Eigene Traktate
Hier finden Sie Texte aus eigener Feder. Geschrieben sind diese zu unterschiedlichen Anlässen, mal kurz und bündig, mal etwas länger.
Vielleicht finden sie etwas inspirierendes für sich…
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Andrea Bocelli im Wiener Ernst-Happel-Stadion vor 30.000 Zuschauern
Jeder kennt das: es gibt Ereignisse, denen man sehnsüchtig entgegenfiebert. Man erwartet ungeduldig ein emotional aufgeladenes Geschehen und lebt in hoffnungsfroher Erwartung tage-, ja wochenlang auf das Kommende hin. Das kann ein Date mit der ersten Liebe sein oder der erste Arbeitstag im neuen Job. Es kann aber auch, wie bei uns, die Erwartung und Vorfreude auf das Konzert von Andrea Bocelli sein.
Wir kannten den Künstler bisher nur aus den Medien und haben von diesem Konzert in Wien im Januar 2026 erfahren und uns sofort entschlossen Konzertkarten zu kaufen – freilich nicht ganz billige Karten. Entsprechend freuten wir uns viele Monate auf dieses Konzert am 22. August 2026. Es war das einzige Konzert des Künstlers im deutschsprachigen Raum. Es ist nicht so, dass man jeden Morgen mit dem freudigen Gedanken daran aufwacht, aber die Freude taucht doch immer wieder im Alltag auf und die Fahrt und der Aufenthalt in Wien will geplant sein, so dass sich hier immer wieder für uns beglückende Momente einstellten. Umso näher das Ereignis rückte, umso größer wurde die Spannung auf das Konzert. Nicht dass wir Opernenthusiasten wären, oder virtuose Musikkenner. Wir sind auf diesem Gebiet Laien und bloße Genießer. Viel mehr als musikalische Grundlagen wie Allegro, Andante, Adagio oder Presto kennen wir nicht und die Feinheiten des musikalisch Dargebrachten können wir nur bis zu einem begrenzten Maß beurteilen. In die Geheimnisse der Musik sind wir nicht eingeweiht.
Aber wir kannten den Künstler aus den verschiedenen Medien und waren begeistert von seiner Tenorstimme, seiner warmen Klangfarbe, seiner emotional gefärbten Interpretation und vor allem von seinen kraftvollen, beeindruckenden Phrasierungen, die er außergewöhnlich lange durchhalten kann. Kurzum: für uns ist er ein wunderbarer Tenor, der unsere Gefühle berührt, Emotionen hervorruft und uns gar zu Tränen rühren kann.
Dass dieser Künstler blind ist, kommt hinzu. Die Blindheit selbst ist es nicht, aber die Kraft und Anstrengung dieses Menschen, der trotz dieses Manko, diesem körperlichen Gebrechen, eine außerordentlich produktive Leistung hervorgebracht hat. Bewundernswert, wie er die ihm gegebenen Talente entfaltet hat! Seine guten und schönen Lebensansichten, sein achtsamer Umgang mit den Mitmenschen und seiner Familie und sein Glaube und seine Demut machen diesen Menschen und Künstler zusätzlich liebens- und schätzenswert. Sicher: ob der Mensch Bocelli wirklich so ist, wie er in den Medien dargestellt wird und wie er sich selbst ohne Allüren darstellt, können wir nicht beurteilen. Aber wieso sollten wir nicht daran glauben?
In Wien zwei Tage vorher angekommen, fegte ein Sturm über Wien hinweg mit heftigem Regen, auch der Abend vor dem Konzert blieb nicht ohne Regenguss. Umso schöner dann der Konzertabend selbst. Ein wunderschöner lauer und wolkenloser Sommerabend. Wir waren zwei Stunden vor dem Konzert bereits auf dem Gelände und atmeten die besondere „Atmosphäre“ ein, umrundeten das Stadion, umkreisten die Stuhlreihen, machten vor der Bühne Photos – alles, was dazugehört.
Das Konzert war überwältigend, natürlich wegen Andrea Bocellis Auftritt. Obwohl wir weit vorne saßen, konnten wir ihn auf der großen Bühne schlecht erkennen. Auf zwei großen Leinwänden, links und rechts der Bühne, war aber auch die Gesichtsmimik etc. deutlich zu sehen.
Aber auch wegen den vielen hochkarätigen internationalen Mitwirkenden, die den Abend stimmlich und dramaturgisch mit prägten, war es für uns ein einmaliges Erlebnis. Christina Pasaroiu, eine rumänische Opernsopranistin, übernahm die anspruchsvollen klassischen Gesangparts im ersten Teil des Abends, der von Opernarien geprägt war, wie zum Beispiel Ausschnitte aus Carmina Burana. Sie wirkte kraftvoll und vollstimmig. Andrea Lykke, eine dänische Musical-Sängerin brillierte im Pop-Teil des Konzerts. Mit ihrer souligen und klaren Stimme setze sie einen hervorragenden Kontrast zum klassischen Tenor Bocellis. Die Violinistin Rusanda Panfili gefiel uns auch sehr gut mit ihrem Spiel und ihrem mitreißenden Stil und ausdrucksstarken Mienensiel. Vielleicht der emotionale Höhepunkt: der Auftritt von Bocellis Sohn Matteo. Mit seinem Vater sang er herzerwärmende Duette. Das Slowakische Sinfonieorchester und der Stuttgarter Bachchor bildeten das monumentale musikalische Fundament.
Stehende Ovationen und mehrere Zugaben beendeten das Konzert. Danach rannten die Zuschauer nicht eilig zum Ausgang, wie man es sonst manchmal sieht, sondern erst einmal herrschte Erstarrung und die Hoffnung auf eine weitere Zugabe. Erst nachdem feststand, dass das Konzert wirklich zu Ende war, erwachten viele aus ihrer Lähmung und man bewegte sich wie benommen zu den Ausgängen. Wir sagten uns: Bleibe doch, Augenblick, du bist so schön! Aber der Fluss der Zeit kam auch an diesem Abend nicht zum Stillstand, so dass wir nun nur noch von dieser schönen Erinnerung zehren können.
Solche erhebenden Momente im Leben sind selten. An sie denkt man immer wieder gerne zurück, sie entschwinden nicht, wie das meiste, sie werden Teil des eigenen Lebens, wie andere kostbaren Erinnerungen, die wir im Herzen tragen.
Martin Kasperzyk/September 2026