</p>
</div></section></div></div></div></main><!-- close content main element --></div></div>
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