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Kampa Verlag
128 Seiten
Seide – Alessandro Baricco
Hervé Joncour, ein französischer Seidenhändler in der Mitte des 19 Jahrhunderts, reist einmal im Jahr nach Syrien und Ägypten, um Seidenraupeneier zu erwerben. Damit beliefert er die Produzenten von Seide im Städtchen. Das Geschäft und die Seidenproduktion floriert in jenen Jahren, ist aber auch auf die Zulieferung dieser Seidenraupeneier angewiesen. Joncour bricht jedes Jahr im Januar auf und kehrt am ersten Sonntag im April zurück und verdient damit ausreichend Geld, so dass er den Rest des Jahres ausruhen kann. Die Idee reich zu werden, lässt ihn völlig kalt. Wie es an einer Stelle heißt, ist er ein Mensch, der dem Leben beiwohnt, der jegliches Bestreben, es zu leben, für sich ablehnt. Er betrachtet sein Schicksal, wie andere Menschen einen Regentag betrachten.
Nachdem die Seidenraupeneier jenseits des Mittelmeeres durch eine Seuche unbrauchbar geworden waren, wird er von der städtischen Produzenten, deren wirtschaftliche Existenz durch die Seuche bedroht ist, zu einer mehrmonatigen Reise nach Japan geschickt, um dort gesunde Seidenraupeneier zu kaufen und nach Frankreich zu bringen.
In Japan begegnet er einer fremden Kultur und dem Besitzer der begehrten Eier Hara Kei und einer geheimnisvollen jungen Frau. Das Leben im damals von der Welt abgeschiedenen Japan läuft leise und langsam ab. Es ist jedoch ein in sich ruhendes, ruhiges, stilles und achtsames Leben, das dem elegischen Wesen Joncours gemäß ist, denn auch sein Leben läuft ab, wie ein stilles Schauspiel. Das aktivistische Leben in Europa ist diesem Franzosen eigentlich fremd, denn immer, wenn er wieder zu Hause ist, beschäftigt er sich meist nur damit, einen Park anzulegen, in dem das Spazieren leicht und still ist.
Zum Abschied aus Japan steckt ihm die geheimnisvolle Frau, mit der er nie auch nur ein einziges Wort gewechselt hat, einen kleinen Zettel zu, auf dem steht: „Kommen Sie zurück, oder ich sterbe.“ Und Hara Kei meint vielbedeutend: „Sie werden zurückkommen. Es ist stets schwer, der Versuchung zu widerstehen, zurückzukommen, nicht wahr?“ Als Joncour abreist und ein letztes Mal zu ihr hinüber sieht, sieht auch sie ihn an. Mit einem vollkommen stummen Blick. Jahrhunderte entfernt. Der Blick ist kein neugieriger oder Leidenschaft und Begehren ausdrückender Blick, sondern eher ein still betrachtender, der an dem, was er sieht, das Wesentliche wahrnehmen möchte. Obwohl Joncour nicht einmal ihre Stimme gehört hat, entsteht in ihm eine sonderbare Sehnsucht nach etwas, das man nie erleben wird.
Denn Joncour ist glücklich mit Hélène verheiratet, die für ihn die schönste Stimme auf der ganzen Welt hat. Seine Frau Hélène ahnt freilich etwas von der Sehnsucht ihres Mannes nach dieser stillen, schönen Frau im fernen Japan.
Welches Geheimnis sich in dem Brief verbirgt, den er vermeintlich von dieser Frau erhalten hat, soll hier nicht verraten werden. Es ist ein erotisch-sinnlicher Brief, der die Sehnsucht nach gegenseitiger körperlicher Berührung zum Ausdruck bringt, der diese phantasieanreizende Körperlichkeit zugleich abweist, in dem er die Unmöglichkeit einer Wiederbegegnung betont. Der Seidenhändler wird nie mehr nach Japan reisen und bleibt weiterhin ein Mann, von dem es heißt, er habe keine Bedürfnisse mehr.
Das schmale Buch entwirft mit wenigen zarten Strichen eine Welt, die anders ist als unsere laute und hektische Welt, die auch eine Welt ist des Willens zur Veränderung von allem, was ist. Im fernen Japan tut sich eine Welt der Stille, Betrachtung um ihrer selbst willen und Kontemplation auf.
Zugleich entfaltet das Buch die Frage, was die große Liebe ist. Ist es die unerwiderte Sehnsucht nach einer geheimnisvollen Schönheit, ist die wahre Liebe nur möglich und beständig, wenn sie nicht alltägliche Realität wird? Oder ist die Ehe mit seiner Frau Hélène oder ihre Handlung am Schluss des Romans die wirkliche Liebe?
Der Roman hat etwas schwebendes und wendet den Blick weg von der Realität der Fakten hin zu einem geheimnisvollen und schwerelosen Schauspiel des Lebens. Ein Schauspiel der inneren Stimmung, der Wünsche und Sehnsüchte, die unser Leben prägen. Eines, das wie ein Seidengewand ist: wenn man es anfasst, ist es so, als hielte man das Nichts in den Händen.
In diesem Satz klingt vieles an, von dem, was das Buch andeutet: in der Kostbarkeit der Seide zeigt sich die Kostbarkeit unserer Welt, in dem Seidengewand wie aus Nichts klingt das Geheimnisvolle an, auch die Reinheit, Heiligkeit sowie Vergänglichkeit und Verletzlichkeit allen Lebens, aber auch die Sinnlichkeit und Nähe, die ein Seidengewand zulässt.
Martin Kasperzyk/November 2026