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Guggolz Verlag
276 Seiten
Die Vögel von Tarjei Vesaas
Eine hohe Kunst ist es, wenn Literatur uns -ohne seicht und schnulzig zu sein- eine andere, schönere und freudvollere Welt aufzeigen kann, eine Welt voller Liebe und Mitgefühl, in der die Grenzen der Realität gesprengt werden. Dies gelingt dem Autor mit diesem schönen Buch, wofür ich es nicht hoch genug loben kann.
Die 40-jährige Hege lebt mit ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Mattis abgeschieden an einem See – am Rande der Zivilisation. Mattis ist ein aus Zeit und Gesellschaft herausgefallener Träumer, der sich nicht in die Welt der Arbeit, Mühe und Anstrengung finden will, er ist einer, der sich den Ansprüchen der Gesellschaft entzieht. Er, den sie im Dorf Dussel nennen, hat in seinem Leben nie richtig gearbeitet. Seine Schwester Hege ernährt und betreut ihn wie ein Kind.
Dieser Protagonist wirkt auf den Leser kindlich, wenn nicht gar kindisch. Aber wer sich von seinen Vorurteilen befreit und in ihm nicht den naiven und beschränkten Faulpelz sieht, erkennt, dass in Mattis etwas Wunderbares aufleuchtet. Es ist eine unbefangene Sicht auf diese Welt, die Sicht eines aufmerksamen und begeisterungsfähigen Kindes, das noch nicht durch Konventionen aller Art eingeengt und verzweckt ist. Ja, Mattis ist trotz seiner fast 40 Jahre ein Kind geblieben, allerdings steht er schon am Beginn der Pubertät, denn er wird bereits behutsam und jungfräulich von der Schönheit des anderen Geschlechtes angezogen, ohne jedoch das sexuelle Begehren zu kennen.
Mattis ist eingebettet in einen von der fleißigen Schwester geschützten Lebensraum, um ganz in „seiner Welt“ leben zu können. Er ist träumerisch und mit Vorahnungen gesegnet, und einmal durchfährt es ihn, dass dieser geschützte Raum auch einmal verloren gehen kann, dass die Schwester ihn verlassen und allein lassen kann. Er ist freilich kein Egoist oder Narziss, der sich auf Kosten anderer durch das Leben schmarotzt, denn ihn plagen durchaus Gewissensbisse, weil er als erwachsener Mann ohne Anstellung ist und untätig und müßig seine Tage verbringt. Wozu, so fragt er sich, soll mein Leben überhaupt gut sein?
Mattis ist also anders als die anderen Menschen, er erschreckt darin die Klugen und Starken. In ihm begegnet etwas, was sie nicht begreifen können. Auch die Schwester gehört zu jenen Klugen, die nichts verstehen von dem, was Mattis wirklich wichtig ist. Vesaas gelingt es eindrücklich, in der Konfrontation von Mattis mit der realistischen und arbeitsamen Schwester dasjenige aufzuzeigen, was uns in der realen Wirklichkeit unseres Alltags an schönen Daseinsmöglichkeiten entgeht. Unsere vorurteilsbeladene und engstirnige Sicht auf die Welt muss nicht sein -es gibt anderes.
Was ist Mattis wichtig? Er ist ein sensibler und empfindsamer Mensch, der bedeutungsvolle Zeichen sieht, wo andere nüchtern nur den bloßen Sachverhalt bemerken. Zum Beispiel vermag er sich einzufühlen in die Natur, wie etwa die merkwürdigen Töne der Vögel. Einmal glaubt er die Vogelsprache zu verstehen und steht auf Du und Du mit einem Vogel. Und was sagte der Vogel in seiner Sprache? Er sprach von Freundschaft. Wie vieles in dem Buch bleibt dies aber im Ungefähren und Angedeuteten, im Skizzenhaften. So wie ein Gedanke oder ein Traum, der am Morgen wieder entflohen ist, der aber zweifellos da war. In dieser Welt der Fantasie, der Träume und Ahnungen kann es kaum Festes und Eindeutiges geben. Daher folgt auf das Vogelgespräch sogleich die Frage: Oder war es nur Einbildung gewesen?
