Die Rückkehr des Faschismus – Alte Dämonen in neuer Zeit

am 22. Oktober 2026

Die Rückkehr des Faschismus – Alte Dämonen in neuer Zeit

Vortrag von Johannes Czwalina

im Rathaus in Wangen am Bodensee am 22.10.2026

Angekündigt war die Veranstaltung als Gespräch und Buchvorstellung eines Buches, welches der Autor Anfang 2026 veröffentlicht hat. Der Abend verlief jedoch ganz anders als gedacht. Was überraschte die Zuschauer? Nun, als der Autor loslegte mit der üblichen Kurzvorstellung seiner Person, wurde schnell klar, dass der Abend eine ganz andere Wendung nehmen würde. Czwalina begann nämlich ausgiebig von seinem Leben zu erzählen und je länger er redete, desto deutlicher wurde, dass es an diesem Abend gar nicht um sein neues Buch geht und nur indirekt um die Frage, ob der Faschismus zurückkehrt. Es wurde auch rasch klar, dass hier kein diskursiv-wissenschaftlicher Vortrag zu hören ist.

Nachdem man seine Erwartungen mit der neuen Realität abgeglichen hatte, kamen Bedenken auf, an diesem Abend selbstverliebten Altherrengeschichten zuhören zu müssen. Diese Befürchtungen wurden jedoch an diesem Abend schnell zerstreut, denn was der Vortragende zu sagen hatte, war ernst und von der Weisheit des Herzes geprägt.

Czwalina studierte in Israel und war Großstadtpfarrer in Basel. Danach gründete er 1993 eine Beratungs- und Coachinggesellschaft, die sich auf die Beratung von Führungskräften spezialisiert hat. Schon dies ist ein außerordentlicher Lebensweg.

Czwalina referierte dann über seine Gedenkstätte für Flüchtlinge in Riehen bei Basel, die er fast ganz aus eigenen finanziellen Mitteln betreibt. Er will damit an die Schicksale der zumeist jüdischen Flüchtlinge an der Schweizer Grenze und deren Zurückweisungen durch Schweizer Behörden nach Deutschland und damit in die Vernichtung während der NS-Herrschaft erinnern. Was für die meisten neu war: in der Schweiz gibt es keine einzige Gedenkstätte. Alle Versuche, öffentliche Gelder einzutreiben für den Unterhalt dieser privaten Gedenkstätte scheiterten. Abgelehnt wurde die Förderung mit dem Hinweis, er betreibe kein „ordentliches“ Museum. Seine Antwort: er verfolgt bewusst einen emotionalen Zugang und die Zielsetzung einer Gedenkstätte ist eine andere als die eines Museum.

Aber wie kam es überhaupt zu dieser Gedenkstätte? Czwalina hatte 2011 das leer stehende Bahnhofgebäude in Riehen gekauft, zunächst mit dem Gedanken, ein kleines Gästehaus darin einzurichten. Dann erfuhr er jedoch, was hier in den Jahren ab 1933 geschehen ist. Czwalina, der selbst in Berlin in einem Haus aufgewachsen ist, deren ehemalige jüdische Besitzer im KZ ermordet wurden, war entsetzt Es war ihm sofort klar, dass er an diesem Ort kein feines Gästehaus eröffnen könnte. Der Gedanke für eine Gedenkstätte ließ ihn nicht mehr los und so gründete er diese im Jahre 2011. Wohlgemerkt ganz ohne fremde oder öffentliche Unterstützung, mit seinem eigenen Geld. Er widersetzte sich dabei allen Schwierigkeiten und Anfeindungen in der Schweiz, die sich seinem Vorhaben in den Weg stellten.

Czwalina erzählte auch von einem ukrainischen Flüchtling, der die Gedenkstätte aufsuchte in der Erwartung, es handele sich um eine Flüchtlingsunterkunft. Czwalina wollte ihn erst an die Behörden weiterleiten, besann sich dann aber eines Besseren und nahm den Flüchtling in sein Haus auf. Auch hier war er Ziel aggressiver Angriffe. Inzwischen ist der Flüchtling in der Schweiz gut integriert.

Und so erzählte Czwalina noch von anderen Schlüsselmomenten in seinem Leben, die ihn auf seinen persönlichen Weg der tätigen Hilfe für Gestrandete und Flüchtlinge brachten und aus denen sich sein Eintreten für Versöhnung und Verständigung erklärt.

Czwalina sprach auch offen über seine Krankheit, von einer hochgefährlichen Herzoperation letztes Jahr. Er musste sich bereits von seinen Lieben verabschieden und sich aufs Sterben vorbereiten. Umso höher ist es wertzuschätzen, dass er sich mit seiner noch verblieben Kraft und der ihm geschenkten Zeit, weiter um seine Mission bemüht. Vielleicht sind es solche persönlichen und emotional bewegenden Geschichten, die mehr bewegen können als jeder Fachvortrag, weil sie direkt in unser Herz treffen.

Czwalina hatte an diesem Abend für sein Publikum also „nur“ indirekte Antworten, wie wir mit dem Rechtspopulismus umgehen sollten. Was also tun? Czwalina fordert Authentizität, Zivilcourage, Achtung der Menschenwürde, Besinnung auf die Grundwerte der Demokratie, die Kraft von Vergebung und Versöhnung und das Aufbrechen des Freund-Feind-Denkens. Das alles sind keine allgemeinen Floskeln, sondern ergibt sich schlüssig aus den Erfahrungen seines Lebens. Allgemeine Handlungsanweisungen für andere wollte er daraus nicht ableiten, denn jeder muss selbst den Weg für sich finden, sich mit seinen eigenen Möglichkeiten und Kräften, dem Rechtspopulismus entgegenzustemmen.

Enttäuschend, dass sich zu dem Vortrag nur 20 Personen einfanden, darunter waren die meisten Zuhörer Mitglieder des organisierenden Vereins Forum Allmende e.V. Gilt für die Menschen am westlichen Bodensee das Motto: Augen zu und wegschauen? Hoffen wir es nicht, denn diese Strategie kennen wir aus früheren Jahrzehnten.

Martin Kasperzyk/Oktober 2026