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Liwi Verlag
216 Seiten
Mephisto – Roman einer Karriere
Von Klaus Mann
Der in nur fünf Monaten entstandene und 1936 im Querido Verlag in Amsterdam erschienene Roman gilt als eines der wichtigsten Werke innerhalb der deutschen Exilliteratur. In einem Brief an seine Mutter Katia Mann gibt sich der Autor am 12. April 1936 bescheiden, wenn er schreibt: „Ich persönlich finde, dass es ein zwar hässliches, aber keineswegs uninteressantes Buch ist.“ Hässlich ist der Charakter des Protagonisten Hendrik Höfgen, mit dem Klaus Mann den Schauspieler und Intendanten Gustav Gründgens dargestellt hat.
Selbstverständlich war das Buch im Dritten Bereich verboten, fand aber unter der Hand seine Leser auch in Deutschland. Zu diesen dürfte auch Gustav Gründgens gehört haben, der sich zwar nie öffentlich dazu geäußert hat, der aber nicht amüsiert gewesen sein dürfte über das, was er da über sich lesen musste. Die 1. Auflage nach dem Krieg in der DDR (1956) erreichte 50.000 Exemplare und war schnell vergriffen. Peter Gorski, Adoptivsohn und Alleinerbe von Gustav Gründgens, ließ die Verbreitung des Buches in der Bundesrepublik verbieten. Erst im Jahre 1981 kam es zu einer uneingeschränkten Veröffentlichung des Romans, der auch gleich auf der Bestsellerliste auf Platz eins landete und von dem schnell 300.000 Exemplare verkauft wurden. Dies brachte dem Roman und seinem Autor zwar späten, aber dafür verdienten und außerordentlichen Ruhm. Zudem wurde der Roman im Jahre 1981 mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle verfilmt und bekam den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.
Flott und launisch erzählt Klaus Mann die Karriere des jungen Schauspielers Hendrik Höfgen von den Anfängen im Hamburger Künstlertheater 1926 bis zum Jahre 1936, als er es zum repräsentativen Schauspieler des Dritten Reiches und Intendanten am Berliner Staatstheater gebracht hat. Zwar hat Klaus Mann bewusst die Person Gustav Grüdgens ausgewählt, allerdings gehe es ihm, wie er stets betonte, in diesem zeitkritischen Versuch überhaupt nicht um den Einzelfall, sondern um den Typus des Menschen, der sich seiner Karriere und Bequemlichkeit wegen mit dem Teufel einlässt. Der Sohn von Thomas Mann wählte Gustav Gründgens auch nicht als Hauptperson, weil er ihn für besonders schlimm gehalten hätte, sondern weil er ihn besonders genau kannte. Seine Wandlung zum Staatsschauspieler war für ihn unbegreiflich und kurios genug, um daraus einen Roman zu machen.
Gustav Gründgens war nämlich in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Klaus Mann befreundet und durch seine Heirat und Scheidung mit Erika Mann sein Ex Schwager. Der Autor, der selbst 1933 gleich nach der Machtübernahme der Nazis ins Exil ging, verfolgte die Laufbahn des einstigen Freundes mit Argwohn und Entsetzen. Gustav Gründgens machte im Dritten Reich eine blendende Karriere und wurde zum gefeierten Bühnen- und Leinwandstar, und stieg sogar auf zu einem der höchstdekorierten und bestbezahlten kulturellen Repräsentanten Nazi-Deutschlands. Was hätte der 1949 durch eine Überdosis Schlaftabletten verstorbene Klaus Mann gesagt, wenn er erlebt hätte, dass ausgerechnet dieser Staatsschauspieler der Nazis auch im Nachkriegsdeutschland erneut in den Olymp des Theaterhimmels aufgestiegen ist? Vielen Älteren unter uns ist dieser Mann als genialer Darsteller des Mephisto durch die Filmaufnahmen des Theaterstücks Faust I in guter Erinnerung. Wer das auf youtube abrufbare Interview von Günter Gaus mit ihm kurz vor seinem Tod im Jahre 1960 ansieht, lernt aber einen anderen Gründgens kennen. Nämlich einen selbstgefälligen Menschen, ohne Reue oder auch nur den Hauch einer Selbstkritik zu seiner Zeit im Dritten Reich.