Dies ist das Schöne an dem Text: die sicheren Ansichten über die Dinge, die Festlegungen und Eindeutigkeiten werden verflüssigt. Dadurch gewinnen die Dinge ein anderes Sein und stehen plötzlich in einer anderen, neuen und schöneren Beziehung zum Menschen. Wie Judith Hermann in ihrem erhellenden Nachwort zurecht schreibt, erzählt Vesaas von dem Versuch, die Dinge anders zu sehen, sie in Verfremdung neu entstehen zu lassen, durch die Verfremdung sichtbar zu machen und zu erlösen von ihrem zweckhaften Sein. Dies erinnert an den Dichter Rilke. Verfremdung, um sich dem Wesen der Dinge anzunähern.
Aber was kommt in dieser Verfremdung zum Erscheinen? Es ist eine freudvolle und schöne Welt, eine Harmonie in der sinnlich erfahrenen Schöpfung. So ist der Schnepfenflug am Himmel so etwas freudvolles; wozu noch arbeiten, wenn man dies erleben darf?
Selbst als er doch einmal an einem Tag arbeitet findet und auf einem Rübenacker einem Bauern zur Hand gehen kann, ätzt und stöhnt er nicht unter all der Plackerei. Nein, er empfindet Freude und sieht das Schöne. Denn ihn begleiten bei der Arbeit zwei junge kräftige Arbeiter auf dem Feld, ein Mann und eine Frau – und sie sind verliebt. Dies bemerkt Mattis mit sicherem Blick für das Schöne sofort. Der Bauer sieht nur den Nutzen, denn die Verliebten taugen zum Rübenausdünnen, weil sie nicht merken, wie langweilig und mühsam das ist. Für Mattis dagegen zählt nicht dieser Nutzen, sondern die Freude, Verschönerung und Verzauberung seines eigenen Daseins. Im Angesicht des Verliebtseins anderer und des eigenen Alleinseins verdunkelt sich nicht das eigene Leben, sondern die beiden Verliebten machen ihm selbst seinen Tag auf dem Acker schöner. Mattis kann nicht anders als den beiden blühenden jungen Leuten zuzusehen und zuzuhören. Er sieht nicht neidvoll auf die beiden, nach dem Motto, warum habe ich es nicht so gut wie die anderen, sondern er nimmt an ihrem Glück Teil, er sieht sprudelnde Freude, frohe Augen, Perlen des Lachens. Der Genuss und die Freude am Leben des jungen Paares springt auf Mattis über. Ihr Glück ist auch Mattis Augenblicksglück. Dass das Glück aber nicht dauerhaft sein kann, schimmert immer wieder durch. Denn auch dieser Tag endet einmal und das Liebepaar wird sich später trennen.
Mattis ist ein Fragender: warum ist es so, wie es ist? Er verhält sich auch darin wie ein offenes und staunendes Kind. Weniger die Neugier, die den Dingen auf den Grund gehen will, sie sezieren und in ihre Einzelteile zerlegen will, treibt ihn an als vielmehr das Staunen und die Offenheit zu allem, was ist. So sieht er Dinge, die andere nicht in den Blick bekommen. Vielleicht erkennt er die Wahrheit der Dinge, während die anderen alles, was ist, verzwecken und so verfälschen.
Nachdem ein junger Jäger „voller Jugend und Kraft und Daseinsfreude“ eine Schnepfe vom Himmel schießt, schaut Mattis in das schwarze Auge des toten Vogels. Der Vogel sah ihn an. „Nein, Nein, das geht nicht, dieser Vogel ist doch tot.“ Dann legen sich die Lider über die Augen und verschließen diese für immer. Aber als Mattis den Vogel aufgehoben hatte, hat die Schnepfe ihn angesehen, soviel stand fest. Hat er noch gelebt? Das weiß er nicht, aber angeschaut hat der Vogel ihn noch. Hier wird nicht der Tod irgendeines beliebigen Vogels erzählt, sondern es leuchtet eine unbeschreibliche Innigkeit mit den Geschöpfen dieser Erde auf. Der Vogel nimmt am Wunder des Lebens ebenso teil, wie ich selbst es tue. Das und mehr verbindet uns.
