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Info 3 Verlag
108 Seiten
Das Ereignis des Seins
von Thomas Steininger
Das Buch geht hervor aus Gesprächen mit dem inzwischen verstorbenen Frankfurter Philosophen Thomas Steininger. Sein Freund Jens Heisterkamp hat die Gespräche durch seine Fragen angestoßen und das Buch lektoriert, sozusagen als Vermächtnis von Thomas Steininger.
Das kleine Büchlein von 100 Seiten gibt nicht nur Einblicke in Steiningers lebenslange Beschäftigung mit der Philosophie Martin Heideggers, sondern es ist ein erfreulich gelungener Versuch, uns in die Nähe seines Denkens zu bringen. Trotz seiner Kürze offenbart das Buch tiefe und wesentliche Einsichten und verzichtet so weit wie möglich auf den akademischen Fachjargon, der oft zudeckt anstatt zu erhellen. Das Buch bereichert denjenigen, der versucht, besonders das spätere Denken Heideggers zu verstehen und zu durchdringen. Dies ist wohl deshalb möglich, weil sich Steininger Heideggers Denken über Jahrzehnte nicht akademisch distanziert, sondern existenziell, im eigenen Lebensvollzug angeeignet, es also aus seinem Leben heraus mit einem Sinn erfüllt hat.
Heideggers lebenslange Frage gilt dem Sein, die die Metaphysik, von der wir bis heute durch und durch geprägt sind, aber vergessen hat. Er meint damit, dass die Fragwürdigkeit, dass Seiendes ist und nicht vielmehr nicht ist, im metaphysischen Denken beantwortet wird mit einem Anfang und Grund, der aber wieder selbst nur ein Seiendes ist. Bei der Frage nach dem Seienden wurde so alles und jedes zu etwas Seiendem. Ein Seiendes setzt aber das Sein, also die ontologische Differenz voraus.
Der Autor verweist auf eine Ähnlichkeit mit dem Daoismus. Das Dao, dass man ausspricht, ist nicht das wahre Dao – und genau das ließe sich auch von Heideggers Verständnis des Seins sagen. Die Frage nach dem, was das Sein ist, macht aus ihm schnell ein Seiendes, wenn man eine Antwort erwartet, die sich in das Seiende eingliedern lässt, und sei die Antwort auch „Gott“. Vielmehr ist bei diesem Denken das eigentlich Wesentliche die Denk-Bewegung und nicht die Denk-Resultate.
Sein hat etwas zu tun mit Gegenwärtigkeit und Präsenz, es ist nicht, sondern es west, das Sein als Anwesenheit ist ein Vorgang, nichts gegenständlich Geronnenes. Das Sein west, es ereignet sich. Ein metaphysisch geprägtes Denken kann das nicht fassen, weil ein solches Denken immer ein verobjektivieren ist. Es geht aber darum, die Lichtung wahrzunehmen, also etwas, was sich einem zeigt, bevor etwas als Seiendes erkannt ist.
Heidegger geht es immer um eine andere Weise des Hierseins. Der Autor weist in diesem Zusammenhang auf die religiöse Dimension dieses Denkens hin. Zwar war Heidegger kirchenkritisch eingestellt, auch Religion ist für ihn eine Form der zu überwindenden Metaphysik. Aber er anerkannte, dass in der Kirche so viel religiöse Praxis präsent ist, dass sie gewürdigt werden will.
Für Heidegger ist die Moderne dadurch ausgezeichnet, dass das Subjekt zum Zentrum der Welt wird und die Welt planbar und berechenbar wird. Dieses Phänomen versucht er mit dem Begriff des „Gestells“ zu beschreiben. Das Gestell meint, das alles, was ist, zu einem technischen System wird. Wir selbst sind Gestellte in einem sich selbst optimierenden System. So leben wir zum Beispiel fälschlich in dem Glauben, es gäbe Flugzeuge, damit wir mit Ihnen fliegen können. Aber eigentlich schafft der Flugbetrieb uns als Passagiere, um sich selbst ausbreiten zu können. Die Technik stellt uns als integrierbarer Bestandteil ins System her.
Wenn Heidegger vom Sein als Ereignis spricht, dann meint er ein Gegenbild hierzu. Im ereigneten Sein können wir die Wirklichkeit sich ereignen lassen, so dass dadurch ein neuer, anderer Anfang entsteht. Wir können Technik nicht überwinden, aber verwinden, d.h. wir können frei von ihr werden, indem wir als die „Hüter des Seins“ der Welt erlauben, anstatt ein Objekt des Getriebe zu sein, sich aus sich selbst wieder ereignen zu lassen.
