Kinofilm „Vaterland“
ab Anfang September 2026

Der Kinofilm – Vaterland
Ein beeindruckender, traurig-melancholischer Film des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski, der u.a. die Frage nach der Verantwortung für die Nazi-Herrschaft verbindet mit einem schmerzhaften Familien-Drama.
In dem meisterhaften Schwarzweißfilm kehrt nach 16 Jahren im Exil Thomas Mann (Hans Zischler) im Jahr 1949 erstmals in seine zerstörte Heimat zurück, begleitet von seiner Tochter Erika (Sandra Hüller). In Frankfurt soll er anlässlich des 200. Geburtstages Goethes den Goethe Preis entgegennehmen. Anschließend fährt er nach Weimar, um sich auch im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands ehren zu lassen. Die beiden deutschen Staaten wollen den Nobelpreisträger für sich vereinnahmen. Thomas Mann ist nicht zu beneiden und man sieht ihm im Film seine schweren Bedenken an. Warum nur hat er sich auf eine Reise in ein zerstörtes Land eingelassen, in dem keiner Anhänger der Nazis gewesen sein wollte und alle in der inneren Emigration verharrten? Warum eine Reise in ein Land, dass zerrissen ist in die Blöcke West und Ost, Kapitalismus und Kommunismus.
Tatsächlich reiste Thomas Mann 1949 mit seiner Frau Katja nach Deutschland. Pawlikowski hat aber keinen Dokumentarfilm gedreht und dass er Katja durch Erika ersetzt, ist ein geschickter Schachzug, um die komplizierte Beziehung des Dichters zu seinen Kindern ins Licht zu rücken. Sandra Hüller spielt die Tochter, die zugleich als Sekretärin und Chauffeurin fungiert, zurückgenommen. Dies bedeutet nicht, dass sie zurückhaltend ist, sondern sie wird vielmehr als eine trotzige und eigensinnige Tochter gezeigt. In einer Szene zeigt sich ihr Temperament, als sie nämlich Gustav Gründgens, den ehemaligen Staatsschauspieler und früheren Ehemann, der sich mit den Nazis gemein gemacht hatte, eine saftige Ohrfeige verpasste. Denn ausgerechnet dieser ins Regime Verstrickte gibt sich ganz schuldlos.
Mit künstlerischer Freiheit verdichtet der Film mehrere Ereignisse auf wenige Tage. Während Thomas Mann in Frankfurt gefeiert wird, erreicht ihn die Nachricht vom Selbstmord seines Sohnes Klaus. Zu Beginn des Filmes sitzt Klaus Mann (August Diehl) in einem Hotelzimmer in Cannes und telefoniert mit Erika. Er ist erschöpft und todesmüde, seelisch und körperlich. „Ich glaube an gar nichts mehr“ und die deutsche Sprache, erklärt Klaus, sei „zum Lügen geschaffen worden“, und sein Vater, Thomas, habe es darin zur Meisterschaft gebracht. Harte Worte. Klaus Mann starb am 21. Mai 1949 an einer Überdosis Schlaftabletten in Cannes. In dem Film begeht er erst zwei Monate später Suizid, kurz bevor Thomas Mann in Frankfurt den Goethepreis der Stadt und in Weimar den eigens für ihn geschaffenen Goethe Nationalpreis empfängt.
Somit begleitet nicht nur Erika ihren Vater Thomas Mann auf seiner Reise, sondern auch der tote Klaus. In einer Szene erspäht Sandra Hüller im Publikum der Frankfurter Paulskirche ihren Bruder Klaus – eine Erscheinung: ihre Gesichtszüge wechseln fast unmerklich von Freude zu Trauer, als würde sie in diesem Moment spüren, dass er nicht mehr lebt. Klaus bleibt irgendwie wie ein Untoter die ganze Zeit abwesend präsent. Er beherrscht die Gedanken Erikas, die ihren Bruder nach Frankfurt eingeladen hat und bis zum Eintreffen der Todesnachricht auf seine Ankunft hofft. Und dann tritt er als Gast bei seinem eigenen Begräbnis in dem Albtraum auf, den Thomas Mann vor der Preisverleihung in seinem Weimarer Hotelzimmer träumt.