Wie kam es zu seinem Aufstieg ab 1933? Niemand anderes als Hermann Göring persönlich hatte einen Narren an diesem Schauspieler gefressen und nahm sich des Künstlers in besonderer Weise an. Das muss dem Schauspieler gehörig geschmeichelt haben und er nahm die Hand, die ihn förderte, gerne an. Über die politische Bewertung der Rolle, die Gründgens im Theaterleben des Dritten Reiches gespielt hat, kann man freilich unterschiedlicher Meinung sein. Offenbar hat er eine Reihe von Künstlerkollegen, die aus politischen Gründen verfolgt wurden, geholfen. Tatsache ist aber auch, dass er kein Problem damit hatte, sich vom Nazi-Regime als kulturelles Aushängeschild gebrauchen zu lassen – zwölf Jahre lang.
Doch kommen wir zum Roman selbst. Differenziert erzählt der Autor die Biografie und Seelenlage des Schauspielers Hendrik Höfgen und einiger anderer Personen aus seinem Umkreis. Er entwirft mit Hendrik Höfgen den Typus eines kleinbürgerlichen Parvenüs, der zu jedem Verrat bereit ist, um an den Privilegien der Macht teilhaben zu können. Ein ruhmsüchtiger, fürchterlich ehrgeiziger und unsympathischer Typ, ein kalter Mensch, der schon kurz nach der Heirat mit Barbara das Interesse an ihr verliert und außerhalb seiner Arbeit am Theater sehr kalt und emotionslos wirkt. Am Ende ist der Intrigant und Karrierist Hendrik Höfgen ein „Affe der Macht“ und ein „Clown zur Zerstreuung der Mörder“ geworden. Er ist Entspannung für den dicken Ministerpräsidenten, der nach „seinen blutigen und glanzvollen Geschäften“ gern mit dem Bühnenkünstler verkehrt.
Klaus Mann deutet damit an, welches Kunstverständnis die Nazis hatten: Kunst sollte der Zerstreuung der Bürger dienen. Besonders das Theater hatte nicht die Aufgabe, einer Wahrheitsfindung zu dienen, das Bewusstsein der Zuschauer zu schärfen, die moralische Erziehung der Bürger voranzubringen oder gar die Gesellschaft zu verändern. Oberflächliche Unterhaltung war erwünscht. Höfgen steht 1936 im Dritten Reich an der Spitze einer Unterhaltungsindustrie und fühlt sich unersetzbar, wenn er seine Rolle im Nationalsozialismus wie folgt zusammenfasst: „Das Theater braucht mich, und jedes Regime braucht das Theater! Kein Regime kann ohne mich auskommen!“ Höfgen weiß um seine Rolle als Schauspieler in Diensten der Macht.
Der Autor lässt seinem Protagonisten eine echte und freie Entscheidungssituation, denn als 1933 der „Mann mit der bellenden Stimme“ Reichskanzler wird, befindet sich Höfgen zu Dreharbeiten im Ausland. In Paris grübelt der Schauspieler, ob er zurück reisen oder aber die Brücken zur Heimat abbrechen soll. Höfgen entscheidet sich gegen die Emigration. Dies tut er nicht aus einem Zwang heraus, denn er würde auch im Ausland Erfolge feiern können, sondern aus freier Entscheidung, denn die Alternative Exil wäre für ihn durchaus möglich. Und von nun an verleugnet er seine frühere Nähe zu kommunistischen Ideen – eine Einstellung, die freilich auch nur lau und halbherzig war. Höfgen ist ein Mensch, der sein Fähnchen nach dem Wind zu hängen weiß. Als die Nazis an die Macht kommen, geht er also bewusst den Pakt mit dem Teufel ein – ohne freilich ein überzeugter Faschist zu sein. Aber zu den Nazis gibt es doch eine Wesensverwandtschaft, denn zum Charakterbild des Komödianten gehören Lüge und Verstellung, die auch Grundzüge des neuen Herrschaftssystems sind. Höfgen passt in die Gesellschaft der Naziführer, denn er spielt eine Würde nur vor, die ihm nicht zusteht, und er hat ihren hysterischen Elan und eitlen Zynismus. An einer Stelle wird diese innere Verwandtschaft von Politik und Schauspielerei besonders deutlich: „Hier standen … vier Mächtige in diesem Lande, vier Gewaltige, vier Komödianten – der Reklamechef, der Spezialist für Todesurteile und Bombenflugzeuge, die geheiratete Sentimentale und der fahle Intrigant.“ Gemeint sind damit Goebbels, Göring, seine Ehefrau und eben Gründgens.
