Leopoldstadt auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festspielhaus

am 11. Oktober 2026

Leopoldstadt Wien

Leopoldstadt von Tom Stoppard auf der Werkstattbühne im Bregenzer Festpielhaus

Dieses Theaterstück sollte Schulstoff sein und ich empfehle dringend jungen Menschen den Besuch solcher Inszenierungen. Leopoldstadt beleuchtet nicht nur die Auslöschung des europäischen Judentums, sondern ist zugleich auch eine deutliche Mahnung an uns heute. Das Stück bringt auf die Bühne, wie schnell unterschwellige Aversionen, unreflektierte Vorurteile in Hass und schließlich in Mord und Terror umschlagen können. Und wie die Ablehnung, ja Angst vor einer fremden Kultur schnell anschwellen kann zu einem massenhaften Geschrei und Niederbrüllen anderer Meinungen, wie wir es heute auch erleben. Was daraus folgen mag, kann man in dieser Inszenierung sehen.

In seinem letzten Stück Leopoldstadt erzählt der 2025 verstorbene Dramatiker die jüdische Geschichte Wiens vom Glanz bis zur Auslöschung als sehr persönliche Familiengeschichte über mehrere Generationen und Jahrzehnte hinweg. In der ersten Szene sehen wir die wohlhabende und säkularisierte Familie Merz am großen Esstisch. Es ist die Zeit um die Jahrhundertwende 1899/1900, es wird an den Fortschritt geglaubt und man lebt in einem „Zeitalter der Sicherheit“ (Stefan Zweig). Exemplarisch wird in fünf weiteren Episoden das Familienleben erzählt bis hin zur Shoah, in der die Familie nahezu ausgelöscht wird. Mit großem erzählerischen Bogen entfaltet sich ein Panorama nicht nur dieser Familie, sondern einer ganzen Zeitepoche von Beginn des Jahrhunderts bis zur Katastrophe des Nationalsozialismus.

Die weiteren Szenen spielen dann in späteren Jahren, in denen historisch linear das Schicksal dieser Familie und deren Mitglieder erzählt und an ihr das Schicksal der Juden bis in die Nachkriegszeit deutlich wird. Das alles spielt sich größtenteils im Wohnzimmer in Wien ab. Das Bühnenbild ist recht traditionell, es konzentriert sich auf das Ambiente eines großbürgerlichen Haushaltes. Ein durchsichtiger Vorhang trennt die große Bühne ab in einen vorderen Bereich und einen hinteren, in dem schattenhaft sich weitere Szenen abspielen. Die Inszenierung verzichtet auf Schnickschnack und Brimborium.

Die zunächst nur mehr oder weniger unterschwellige Judenfeindschaft kommt in folgender Szene zum Ausdruck: nach dem Seitensprung seiner Frau mit dem Kavallerieoffizier Fritz fordert der gehörnte Ehemann und Jude Hermann (der Name weist auf seine Assimilation hin) diesen zum Duell heraus. Fritz geht nicht darauf ein mit dem Hinweis, dass seine Offiziersehre es ihm verbietet, gegen einen Juden zu kämpfen, der von Geburt an keine Ehre besitze.

Eine andere Szene spielt im Jahre 1924. Nach dem verlorenen Krieg blieb von der einst so stolzen k.u.k. Monarchie nur ein verstümmeltes Rest-Österreich übrig. Die Familie hat sich zur Beschneidungszeremonie versammelt. Ein Sohn ist im Krieg gefallen, ein anderer ist mit nur einem Auge aus dem Weltkrieg heimgekehrt. Die jüngere Generation diskutiert hitzig das Erstarken des Bolschewismus, die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges und die Auswirkungen des Friedensvertrages auf die jüdische Bevölkerung. Die Szene zeigt auch die religiöse Zerrissenheit der weitgehend assimilierten Juden: Beschneidung oder nicht?

In einer weiteren Szene werden 1938 Fluchtpläne besprochen. Die herannahende und von vielen Juden unterschätzte grausame und willkürliche Gewalt gegen sie zeigt sich, als ein Nazi langsam aus dem dunklen Bühnenhintergrund heranschleicht, zunächst unbemerkt von der Familie. Der feiste kleine Nazi, der sich als Werkzeug der Macht aufbläst und wichtig tun kann, terrorisiert die Familie und beschlagnahmt die Wohnung. Hermann wird gezwungen, den Familienbetrieb an die Nazis zu überschreiben.

In der letzten Szene 1954 sehen wir nur noch drei Mitglieder der Familie, die den Holocaust überlebt haben. Gemeinsam machen sie sich an die schmerzhafte Erinnerung und an das Gedenken der ermordeten Familienmitglieder. Besonders eindrücklich ist es, als Rosa, die nach New York geflohen war, antwortet: wo ist der Onkel geblieben? In Ausschwitz. Wo ist die Tante geblieben? In Ausschwitz. Wo ist der Cousin geblieben? In Ausschwitz …

Zuschauer, die hier Tränen in den Augen hatten, mussten sich dessen nicht schämen.

Das Stück spricht aber auch an, wie eine Aufarbeitung österreichischer Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten nicht gelingen kann. Die Erzählung, dass die Österreicher unschuldig und selbst Opfer einer fremden Macht geworden sind, wird als eine Mähr entlarvt. Wie heißt es an einer Stelle: wir sind nach Graz und sahen zwanzigtausend Nationalsozialisten mit Hakenkreuz durch Graz marschieren, begleitet vom Jubel einer berauschten Menschenmasse. Auf die Frage, was denn die Österreicher dagegen getan haben, folgt die entlarvende Antwort: „Das sind doch die Österreicher!“

Nach der dreistündigen Vorstellung setzte der Applaus nur zögerlich ein, was nicht an schlechten Leistungen der Schauspieler lag, ganz im Gegenteil. Die Zuschauer mussten erst einmal ihre Tränen abwischen und ihre Betroffenheit abschütteln vor dem Entsetzten, dass so etwas wie der Holocaust möglich war. Es ist doch viel eindrücklicher, wenn alles das, was wir geschichtlich wissen, anhand konkreter Lebensgeschichten von der Geburt bis zum Tod erzählt wird.

Eine eindrückliche Vorstellung!

Martin Kasperzyk/Oktober 2026