Diese magische Szene, in der die Augen eines scheinbar schon toten Vogels Mattis ansehen, berührt tief und ist unvergesslich. Das Auge verfolgt einen, vielleicht weil man in ihm ins tiefste Wesen der Schöpfung geschaut hat. Und wer das Auge nicht sieht, nimmt den toten Vogel eben nur als einen Kadaver wahr. Sicher, es ist etwas Unsagbares in diesen Gedanken, aber wer je in die Augen eines eben gestorbenen Menschen oder Tieres gesehen hat, versteht das Geheimnisvolle, das unergründliche Gefühl der innigen Gemeinschaft, das einen dabei erfassen kann.
Aber die Geschichte atmet trotz dieses letzten sprachlichen Ungenügens vor den Geheimnissen dieser Welt den Geist der Leichtigkeit und Schwerelosigkeit. Auch dies kann hohe Literatur: bedeutsame philosophische Gedanken und unauflösbare existenzielle Grundfragen des Menschen in ein schönes Kleid schmücken.
Unbeschreibliches Glück erfährt Mattis dann im Zusammensein mit den beiden Mädchen Anna und Inger, Urlauberinnen, die er über den See ins Dorf rudert: nie wieder im Leben würde er so einlaufen können, mit zwei strahlenden Mädchen im Boot. „Die Vögel“ ist auch wegen dieser Ruderfahrt eine zarte Liebesgeschichte. Alle Menschen finden zueinander, sind zu zweit, nur Mattis ist immer alleine -scheinbar. Denn im Moment des großen Glückes kann sich Mattis als Dritter im Boot eins mit den beiden Mädchen fühlen. Wie auf dem Rübenacker, wo er sich mit den beiden Verliebten auf dem Feld eins fühlen und so an ihrem Glück teilnehmen konnte. Diese Einheitserfahrung zerbricht freilich als seine Schwester sich später in den Baumfäller Jorgen verliebt und sie beide ihn offenbar verlassen wollen, um ein eigenes Leben zu beginnen. Jetzt fühlt er sich ausgeschlossen aus dem Glück der anderen und alleine. Seine ganze glückhafte Welt zerbricht und sein Leben nimmt eine tragische Wende.
Auch ist Mattis schon im Moment des großen Glückes bewusst, dass die Mädchen im Ruderboot abreisen werden und er sie bald nie wieder sehen wird. Er lässt das Ruder los und gerät ins Träumen – wie so oft. So hat er die Realität nicht im Griff und kann ein Ziel nicht dauerhaft im Blick behalten. Trotzdem ist das Erlebte unverrückbar und groß. Man könnte es auch so formulieren: trotz der Flüchtigkeit des Glücks, wegen solcher Momente hat das Leben einen Sinn.
Mattis lässt sich immer ganz und gar auf den Augenblick ein, er sieht und empfindet eine Welt, die flüchtig und fragil ist, eine Welt, in der Traum und Realität ineinander übergehen, und eine, in der alles Geschöpfliche in Liebe und Verständnis verbunden ist.
Mattis Einklang mit der naturhaften Welt wird mit zwei verdorrten Espenbäumen, die inmitten der grünen Fichten stehen, symbolhaft deutlich. Diese werden von den Leuten im Dorf „Mattis und Hege“ genannt, wie das Geschwisterpaar. Eines Tages wird ein Baum im Gewitter vom Blitz zersplittert. Auch hier ereignet sich nicht einfach nur ein Naturschauspiel, sondern darin kommt etwas ganz anderes zur Erfahrung. Nämlich die innige Beziehung der Bäume zu Mattis und seiner Schwester. Die zwei verdorrten Espen sind seine Schwester und er. Denn dort hatte der Tod gespielt. Der Blitzeinschlag war für ihn ein Vorzeichen für den Tod von ihm oder Hege. Nur wem von ihnen beiden wird der Tod ereilen? Welcher Baum war Mattis, welcher Hege? Wen trifft es? Es geht um Tod oder Leben, so denkt er. Tief im Inneren denkt Mattis, Hege habe es getroffen. In Wirklichkeit hat es beide getroffen, denn die Welt von beiden geht zu Ende. Der Blitzeinschlag ist Zeichen für den bevorstehenden Tod von Mattis oder für das Ende seiner Kindheit (je nach Lesart).