Man kann dem Roman vorwerfen, dass die Gestalten teilweise mit dem groben Strich des Karikaturisten gezeichnet und satirisch überzeichnet und plakativ sind. Klaus Mann selbst bezeichnete seinen Mephisto als „satirisch- politischen“ Roman. Mit diesem Stilmittel wird die gesamte Person so auf eine negative Eigenschaft oder eine menschliche Schwäche reduziert. Das Theatermilieu ist höchst treffend geschildert, die politischen Figuren dagegen bleiben blass. Besonders die führenden Köpfe des neuen Regimes hat Klaus Mann mit polemischer Schärfe gestaltet. An einer Stelle werden sie als Larven und Fratzen bezeichnet. In der Figur des „Ministerpräsidenten Preußens“ und Fliegergenerals wird die Geckenhaftigkeit von Hermann Göring herausgehoben und es wird oft von dem „gewaltigen und fetten Dicken“ gesprochen. Seine Beine sind wie Säulen. Und „nach all seinen blutigen und glanzvollen Geschäften weiß der Mächtige sich keiner nettere Erholung, als mit dem Schalksnarren zu tändeln.“ In dieser Figur verkörpert sich alles Hassenswerte, was Klaus Mann mit dem neuen Regime verbindet. Für feine psychologische Analysen bleibt da kein Raum. Die Mächtigen des NS-Staates waren für den Autor barbarische Hohlköpfe, die allerdings sehr genau wussten, wie sie politische Gegner aufschnüffeln und aus dem Weg räumen mussten. In dem Roman wird deutlich, dass die Dummheit der Mächtigen sich durchaus mit menschlicher Grausamkeit verbindet.
Viele Personen des Romans erinnern an Menschen, die Klaus Mann persönlich gut kannte. Auch das Theatermilieu war ihm nicht unbekannt, denn er trat zusammen mit seiner Schwester Erika Mann und eben jenem Gustav Gründgens in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf der Bühne auf. Der an den Hamburger Kammerspielen reüssierende Erich Ziegel zum Beispiel diente ihm teilweise als Modell für den Theaterdirektor Kroge, der Schauspieler Hans Otto, der als Kommunist Widerstand gegen die Nazis leistete und dafür mit seinem Leben bezahlte, war Vorbild für den revolutionären Schauspieler Otto Ulrich. Hans Miklas ist ein junger Schauspielerkollege von Höfgen und schon früh ein überzeugter Nationalsozialist, der aber nach 1933 schnell enttäuscht wird. Höfgens Ehefrau Barbara Bruckner trägt einige Züge Erika Manns und verkörpert die Sphäre des Bürgertums. Sie ist gebildet, tugendhaft und sittlich. Ihr Vater ist der Geheimrat Bruckner, der für Thomas Mann steht, denn er wird als würdevoll und zugleich als ins Abseits geschobene Autoritätsperson mit aristokratischer Erscheinung gezeichnet. Er und Barbara erscheinen als moralischer Gegenpol zu Höfgen. Klaus Mann hat also nicht nur die Karriere Gründgens beschrieben, sondern auch seine eigene Familie in dem Roman verarbeitet. Er wollte aber keine Abbildung realer Personen, sondern ein literarisch verdichtetes Zeitgemälde entwerfen.