Die Reise durch Deutschland – ein Roadmovie – hat aber noch eine andere Bedeutung: sie ist nicht alleine ein Familiendrama, sondern zugleich eine politische Reise. Bei der Ankunft in Frankfurt mischen sich Buhrufe in den Beifall der Menge vor dem Hotel und an der Rezeption liegen Drohbriefe. Kein Heimatgefühl in einem Land, in dem man wie ein Geächteter behandelt wird. Als Thomas Mann im Film gefragt wird, wo sein Zuhause sei, antwortet er: in Kalifornien. Wo seine Heimat ist, lässt er offen. Wo ich bin, hat Thomas Mann einige Jahre zuvor gesagt, „ist Deutschland“: weil er die deutsche Kultur in sich trage. Seine Heimat jedoch hat er 1933 für immer verloren. Auch davon erzählt der Film.
Die Geschichte des geteilten Deutschlands nach dem Krieg bietet auch keinen Anlass froh gestimmt zu sein. Im Gegenteil: auf die mondäne Geschäftigkeit und die neureiche Arroganz des Frankfurter Kulturbürgertums, zu dem sich auch Gustav Gründgens gesellt, antwortet der Sozialismus im Osten mit der Zackigkeit des Weimarer Empfangskomitees.
Sicher kann man an dem Film auch das ein oder andere kritisieren. Die Vollkommenheit der Bilder droht bisweilen, die eigentliche Geschichte zu überlagern. Manche Einstellungen wirken stilisiert. Wird hier Kunst um der Kunst willen erzeugt? Auf der anderen Seite: diese Effekte stehen nicht für sich, sondern verdichten die Erzählung und heben dadurch das Geschehen erst recht heraus. Und auch das Mosaikartige des Films bedeutet nicht, dass wahllos Szene an Szene aneinandergereiht werden, sondern der Film fokussiert sich dadurch auf das Wesentliche. Viele Augenblicke bleiben so im Gedächtnis und können weiter arbeiten. Wie zum Beispiel dieser: in einer Pressekonferenz wird Thomas Mann gefragt, warum er nicht in Deutschland geblieben ist und in die innere Emigration gegangen sei. Auf diesen Vorwurf antwortet er unwiderstehlich entwaffnend: dann wäre er nicht mehr „hier“.
Neben Familie und Politik behandelt „Vaterland“ auch die Frage, was von einer Kultur geblieben ist, die Goethe, Bach und Beethoven hervorgebracht hat, Auschwitz aber nicht verhindern konnte. Thomas Mann wie sein Vorbild Goethe waren Repräsentanten ihrer Nation, nur eben einer, die es 1949 nicht mehr gab. „Vaterland“ ist auch deshalb schmerzhaft, weil er diesen Verlust in aller Deutlichkeit zeigt.
Auch wenn die reiche, produktive und humanistisch geprägte Kultur in Trümmern lag, kann es für Pawlikowski keine politische, sondern nur eine kulturelle Antwort geben. Es ist Johann Sebastian Bach, dessen Musik sich aus den Trümmern erhebt und Vater und Tochter für einen Augenblick zusammenführt. Kultur macht die Geschichte nicht ungeschehen und spricht niemanden frei und kann Heimat nicht zurückholen. Aber sie kann einen Raum öffnen, in dem Erinnerung, Schuld und Liebe nebeneinander bestehen dürfen. Ein Raum, in dem Menschen sich wirklich einander begegnen können. Darin liegt die leise Hoffnung dieses Films.
Herausragende Schauspielerleistungen machen den Film zu einem Kunstwerk. Sandra Hüller bringt mit kleinsten Veränderungen der Gesichtszüge und einer meisterhaften Mimik ganze Gefühlsräume zum Schwingen. Zischler drückt in seiner Haltung und seinem Gesicht all den Schmerz konzentriert und kongenial aus.
Besonders die letzte Szene mit diesen beiden rühren zu Tränen. Zischler, der im Film durchgehend den gravitätischen Thomas Mann darstellte, steigen angesichts der Musik von Bach die Tränen in die Augen. Tränen, die alles sagen: Trauer über den Verlust der Heimat, über die Uneinsichtigkeit der Menschen in ihre Schuld, über den Tod des Sohnes, über die politischen Verhältnisse in Deutschland sowie die Trauer über den Untergang einer Kultur, die für Thomas Mann alles bedeutete. Tränen der Trauer, aber auch Tränen der Freude, dass trotz der Zerstörungen Kultur weiterlebt und in die Zukunft weitergetragen wird. Auf das zukünftige Generationen nie mehr in die Barbarei zurückfallen mögen. Insofern gibt der Film auch uns heute zu denken.
Vaterland dauert gut 80 Minuten. Es sind kostbare Filmminuten.
Martin Kasperzyk/ September 2026