Um in ein solches nicht-metaphysisches Denken zu gelangen, bedarf es eines Sprungs, in dem alles Geläufige hinter sich gelassen wird und nichts erwartet wird vom Seienden. Der Sprung markiert zunächst eine Diskontinuität, das bedeutet, was danach kommt, erschließt sich nicht aus einem Kontinuum des zuvor Gedachten. Man springt in irgendetwas Abgründiges. Dieses Ereignisdenken hat die Qualität der Geburtlichkeit, eines Zu-sich-selbst-kommen, in dem die Lebendigkeit der Wirklichkeit wieder in den Blick kommen kann. Als Beispiel führt Steininger den gelingenden Dialog an, in dem dein Ich und mein Ich sich als ein gemeinsames Ereignis erfahren. Der Dialog bekommt so eine ganz eigene Dynamik. Mit anderen Worten: die Wahrnehmung des eigenen Ich und des anderen Ich ändert sich im Zuge der Interaktion im Sinn einer höheren Integration beider.
Steininger erläutert auch den Begriff des Gevierts als Gestalt des Ereignisses. Jede Gegenwart hat eine Herkunft, das wäre die Dimension Erde, zum Beispiel die konkrete Situation eines Gespräches hier und die deutsche Sprache, die zwei Gesprächsteilnehmer teilen oder auch eine gemeinsame Geschichte der Gesprächspartner. Was sich als Möglichkeitsraum aus dieser Gegenwärtigkeit öffnen kann, das ist Himmel im Sinne eines Offenen. Das Göttliche oder das Heilige ist offensichtlich, insofern jeder Mensch einen Sinn für das Heilige hat. Eine Dimension des Heiligen ist zum Beispiel das Schöne. Es zeigt sich als nicht zeitgebunden und insofern hat es an etwas Unendlichem teil. Oder es ist das Gute: wir müssen nicht das absolut Gute kennen, um doch wissen zu können, wann sich etwas Gutes ereignet. Das Wesen des Guten ist jenseits der Zeit. Das Schöne, das Gute und das Wahre ereignen sich in Wirklichkeit und eröffnen so die Dimension des Göttlichen.
Auch das Ding-Denken bei Heidegger ist Thema des Buches. Das Ding ist eine Zusammenkunft oder Versammlung. Jedes Ding wird bezeichnet durch das, was sich in ihm an Bedeutung sammelt. Das widerspricht ganz dem herkömmlichen Verständnis von Dingen als gegebene, äußere, materielle Erscheinung. Auch hier geht es darum, aus dem berechnenden Denken herauszuführen, die Dinge wieder in ihrer Fragwürdigkeit auf uns zukommen zu lassen. Eine Fragwürdigkeit, die sich nie in eine fertig Antwort auflöst: „so ist es“, sondern ein fortdauernder Denk-Weg, Schritt für Schritt aus dem, was sich jeweils neu ereignet. Mit Heidegger geht der Weg nicht aus der Welt hinaus, sondern tiefer in sie hinein.
Gibt es einen Ausweg aus dem Gestell und der Technik? Heidegger empfiehlt uns die Gelassenheit. Statt Dinge zielgerichtet tun zu wollen, sollten wir sie sich ereignen lassen, uns einüben in die Wahrnehmung des Gevierts, d.h. dabei auf alles Planende von Seiten des Subjekts verzichten. Dies bedeutet dann, die Technik sein lassen in dem Sinne, dass man ihr nicht verfällt. Man kann in Gelassenheit von ihr frei sein, obwohl man sie benutzt. Es ist ein Handeln des Nicht-Handelns, eine Schwebehaltung zwischen einem Handeln und einem Erleiden: du tust nichts, bist aber dabei nicht nur passiv, sondern du bist aktives Passiv-sein.
Steiningers eigenes Denken kreiste immer um das allumfassende Eine. Aus dieser Perspektive eignet er sich Heidegger auf eigene Weise an. Das Eine ist Grund von allem: die schönen Einzeldinge gibt es nicht ohne das Eine Schöne, die vielen guten Dinge gibt es nicht ohne das Gute. Ein Werkzeug ist gut, wenn es funktioniert, ein Leben ist gut, wenn es erfüllt ist. In diesem Sinne wäre das Ereignis-Denken sogar eine Heideggerianische Variante des Einen und man könnte es als eigene Form von Theologie denken. Das Dasein für das Ereignis, für das Eigentliche, wäre dann nicht eine versponnene Idee Heideggers, sondern aus ihr ließe sich die Perspektive eines gelingenden Lebens entfalten. Ein sich vom Sein ereignetes Leben wäre ein Dasein für das Gute, Schöne und Wahre. Diese Begriffe nicht als feste Größe verstanden, sondern nur „da“ im Vollzug des eigenen Lebens.
Martin Kasperzyk/Oktober 2026