Die literarische Figur Höfgen ist nicht deckungsgleich mit dem homosexuellen Gustav Gründgens, denn Höfgen ist ein Sadomasochist. Sein erotisches Verlangen gilt der dunkelhäutigen „Tanzlehrerin“ Juliette, die ihm mit Lederstiefeln und Reitpeitsche „schauerliche Lustbarkeit“ bereitet. Hier kann Höfgen seine sadomasochistischen Neigungen ausleben. Sie durchschaut Höfgen übrigens sehr genau und stellt ihm gegenüber klar heraus, dass er nur seine eigene Karriere im Kopf hat.
Der Roman beginnt mit einem Vorspiel 1936. Der preußische Ministerpräsident feiert in der üppig dekorierten Berliner Staatsoper pompös wie ein König seinen 43. Geburtstag. Unter den Gästen befindet sich auch Hendrik Höfgen, der hier bereits seinen gesellschaftlichen Höhepunkt erreicht hat, wobei am Ende des Romans klar wird, dass dieser äußere Aufstieg mit persönlich würdelosem Verhalten einhergeht. Am Ende des Romans weint er sich bei seiner Mutter aus und ergeht sich in Selbstmitleid. Das krankhafte Streben nach Erfolg korreliert mit dem persönlichen und moralischen Versagen. Nach dem Vorspiel blendet Klaus Mann zurück auf das Leben von Hendrik Höfgen, beginnend vom Hamburger Künstlertheater im Jahre 1926. Dora Martin ist in jenen Jahren bereits eine gefeierte Schauspielerin, die das Talent von Höfgen erkennt. Mit Hans Miklas, einem frühen Nazisympathisanten, der auf die jüdische Herkunft Dora Martins hinweist, und dem Kommunisten Otto Ulrich sind bereits einige Figuren des Romans präsent, die uns bis zum Schluss begleiten. Höfgen gibt sich gegenüber seinen Kollegen oft ungeheuerlich tyrannisch und gehässig, weiß sich dann aber auch immer wieder durch seinen Charme, Humor und seine offene Heiterkeit beliebt zu machen. Einmal bricht er eine Probe abrupt ab, um seine vermeintliche Tanzlehrerin Juliette aufzusuchen. Diese nennt er „Prinzessin Tebab“ und „schwarze Venus“ aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe.
Höfgen ist ein arbeitsbesessener Mann des Theaters durch und durch, dem es nicht an Neidern mangelt. Er arbeitet sechzehn Stunden täglich und wird wöchentlich von Nervenzusammenbrüchen heimgesucht. Er strebt nach Berlin, der Hauptstadt und künstlerischen Hochburg der Zeit. Irgendwann begegnet er dem selbstverliebten und für seine unerbittlichen Urteile bekannten Dramatiker Theophil Marder, der geradezu prophetisch auf die Situation des Landes und auf das schreckliche Ende verweist. Höfgen lernt Barbara, die aus großbürgerlichem Milieu kommt, kennen und heiratet sie. Nicht zuletzt deshalb, weil diese Heirat für die Karriere des Strebsamen förderlich ist. Höfgen steht politisch in diesen Jahren noch auf der „linken Seite“ und prangert den „ausbeuterischen Zynismus der Bourgeoisie und den frevelhaften Irrsinn des Nationalismus“ an.
Die Eheleute entfremden sich jedoch schnell und Barbara fragt sich, ob ihr Ehemann Höfgen überhaupt lieben kann. Die Unerfülltheit seiner Ehe treibt Höfgen wieder zurück zu Juliette. Dass er Barbara damit betrügt, belastet ihn keineswegs, denn er sieht sich schließlich zuerst und vor allem als Künstler. Und Juliette ist für ihn eben auch eine Person, die er für seine Karriere einzuspannen weiß, weil sie ihm Tanzschritte beibringt.