Als Hege sich in den Holzfäller Jorgen verliebt, ändert sich alles für Mattis. Heges Gesicht ist kaum wieder zu erkennen, es ist weder mürrisch noch bekümmert und schimmert plötzlich vor lauter Glück. Dem sensiblen Mattis dämmert eine schreckliche Erkenntnis: er hat die Schwester Hege und mit mir ihr seinen geschützten Raum verloren. Der Leser gönnt Hege ihr Glück, den auch Jorgen von Mattis direkt einfordert: „kannst du nicht auch ein bisschen an Hege denken und sich ein bisschen für sie freuen?“ Mit der Liebe verzaubert sich nun auch für die vorher immer fleißig arbeitende Hege die Welt in eine schöne Welt. Warum auch soll ihr etwas verweigert werden, was Mattis für sich bereits gewonnen hat? Gleichzeitig naht mit ihrem Glück nun aber das Unglück für Mattis. Eine wahre Tragödie, die sich hier abspielt. Das Glück der Schwester ist nicht zu erringen, ohne das Unglück des Bruders. Was man auch tut: für einen wird es tragisch enden.
Denn wie ein Erwachsener soll er sich nun verhalten. Er soll lernen, Bäume zu fällen, um sich alleine durchzubringen. Denn damit kann man Geld verdienen. Mattis steht dieser Forderung ratlos gegenüber. In die Arbeitswelt mag er sich nicht fügen. Die Welt der Klugen und Starken gewinnt nun eine Übermacht, weil Mattis den Schutzraum seiner Schwester verliert und die reale Welt, eben die unsrige, plötzlich über ihn, den wehrlosen, hereinbricht.
Mattis kann dieser Welt zwar noch seine Traumwelt entgegensetzen. Denn die beerdigte Schnepfe, die jetzt begraben unter dem Stein liegt, fliegt irgendwie weiter noch über das Haus, irgendwie, „die Schnepfe und ich, irgendwie, wir fliegen darüber irgendwie. Und das wird immer so bleiben.“ Hier deutet sich vielleicht an, so meine Interpretation, dass sich Mattis einen Teil seiner Kindheit auch später als erwachsener Mensch bewahrt. Dies wäre denn auch die zwischen den Zeilen zu lesende Botschaft der Erzählung: bewahrt euren offenen, kindlich-staunenden Blick auf die Welt, um diese besser und schöner zu machen.
Mattis ist ein Staunender und Suchender. Er sucht intuitiv nach einem anderen Zusammenhang zwischen den Dingen, fernab der rationalen realen Welt. Er sucht die Wahrheit in den Dingen, ihr Wesen, den wahrhaftigen Zusammenhang der Welt. Die anderen Klugen, die Schnellen, die rational Denkenden, die immer schon wissen, wie die Dinge sind und wie die Welt tickt, haben auch Recht, so zu denken. Aber Vesaas skizziert mit Mattis eine Lebensweise, die vielleicht dem Wesen der Dinge näher kommt, die jedenfalls sympathisch und voller Wärme und Anteilnahme ist.
Er erzählt mit Zärtlichkeit von einem, der untergeht. Der Untergang im Wasser am Ende könnte einfach ein Tod sein. Mattis scheitert an der realen Welt. Aber vielleicht ist diese Erklärung zu einfach. Er könnte auch ein Symbol für das endgültige Ende der Kindheit von Mattis sein. Der Untergang im Wasser symbolisiert, dass sein unbefangener Blick auf die Welt untergeht, dass er seinen geschützten Raum der Kindheit verlassen muss. Die Liebe des Kindes zu seiner gesamten Lebenswelt wird transformiert in die Liebe einer Frau zu einem Mann, symbolisiert durch die verliebte Hege. Was daraus folgt wird freilich nicht mehr von Vesaas erzählt, der Leser mag sich hier seinen eigenen Reim daraus machen.
Die Erzählung strahlt trotz der für Vesaas typischen Kargheit und Knappheit der Sätze eine große Wärme und existenzielle Kraft aus, nicht nur weil die skizzierten Lebensfragen angesprochen werden, sondern auch, weil sich alle Menschen durch Geduld, durch Nachsicht und Güte auszeichnen. Kein Gedanke an Hass oder gar an Gewalt -wie wohltuend wirkt dies heute in einer von Kritik oder gar Hass gesteuerten Gesellschaft. Ebenso wohltuend ist das bedeutungsvolle Schweigen im Gesagten in unserer Zeit der übermäßigen Geschwätzigkeit.
Im Juli 2026