Sehr schäbig verhält er sich, als er den Schauspieler und Nazianhänger Hans Miklas, mit dem er sich über die Schauspielerkollegin Lotte Lindenthal zerstreitet, aus dem Theater werfen lässt. Während Miklas dieser Frau, die als sentimental und naiv beschrieben wird, wohlgesonnen ist, hält Höfgen wenig von ihr und bezeichnet sie sogar als „blöde Kuh“. Später jedoch, nachdem Lotte die Freundin und zukünftige Gattin des „Fliegergenerals“ geworden ist, ändert er seine Meinung zu ihr – nicht aus Sympathie, sondern aus reinem Kalkül. Höfgen erkennt ihren Wert als Fürsprecherin beim Ministerpräsidenten und wirbt einschleimend gezielt um ihre Gunst. Nach Erreichen seiner Ziele wird diese Frau freilich wieder unwichtig für Höfgen und entsprechend behandelt er sie. An dieser Figurenkonstellation erkennt man ein wiederkehrendes Muster: Menschen werden instrumentalisiert und sind ihm nie wichtig wegen ihres Charakters, sondern ausschließlich wegen ihrer Nützlichkeit für seine Karriere. Insofern lässt sich die obige Frage von Barbara beantworten: nein, Hendrik Höfgen kann nicht lieben, außer sich selbst.
Durch die Fürsprache von Dora Martin öffnet sich ihm schließlich der Weg zu seiner heiß ersehnten Berliner Karriere. In der Saison 1932/33 teilt sie ihm dann mit, dass sie zukünftig in Amerika Theater spielen wird. Hellsichtig erkennt sie früh, dass es für sie keine Zukunft in Deutschland gibt. Obwohl Hendrik ihr viel zu verdanken hat, ist er darüber nicht betrübt, denn er wird damit eine Konkurrenz durch diese jüdische Schauspielerin in Deutschland los.
Durch Lotte Lindenthal gewinnt er immer mehr Zugang zum privaten Leben seines blutbefleckten Gönners und genießt das Privileg, im Hause des dicken Ministerpräsidenten verkehren zu dürfen. Dieser schützt ihn auch vor seinen mächtigen Feinden, wie dem Propagandaminister und dem von ihm ernannten Staatstheaterintendanten Cäsar von Muck. Diese Feinde bleiben im Roman freilich blass und im Hintergrund.
Immerhin unternimmt er einmal den Versuch, beim Ministerpräsidenten die Freilassung des kommunistischen Schauspielerkollegen Otto Ulrich zu erbitten. Es ist das einzige Mal, dass Höfgen Gutes tut. Er ist freilich durchaus nicht naiv, sondern kalkuliert kühl seine Grenze aus, bis zu der er gehen kann, zum Beispiel als der dicke Fliegergeneral ihm sehr eindringlich zu verstehen gibt, dass er sich aus der Politik herauszuhalten habe. Höfgen erkennt ganz genau, dass er einen Pakt mit den bösen Mächten im Lande geschlossen hat. „Jetzt habe ich einen Flecken auf der Hand, den bekomme ich nie mehr weg … Jetzt habe ich mich verkauft … Jetzt bin ich gezeichnet!“
Die einzige Sorge, die dem Theatermann im Dritten Reich bleibt, ist seine dunkelhäutige Gespielin Juliette. Dass er sich der Rassenschande schuldig macht, darf niemand erfahren. Als ihm Juliette lästig wird, bietet er ihr Geld und verlangt von ihr, dass sie Deutschland verlässt und nach Paris geht. Da sie nicht freiwillig geht, missbraucht er seine Verbindungen zu dem mächtigen Dicken im Staate, um sie aus dem Weg zu räumen und nach Paris bringen zu lassen. Hans Miklas, der frühe Nazianhänger, ist von den neuen Machthabern enttäuscht und äußert offen seine Kritik. Er wird daraufhin kurzerhand von den Mächtigen im Lande beseitigt.
Viele frühere Freunde Höfgens leben inzwischen im Ausland. Seine geschiedene Ehefrau Barbara lebt in Paris und arbeitet gegen das Naziregime, der Geheimrat selbst lebt in einem Haus an der französischen Mittelmeerküste. Er hat Deutschland gleich nach dem Reichstagsbrand verlassen und erfährt aus der Zeitung von dem Verlust seiner deutschen Staatsangehörigkeit. Dora Martin feiert inzwischen Erfolge in London und New York. Oskar Kroge lebt in Prag und Juliette versucht sich in Paris durchzuschlagen.
Dann kommt doch noch heraus, dass es Unstimmigkeiten in Höfgens Liebesleben gibt. Es heißt, er treibe Rassenschande mit einer in Frankreich lebenden „Negerin“. Da diese Gerüchte ein schlechtes Licht auf ihn werfen, entscheidet sich Höfgen zur Heirat mit Nicoletta, der früheren Ehefrau von Theophil Marder, der fast so häufig wie Höfgen das Attribut diabolisch zugewiesen wird. Auch dies ist also eine Zweckehe, diesmal um die eigene Karriere nicht zu gefährden.
Zum einen bewegt sich Hendrik Höfgen vornehmlich im Theatermilieu. Daneben laviert er geschickt durch die politischen Milieus. In den zwanziger Jahren steht er den Kommunisten nahe, ab 1933 schmeichelt er sich bei den Nazis ein. Neben seinem öffentlichem Auftreten als Schauspieler und Intendant wird er als private Person geschildert, der Nähe zu Menschen nur dann findet, wenn sie ihm nützlich sind.
Ein auktorialer Erzähler begleitet uns durch den Roman. Diese Erzähler kennt die Gedanken der handelnden Figuren und nimmt unmissverständliche moralische Bewertungen vor. Zuweilen sucht er kommunikative Nähe zum Leser: „Wenden wir uns von ihm ab“ oder „lassen wir entstehen“.
Der Roman ist fesselnd und ein großes intellektuelles, aber auch zwiespältiges Lesevergnügen, weil er einen gewissen literarisch-satirischen Reiz im Erkennen von vermeintlichen zeithistorischen Vorbildern auslöst. Einzelne Figuren werden nuanciert dargestellt und deren je persönliche Gesinnung und Haltung angesichts der plötzlich hereinrechenden Nazi-Herrschaft aufgezeigt. Vom überzeugten Nazi, der schnell enttäuscht wird, über den Duckmäuser und Mitläufer bis zum hellsichtigen Gegner, der emigriert, finden wir ein breites Spektrum an möglichen Haltungen vor. Ein weiteres Element ist die satirische Überzeichnung, die ich als Leser keineswegs als Mangel empfunden habe. Vielmehr zeigt sich darin sehr deutlich die Hohlheit des Nazi-Regimes, ohne dass der Roman freilich das Mörderische und Bedrohliche des Regimes verleugnet. Zuweilen kann man sich schief lachen, aber zugleich bleibt einem das Lachen im Hals stecken angesichts der Schrecken der Naziherrschaft.
Hauptanliegen des Romans ist es, den Typus des Mitläufers im Dritten Reich zu beleuchten, der durch den Karrieristen Hendrik Höfgen verkörpert wird. Der Roman ragt aus der Exilliteratur heraus, weil er ein packendes Zeitgemälde entwirft und uns Leser heute vor die Frage stellt, wie viel Höfgen in uns selbst steckt. Schließlich muss man sich auch fragen, inwieweit sich ein Künstler auf ein Unrechtsregime einlassen darf. Darf sich ein Genius unmoralisches Handeln erlauben oder wirft dies nicht ein trübes Licht auf das Künstlertum selbst? Kann man beide Bereiche, also die künstlerische Tätigkeit und das persönliche Verhalten des Künstlers wirklich trennen? Kann man einen Künstler bewundern, wenn dieser sich im Leben schäbig verhalten hat?
August 2026